Spurensuche – Biografiearbeit in der Kita

Janusz Korcak als Pionier

Bereits Janusz Korczak (Kinderarzt und Pädagoge) legte zu Beginn des 2. Jhd. in der Ausbildung pädagogischer Fachkräfte Wert auf die Biografische Selbstreflektion. So wird berichtet, dass er bereits 1926 in einem Vortrag alle Teilnehmerinnen darum bat, ihre Kindheitserinnerungen aufzuschreiben. Unter Einbeziehung der von den Auszubildenden selbständig reflektierten Erfahrungen wollte er die Basis für eine positiv ausgerichtete Erziehung legen. Im Lag es am Herzen, dass alles auf die Gestaltung einer besseren Kindheit für die den pädagogischen Fachkräften anvertrauten Kinder ausgerichtet wurde. Hier wird deutlich, dass Janusz Korczak bereits wusste, dass alle negativen Kindheitserfahrungen, die nicht reflektiert und aufgearbeitet werden, sich negativ auf das pädagogische Fühlen, Denken und Handeln der Fachkräfte gegenüber den Kindern auswirken kann.

Biografiearbeit als wichtige Basis

Damit Kindern eine unbeschwerte und gewaltfreie Kindheit möglich wird, sind wir daher alle dazu angehalten unsere Biografie entsprechend anzuschauen und aufzuarbeiten.

Um dies zu tun, bietet die Biografiearbeit Dir viele Möglichkeiten und Methoden zur biografischen Selbstreflektion. Diese „biografische Selbstreflexion“ fördert Deine individuelle Identitätsfindung (vgl. Gudjons, 2008, 16ff) und wirkt Haltungsbildend. Durch das Reflektieren und Verstehen Deiner eigenen Lebensgeschichte kannst Du als pädagogische Fachkraft Ressourcen und Kompetenzen entdecken, die ihre Wurzeln in Deinen vorausgegangenen Erfahrungen und Erlebnissen verwurzelt sind. Auf Grundlage dieser Erinnerungsarbeit kannst Du Dein gegenwärtiges Denken und Handeln reflektieren.  Es eröffnen sich Dir auf diese Weise neue Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten. Die biografische Selbstreflektion ermöglicht Dir eine deutlichere Abgrenzung von den persönlichen Einstellungen und ihren Ursprüngen hin zu professionellen Grundlagen und Notwendigkeiten.

Ein Interview von Maxi John mit Anja Cantzler

Ich beschäftige mich nun schon seit einigen Jahren mit den Möglichkeiten der Biografiearbeit und biografischen Selbstreflektion für die pädagogische Arbeit in der Kindertagesbetreuung. Mittlerweile sind einige Fachartikel und Fachtexte zu diesem Thema entstanden, die in diversen Fachzeitschriften publiziert wurden. Aktuell entsteht ein neuer Beitrag für ein Handbuch für Biografiearbeit, in dem der Elementarbereich erstmalig explizit aufgenommen wird.

Bereits im Mai 2020 habe ich einen Blogeitrag zum Thema “Portfolio als Biografiearbeit” geschrieben. Hier ging es darum, Dich dafür zu sensibilisieren, dass Du in Deiner täglichen Arbeit mit den Kindern und Eltern biografisch arbeitest und wirksam bist. Parallel zu dem Blogbeitrag entstand ein Interview, dass mit mir als Expertin im Rahmen einer Bachelorarbeit geführt wurde. Dieses Gespräch möchte ich Dir an dieser Stelle zugänglich machen, weil ich der Überzeugung bin, dass es als Pädagogische Fachkraft wichtig ist, sich immer wieder mit der eigenen Biografie auseinanderzusetzen. Mein besonderer Dank gilt hier Maxi John, die mir das Interview zur Verfügung gestellt hat.

In dem Interview erzähle ich:
  • wie ich überhaupt zur Biografiearbeit gekommen bin
  • für welche Felder der Sozialen Arbeit die Biografiearbeit relevant
  • warum die Biografiearbeit speziell im Elementarbereich oder in der Kita durchgeführt werden sollte
  • in welchem Rahmen Biografiearbeit in der Kita möglich ist
  • welche Methoden sich auch in der Arbeit mit den Kindern anbieten
  • was Portfolio mit Biografiearbeit zu tun hat
  • welche Bedingungen es für eine gelingende Biografiearbeit mit Kindern und im Team braucht
  • welche Voraussetzungen die pädagogischen Fachkräfte mitbringen sollten
  • wann Biografiearbeit an ihre Grenzen stößt
  • abschließend mache ich mir Gedanken dazu, wie sich die Corona-Pandemie auf die Biografie der Kinder auswirken wird und wie Du damit am besten umgehen kannst

Ich lade Dich ein, es Dir gemütlich mit einem Kaffee oder Tee zu machen und Dich von diesem Interviewmitschnitt für Deine eigene biografische Selbstreflektion inspirieren zu lassen.

Das Interview beginnt mit meiner Antwort auf die Frage, wie ich zur Biografiearbeit gekommen bin. Viel Freude beim Zuhören. 

Deine Anja

hier kommst Du zum Interview: Biografiearbeit in der Kita

 

 

Wenn Du jetzt noch mehr über Biografiearbeit erfahren möchtest, dann findest Du hier mehr:

Kita-Fachtexte: Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit Biografie

Nifbe: Spurensuche – Wie Biografien unser pädagogischen Handeln beeinflussen

Biografische Selbstreflexion als Basis einer professionellen Haltung in: KiTa aktuell spezial: Haltung und Biografiearbeit in der Kita, Ausgabe 2/2021 (Zur Zeit noch nicht als Einzelheft bestellbar)

Auf diesen Seiten findest Du tolle Vorlagen für Deine Portfolio-Arbeit: Sandra Warsewicz Werkstatt der guten Gedanken

 

 

Aus einer leeren Tasse kann man nicht trinken…

Aus einer leeren Tasse kann man nicht trinken…

Dieser Satz ist mir heute auf einem Instagram Profil begegnet und erinnert mich an einen wunderschönen Text, den ich während meiner Supervisionsausbildung kennen und schätzen gelernt habe. In diesem Text geht es im Kern um die Wichtigkeit der Selbstfürsorge. Ich glaube, dass viele von uns gerade sehr Coronamüde sind und ziemlich am Ende ihrer Kräfte. Deswegen möchte ich diesen Text nach einem Jahr Leben mit Corona spontan mit Dir teilen, in der Hoffnung Dir damit etwas Kraft und Zuversicht geben zu können.

