Werte erkennen – Werte benennen – Werte weiterentwickeln

Sobald ein Kind zu dir in die Krippe, Kita oder Kindertagespflege kommt, wird es Teil einer ihm völlig fremden Gruppe und muss sich den bestehenden Gruppenregeln und den dort vermittelten Werten unterordnen. Die Kinder bringen erste Werte bereits aus dem Elternhaus mit und gleichzeitig vermittelst du bewusst oder unbewusst den Kindern deinerseits von Anfang an Werte, die dir wichtig sind. So wie die Kinder aus ihrem familiären Umfeld geprägt sind, bist du als pädagogische Fachkraft ebenfalls von den Werten deiner eigenen Familie und deiner bisherigen Lebensgeschichte geprägt. Jeder Mensch – Kinder, Eltern, Kollegen, Kolleginnen und du selbst – hat seine individuellen, persönlichen Werte.

Was sind eigentlich Werte?

Werte sind zunächst einmal allgemeine, kollektiv geteilte Vorstellungen darüber, was die Mitglieder einer Gesellschaft für wünschenswert erachten. Diese Werte prägen deine Persönlichkeit und sind entscheidend für dein Handeln in den unterschiedlichsten Lebenslagen. In deiner Arbeit dienen sie dir als Orientierung für die eigene Einstellung und als “Regulierer” des Denkens, Fühlens und Handelns im Umgang mit den Kinder, Eltern und Mitarbeitenden in ihrer pädagogischen Tätigkeit.

Als Fachkraft solltest du dir bewusst sein, dass du gemeinsam mit dem Elternhaus die Wertehaltung der Kinder mitprägst. Dementsprechend wichtig ist es, dass du dir deiner Werte bewusst bist und den Kindern von Beginn an positive Werte mit auf den Weg gibst.

Werte lassen sich grundlegend in vier Kategorien unterteilen. Es gibt:

  • Geistige Werte (Wissen, Disziplin)

  • Sittliche Werte (Treue, Ehrlichkeit)

  • Religiöse Werte (Toleranz, Glaubensfestigkeit)

  • Private Werte (Höflichkeit, Rücksichtnahme oder Taktgefühl)

Unterm Strich stellen Werte wie Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Toleranz etc. positive Charakterzüge dar. Werte beinhalten immer etwas positives. „Schlechte Werte“ gibt es grundsätzlich nicht.

Trotzdem kommt es in der pädagogischen Arbeit immerwieder zu sog. Wertekonflikten, weil ein Elternteil regelmäßig morgens zu spät kommt, die Kollegin ständig irgendetwas herumliegen lässt oder der Kollege das Kind mit dem Essen spielen lässt.

Was versteht man unter Wertekonflikten?

Ein Wertekonflikt entsteht dann, wenn zwei Werte so im Gegensatz zueinander stehen, dass sie nicht gleichzeitig zu berücksichtigen sind. Im Fall des zu spät kommenden Elternteils kann der Wert der Pünktlichkeit berührt werden, die Kollegin verletzt den Wert der Ordnung und Ordentlichkeit und der Kollege stellt den Wert, Lebensmittel nicht zu verschwenden, möglicherweise in Frage.

Wenn die Situationen mit einem klaren Gespräch nicht lösbar sind, kann dir das Werte- und Entwicklungsquadrat nach Schulz von Thun gegebenfalls weiterhelfen.

Was verbirgt sich hinter dem Werte- und Entwicklungsquadrat?

Es handelt sich um ein weiteres Kommunikationsmodell von Friedemann Schulz von Thun. Mit diesem Modell wird verdeutlicht, dass sich hinter jedem Wert ein Unwert verbirgt und hinter jedem Unwert ein Wert. (s.Abbildung 34/ Beitragsbild) Damit wird es dir u.a. möglich das Gute in deinen Schwächen zu sehen.

Wenn du dich auf den Weg machst und das Gute hinter deinen Schwächen und den Schwächen der anderen erkennst, aber auch das Schlechte hinter den Stärken, erfährst du mehr über dich selbst und andere. Du kannst entdecken, an wo es bei dir und bei deinem Gegenüber Entwicklungspotenziale gibt. Damit wird es dir oftmals leichter, dem Verhalten anderer gegenüber gelassener zu reagieren. Das Wertequadrat ist damit eine wunderbare Methode für mehr Selbsterkenntnis und einen gelasseneren Umgang mit Menschen mit anderen Ansichten.

Oftmals ist es auf den ersten Blick nur schwer erkennbar, dass sich hinter unerwünschten Eigenschaften wie Festhalten an Gewohntem, strengen Vorgaben, Selbstaufgabe, Egoismus, Misstrauen etc. letztendlich ein Wert bzw. Stärke verbergen. Manches Mal muss du dann sehr genau hinschauen, um den hinter jedem Wert dazu gehörigenGeschwister“wert zu erkennen. Diese gegensätzlichen Paare sind wichtig, damit aus einem Wert kein Unwert wird. Unter einem Unwert versteht man die abwertende Übertreibung des eigentlichen Wertes. Dann dann die Pünktlichkeit auch einmal in eine Betonung der Überpünktlichkeit ausarten oder der Anspruch auf Genauigkeit wird zur zwanghaften Perfektion.

Ein Beispiel zur Verdeutlichung

In der Zusammenarbeit pädagogischer Fachkräfte untereinander oder aber auch im Dialog mit den Eltern kommt es in der Praxis immer wieder zur Reibungen durch unterschiedlichen Wertehaltungen.

So möchte deine Kollegin oder dein Kollege beispielsweise den Kindern klare Grenzen vorgeben, was sie tun und lassen dürfen. (Wert2: Anleitung/ Führung) Du vertritts hingegen die Ansicht, dass ein Kind sich am besten entwickeln kann, wenn es frei und ohne viele Vorschriften von außen seine Erfahrungen machen darf. (Wert1: freie Entfaltung)

Du beschuldigst dann vielleicht deinen Kollegin oder deinen Kollegen als zu streng und einengend (Unwert2), wodurch die Kinder sich nicht entfalten können. Deine Kollegin oder dein Kollege beürchten ihrerseits bei dir eine Laissez-Faire-Haltung (Unwert1), die dazu führt, dass das Kind schon bald nur noch machen wird, was es will.

Wertequadrat für das Beispiel:

Wert1

freie Entfaltung

Wert2

Anleitung/ Führung

Unwert1

Laissez-Faire
mach doch, was du willst

Unwert2

strenge und starre Vorgaben

Wenn du nun die Werte und die dazugehörigen Unwerte in das Wertequadrat einträgst (s.Abb) wird schnell deutlich, dass alle Beteiligten eigentlich für einen Wert auf der oberen Linie eintreten und es eigentlich nicht grundsätzlich darum geht, den anderen zu verteufeln, indem wir ihn auf einem der unteren Unwerten verdammen.

Hilfreich ist nun gemeinsam die sogenannte „goldene Mitte“ zu finden. Jede*r betont aus seiner Sicht einen Teil der Gesamtwahrheit. Die Lösung besteht darin, sich im Optimalfall nicht zu widersprechen, sondern sich in der Gegensätzlichkeit zu ergänzen.

Ohne ein gewisses Maß an Vorgaben wird aus der freien Entscheidungs- und Entwicklungsmöglichkeit für die Kinder schnell eine orientierungsloses Laissez-Faire. Umgekehrt begünstigen zu viele Regeln und Vorgaben eine starre und strenge Atmosphäre, in die Kinder zu sehr beschnitten werden, was wiederum dem Partizipationsansatz komplett widerspricht.

