„Orange the world…“- Umgang mit häuslicher Gewalt als Fachkraft

Heute am Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, möchte ich den Fokus der Aufmerksamkeit auf das Thema „häusliche Gewalt“ richten. Bereits im September ist ein KitaTalk mit Jenny Schmetzer dazu auf YouTube erschienen. Jenny ist eine von drei Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen war. Ihre Tochter, damals 4 Jahre alt, halt alles mitbekommen. Obwohl das Kind durchaus in der Kita davon erzähle, blieben die pädagogischen Fachkräfte untätig. Vermutlich fühlten sich die Kolleg*innen ohnmächtig bzw. wussten nicht wie sie das am besten angehen. In dem eindrücklichen Gespräch mit Jenny Schmetzer im Rahmen der KitaTalks berichtet sie von der erlebten häuslichen Hölle, der Hilflosigkeit der Fachkräfte, wie sie aus dem Teufelskreis ausgestiegen ist und welche Hilfe sie sich gewünscht hätte.

Die ersten Hinweise und Anzeichen

„Ach, das ist doch nix, ich hab mich nur gestoßen“, mit solchen oder ähnlichen Sätzen beginnt es dann häufig. Das sind für Dich als Fachkraft oftmals die ersten Anzeichen, wenn eine Mutter, im Einzelfall ein Vater, mit einem blauen Auge (schamhaft bedeckt von einer Sonnenbrille) oder einer blutigen Lippe vor Dir steht. Nachdem das bereits häufiger vorgekommen ist, wächst in Dir langsam ein Verdacht.

Konfrontation mit der eigenen Angst

Oftmals entsteht der erste Widerstand, sich diesem Thema anzunehmen, dadurch, dass es sich um Frauen handelt und wir selbst Frauen sind. Allein die Vorstellung geschlagen und erniedrigt zu werden, macht etwas mit uns. Angst, Wut, Hilflosigkeit steigen in uns auf. Manchmal werden auch eigene Erinnerungen und Erlebnisse wach, die sich lähmend auswirken können.

Alte Urteile und Vorurteile

Ich selbst bin in einer Generation aufgewachsen, in der häusliche Gewalt Frauen gegenüber lange Jahre toleriert wurde. Es kursierten Sprüche wie „Das wird sie schon verdient haben.“ und ähnliches. Es ist eine Blamage, wie lange es überhaupt gedauert hat, Vergewaltigung in der Ehe strafrechtlich zu verfolgen.
Für Männer, denen häusliche Gewalt widerfährt, ist es um ein Vielfaches schwerer, da sie dann als „Weicheier“ und „Schwächlinge“ abgestempelt und verhöhnt werden.

Die Fakten

Warum sollte eine Frau oder ein Mann selbst schuld sein, wenn es zu gewaltvollen und sexualisierten Übergriffen an ihm*ihr kommt? Was die die Länge eines Rocks damit zu tun?

Fakt ist, dass weltweit jede 3. Frau gewalttätige Übergriffe mindestens einmal erlebt hat und ein Großteil findet im häuslichen Umfeld statt. Häusliche Gewalt zieht sich durch durch alle Schichten und Altersstufen. Niemand ist davor gefeit, häusliche Gewalt zu erfahren. Und die Betrofffenen trifft keine Schuld!

Umgang mit häuslicher Gewalt gehört ins Kinderschutzkonzept

Aber zurück zum Ausgangspunkt: Was kannst Du als Fachkraft tun, wenn Du mit häuslicher Gewalt in Deinem Arbeitskontext in Kontakt kommst?

Ich habe ein paar Jahre in Kitas gearbeitet, in denen Kinder und Frauen von häuslicher Gewalt betroffen waren. Paragraph 8a gab es noch nicht, Frauenhäuser entstanden gerade erst… die Zusammenarbeit mit dem ASD (=allgemeinen Sozialdienst) empfand ich oftmals als unbefriedigend.
Ich hatte lediglich die Handgabe, dem alkoholisiertem Vater zu verweigern, sein Kind mitzunehmen.
Ich habe Erzählungen im Ohr, dass eine Mutter oft von ihrem gewalttätigen Ex-Mann an der eigenen Haustür bedroht wurde, die Polizei ihn jedes Mal wieder dort abholte und ermahnte, es aber nie zu einer Lösung für die Frau kam.