Sei wie eine Schale!

Die Schale der Liebe
Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal,
der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt,
während jene wartet, bis sie gefüllt ist.
Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter.
Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen und habe nicht den Wunsch, freigiebiger zu sein als Gott.
Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss, wird sie zur See.
Du tue das Gleiche! Zuerst anfüllen und dann ausgießen.
Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen, nicht auszuströmen.
Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst.
Wenn du nämlich mit dir selbst schlecht umgehst, wem bist du dann gut?
Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle, wenn nicht, schone dich.
(Bernhard von Clairvaux)

Anmerkung: Für jede*n von uns bedeutet Gott etwas anderes. Ich bitte Dich, das für Dich einzusetzen, was hier für Dich passt und stimmig ist.

Meine Kraftquellen

Die Schalen der Liebe als Quelle. Das bringt mich unweigerlich zu der Frage: Was nährt zur Zeit meine Quelle? Was tue ich gerade für mich, um auch weiterhin von meiner Fülle geben zu können?

Ich

  • genieße das morgendliche Vogelgezwitscher beim Aufwachen
  • mache als erstes 10 Minuten Morgengymnatik
  • schenke mir selbst ein Lächeln im Spiegel
  • genieße das gemeinsame Frühstück mit meinem Mann
  • gehe jeden Tag zu Fuß ins Büro
  • halte Kontakt zu Menschen, die mir gut tun
  • telefoniere ab und zu mit meiner Tochter
  • pflege mein kollegiales Netzwerk
  • höre am Wochenende das WDR Klassik-Radio
  • bestelle leckeres Essen aus meinen Lieblingsrestaurants
  • kaufe mir Frühlingsblumen
  • gehe im Wald spazieren
  • lese viel
  • bilde mich weiter (ich höre gerade einige Beiträge des diesjährigen Resilienzkongresses)
  • schreibe oder spreche über das, was mich beschäftigt, berührt und belastet
  • lache aus ganzem Herzen mit meinem Mann über die Komik des Alltags
  • nehme meine Gefühle so an, wie sie gerade kommen

Dankbarkeit als Schlüssel

Ich bin dankbar für das was ich habe! Ich bin dankbar für die geliebten Menschen an meiner Seite! 🥰Ich bin dankbar, dass ich bislang von einer Erkrankung verschont geblieben bin! 🍀🍀🍀Und ich sehe, was und wieviel ich in den letzten Monaten geschafft habe!🍾

Dieses Gefühl von Dankbarkeit ist übrigens eine wesentliche Eigenschaft resilienter Menschen. Darauf wird in den verschiedensten Vorträgen des Resilienz-Kongresses immer wieder hingewiesen. Zum Thema Resilienz habe ich in den letzten Monaten bereits mehrere Beiträge veröffentlicht. In “Was uns stark macht” geht es um Resilienz im Allgemeinen und mit “Kraft schöpfen in der Krise” gehe ich nocheinmal tiefer ins Detail.

Einladung zur Selbstfürsorge

Jetzt bist an der Reihe: Und was tust Du für Dich? Kannst Du trotz der schwierigen Zeiten für das dankbar sein, was Du hast und wer Du bist? Wie steht es um Deine Resilienz? Siehst Du, was Du bereits geschafft hast?
Falls Du merkst, dass Du alleine nicht mehr weiter weißt, dann hole Die bitte Hilfe und Unterstützung in Deinem privaten oder beruflichen Umfeld bzw. suche Dir professionelle Hilfe. Sprich drüber und werde aktiv. Auch wir Erwachsenen könnten manchmal Mareike Paics “Sorgenschmelzer und seine Kummerkunpel” brauchen.

Ich bin der festen Überzeugung, dass das Ende nun absehbar wird. Das erfüllt mich mit Zuversicht und bis dahin werde ich mir jeden Tag aufs neue Kaffee und Tee kochen (ich mag nämlich beides), damit ich immer aus einer vollen Tasse trinken kann.

Ich wünsche Dir Kraft für die nächste Zeit
Deine Anja

Meine Angebote zur Unterstützung

Einladung zum Online-Gruppencoaching für Führungskräfte am 15.04.2021 von 17-19 Uhr. Hier hast Du die Möglichkeit einmal kostenlos teilzunehmen, um die Gruppe und das Angebot kennenzulernen. Melde Dich am besten über das Kontaktformular bei mir:

Am 27.05.2021 von 16 – 19 Uhr findet gemeinsam mit meiner Kollegin Anja Klosterman ein Online-Seminar: “Neues entsteht – Veränderungsprozesse im Team verstehen und begleiten” für Führungskräfte, stellvertretende Leitungen und Gruppenleitungen in Krippe, Kita und OGGS statt. Weitere Infos und Anmeldung bei Haus Neuland.

Leben mit Kindern – was wir von Janusz Korczak in Zeiten der Pandemie lernen können!

“Es ist nicht wichtig, Kinder zu beschäftigen, sondern sich damit zu beschäftigen, was Kinder wohl beschäftigt.”

Dieses Zitat stammt von Janusz Korcak, einem polnischen Kinderartzt, der sich zeit seines Lebens der Pädagogik widmete. Er leitete in Warschau ein Waisenhaus, schrieb Kinderbücher und verfasste viele Schriften über Kinder und Kindheit, die bis heute hochaktuell sind. Im August 1942 begleitete er 200 ihm anvertraute Kinder im Konzentrationslager Treblinka in den Tod.