Die Lösung des Wertekonfliktes

Die Lösung eines Wertekonfliktes liegt also in der Überwindung der anscheinenden Polarität, der scheinbaren Unvereinbarkeit zweier an sich ergänzender Bruderwerte. Basis ist die Erkenntnis, dass zwei Teilwahrheiten / Geschwisterwerte im Idealfall in einem flexiblen Ergänzungsverhältnis zueinander stehen. Das unterstützt dich dabei, in einem Konfliktfall von der Verteufelung deines Gegenübers und seiner Werte abzulassen und zu erkennen, dass auch dein Kollege, deine Kollegin oder die Eltern für einen wertvollen Teil­aspekt eintreten.

Erinnere dich also im nächsten Wertekonflikt daran: „Egal wie unmöglich und gefährlich du du die Ansichten deines Gegenübers auch findest, freue dich, dass es diese andere Seite gibt. Dein Gegenüber macht dich nämlich darauf aufmerksam, dass auch in deinen Werten Unwerte schlummern, die sich potenzieren können, wenn dein Gegenüber nicht wäre.“

Was bringt dir das Werte- und Entwicklungsquadrat?

Zum einen kannst du dich selbst reflektieren. Wenn du beispielsweise unter einer bestimmten Eigenschaft oder Schwäche leidest, kannst mithilfe des Werte- und Entwicklungsquadrates erkennen, in welche Richtung du dich entwickeln solltest.

Wenn du oftmals darum bemüht bist, es allen Recht zu machen und dabei deine eigenen Bedürfnisse vernachlässigst, bist gut beraten, einen gesunden Egoismus zu entwickeln. Neigst du dazu eher zu dominant und kontrollsüchtig zu sein, übe dich im Los- und Zulassen.

Außerdem hilft dir das Wertequadrat zu erkennen, dass hinter jedem Unwert oder jeder Schwäche das Potenzial eines Wertes oder einer Stärke angelegt ist.

Wenn du in der Lage bist, das zu erkennen, hilft dir das, deine eigenen Schwächen besser anzunehmen. Wenn du erkennst, dass hinter deiner unerwünschten Charaktereigenschaft immer auch eine an sich positive Eigenschaft angelegt ist, kannst du dich vielleicht weniger dafür kritisieren.

Dieser Blickwinkel kannst du natürlich auch gegenüber anderen einnehmen und damit gelassener reagieren, wenn dir etwas an deseen Verhalten missfällt. Schließlich weißt du nun, dass in jeder “Schwäche” bzw. übertriebenen Eigenschaft auch ein wertvolles Potenzial angelegt ist. Alles angeblich „Schlechte” hat also einen positiven Kern. Das lässt sich übrigens auch auf die pädagogische Arbeit mit den Kindern übertragen. Anstatt dich über das widerspenstige Kind zu ärgern, kannst du dich über so viel Durchsetzungsfähigkeit freuen.

Schließlich ist das Werte- und Entwicklungsquadrat auch bei zwischenmenschlichen Konflikten sehr hilfreich. In meinem vorherigen Beispiel wurde der Kollege bzw. die Kollegin kritisiert. Der Kritisierte verkörpert für den Kritisierenden ausschließlich negative Ansichten und Eigenschaften, wohingegen er selbst für das Gute und Wertvolle steht. Hier führt die Anwendung des Werte- und Entwicklungsquadrats zu mehr Gelassenheit in der Situation, wenn damit die gegensätzlichen Standpunkte aufgelöst werden.

Ich wünsche dir, dass du zu mehr Dialog und Gelassenheit mit diesen Anregungen finden kannst

Deine Anja

Ergänzender Kita Talk:

Wenn du jetzt gerne noch mehr über den Umgang mit Wertekonflikten erfahren möchtest, dann hör doch ganz einfach in meinen KitaTalk mit Martina Korn: „Meine Werte- Deine Werte, wenn Werte zum Konflikt führen“

 

Und hier noch eine Übung zum Werte- und Entwicklungsquadrat nach Schulz von Thun

Zugegeben, es ist für unseren polar geprägten Verstand nicht immerganz einfach, hinter einem Wert den dazugehörigen Geschwisterwert zu finden bzw. hinter zwei sich auf den ersten Blick gegensätzlichen Werten die entsprechende Ergänzung zu finden.

Fertige doch einfach mal zu jedem der folgenden Begriffe ein Wertequadrat an, dann bekommst du ein besseres Gespür dafür.

a) Starr an Altem festhalten
b) Albernheit
c) Selbstaufgabe / Selbstaufopferung

Tipp: Überlege dir zunächst, ob es sich bei dem Begriff um einen Wert oder eine Übertreibung/Entartung handelt. Einen Wert trägst du immer oben ein, eine Übertreibung nach unten (egal ob links oder rechts).

Finde dann zu einem Wert seinen Geschwisterwert bzw. zu der Überreibung den dahinter liegenden Wert.

Beispiel: Faulheit

Wert 1

zielstrebiger Ehrgeiz

Wert2

entspannte Gelassenheit

Unwert 1/ Übertreibung 1

übertriebener Ehrgeiz/Nicht locker lassen können/
Verbissenheit

Unwert2/

Übertreibung 2

Faulheit/Trägheit/ übertriebene Passivität

Ronny und die Morgenkreiskiste – Körperwahrnehmung als Beitrag zu Prävention und institutionellen Kinderschutz

Die Wahrnehmung des eigenen Körpers und des eigenen Ichs im Sinne von „Wer bin ich?“, „Was kann ich?“ und „Was will ich?“ bilden für mich wichtige Grundbausteine für gelebten Kinderschutz in der Kinderbetreuung und tragen zur Prävention bei.

Sensomotorisches Spiel als Grundlage

In den ersten drei Lebensjahren widmen sich Kinder in erster Linie ausgiebig dem sensomotorischen Spiel, der ersten Form kindlichen Spielens. Sie bestaunen und erforschen zunächst ihren Körper und später ihre dingliche Umwelt. Dabei sind häufige Wiederholungen mit kleinen Variationen von großer Wichtigkeit. Um dies in Ruhe tun zu können brauchen Kinder ungestörte Rückzugsorte und viel Zeit. Eines der größten Tastorgane ist unsere Haut. Darüber erhält der Körper wesentliche Impulse, die im Gehirn verarbeitet und gespeichert werden und einen großen Einfluss auf die motorische, sprachliche und emotionale Entwicklung haben.

Wickeln feinfühlig gestalten

In dem Zusammensein mit jüngeren Kindern bietet gerade die Wickelzeit zahlreiche Möglichkeiten, dem Kind individuelle Zuwendung und ein vielfältiges Lern- und Erfahrungsfeld anzubieten. Das Wickeln ist eine stark von Intimität und Vertrauen geprägte Situation, bei der durch den Körperkontakt der Bindungsaufbau zwischen Kind und Pädagogischer Fachkraft unterstützt wird. Im Sinne des Kinderschutzes und der Prävention ist es hier sehr wichtig sehr feinfühlig auf das einzelne Kind einzugehen. Dazu gehört es, den Blickkontakt zu halten und darauf zu achten, dass dem Kind die Berührungen angenehm sind und es sich wohl fühlt. Was dem einen Kind angenehm ist, empfindet das andere als extrem unagenehm. Bitte reflektiere Dich auch immer selbst, ob der Wunsch nach diesem Körperkontakt wirklich vom Kind ausgeht oder ob Du es ihm förmlich überstülpst, weil Du es gerade genießt mit dem Kind im Kontakt zu sein. Akzeptiere jedes „Nein“ und jede Abwehrreaktion – nimm das Kind in seinen Äußerungen und Signalen ernst. Damit leistest Du einen wichtigen Beitrag zu Prävention.