Ich begegnete Janusz Korczak und seiner Pädagogik erstmalig als meine Tochter in die weiterführende Schule wechselte – die Janusz Korczak Gesamtschule. Gemeinsam mit meiner Tochter begab ich mich auf eine spannende Entdeckungsreise zu dem Leben und Denken des Namensgebers dieser Schule. Seit 12 Jahren beschäftige ich mich nun schon mit Janusz Korczak und für mich ist er einer der größten Pädagogen. Die moderne Pädagogik findet in seinen Schriften viele ihrer Ursprünge und Wurzeln. Seine Gedanken und Aussagen sind mehr als bemerkenswert (!des Merkens wert!) – auch mit Blick auf dem geschichtlichen und gesellschaftlichen Hintergrund, vor denen sie entstanden sind.

Dieser Blogbeitrag ist zum einen eine Hommage an einen großartigen Menschen und Kinderversteher und zum anderen bin ich der Überzeugung, dass wir gerade jetzt sein Gedankengut sehr gut brauchen können, um Kinder achtsam durch diese Pandemie zu begleiten.

Sein Bild vom Kind

Für Janusz Korczak war das Kind von Anfang an ein vollwertiger Mensch mit eigenen Bedürfnissen, Interessen und Fähigkeiten. Demzufolge bedurfte es aus seiner Sicht keiner Erziehung, um das Kind zum Menschen zu machen. Er hinterfragte bereits den Adultismus als Machtinstrument in der Beziehung zwischen dem Erwachsenen und dem Kind  und formulierte in der Magna Charta Libertatis folgende Grundrechte für das Kind: (vgl. Janusz Korczak, Wie mann ein Kind lieben soll, Vandenhoeck & Ruprecht, 2018)

  1. das Recht des Kindes auf seinen Tod
  2. das Recht des Kindes auf den heutigen Tag
  3. das Recht des Kindes, das zu sein, was es ist (s.S.31)

Diese Grundrechte erweiterte er 1929 um das Recht des Kindes auf Achtung!

Jedes Kind ist einzigartig und deswegen begegnete Korczak jedem Individuum mit einer Haltung des “Nichtwissens”. Beobachten, Beschreiben, ins Gespräch kommen und im Austausch bleiben eröffneten ihm den Blick für das Individuum. Janusz Korczak entwickelte keine allgemeingültigen Rezepte, sondern begenet den Kindern mit einer offenen und fragenden Haltung.

Seine Schlüsselthemen

Korczak nahm die Anliegen der Kinder genauso ernst wie die der Erwachsenen und entwickelte seine Schlüsselthemen für den Alltag mit den Kindern. Dabei beobachtet er das Kind und seine Entwicklungsschritte in den verschiedenen Lebenswelten. Er fordert uns als pädagogische Fachkräfte bis heute dazu auf, strukturelle und konzeptionelle Schwachstellen wahrzunehmen und aktiv zu verändern.

So trat er bereits für eine gewaltfreie Erziehung ein. Er betonte, dass die Gewaltausübung durch den Erwachsenen in jedweder Form einem Kind schadet und es dadurch keineswegs, wie häufig angenommen, gestärkt wird. Weiterhin war es ihm wichtig ,den Kindern zuzuhören und ihnen damit “echtes” Interesse entgegenzubringen. Dazu gehört auch den Kindern zu glauben, wenn sie sich mitteilen. Er betonte, dass Kinder “nicht weniger, nicht ärmlicher, nicht schlimmer als Erwachsene” denken, sondern “nur anders”. Er möchte, dass Kinder ernst genommen und gewertschätzt werden und erkennt damit die Lebensphase der Kindheit als gleichwertig zu der der Erwachsenenphase an. Zur gelingenden Beziehung gehörte für ihn maßgeblich das Vertrauen des Kind in den Erwachsenen und seine Umgebung verbunden mit dem Gefühl sicher zu sein. Für diese Sicherheit und Geborgenheit übernimmt der Erwachsene die Verantwortung.

Zur Aktualität seiner Pädagogik

Im Sinne der Pädagogik von Janusz Korczak solltest Du gerade jetzt wieder ganz genau hinschauen. Wer ist dieses Kind, das da gerade vor Dir steht? Was hat es erlebt? Wie drückt es sein Erleben aus? Was braucht es gerade, um sich sicher zu fühlen? Hör dem Kind zu und bring ihm “echtes” Interesse entgegen. Stell Fragen und verzichte auf Interpretationen. Glaub dem Kind, wenn sie sich Dir mitteilt. Versuche sein Denken, Fühlen und Handeln zu verstehen. Frag, was es von Dir jetzt braucht. Nimm das Kind ernst und signalisiere ihm, dass Du es wertschätzt.

Vergiss nicht! Jetzt findet die Kindheit dieser Kinder statt – egal ob mit oder ohne Pandemie! Sie haben nur diese eine Kindheit. Sie brauchen jetzt aufmerksame Erwachsene, die sie in all ihren Facetten ernst nehmen und für sie da sind. Du hast die Verantwortung dafür, dass das Kind sich bei Dir wohl und geborgen fühlen kann- ganz unabhängig davon, was es gerade erlebt hat, was es mitbringt und wie es sein Erlebtes mit Dir teilt. Finde heraus, was das Kind gerade beschäftigt. Sei für das Kind da, wenn es Fragen, Sorgen und Ängste hat – leistungs- und urteilsfrei.

Deine Anja

 

Eine kleine Materialsammlung

Um herauszufinden, womit sich Kinder aufgrund der pandemischen Situation beschäftigen, habe ich habe in den letzten Wochen ergänzend einige KitaTalks und Blogbeiträge zusammengestellt. Diese verschiedenen Beiträge wollen Dich in Deiner wertvollen Arbeit mit den Kindern unterstützen. Hier eine kleine Übersicht. (Durch Klicken auf die rote Schrift, kommst Du direkt zu den einzelnen Beiträgen)

Studien haben ergeben, dass jedes 3. Kind unter psychischen Belastungen seit dem 2. Lockdown leidet. Die verletztlichen Kinderseelen gilt es daher sehr achtsam zu begleiten. Mit Gundula Göbel spreche ich darüber, wie wichtig für die Kinder es gerade ist, in ihren Ängsten achtsam begleitet zu werden, dazu gehört viel Nähe und Trost. Anja Klostermann sensibilisiert in einem weiteren KitaTalk für das Seelenbauchweh, für das einige Kinder jetzt aufmerksame und zugewandte Erwachsene brauchen.

Ergänzend dazu hat Mareike Paic einen wundervollen Gastbeitrag geschrieben, in dem sie Phil, den Sorgenschmelzer und seine Kummerkumpel vorstellt. Fea Finger beschäftigt sich in ihrem Gastbeitrag mit den Starken Fachkräften für starke Kinder und beleuchtet die Bedeutung der Resilienzförderung in diesen Zeiten.

Mark Kitzig gibt die Bühne frei! für das Erfühlen und Ausprobieren von Gefühlen. Dirk Fiebelkorn eröffnet Handlungsräume für den Umgang mit medialisierten Spielverhalten von Kindern mit dem Tiel: “Wenn Kinder Chucky, die Mörderpuppe spielen”..

Kinderärzte schlagen Alarm. Durch den Lockdown leiden vermehrt Kinder unter Beewegungsmangel und es treten vermehrt Sprachentwicklungsverzögerungen auf. Dazu gibt es zwei KitaTalks, die zur vermehrten Anregung von Bewegung und Sprache einladen: Sprachbildung trotz(t) Corona mit Mareike Paic und Let´s move! Bewegung, die Spaß macht mit Britta Bartoldus.

Wenn Du weitere Rückfragen oder Themenwünsche hast, kannst Du mir dies gerne hier in den Kommentaren mitteilen. Ich bin über Anregungen jederzeit sehr dankbar.

 

 

 

Phil, der Sorgenschmelzer und seine Kummerkumpel

Die Zahlen sind alamierend. Fast jedes dritte Kind zeigt laut einer Analyse durch das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) ein knappes Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland psychische Auffälligkeiten. Zum Vergleich: Vor der Pandemie war bereits jedes fünfte Kind psychisch belastet.

Wichtig ist diese Auffälligkeiten nicht mit psychischen Störungen oder Krankheiten zu verwechseln. Zunächst einmal handelt es sich hier um sog. Belastungsreaktionen auf die Ausnahmesituation. Die Kinder äußern verstärkt Sorgen und Ängste und zeigen depressive Symptome. In einzelnen Fällen sind zunehmend psychosomatische Folgen zu beobachten, je nach Alter klagen die Kinder dann über Magen- oder Kopfschmerzen.

Die Studie besagt auch, dass sich die Lebensqualität während des Lockdowns verschlechtert hat. Gründe für eine Verschlechterung des psychischen Wohlbefindens sind ungesündere Ernährung und Bewegungsmangel. Viele Kinder haben aus der Alternativlosigkeit heraus oftmals zuviel Fernsehen geschaut und Computerspiele gespielt. Dabei sind einige Kinder auch mit Inhalten in Kontakt gekommen, die nicht immer altersgemäss waren. In der Praxis ist dann oftmals ein gewaltvolles und aggressives Rollenspiel zu beobachten, worauf angemessen zu reagieren ist.

Besonders auffällig ist, dass Kinder, die schon vor der Pandemie Schwierigkeiten hatten und von den Eltern nicht gut durch den Lockdown begleitet werden konnten, zeigen nun verstärkt auffälliges Verhalten. Viele Andere Kinder, die sehr sensibel sind, deren Eltern mittlerweilen schlichtweg an ihre nervlichen Grenzen stoße, die selbst aufgrund der Erkrankung Quarantäne erlebt haben oder nahestehende Personen durch die Erkrankung verloren haben kommen aus allen Bevölkerungsschichten dazu.

Krippe, Kita und Kindertagespflege spielt in diesem Zusammenhang in den nächsten Wochen und Monaten eine zentrale Rolle. Es gilt Konzepte zu entwickeln, um die belasteten Kinder gezielt zu unterstützen, Sprach- und Bewegungsförderung gezielt zu betreiben und insbesondere die seelische Gesundheit und emotionale Kompetenz der Kinder zu stärken.

Ich habe Kolleg*innen eingeladen, hier in diesen Blog und in meine Kita Talks eingeladen, um Dir einige Impulse und Anregungen mit auf den Weg zu geben, um die Kinder durch diese schwierigen Zeiten zu begleiten und Ihnen Co-Regulationsmöglichkeiten anzubieten.

Den Auftakt hierzu macht Mareike Paic von den Sternstundenseminaren, die bereits im ersten Lockdown einen Gastbeitrag zu ihren “Gefühlsuhren” – beigesteuert hat. Ab sofort lohnt es sich dann regelmäßig in die KitaTalks auf YouTube reinzuschauen. Dort spreche ich mit Expert*innen über den Umgang mit gewaltvollen und aggressiven Rollenspielen, Möglichkeiten die emotionale Kompetenz durch Methoden aus Theaterpädagogik zu stärken und die Begleitung psychisch belasteter Kinder im Allgemeinen. Ergänzend findest Du dort auch ein Gespräch, dass ich mit der Kinder- und Jungend Psychotherapeutin Gundula Göbel geführt habe zum Thema: “Kinderängste achtsam begleiten”. Am besten abonierst Du diesen Blog und meinen YouTube Kanal, damit Du keinen Beitrag mehr verpasst.

Und jetzt wünsche ich Dir viele herzerwärmende Inspirationen mit dem Gastbeitrag von Mareike Paic

Deine Anja

 

Kinderherzen stärken

 

Ein Gastbeitrag von Mareike Paic von den Sternstunden Seminaren

Gerade in den kommenden Wochen, wenn die Kinder nach langer Zeit zurück in den Kindergarten mit eingeschränkten Regelbetrieb kehren, haben sie einen großen Rucksack Sorgen und Verunsicherungen mit sich rumzuschleppen. Sie müssen eine erneute die Trennung der Familie verkraften – wo sie je nach Befinden und Ressourcen der einzelnen Familie mit unterschiedlichsten Problemen und Nöten konfrontiert wurden. Aber auch wir als pädagogische Fachkräfte haben Ängste und Sorgen, die wir nicht immer vollständig vor den Kindern verbergen können. Dadurch, dass enige Kinder nicht ständig über ihre Sorgen sprechen und derzeit mit den Gegebenheiten kooperieren, ist ihre Verunsicherung und Not oft schwerer zu erkennen.