Spieglein, Spieglein…die Ich-Identität

Eine wichtige Grundausstattung für die Kinderbetreuung, um die Körperwahrnehmung und Entwicklung der Ich-Identität zu unterstützen sind Spiegel, möglichst so groß, dass das Kind seinen ganzen Körper darin sehen kann und so einen realen Eindruck von sich selbst gewinnt. Spiegel helfen dem Kind, eine Vorstellung von seinem Aussehen zu entwickeln, da es nur hier z. B. das eigene Gesicht und den Rücken überhaupt sehen und Mimik und Gestik erproben kann. Dabei verknüpft es automatisch die bereits gesammelte taktile Erfahrungen mit den visuellen Eindrücken. Im Alter von etwa 18 Monaten kann ein Kind sich schließlich auch selbst im Spiegel erkennen und als Person wahrnehmen.

Ausscheidungsautonomie als zentrales Thema

Ab einem Alter von etwa zwei Jahren stellt die Entwicklung der Ausscheidungsautonomie ein zentrales Thema im Zusammenhang mit der Körperwahrnehmung dar. Dafür ist neben der biologischen Reife eine gute Kenntnis des eigenen Körpers erforderlich, um die Körperfunktionen steuern und kontrollieren zu können. Gerade in dieser Phase braucht das Kind einfühlsame Erwachsene, die ihm Zeit und Raum geben, die neu gewonnene Unabhängigkeit in der für das Kind wichtigen Intimität ausprobieren und „perfektionieren“ zu können. Ein gut geführter Dialog zwischen Fachkraft und Kind ist in diesem Entwicklungsprozess von großer Bedeutung. Frag das Kind ob und von wem es begleitet werden möchte. Lass ihm die Entscheidung. Mach keine Vorwürfe, wenn es mal daneben geht.

Nein-Sagen erwünscht

Ein weiteres wichtiges Entwicklungsthema im dritten Lebensjahr ist schließlich die Ausbildung der Ich-Identität. In der Autonomiephase erprobt das Kind, was es mit seinem Willen bewirken kann, und erprobt so seine Möglichkeiten und Grenzen. Hier bekommt das Nein – Sagen eine zentrale Bedeutung. Im Kinderschutz und in der Prävention nimmt gerade dieses Nein eine wesentliche Rolle ein. Unser pädagogisches Ziel sind in der Regel Kinder, die wissen, was sie können, die wissen, was sie wollen, die sich abgrenzen können… selbstbewusste, kompetente Persönlichkeiten, die gewappnet für die Herausforderungen des Lebens sind.

Ronny und die Morgenkreiskiste

Um nun in projektorientierter Form, den eigenen Körper entdecken und erforschen zu können, kommt Ronny mit seiner Morgenkreiskiste ins Spiel.

Ronny (s.Beitragsbild) ist eine Handpuppe, die mit allen menschlichen Gliedmaßen und Körperteilen ausgestattet ist. Ronny lebt und schläft in einer Kiste. Bei der Kiste handelt es sich in Anlehnung an die Idee der Morgenkreiskisten von Mariele Diekhoff um eine schön gestaltete Kiste, die unterschiedliche Spielmaterialien und Anregungen rund um das Thema Körper und Körperwahrnehmung enthält und nach einem ritualisierten Ablauf regelmäßig im Spielkreis zum Einsatz kommt. Die Morgenkreiskiste ist aus der Praxiserfahrung heraus bereits ab einem Alter von etwa 18 Monaten geeignet.

Gestaltung der Kiste:

Ein stabiler Pappkarton mit Deckel (mind. 40 x 40 x50 cm) wird außen ansprechend gestaltet, zusätzlich kannst Du die Innenseite mit Spiegelfolie ausgekleiden, dann ist dieser wiederum für weitere Aktivitäten z.B. zum Grimassen schneiden und Gesichtsausdrücke üben einsetzbar.

Möglicher Inhalt:

In die Kiste kommt eine Grundausstattung an Materialien z. B. Bildkarten, Chiffontücher, verschiedene Bälle und Pinsel, Federn, Watte. Für die übersichtliche Aufbewahrung der Materialien sind Stoffsäckchen oder kleinere, verzierte Pappschachteln geeignet. Die Materialien sollten immer in ausreichender Anzahl vorhanden sein. Für geplante Bewegungen mit Musik oder Entspannungen empfiehlt es sich, eine CD mit geeigneter Musik in der Kiste zu deponieren.

Und natürlich darf die Handpuppe nicht fehlen. Vielleicht bekommt diese auch noch ein Schnuffeltuch oder ein Lieblingskopfkissen, damit sie gemütlicher schlafen kann. Was auch noch dazugehört, ist die Spieluhr.

Durchführung:

Einstieg

Setz Dich mit den Kindern in einen Kreis und stell die Kiste in die Kreismitte. Überlege mit den Kindern, wie die Handpuppe geweckt werden könnte. Dann darf ein Kind ganz vorsichtig die Kiste öffnen.

Die Handpuppe begrüßt dann alle Kinder persönlich mit möglichst immer wiederkehrenden Worten. Erfahrungsgemäß möchten viele Kinder die Handpuppe gerne berühren und streicheln.

Mein Ronny ist da jedoch immer sehr klar und bestimmt. Er weiß ganz genau, was er mag und was er nicht mag. Das erklärt er den Kindern und kommt mit ihnen darüber ins Gespräch, was ihnen angenehm ist und was sie nicht mögen. Es gibt auch Tage, da mag er gar keinen Körperkontakt. Genauso spannend ist es auch, wie sich Ronny jeden Tag so fühlt. Mal ist er richtig fröhlich und unternehmungslustig und manchmal ist er auch ganz fürchterlich traurig oder wütend.

Du hast also in dieser Anfangsrunde viele Möglichkeiten, mit den Kindern über die Handpuppe ins Gespräch zu kommen. Ronny kann auch wundervoll zuhören und trösten, wenn ein Kind einmal Trost braucht.

Hauptteil

In diesem Hauptteil kündigt die Handpuppe dann ein Spiel oder Material an, das sie den Kindern mitgebracht hat. Sie „übergibt“ die Durchführung an die Fachkraft und zieht sich auf einen Beobachtungsposten zurück. Ideen und Anregungen rund um die Themen Körper und Sinne findest Du in meinen beiden Büchern: Mein Körper und Meine Sinne, die im Hase und Igel Verlag erschienen sind. Je nach Alter, Interesse und Ausdauer der Kinder kann diese Phase etwa zehn bis 15 Minuten dauern. 

Ausklang

Die Handpuppe wendet sich nach dem Hauptteil wieder an die Kinder. Sie erzählt, was sie beobachtet hat und spricht noch einmal mit den Kinder. Auch hier besteht je nachdem nocheinmal die Gelegenheit über die aktuellen Gefühle zu sprechen. Bei der Verabschiedung können erneut einzelne Körperteile wie z. B. Winken mit den Füßen, Klatschen mit den Händen etc. zum Einsatz kommen. Die Handpuppe krabbelt dann müde in die Kiste zurück. Die Spieluhr wird aufgezogen und zu ihm gelegt. Ein Kind schließt vorsichtig den Deckel und alle lauschen bis die Spieluhr verklungen ist. Manchmal, wenn die Kinder ganz besonders gut hinhören, dann hört man Ronny leise schnarchen.

Viel Spaß bei der Umsetzung

Deine Anja

Phil, der Sorgenschmelzer und seine Kummerkumpel

Die Zahlen sind alamierend. Fast jedes dritte Kind zeigt laut einer Analyse durch das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) ein knappes Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland psychische Auffälligkeiten. Zum Vergleich: Vor der Pandemie war bereits jedes fünfte Kind psychisch belastet.