Neben Zeit zum Ankommen, Achtsamkeit und Zuwendung gerade in den ersten Wochen brauchen die Kinder auch Raum, um Antworten zu finden und ihre Sorgen frei zu lassen.

Eine Möglichkeit dafür ist der Einsatz von sog. Sorgenfresserchen.
Mit dem Sorgenschmelzer habe ich diese Methode weiterentwickelt, um mit den Kindern in ein Gespräch zu kommen – und einen Türöffner für tiefgreifenden Gespräche zu bieten.

Sorgen entsorgen will gelernt sein

Was macht Ihr mit einer Sorge, die euch bedrückt? So eine Sorge, die Bauchweh verursacht, den Kopf und das Herz betrübt und ein komisches Gefühl macht. Die sich nicht so einfach auflösen lässt und schon gar nicht mit Worten schnell zu erklären ist – vielleicht, weil ihr sie selbst nicht so recht versteht?

Jeder von uns hat eine andere Strategie, mit diesen belastenden Gefühlen umzugehen. Sich jemanden anvertrauen, darüber schlafen, Hilfe einfordern, einen Ausweg suchen… all das können Wege sein, die wir aber irgendwann einmal als Problemlösungsstrategie gelernt, als hilfreich erlebt und weiterentwickelt haben. Den Kindern steht dieser Katalog an Möglichkeiten in der Regel noch nicht zur Verfügung.

Ein Kummerkasten kann entlasten

Wäre es nicht prima, wenn wir einen echten Sorgenfresser hätten? – ein Happs und das Problem ist gegessen!
Für Kinder kann ein kleiner, persönlicher Begleiter dieser Art genau diesen Effekt haben- das Problem wird erkannt- benannt und verbannt. Unaussprechliches wird weggesperrt. Die Kinder können jederzeit ihr Fresserchen in der Not füttern. Ob die belastende Sorge auf einem Zettel notiert, gemalt oder vielleicht mit einem Knopf aus einer immer parat stehenden Kiste gefüttert wird, ist abhängig vom Alter der Kinder. Wichtig ist eine Möglichkeit zu schaffen, die Kinder eigenständig und spontan umsetzen können.

 

 

Denn wenn sie abhängig sind von der Hilfe seitens eines Erwachsenen, ist die Intimität und Vertrautheit mit dem Sorgenfresserchen nicht gegeben- die Kinder müssen sich überwinden, sie sind gezwungen, Dinge auszusprechen und finden sich nicht selten ungewollt in einer Beratung unsererseits wieder.

Die Vorbereitungen

Das Herstellen der Sorgenfresser ist eine gute Gelegenheit, um mit den Kindern über die Kräfte dieser persönlichen Begleiter ins Gespräch zu kommen und bietet schon Raum und Gelegenheit, um über Gefühle und Ängste zu philosophieren.
Dabei haben die Kinder ganz unterschiedliche Vorstellungen von ihrem Kummerkumpel. Für den einen sollte er plüschig weich zum Knuddeln sein, das nächste Kind bevorzugt vielleicht eher einen harten Kerl, der ordentlich schnappen kann. In der Phantasie der Kinder entstehen diesbezüglich unterschiedliche Bilder- da ist es wichtig, ihnen auch bei der Materialauswahl ein möglichst breites Repertoire anzubieten.

Materialideen

Utensilos und Behälter unterschiedlichster Beschaffenheit eignen sich zur verschwiegenen Aufbewahrung von Nöten und Ängsten. Aber sie sollten einfach und fest zu verschließen sein- besonders beliebt sind Reißverschlüsse. Vielleicht, weil das Kind sie sichtbar und mit Nachdruck absperren kann – die Sorge also wirklich sicher verwahrt ist.

Ich biete den Kindern gerne kleine Täschchen, Kosmetikbeutel und Faulenzeretuis an. Aber auch Hardcover Brillenetuis eignen sich hervorragend, da sie so richtig feste zuschnappen können.

Die Behälter sollten eher klein und handlich sein – kleine Begleiter passen besser in Verstecke.

Bei der Ausgestaltung empfehle ich Minimalismus- Aufwendige Stielaugen und kunstvoll drapierte Antennen sorgen eher für Frust, da sie nicht besonders stabil sind …. Und ein echtes Sorgenfresserchen sollte belastbar und hosentaschentauglich sein.

Als Augen und Zähne haben sich selbstklebendende Filzgleiter aus der Möbelabteilung bewährt- oder fest aufgenähte Knöpfe .

Eine Schale mit Knöpfen, Muggelsteinen, Zettelchen oder sonstigen steht den Kindern immer zur Verfügung. Das Sorgenfresserchen an sich wohnt an einer privaten Stelle seines Besitzers. Und nur das Kind selbst entscheidet, wann das Fresserchen gefüttert wird- oder sich mal entleeren möchte.

Auf keinen Fall dränge ich das Kind, mir etwas aus den geheimen Bauchgeschichten zu verraten. Es kommt aber schon vor, dass ein Kind aus eigenem Antrieb von den Geheimnissen erzählen möchte. Die Sorge macht jetzt nicht mehr im eigenen Bauch Kummer – das macht drüber reden oft schon viel einfacher.

Warme Worte wirken Wunder

Wie ich anfangs erwähnt habe, haben wir Erwachsenen im Laufe unseres Lebens unterschiedlichste Erfahrungen gemacht, wie wir mit Problemen und Sorgen umgehen können. Und wir haben auch gelernt, Gefühle zu benennen und herauszufinden, was uns in belastenden Situationen gut tut.