Wichtig ist diese Auffälligkeiten nicht mit psychischen Störungen oder Krankheiten zu verwechseln. Zunächst einmal handelt es sich hier um sog. Belastungsreaktionen auf die Ausnahmesituation. Die Kinder äußern verstärkt Sorgen und Ängste und zeigen depressive Symptome. In einzelnen Fällen sind zunehmend psychosomatische Folgen zu beobachten, je nach Alter klagen die Kinder dann über Magen- oder Kopfschmerzen.

Die Studie besagt auch, dass sich die Lebensqualität während des Lockdowns verschlechtert hat. Gründe für eine Verschlechterung des psychischen Wohlbefindens sind ungesündere Ernährung und Bewegungsmangel. Viele Kinder haben aus der Alternativlosigkeit heraus oftmals zuviel Fernsehen geschaut und Computerspiele gespielt. Dabei sind einige Kinder auch mit Inhalten in Kontakt gekommen, die nicht immer altersgemäss waren. In der Praxis ist dann oftmals ein gewaltvolles und aggressives Rollenspiel zu beobachten, worauf angemessen zu reagieren ist.

Besonders auffällig ist, dass Kinder, die schon vor der Pandemie Schwierigkeiten hatten und von den Eltern nicht gut durch den Lockdown begleitet werden konnten, zeigen nun verstärkt auffälliges Verhalten. Viele Andere Kinder, die sehr sensibel sind, deren Eltern mittlerweilen schlichtweg an ihre nervlichen Grenzen stoße, die selbst aufgrund der Erkrankung Quarantäne erlebt haben oder nahestehende Personen durch die Erkrankung verloren haben kommen aus allen Bevölkerungsschichten dazu.

Krippe, Kita und Kindertagespflege spielt in diesem Zusammenhang in den nächsten Wochen und Monaten eine zentrale Rolle. Es gilt Konzepte zu entwickeln, um die belasteten Kinder gezielt zu unterstützen, Sprach- und Bewegungsförderung gezielt zu betreiben und insbesondere die seelische Gesundheit und emotionale Kompetenz der Kinder zu stärken.

Ich habe Kolleg*innen eingeladen, hier in diesen Blog und in meine Kita Talks eingeladen, um Dir einige Impulse und Anregungen mit auf den Weg zu geben, um die Kinder durch diese schwierigen Zeiten zu begleiten und Ihnen Co-Regulationsmöglichkeiten anzubieten.

Den Auftakt hierzu macht Mareike Paic von den Sternstundenseminaren, die bereits im ersten Lockdown einen Gastbeitrag zu ihren „Gefühlsuhren“ – beigesteuert hat. Ab sofort lohnt es sich dann regelmäßig in die KitaTalks auf YouTube reinzuschauen. Dort spreche ich mit Expert*innen über den Umgang mit gewaltvollen und aggressiven Rollenspielen, Möglichkeiten die emotionale Kompetenz durch Methoden aus Theaterpädagogik zu stärken und die Begleitung psychisch belasteter Kinder im Allgemeinen. Ergänzend findest Du dort auch ein Gespräch, dass ich mit der Kinder- und Jungend Psychotherapeutin Gundula Göbel geführt habe zum Thema: „Kinderängste achtsam begleiten“. Am besten abonierst Du diesen Blog und meinen YouTube Kanal, damit Du keinen Beitrag mehr verpasst.

Und jetzt wünsche ich Dir viele herzerwärmende Inspirationen mit dem Gastbeitrag von Mareike Paic

Deine Anja

 

Kinderherzen stärken

 

Ein Gastbeitrag von Mareike Paic von den Sternstunden Seminaren

Gerade in den kommenden Wochen, wenn die Kinder nach langer Zeit zurück in den Kindergarten mit eingeschränkten Regelbetrieb kehren, haben sie einen großen Rucksack Sorgen und Verunsicherungen mit sich rumzuschleppen. Sie müssen eine erneute die Trennung der Familie verkraften – wo sie je nach Befinden und Ressourcen der einzelnen Familie mit unterschiedlichsten Problemen und Nöten konfrontiert wurden. Aber auch wir als pädagogische Fachkräfte haben Ängste und Sorgen, die wir nicht immer vollständig vor den Kindern verbergen können. Dadurch, dass enige Kinder nicht ständig über ihre Sorgen sprechen und derzeit mit den Gegebenheiten kooperieren, ist ihre Verunsicherung und Not oft schwerer zu erkennen.

Neben Zeit zum Ankommen, Achtsamkeit und Zuwendung gerade in den ersten Wochen brauchen die Kinder auch Raum, um Antworten zu finden und ihre Sorgen frei zu lassen.

Eine Möglichkeit dafür ist der Einsatz von sog. Sorgenfresserchen.
Mit dem Sorgenschmelzer habe ich diese Methode weiterentwickelt, um mit den Kindern in ein Gespräch zu kommen – und einen Türöffner für tiefgreifenden Gespräche zu bieten.

Sorgen entsorgen will gelernt sein

Was macht Ihr mit einer Sorge, die euch bedrückt? So eine Sorge, die Bauchweh verursacht, den Kopf und das Herz betrübt und ein komisches Gefühl macht. Die sich nicht so einfach auflösen lässt und schon gar nicht mit Worten schnell zu erklären ist – vielleicht, weil ihr sie selbst nicht so recht versteht?

Jeder von uns hat eine andere Strategie, mit diesen belastenden Gefühlen umzugehen. Sich jemanden anvertrauen, darüber schlafen, Hilfe einfordern, einen Ausweg suchen… all das können Wege sein, die wir aber irgendwann einmal als Problemlösungsstrategie gelernt, als hilfreich erlebt und weiterentwickelt haben. Den Kindern steht dieser Katalog an Möglichkeiten in der Regel noch nicht zur Verfügung.

Ein Kummerkasten kann entlasten

Wäre es nicht prima, wenn wir einen echten Sorgenfresser hätten? – ein Happs und das Problem ist gegessen!
Für Kinder kann ein kleiner, persönlicher Begleiter dieser Art genau diesen Effekt haben- das Problem wird erkannt- benannt und verbannt. Unaussprechliches wird weggesperrt. Die Kinder können jederzeit ihr Fresserchen in der Not füttern. Ob die belastende Sorge auf einem Zettel notiert, gemalt oder vielleicht mit einem Knopf aus einer immer parat stehenden Kiste gefüttert wird, ist abhängig vom Alter der Kinder. Wichtig ist eine Möglichkeit zu schaffen, die Kinder eigenständig und spontan umsetzen können.

 

 

Denn wenn sie abhängig sind von der Hilfe seitens eines Erwachsenen, ist die Intimität und Vertrautheit mit dem Sorgenfresserchen nicht gegeben- die Kinder müssen sich überwinden, sie sind gezwungen, Dinge auszusprechen und finden sich nicht selten ungewollt in einer Beratung unsererseits wieder.

Die Vorbereitungen

Das Herstellen der Sorgenfresser ist eine gute Gelegenheit, um mit den Kindern über die Kräfte dieser persönlichen Begleiter ins Gespräch zu kommen und bietet schon Raum und Gelegenheit, um über Gefühle und Ängste zu philosophieren.
Dabei haben die Kinder ganz unterschiedliche Vorstellungen von ihrem Kummerkumpel. Für den einen sollte er plüschig weich zum Knuddeln sein, das nächste Kind bevorzugt vielleicht eher einen harten Kerl, der ordentlich schnappen kann. In der Phantasie der Kinder entstehen diesbezüglich unterschiedliche Bilder- da ist es wichtig, ihnen auch bei der Materialauswahl ein möglichst breites Repertoire anzubieten.

Materialideen

Utensilos und Behälter unterschiedlichster Beschaffenheit eignen sich zur verschwiegenen Aufbewahrung von Nöten und Ängsten. Aber sie sollten einfach und fest zu verschließen sein- besonders beliebt sind Reißverschlüsse. Vielleicht, weil das Kind sie sichtbar und mit Nachdruck absperren kann – die Sorge also wirklich sicher verwahrt ist.