Um Kinder

  • in diesen Lernerfahrungen, ihrer Resilienz, zu stärken,
  • eigene Lösungswege erkennen zu lassen – „Was hilft mir, was macht es Schlimmer?“
  • zu stärken, Gefühle zu erkennen, zu benennen und sich zu trennen. Ohne exakte Worte zu finden
  • einzuladen, Sorgen und Nöte sichtbar abzugeben und zu vernichten

habe ich die Idee des Sorgen Schmelzers entwickelt.
Das Benennen eines Problems kann schon einen großen Teil der Belastung von einer Seele nehmen. Ganz spielerisch kommen wir hier mit in Eiswürfeln gefrorenen Herzens ins Gespräch.

Phil, der Sorgenschmelzer hat es gerne warm und stimmungsvoll

 

 

Stellt Euch vor, Ihr vertraut gerade jemanden ein Problem an und Euer Gegenüber unterbricht die Situation mit Telefongesprächen, motorischer Unruhe oder mangelnder Zuwendung…
Keine guten Voraussetzungen, um echtes Interesse und Sicherheit zu schaffen, oder?
Daher achte ich hier ganz besonders auf eine warme und ungestörte Atmosphäre.

Mit Ruhe, einer stimmungsvollen Beleuchtung und ästhetischem Material bekommt diese gefühlvolle Runde ganz besondere Wertschätzung.

  • Der Schmelzer – ein entsprechend gestaltetes (Gurken-) Glas steht auf einem Drehteller in der Mitte. Somit kann jedes Kind „unter 4 Augen“ mit direktem Blickkontakt mi dem Sorgenschmelzer reden.
  • Ich habe beim Entwickeln dieser Idee gemerkt, dass ich diesen engen Vertrauten gerne mit Namen ansprechen möchte. Da er mich zum Philosophieren einlädt, habe ich ihn „Philosophus, der Sorgenschmelzer“ genannt (kurz Phil) – wie wird er wohl bei euch getauft?
  • Im Vorfeld habe ich kleine Herzen (Streudeko) in Eiswürfel eingefroren
    (anstatt Eiswürfelbehälter eignen sich Toffifee-Schachteln- die geben das Herz schneller frei)
  • In kleinen Schüsseln stehen die vorbereiteten Eiswürfel – jeweils mit einer Zuckerzange, Löffel oder ähnlichem daneben.

Die Kinder sind eingeladen Phil alles anzuvertrauen und zu erzählen – ihre Sorgen und Ängste, irritierende und bohrende Fragen. Sie bekommen so die Gelegenheit von kalten Momenten in ihrem Herzen zu sprechen und diese wichtige, störende Angelegenheit im Sorgenschmelzer zu versenken und über dieses Gefühl zu philosophieren. Oder einfach nur zu beobachten, wie die Sorge vielleicht kleiner wird – während der Gesprächsrunde schmilzt der Eiswürfel sichtbar. Das Gefühl des entlastenden „Drüber Redens“ wird somit symbolisch unterstützt.

Die Runde „Tut mir Gut”

Verstärkend setze ich in weiteren Runden kleine Behälter- in diesem Fall Zuckerspender_ mit warmem Wasser ein. Die Kinder sind eingeladen, zu benennen, was ihnen in der Situation guttun würde – was sie sich wünschen und was sie brauchen. Und mit jeder Idee kommt ein Schluck warmen Wassers in den Sorgenschmelzer- das lässt ihn die Sorgen noch schneller verdauen. Vielleicht hat auch ein anderes Kind mal eine „Tut mir Gut – Erfahrung“ gemacht und kann davon an dieser Stelle berichten? Auch dann kommt natürlich ein großer Schluck warmes Wasser in unser Sorgenschmelzerglas. Was anschließend mit den freigewordenen Herzen geschieht bleibt hier offen…denn Kinder entwickeln gerade an dieser Stelle eine eigene Strategie.

  • Vielleicht ist es für Eure Gruppe wichtig, dass der Sorgenschmelzer stillschweigend verdaut und entsorgt.
  • Oder bekommen die Kinder nach der Runde ein „warmes Herz“ zurück?
  • Oder pustet Ihr zum Schluss leichte Seifenblasen…

Bestimmt entwickelt Ihr mit den Kindern Eure individuellen Ideen. Vielleicht ist es ja auch hilfreich, noch einen Zuckerspender mit dunkel gefärbtem, kaltem Wasser anzubieten, um die Dinge zu benennen, die Situationen verschlimmern?

Die Bedürfnisse und Kompetenzen Eurer Kindergruppe entscheidet über Umfang und Art der Umsetzung – der Methode braucht Zeit, um sich zu etablieren und zu entwickeln. Der Sorgenschmelzer ist kein einmaliger Besucher – denn man muss sich ja erst einmal kennen lernen, um zu vertrauen. Die Kinder dürfen immer frei entscheiden, ob, wann und wieviel sie Phil verraten wollen. Gerade in diesen Zeiten ist es wichtig, an die seelische Gesundheit der Kinder zu denken und ihnen Raum, viel Zeit und Aufmerksam zu schenken. Dabei kann diese Methode spielerisch und ohne jeden Druck eine Bereicherung sein.

Eure Mareike

 

“Alles Reden ist sinnlos,

wenn das Vertrauen fehlt.”

Franz Kafka

 

P.S. Wenn Du gerne mehr von und über Mareike erfahren möchtest, dann besuch gerne ihre Website: https://www.sternstunden-seminare.de/. Dort findest Du z.B. tolle Seminare, eine DVD und ihr Buch mit weiteren kreativen Anregungen.

Zur Sprachbildung in Zeiten von Corona habe ich bereits letztes Jahr einen KitaTalk unter dem Titel: “Sprachbildung trotz(t) Corona” mit ihr aufgenommen. Schau gerne rein. Es lohnt sich, dort erlebst Du Mareike mit ihrer ansteckend positiven Sicht auf die Kinder und die Welt.

Starke Fachkräfte für starke Kinder in der Pandemie

Wir haben bereits Februar und mittlerweilen jährt sich schon bald der Ausnahmezustand, in dem wir uns nun schon so lange befinden. Die Pandemie zerrt an unser aller Nerven und irgendwie wünschen wir uns vermutlich alle, dass es jetzt einfach nur vorbei gehen soll. Jede*r von uns hat sein eigenes Päckchen zu tragen und trotzdem darfst Du als pädagogische Fachkraft die Bedürfnisse, Sorgen und Ängste der Kinder nicht außer acht lassen.

Aus diesem Grund habe ich diesen Monat, der achtsamen Begleitung der Kinder gewidmet. In meinem letzten KitaTalk “Kinderängste achtsam begleiten” habe ich beispielsweise mit Gundula Göbel Kinder- und Jugend Psychotherapeutin darüber gesprochen, was Kinder jetzt in dieser Zeit insbesonderen von uns Erwachsenen brauchen.

Heute freue ich mich, dass ich Fea Finger als Erzieherin, Kindheitspädagogin, Resilienz- und Empathietrainerin für diesen Gastbeitrag gewinnen konnte. Sie beschreibt sehr eindringlich, was Du als pädagogische Fachkraft tun kannst, um Dich selbst zu stärken und dann die Kinder während der Pandemie stark und resilient zu machen.

Ich wünsche Dir viel Spaß beim Lesen und bin sehr gespannt auf Dein Feedback

Deine Anja

Was wir tun können, um Kita-Kinder während der Pandemie zu stärken

Ein Gastbeitrag von Fea Finger

Vermutlich ist allen Fachkräften in Kitas klar, dass sie nicht vor den Kindern über die Kinder sprechen sollten. Es gibt viele Dinge, die zu Verunsicherung bei den Kindern führen oder die Älteren schnappen auch schon mal etwas auf und erzählen dies zu Hause weiter. Generell gilt es darauf zu achten sollten, was wir sagen wenn Kinder anwesend sind. Wir wissen nie, was davon in welcher Weise bei welchem Kind individuell hängen bleibt. Trotzdem erwischen wir uns in der Praxis immer wieder dabei, wie wir doch wieder in der Gegenwart der Kinder reden.

Vor einem Jahr wussten wir alle noch nicht, was da auf uns zu kommt und welche Auswirkungen das haben könnte. Nun sind wir ein Jahr weiter und wissen immer noch nicht genau, wie das alles weiter geht. Manche waren am Anfang noch zuversichtlicher als jetzt, andere haben sich mittlerweile wieder selbst gefunden und machen weiter. Vermutlich gehört all das dazu. Alles, was dieses Virus mit sich bringt ist gleichberechtigt wichtig und wird ganz individuell aufgenommen und verarbeitet. Für jede*n von uns hat es ganz unterschiedliche Auswirkungen und Konsequenzen, die sich vielleicht auch erst noch zeigen werden.

Unbedacht Ausgesprochenes mit unbeabsichtigten Folgen

Wir Erwachsenen, wir Fachkräfte in den Kitas haben die Möglichkeit, das alles zu reflektieren und so zu verarbeiten, wie es unsere eigenen Erfahrungen, unsere eigene Resilienz, zulassen. Die Kinder dagegen sind sehr darauf angewiesen, zu sehen wie wir damit umgehen. Im Besonderen Kinder, deren Eltern von Existenzängsten betroffen oder vom Homeoffice und den ständigen Anforderungen gestresst sind, deren Großeltern krank oder in Folge des Virus verstorben sind (um nur einige mögliche Situationen zu nennen) brauchen jetzt pädagogische Fachkräfte, die ihre eigenen Ängste und Sorgen nicht mit in den Gruppenraum bringen.

Allerdings soll das nicht bedeuten, eigene Ängste oder Gedanken zu verstecken denn Kinder merken sowieso, ob es uns wirklich gut geht oder nicht. Aber wie machen wir das am Besten?

Was es zunächst zu vermeiden gilt ist, dass Fachkräfte sich während des Freispiels oder in einer anderen Situation, in der Kinder anwesend, sind über Szenarien unterhalten wie die Folgende, die vermutlich jede Fachkraft in Kitas kennt:

Es ist wuselig in der Garderobe, die Gartenzeit beginnt gleich. Jacken liegen auf dem Boden, Gummistiefel und Mützen sind verstreut, manche Kinder sind schneller beim Anziehen als andere. Dazwischen die Kolleg*innen, die helfen wo es nötig ist. Erzieher*in 1 und Erzieher*in 2 kommen aus dem Turnraum in die Garderobe, ihr Gespräch haben sie dort schon begonnen, während sie die letzten Matten aufgeräumt haben. Sie wissen, dass sie jetzt gleich das Thema beenden müssen, weil sie an unterschiedlichen Stellen gebraucht werden. Denkbar ist dann beispielsweise folgender Dialog:

Erzieher*in 1 zu Erzieher*in 2: „…ja das war schlimm! Plötzlich war sie einfach so krank und stell Dir mal vor, sie war erst so alt wie Marvins Mutter! Einfach gestorben!“ Erzieher*in 2: „ Oh mein Gott! Das ist ja furchtbar! (Blick zu Marvin, der grade seine Stiefel anzieht) so eine junge Frau! Dabei heißt es doch immer, dass eher ältere Menschen daran sterben. Ich hab wirklich Sorge um meine Oma. (dreht sich zu Marvin) Komm Marvin, ich helfe Dir mal mit dem Reissverschluss. (wieder zu Erzieher*in 1)Dieses Corona ist wirklich schlimm! Aber mich nervt es so, dass wir jetzt ständig Masken tragen müssen! Was das mit den Kindern macht, will ich mir gar nicht vorstellen!“

In Alltagssituationen wie diesen denken wir uns oft nichts dabei, schon gar nichts Böses. Niemand will den Kindern absichtlich schaden und doch sind solche Momente sehr risikobehaftet. Wenn wir davon ausgehen, dass die beiden ihr Gespräch bereits vor zehn Minuten im Turnraum begonnen haben, haben es auch dort schon mehrere Kinder mitbekommen. Was genau und was davon dann beim einzelnen Kind im Kopf oder im Gefühl ankam, wissen wir nicht. Wir wissen auch nicht, wie Marvin es aufnimmt, dass da Rückschlüsse auf seine Mutter gezogen werden. Vielleicht bekommt er Angst, dass sie auch sterben könnte. Möglich ist auch, dass ein anderes Kind das aufschnappt und dann Marvin erzählt, dass seine Mutter jetzt stirbt, weil Erzieher*in 1 das gesagt hätte. Das Ganze kann also weitaus größere Ausmaße annehmen, als wir uns das manchmal so denken.