Ich biete den Kindern gerne kleine Täschchen, Kosmetikbeutel und Faulenzeretuis an. Aber auch Hardcover Brillenetuis eignen sich hervorragend, da sie so richtig feste zuschnappen können.

Die Behälter sollten eher klein und handlich sein – kleine Begleiter passen besser in Verstecke.

Bei der Ausgestaltung empfehle ich Minimalismus- Aufwendige Stielaugen und kunstvoll drapierte Antennen sorgen eher für Frust, da sie nicht besonders stabil sind …. Und ein echtes Sorgenfresserchen sollte belastbar und hosentaschentauglich sein.

Als Augen und Zähne haben sich selbstklebendende Filzgleiter aus der Möbelabteilung bewährt- oder fest aufgenähte Knöpfe .

Eine Schale mit Knöpfen, Muggelsteinen, Zettelchen oder sonstigen steht den Kindern immer zur Verfügung. Das Sorgenfresserchen an sich wohnt an einer privaten Stelle seines Besitzers. Und nur das Kind selbst entscheidet, wann das Fresserchen gefüttert wird- oder sich mal entleeren möchte.

Auf keinen Fall dränge ich das Kind, mir etwas aus den geheimen Bauchgeschichten zu verraten. Es kommt aber schon vor, dass ein Kind aus eigenem Antrieb von den Geheimnissen erzählen möchte. Die Sorge macht jetzt nicht mehr im eigenen Bauch Kummer – das macht drüber reden oft schon viel einfacher.

Warme Worte wirken Wunder

Wie ich anfangs erwähnt habe, haben wir Erwachsenen im Laufe unseres Lebens unterschiedlichste Erfahrungen gemacht, wie wir mit Problemen und Sorgen umgehen können. Und wir haben auch gelernt, Gefühle zu benennen und herauszufinden, was uns in belastenden Situationen gut tut.

Um Kinder

  • in diesen Lernerfahrungen, ihrer Resilienz, zu stärken,
  • eigene Lösungswege erkennen zu lassen – „Was hilft mir, was macht es Schlimmer?“
  • zu stärken, Gefühle zu erkennen, zu benennen und sich zu trennen. Ohne exakte Worte zu finden
  • einzuladen, Sorgen und Nöte sichtbar abzugeben und zu vernichten

habe ich die Idee des Sorgen Schmelzers entwickelt.
Das Benennen eines Problems kann schon einen großen Teil der Belastung von einer Seele nehmen. Ganz spielerisch kommen wir hier mit in Eiswürfeln gefrorenen Herzens ins Gespräch.

Phil, der Sorgenschmelzer hat es gerne warm und stimmungsvoll

 

 

Stellt Euch vor, Ihr vertraut gerade jemanden ein Problem an und Euer Gegenüber unterbricht die Situation mit Telefongesprächen, motorischer Unruhe oder mangelnder Zuwendung…
Keine guten Voraussetzungen, um echtes Interesse und Sicherheit zu schaffen, oder?
Daher achte ich hier ganz besonders auf eine warme und ungestörte Atmosphäre.

Mit Ruhe, einer stimmungsvollen Beleuchtung und ästhetischem Material bekommt diese gefühlvolle Runde ganz besondere Wertschätzung.

  • Der Schmelzer – ein entsprechend gestaltetes (Gurken-) Glas steht auf einem Drehteller in der Mitte. Somit kann jedes Kind „unter 4 Augen“ mit direktem Blickkontakt mi dem Sorgenschmelzer reden.
  • Ich habe beim Entwickeln dieser Idee gemerkt, dass ich diesen engen Vertrauten gerne mit Namen ansprechen möchte. Da er mich zum Philosophieren einlädt, habe ich ihn „Philosophus, der Sorgenschmelzer“ genannt (kurz Phil) – wie wird er wohl bei euch getauft?
  • Im Vorfeld habe ich kleine Herzen (Streudeko) in Eiswürfel eingefroren
    (anstatt Eiswürfelbehälter eignen sich Toffifee-Schachteln- die geben das Herz schneller frei)
  • In kleinen Schüsseln stehen die vorbereiteten Eiswürfel – jeweils mit einer Zuckerzange, Löffel oder ähnlichem daneben.

Die Kinder sind eingeladen Phil alles anzuvertrauen und zu erzählen – ihre Sorgen und Ängste, irritierende und bohrende Fragen. Sie bekommen so die Gelegenheit von kalten Momenten in ihrem Herzen zu sprechen und diese wichtige, störende Angelegenheit im Sorgenschmelzer zu versenken und über dieses Gefühl zu philosophieren. Oder einfach nur zu beobachten, wie die Sorge vielleicht kleiner wird – während der Gesprächsrunde schmilzt der Eiswürfel sichtbar. Das Gefühl des entlastenden „Drüber Redens“ wird somit symbolisch unterstützt.

Die Runde „Tut mir Gut“

Verstärkend setze ich in weiteren Runden kleine Behälter- in diesem Fall Zuckerspender_ mit warmem Wasser ein. Die Kinder sind eingeladen, zu benennen, was ihnen in der Situation guttun würde – was sie sich wünschen und was sie brauchen. Und mit jeder Idee kommt ein Schluck warmen Wassers in den Sorgenschmelzer- das lässt ihn die Sorgen noch schneller verdauen. Vielleicht hat auch ein anderes Kind mal eine „Tut mir Gut – Erfahrung“ gemacht und kann davon an dieser Stelle berichten? Auch dann kommt natürlich ein großer Schluck warmes Wasser in unser Sorgenschmelzerglas. Was anschließend mit den freigewordenen Herzen geschieht bleibt hier offen…denn Kinder entwickeln gerade an dieser Stelle eine eigene Strategie.

  • Vielleicht ist es für Eure Gruppe wichtig, dass der Sorgenschmelzer stillschweigend verdaut und entsorgt.
  • Oder bekommen die Kinder nach der Runde ein „warmes Herz“ zurück?
  • Oder pustet Ihr zum Schluss leichte Seifenblasen…

Bestimmt entwickelt Ihr mit den Kindern Eure individuellen Ideen. Vielleicht ist es ja auch hilfreich, noch einen Zuckerspender mit dunkel gefärbtem, kaltem Wasser anzubieten, um die Dinge zu benennen, die Situationen verschlimmern?

Die Bedürfnisse und Kompetenzen Eurer Kindergruppe entscheidet über Umfang und Art der Umsetzung – der Methode braucht Zeit, um sich zu etablieren und zu entwickeln. Der Sorgenschmelzer ist kein einmaliger Besucher – denn man muss sich ja erst einmal kennen lernen, um zu vertrauen. Die Kinder dürfen immer frei entscheiden, ob, wann und wieviel sie Phil verraten wollen. Gerade in diesen Zeiten ist es wichtig, an die seelische Gesundheit der Kinder zu denken und ihnen Raum, viel Zeit und Aufmerksam zu schenken. Dabei kann diese Methode spielerisch und ohne jeden Druck eine Bereicherung sein.

Eure Mareike

 

„Alles Reden ist sinnlos,

wenn das Vertrauen fehlt.“

Franz Kafka

 

P.S. Wenn Du gerne mehr von und über Mareike erfahren möchtest, dann besuch gerne ihre Website: https://www.sternstunden-seminare.de/. Dort findest Du z.B. tolle Seminare, eine DVD und ihr Buch mit weiteren kreativen Anregungen.