Raum schaffen für die eigenen Sorgen und Ängste

Eine der derzeitigen Herausforderungen besteht nun also darin, Zeit und Raum zu schaffen in denen sich die pädagogischen Fachkräfte austauschen können. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten und mit Sicherheit kann das in jeder Einrichtung individuell gestaltet werden. Beispielsweise können kleine tägliche, wöchentliche, vielleicht sogar spontane Meetings -auch online- stattfinden um Gedanken, Ängste und auch Zuversicht auszutauschen und sich gegenseitig zu bestärken. Dabei kann und sollte es meiner Meinung nach auch darum gehen, wie die Erzieher*innen mit den derzeitigen Massnahmen zu Recht kommen. Vielleicht beschäftigt jemanden, dass er/ sie nun ständig mit Maske arbeitet und was das mit den Kindern macht oder macht sie Gedanken darum, wie man die neuen technischen Herausforderungen bewältigen kann. Eventuell leidet jemand darunter, dass nun noch öfter als sonst gelüftet wird oder dass ständig überall entlang geputzt werden muss und diese Zeit von der Arbeit mit den Kindern abgeht. Es müssen nicht immer gleich persönliche Ängste und die ganz großen Sorgen sein, die uns beschäftigen. Fachkräfte, die ihren Beruf mit viel Können, Wissen und Empathie leben, machen sich viele Gedanken um die Kinder, die sie begleiten. Diese Themen können in einem gut funktionierenden, sich gegenseitig unterstützenden Team gelöst werden. Für Teams, die untereinander Konflikte austragen kann die gemeinsame Bewältigung solcher Aufgaben stärkend und bereichernd wirken. Wichtig ist, dass es die Möglichkeit gibt und das außerdem aus oben genannten Gründen Konsens darüber besteht, dass keine Kinder anwesend sind, während all das besprochen wird.

Dieses Vorgehen ermöglicht, dass pädagogische Fachkräfte einerseits selbst getragen werden durch ihr Team und das Wissen, dass sie nicht allein sind mit den Herausforderungen und andererseits, dass sie dann den pädagogischen Alltag weiter professionell für und mit den Kindern und Eltern gestalten können ohne zu abgelenkt zu sein von eigenen Themen.

Kinder stärken im pädagogischen Alltag

Nachdem nun also Raum geschaffen wurde, in dem die Fachkräfte sich austauschen können und damit schon einige für Kinder risikobehaftete Situationen reduziert wurden, geht es noch konkreter daran, die Kinder zu stärken. Wie kann das gehen?

Kinder brauchen feste, verlässliche Bezugspersonen und Strukturen, nicht nur jetzt. Wir dürfen dabei so viel normalen Kita-Alltag beibehalten, wie unter den aktuellen Umständen möglich und auch nötig ist. Ich bin außerdem sehr dafür, den Kindern noch mehr wie sonst Platz, Zeit und Raum für das freie Spiel zu geben. Vermutlich sind die Stunden in der Kita die einzigen am Tag, an denen Kinder andere Kinder um sich haben. Das gemeinsame Erschaffen im Spiel stärkt Resilienzfaktoren wie z.B. die Bewältigungskompetenz der Kinder. Sie finden Lösungen für Probleme und entwicklen Strategien, wie sie damit umgehen können. Genau diese Fähigkeit brauchen wir momentan alle. Gleichzeitig werden die Bedürfnisse der Kinder durch die Fachkräfte weiter beobachtet und feinfühlig beantwortet. Besonders bei Kindern, die ihre Ängste oder Gedanken nicht verbalisieren (können) braucht es jetzt Sensibilität und sehr feines Beobachten durch die Erzieher*innen.

Darüber hinaus können Kinder gestärkt werden, indem z.B. im Portfolio „Stärkenseiten“ angelegt werden auf denen die Kinder sehen können, was sie schon alles geschafft haben und welche Strategien ihnen dabei geholfen haben. Auch Bildungs- Und Lerngeschichten sind hierfür ein gutes Instrument. So senken wir eine eventuell gefühlte Hilflosigkeit und wandeln sie in Selbstwirksamkeit um. Mit älteren Kindern können wir auch schon gemeinsam überlegen, wie sie Dinge gelöst haben und was dabei gut funktioniert hat. Außerdem halte ich es für wichtig, Rückzugsmöglichkeiten zu schaffen aber auch, dass die Kinder sich bewegen können. Das alles dient der Selbstregulation.

Bestätigung der eigenen Arbeit

Alter Hut!? Haben wir alles schon!? War mir eh klar!? Umso besser! Denn daran wird deutlich, dass wir gar nicht so viel Neues tun müssen um die Kinder zu stärken. Nur das, was wir sowieso schon tun darf überdacht, verändert und bewusster getan werden und zumindest mich entspannt das sehr und bestärkt mich darin, dass schon alles gut ist.

Deine Fea Finger

P.S.

Falls Du mehr von und über Fea Finger hören und erfahren möchtest, dann hör in Ihren tollen Podcast: Feas Naive Welt. Hier beschäftigt sie sich mit vielen wichtigen pädagogischen Themen. Kurzweillig und immer mit Tiefgang. Oder folge ihr auf Instagram @feafinger

Außerdem war sie auch schon zu Gast bei mir den den KitaTalks mit dem Thema: “Achtung vor Eltern in der Pandemie”.