Zur Sprachbildung in Zeiten von Corona habe ich bereits letztes Jahr einen KitaTalk unter dem Titel: „Sprachbildung trotz(t) Corona“ mit ihr aufgenommen. Schau gerne rein. Es lohnt sich, dort erlebst Du Mareike mit ihrer ansteckend positiven Sicht auf die Kinder und die Welt.

Von Anker-Plätzen, Schatzkisten & Co – die Ich -Box für Päd. Fach- und Leitungskräfte

In ihrem Gastbeitrag „Ein Platz für Kuschel & Co“ hat Mareike Paic ihre Ich-Box für neue Kinder vorgestellt. Unmittelbar nach dem Erscheinen des Beitrags kontaktierte mich meine Kollegin Tanja Köster und fragte, ob wir eine solche Ich-Box nicht auch für neue Leitungskräfte entwickeln könnten. Dieser Impuls reichte aus, um bei Mareike und mir den Kreativitätsmuskel in Gang zu bringen. Weitere Ideen steuerten Nadine Winkler und Anke Leyer bei.

Auf Anfrage in meiner Facebook Gruppe „Coaching als Schlüsselkompetenz für Leitungskräfte“ äußerte Anke: „ Was für eine schöne Idee. Wie oft achten wir im Alltag nur auf die Bedürfnisse der Kinder und deren Familien und vergessen dabei unsere eigenen Befindlichkeiten wahrzunehmen und zu reflektieren. Ich werde das gleich mal am Montag in meinem Team vorschlagen.“ Und Nadine, die auch in dieser Gruppe ist, steuerte einen bunten Strauß an Ideen mit bei. So wurde aus der Idee einer Ich-Box für neue Leitungskräfte ein kleines Sortiment von Kisten und Plätzen für pädagogische Fachkräfte.

Aus der Ich-Box für Kinder wird eine Ich-Box für Erwachsene

Ursprünglich handelt es sich bei der Ich_Box um eine Kiste, die von der Familie gemeinsam mit dem Kind und für das Kind gestaltet wird. In dieser Kiste finden die wichtigsten Tröster und Übergangsobjekte des Kindes einen sicheren Platz. 

Wie könnte nun ein solcher Platz für Päd. Fach- und Leitungskräfte aussehen? Ein Brainstorming von Mareike und mir ergab, dass sich als Ich-Box die unterschiedlichsten Behältnisse anbieten: z.B. ein Korb mit Deckel, ein Nähkästchen, ein Koffer, ein Rucksack, eine Erste-Hilfe-Tasche, eine Schatztruhe, eine Werkzeugkiste o.ä..  Am besten suchst Du Dir etwas aus, was zu Dir und Deinen Vorlieben passt. In meinen Seminaren beispielsweise arbeite ich passend zu meinem Motto „Schatzsuche statt Fehlerfahndung“ in viel mit einer kleinen Schatztruhe, die randvoll mit den Ressourcen und Kompetenzen meiner Seminarteilnehmer*innen gefüllt ist. Als begeisterte Wanderin würde ich für mich persönlich wiederum einen Ressourcen-Rucksack wählen. Das steht für mich symbolisch für alles, was ich bereits in meinem Gepäck mitbringe und auf das ich zurückgreifen kann.

Nadine hat für sich spontan eine „Leitungs- Anker- Box“ als Idee benannt. Mit einer „Anker-Box“ assoziiere ich eine mediterran gestaltete Kiste mit Bildern von der Nord- oder Ostsee, Leuchttürmen, Ankersymbolen und Rettungsringen. In diesen Bildern steckt für mich soviel Kraft und Symbolgehalt:

  • Was ist für mich mein Leuchtturm, an dem ich mich in meiner neuen Aufgabe orientieren kann?
  • Wo und bei wem finde ich Halt? Wo kann ich ausruhen und Kraft sammeln? (Anker)
  • Wer hilft mir in schwierigen Situationen? (Rettungsring)
Ein Ideen-Feuerwerk entsteht

Ganz ähnlich mag Nadine auch gedacht haben, als den möglichen Inhalt ihrer Kiste benannte:

  • Handschmeichler
  • persönliche Glücksbringer
  • Karten mit Sprüchen zum Nachdenken, zur Aufmunterung und mit Witzigem
  • einen Sorgenfresser
  • Zitate und Sprüche, die dir wichtig sind
  • Telefonnummern von Personen (beruflich und privat), mit denen du über Probleme sprechen kannst
  • Fotos von deinen Liebsten (Mensch und Tier ;-))

Und wie nicht anders zu erwarten hat Mareike natürlich auch noch einiges mit beigesteuert:

  • eine kleine Dose, in dem ein Spiegel versteckt ist, der dich an deinen größten Schatz erinnern soll, den es zu hüten gilt
  • kleine Steine, auf denen kraftgebende Begriffe stehen wie z.B. Geduld, Energie, Zeit, Ruhe, Gelassenheit, Auszeit etc.

Ich würde das Ganze noch ergänzen wollen mit:

  • einem Maskottchen, bei mir ist das z.B. ein kleiner Teddy namens Lütti, den ich im Anerkennungsjahr als Abschiedsgeschenk bekommen habe
  • einen Wut- oder Stressball
  • Kärtchen mit Yoga- und Entspannungsübungen
  • Fotos von Personen, die dich persönlich oder beruflich geprägt haben
  • Bilder von Orten, die Dir helfen dich zu entspannen
  • mein Selbstfürsorge-Kärtchen, dass Du in dem Beitrag „Balance zwischen Empathie und Selbstfürsorge“ findest.

Und nicht zu vergessen:

  • Ein Gutschein für eine Massage, Sauna, Kosmetikbehandlung, Eisessen, Essengehen o.ä. als Belohnung nach den ersten 100 Tagen.
Die „Kussbonbons für Erwachsene“

Besonders fasziniert war ich in Mareikes Beitrag von den „Kussbonbons“ und es stellte sich die Frage, wie Kussbonbons für Erwachsene aussehen können.

Hier unsere Ideen und bestimmt fällt Dir da auch noch eine Menge zu ein:

  • Bestücke ein Deko-Glas mit vielen Zettelchen, auf denen du Deine Ressourcen und Kompetenzen wie z.B. einfühlsam, musikalisch, humorvoll etc. aufschreibst. Wenn Du gerade mal nicht weiter weißt oder eine Bestärkung brauchst, ziehst Du einen Zettel und nimmst diesen Impuls, um zu überlegen, inwieweit dies Dir in dieser Situation weiterhilft.
  • Oder bestückst dieses Glas mit lauter aus goldener Pappe ausgeschnittenen Sternen, auf denen deine Sternstunden geschrieben sind. Sternstunden sind gelungene Situationen auf die Du positiv zurück schauen kannst.
  • Lege Dir das Kartenset „Schatzkarten für Erzieherinnen“ vom Don Bosco Verlag zu und wähle in einer schwierigen Situation eine Impulskarte, über die Du dann nachdenken kannst.
  • Ähnlich kann der Spiralaufsteller „Gute Laune fürs Büro“ von Joachim Groh mit lustigen Sprüchen genutzt werden.
  • Du kannst einen solchen Spiralaufsteller auch mit eigenen Sprüchen selbst gestalten.
  • Die bemalten Steine mit den kraftgebenden Worten können schön dekoriert in einer Schale oder in einem Deko-Glas auch zu wertvollen Kussbonbons werden. Anstatt der Steine würden in eine Schatzkiste Schoko-Goldmünzen mit kraftspendenden Worten besser passen. Diese kannst Du dann auch richtig vernaschen. 😉
  • Ich habe mal für ein Seminar Bonbons mit bestärkenden Sprüchen umwickelt, die Kolleg*innen, die eine Abschlusspräsentation zu meistern hatten, haben sich da rege bedient und hatten viel Spaß daran die Sprüche zu lesen.
  • Glückskekse können einen ähnlichen Zweck erfüllen.

Der Fantasie und Kreativität sind hier wahrhaftig keine Grenzen gesetzt. Ich bin gespannt, was Dir noch dazu einfällt. Ich freue mich schon auf die Beschreibung Deiner persönlichen Ich-Box in den Kommentaren.

Die Ich-Box für Pädagogische Fach- und Leitungskräfte bietet nicht nur neuen Mitarbeiter*innen eine tolle Gelegenheit, sich Kraft für den Alltag zu holen. Im Prinzip tut diese Art der Kraftquelle jeder*m Mitarbeiter*in gut.

Wenn zu Beginn des Kindergartenjahres alle Mitarbeiter*innen sich eine solche Ich-Box zulegen, kann das auch wunderschönes Einstiegs- und Kennenlernritual werden – für neue Teams genauso wie für bestehende Teams.

Ich wünsche Dir einen guten Start in dieses Kindergartenjahr

Deine Anja

P.S. Danke liebe Tanja, es hat mir viel Spaß gemacht, diese neue Idee zu entwickeln. Vielen Dank auch für die kreative Unterstützung an Anke, Mareike und Nadine.

Ein sicherer Platz für Kuschel & Co – die Ich Box

Wie bereits angekündigt, stellt Euch diesmal Mareike Paic von den Sternstunden Seminaren ergänzend zu meinen Blogbeitrag: „Kuschel muss mit“ ihre Ich-Box als besondere Möglichkeit, den Übergangsobjekten der Kinder einen besonderen Platz zu geben vor. Ich wünsche Euch tolle Impulse und Anregungen für Eure Praxis.

Eure Anja

Vom „ICH-BUCH“ zur „ICH BOX“ – Eine bewährte Methode wird erweitert

ein Gastbeitrag von Mareike Paic

In vielen Krippen und Kindertagesstätten wird bereits mit den sog. Ich-Büchern gearbeitet. Dabei handelt es sich um ein kleines, persönliches Fotoalbum, das von der Familie des Kindes im Vorfeld gestaltet und am 1. Kindergartentag mitgebracht wird.


Bilder sagen mehr als Worte

Beim ersten Kennenlernbesuch des Kindes erhalten die Eltern einen Blankohefter oder Ordner mit bis zu 8-10 Seiten, die dann von der Familie bis zum ersten Kita-Tag mit Bildern von wichtigen Personen und Dingen aus dem Lebensumfeld des Kindes bestückt werden.
Das können Bilder von Bezugspersonen, Haustieren, Lieblingsorten, Rückzugsorten und ähnliches sein. Hilfreich für die Pädagogischen Fachkräfte ist eine kurze Beschriftung der Fotos mit Namen oder Bezeichnungen. In vielen Familien gibt es individuelle, familieninterne Begriffe und Bezeichnungen, so wird die Lieblingsspeise „Joghurt“ beispielsweise zum „Nano“ und wir erfahren, dass Ludwig nicht der Lieblingsonkel, sondern die Familienkatze ist, die wiederum vom Kind Lulu gerufen wird.

Wichtige Rituale – z.B. bevorzugte Einschlafpositionen und -helfer wie z.B. Bilderbuch, Schnuller oder Fläschchen können auf diesen Bildern ebenfalls dokumentiert werden. So verstehen wir als pädagogischen Fachkräfte das Kind und seine Bedürfnisse ohne viele Worte.

Das Ich-Buch wird oftmals zum wichtigen Halt für das Kind, wenn die Bindungspersonen nicht anwesend sind – besonders in der Eingewöhnungszeit. Dieses Büchlein gibt dem Kind dann Trost und Sicherheit.

Da die Ich-Bücher in der Regel über die gesamte Krippen- bzw. Kindergartenzeit in der Gruppe verbleiben werden sie zum wertvollen Tröster und Wegbegleiter auch über die Eingewöhnungszeit hinaus.

Wohin mit dem Schnuffeltuch?

Nach ein paar Jahren voller emotionaler „Ich-Buch-Momente“ beobachtete ich immer wieder, dass wertvolle Übergangsobjekte wie der Teddy oder auch das Schnuffeltuch oft keinen festen, geschützten Ort in der Gruppe hatten. Dies führte oftmals zu tränenreichen Suchaktionen. Ich suchte daraufhin nach einer Möglichkeit, den Lieblingsstücken des Kindes mehr Wertschätzung zukommen zu lassen. Bei einem Austauschtreffen erzählte mir eine Kollegin von persönlichen Schatztruhen, die sie für jedes Kind eingerichtet hatte. Diese Idee griff ich umgehend auf und entwickelte sie weiter.

Eine persönliche Schatzkiste: Die Ich-Box

Anstatt eines Ordners bekommen unsere Familien seitdem einen kleinen, leeren Karton mit nach Hause. Hierfür eignen sich Kinderschuhkartons, stabile Umverpackungen z.B. aus Drogerien und Parfümerien oder natürlich auch gekaufte Schmuckkartons – je nach Bezugsquelle und Etat.

Beim ersten Kennenlernbesuch kann sich ein Kind je nach Alter seinen Namen und eine Verzierung aus Buchstaben, Stickern und Klebebändern zusammenstellen und auf die Kiste kleben. Die Familien gestalten und füllen diese Schachtel zuhause als Vorbereitung auf die Eingewöhnung und das Kind bringt diese dann am ersten Tag mit in seine neue Gruppe. Neben den Fotos, die auch in einem Ich-Buch sind, finden in dieser persönlichen Schatzkiste auch ein kleiner Teddy, das Lieblingsauto, ein Schnuffeltuch oder ähnliches einen festen Ort. So wird diese Schatzkiste eine stärkende und tröstende Kiste der Erinnerungen für das Kind. Einige Kinder bringen dann auch ein Tuch mit dem Parfum der Mama oder den Bären mit dem Geruch von Papa mit in die Krippe oder den Kindergarten. Damit kann dann eigentlich nichts mehr schief gehen, oder?

Solche Seelentröster sind gut in einer solchen Kiste aufgehoben. Jede Kiste hat ihren festen Platz im Gruppenraum, wo das Kind jederzeit darauf zurückgreifen kann. Und selbstverständlich ziehen die persönlichen Schatzkisten mit dem Kind um, wenn es z.B. hausintern von der Krippe in den Kindergarten wechselt.

Schätze (wert-)schätzen

Das Kind entscheidet, wann seine Kiste geöffnet wird. Und wer mit hineinschauen möchte, muss erst einmal das Besitzerkind fragen. Auch über den Inhalt bestimmt das Kind.

Wichtig ist mir, das die Idee der Schatzkisten nicht mit dem Gedanken eines Eigentumsfaches vermischt werden. Der Inhalt dieser Box darf zwar wachsen und einzelne Stücke ausgewechselt oder erneuert werden. Sie sollte aber eine Schatztruhe mit kostbaren Einzelstücken bleiben. Für die Kunstwerke und Fundstücke des Tages steht daher weiterhin das Eigentumsfach zur Verfügung.

Persönliche Rituale der Kindheit

Vor einigen Jahren hatte ein Junge aus meiner Gruppe mit seiner Mama ein inniges Ritual, das mir sehr in Erinnerung geblieben ist. Die Mama hatte immer einen Lippenstift dabei. Wenn sie den Kindergarten verließ bekam ihr Sohn mit frisch geschminkten Lippen einen Kuss – mal auf die Stirn, mal auf die Wange. Unser Begrüßungsritual bestand dann daraus, das ich den Kuss finden und bestaunen sollte. Es war toll zu beobachten, wie der Junge mehrfach am Vormittag schnell mal zum Spiegel flitzte, um zu schauen, ob noch eine Spur von Mama zu sehen war. Für ihn war dies eine wichtige Brücke, um seinen Trennungsschmerz zu überwinden.

Eine Dose Kussbonbons“

Nun kannst Du Dir bestimmt meine Begeisterung vorstellen, als ich das Buch „Eine Dose Kussbonbons“ entdeckte. Ein kleiner Eseljunge geht zum allerersten Mal auf Klassenfahrt. Bei aller Vorfreude macht ihn der Gedanke ohne Mama und Papa fahren zu müssen, traurig und unsicher. Mama Esel hat daraufhin eine geniale Idee: Sie „stempelt“ mit Eselpapa kleine Zettel mit ihren Küssen und packt einen ganzen Vorrat davon in eine bunte Bonbondose.
Schon im Bus kann so ein kleiner „Kuss zum Mitnehmen“ den kleinen Esel trösten.

Diese Idee musste von da an mit in die Ich-Box! Als Ausgangspunkt erzähle ich den Eltern diese kleine Geschichte bereits beim Kennenlernen. Da die Geschichte recht kurz ist, lässt sie sich gut in den Kennenlernnachmittag einbauen und die Eltern können dann Kussbonbons zu Hause vorbereiten. Auch die Wartezeit während der ersten Trennungsversuche können damit verkürzt werden, wenn Eltern dazu eineladen werden Kuss-Bonbon-Gläser für ihr Kind zu gestalten und zu füllen.

So können die „Bonbons“ später vom Kind individuell und stärkend vernascht werden. Die Kinder lieben es, wenn ich Ihnen dabei die Geschichte vom kleinen Esel vorlese.

Ich wünsche Dir und den Kindern ganz viele innige „Ich-Momente“ während der Eingewöhnung und einen guten Start mit den neuen Kindern und Eltern

Deine

Mareike Paic (Sternstunden-Seminare)

Buch-Tipp:

Eine Dose Kussbonbons von Michel Gay , erschienen bei Beltz& Gelberg ISBN 978-3-407-76102-6

Mehr von Mareike Paic und den Sternstunden – Seminaren:

Kontaktdaten: www.sternstunden-seminare.de

Als Sprachbildungskraft liegt Mareike schon seit vielen Jahen die Begleitung der Sprachentwicklung am Herzen. Hierzu hat sie im Rahmen der Stenstunden – Seminare eine DVD aufgenommen: „Überall steckt Sprache drin“. Die Beschreibung und Bezugsquelle findet Ihr hier im Download.

Wenn Ihr mehr von Mareike und mir hören wollt, schaut in unser Gespräch auf YouTube zum Thema: „Sprachbildung trotz(t) Corona“ rein.

Eingewöhnung im Beziehungsdreieck

Das aktuelle Kita-Jahr neigt sich dem Ende zu, die Zeichen stehen auf Abschied und Neubeginn. Einige Kinder verlassen die Kita, Krippe und Kindertagespflege nach mehreren Jahren und schon bald kommen neue Kinder und Eltern. Genau der richtige Zeitpunkt, um das bestehende Eingewöhnungskonzept zu überprüfen.

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich als Referentin mit dem Thema Bindung und Eingewöhnung. Dabei ist mir besonders wichtig, dass die Eingewöhnung als grundlegender Prozess verstanden wird, der in einem Beziehungsdreieck von Kind, Eltern und pädagogischer Fachkraft stattfindet. Das Ziel der Eingewöhnung besteht darin, dass das Kind sich in Abwesenheit der Eltern oder Hauptbindungspersonen an die Pädagogische Fachkraft wendet, wenn es Trost oder Unterstützung sucht. Das braucht Zeit und Vertrauen auf allen Seiten.

Welche Gedanken gerade zu Beginn des Kennenlernens und der Eingewöhnung in Eltern, Kindern und Pädagogischen Fachkräften vorgehen, haben Laewen, Andres und Hédervári-Heller in ihrem Buch „Ohne Eltern geht es nicht“ eindrucksvoll anhand folgender Fragen veranschaulicht.

Die inneren Fragen

… des Kindes an die*den Mutter/Vater/Hauptbindungsperson

  • Wirst du mich in dieser Fremde allein lassen?
  • Wirst du meine Angst verstehen, weil alles fremd für mich ist?
  • Wirst du so lange bei mir bleiben, bis ich hier vertraut bin?
  • Magst du meine ErzieherIn?

… des Kindes an die Pädagogische Fachkraft

  • Wirst du mir Zeit lassen, dich kennenzulernen?
  • Wirst du mich beschützen und unterstützen?
  • Wirst du mich trösten, wenn ich traurig bin?
  • Wirst du meine Mutter und meinen Vater mögen?

… von Mutter/ Vater/ Hauptbindungsperson an das Kind

  • Wirst du ohne mich zurechtkommen?
  • Wirst du mich vermissen?
  • Wirst du die Pädagogische Fachkraft vielleicht lieber mögen?
  • Wird es dir hier gut gehen?

… von Mutter/ Vater/ Hauptbindungsperson an die Pädagogische Fachkraft

  • Wird sie mein Kind mögen und verstehen?
  • Kann ich von meinen Ängsten sprechen, von meinen Zweifeln, vielleicht auch meinem Misstrauen?
  • Wird sie mein Kind an sich reißen?
  • Wird sie in Konkurrenz zu mir treten?

… von der Pädagogischen Fachkraft an das Kind

  • Wirst du leicht Zugang zu mir finden?
  • Werde ich deine Signale verstehen und herausfinden können, was ganz Besonderes du brauchst?
  • Wirst du mit den anderen Kindern zurechtkommen?
  • Wirst du dich hier gut einfinden?

… von der Pädagogischen Fachkraft an Mutter/ Vater/ Hauptbindungsperson

  • Wird sie/er mich als Begleiter*in ihres/ seines Kindes akzeptieren?
  • Wird sie/er offen oder verschlossen sein für Gespräche mit mir?
  • Empfindet sie/er mich als Konkurrent*in oder Partner*in?
  • Wie bewertet sie/er meine Art zu arbeiten?
Anwendung in der Praxis

Diese Fragen lassen sich vielfältig in Eurer Praxis einsetzen:

  • als Einstieg in eine Teamreflexion, um zu überlegen, was Kinder und Eltern vor und während der Eingewöhnung als Unterstützung von Euch brauchen.
  • als Aushang in der Anfangszeit, um den Eltern zu signalisieren, dass Ihr Euch dieser Fragen bewusst seid und Ihr selbst ganz ähnliche Fragen an die Kinder und Eltern habt.
  • alternativ zum Aushang, könnt Ihr die Fragen auch als Informationsbrief den Eltern im Kennenlerngespräch aushändigen. Oftmals wird dies zum Gesprächseinstieg über die konkreten Sorgen und Bedenken der Eltern.
  • als angeleitete Imaginationsreise zum Einstieg in den ersten Informationselternabend mit den neuen Eltern. Im Anschluss an diese Imaginationsübung könnt Ihr den Eltern kurz Zeit geben darüber ins Gespräch zu kommen.

Indem Ihr diese Fragen öffentlich und transparent macht, ist ein wesentlicher Grundstein für eine gelingende Bildungs- und Erziehungspartnerschaft gelegt.

Viel Erfolg bei Eurer Reflexion und Umsetzung

Eure Anja

Oder bist Du interessiert an einem Webinar zum Thema „Eingewöhnung in der Peer Group“? Dann melde Dich hier für den 20.06.2020 dazu an:

Buchtipp:

Laewen, H.-J. / Andres, B. / Hédervári-Heller, É.: Ohne Eltern geht es nicht. Die Eingewöhnung von Kindern in Krippen und Tagespflegestellen 6. Auflage 2012