Für den Fall der Gefährdung des Kindeswohls gibt es in der Regel ein Kinderschutzkonzept, dass ein gewisses Vorgehen vorsieht. Geht es nun im Kern um die Gewalt, die gegen die Mütter gerichtet ist und die Kinder dies meist dann miterleben müssen, solltet Ihr im Team dieses Szenario explizit mit ins Kinderschutzkonzept aufnehmen und Strategien zu besprechen, was die Fachkräfte tun können, um den Betroffenen eine Brücke zu bauen.

Eine orange Fransenquaste als Hilferuf

Eine Möglichkeit bestünde darin, einen Korb mit orangen Fransenquasten (s.Foto) bereitzustellen. Betroffene (Frauen und Männer!) könnten dann eine Quaste nehmen und einer Fachkraft geben, um damit wortlos darum zu bitten, die Polizei zu informieren. Zum Reden oder gar selbst die Polizei zu informieren, fehlt den Betroffenen oft die Kraft und der Mut!
Damit das Ganze funktionieren kann, gehört ein solches Prozedere mit ins Konzept und es sollte offen vom ersten Elternabend an darüber gesprochen werden, dass es solche Hilfsangebote in der Einrichtung gibt.

Ich wünsche Dir MUT, Mut zum HANDELN, falls Du mit häuslicher Gewalt in Deinem Arbeitskontext konfrontiert wirst.

Deine Anja

YouTube KitaTalk : „Häusliche Gewalt – was Fachkräfte tun können“ mit Jenny Schmetzer

Vorlesen als Ritual in der Ausruh- und Schlafenszeit

Foto: Jochen Wildt

 

In diesem Monat habe ich für Dich die Kinderbuchautorin Nadine Marchi für einen Gastbeitrag gewinnen können.

Studien der Stiftung Lesen belegen: Vorlesen ist wichtig und wertvoll und unterstützt die Entwicklung von Kindern auf unterschiedlichste Weise.
Diesen Studien zufolge lernt ein Kind durch die Geschichten, sich in andere hineinzuversetzen und entwickelt Empathie. Außerdem besteht ein Zusammenhang zwischen dem Vorlesen, der Lesefreude und dem Leseverhalten. Das wirkt sich oftmals positiv auf das Lernen aus. Kindern, denen viel vorgelesen wurde, fällt das Lesen, Texte verstehen und Schreiben lernen in der Regel leichter.
Gleichzeitig helfen Geschichten, sich früh mit verschiedenen Themen auseinanderzusetzten. Während des Vorlesens können Kinder Fragen stellen und viele Lebensthemen wie z.B. Trennung, Verlust, Freundschaft, Familienzuwachs, Schulbeginn o.ä. besprochen werden.
Das eröffnet ihnen Möglichkeiten, Lösungen auch für schwierige Situationen zu entwickeln und gestärkt durchs Leben zu gehen.
Und Vorlesen stärkt die Bindung und Beziehung, das kann ein wunderbares Rituall für die Schlafens- und Ausruhzeit z.B. in der Kita sein. Und genau darüber berichtet Nadine Marchi aus ihrer Erfahrung als Erzieherin und Kinderbuchautorin.

Ich wünsche Dir viel Spaß beim Lesen.

Deine Anja

Das Vorlesen als Ritual in der Ausruh- und Schlafenszeit

Die Eingewöhnungsphase der neuen Kinder ist abgeschlossen oder hier und da noch im vollen Gang. Mit der Eingewöhnung der neuen Kinder, durfte überlegt werden, wie die Mittagszeit, Essen- und Schlafenszeit abläuft. Welche Kollegin übernimmt, welche Aufgaben, welche Kinder schlafen, welche wollen sich nur ausruhen.

Wie es zu dem Beitrag kam

Selbst mir stellten sich die Fragen. Ich bin Nadine Marchi, Erzieherin und Kinderbuchautorin. Anja Cantzler fragte mich, ob ich einen Gastbeitrag zum Thema Vorlesen und Lesen in der Kita schreiben mag. Jetz sitze ich hier im Wohnmobil, bin selber gerade aus dem Alkoven geklettert und bemerke, wie gerne ich in solch einer „Höhle“ schlafe. Es geht hier aber nicht um mich und meinem Urlaub, sondern um die Kinder, obwohl hier parallelen zu entdecken sind.

Erinnerungen werden wach

Hast du nicht auch früher gerne Höhlen gebaut und Dich mit Büchern umgeben, sie durchgeblättert und dich in die magische Welt der Bücher verloren? Vielleicht saßen sogar deine Eltern dabei und haben vorgelesen.

Hast du in der Mittagszeit deinen Kindern

in der Kita in einer Höhle vorgelesen?

Ich bin ehrlich und sage nein. Ich kann mich noch an 1996 erinnern. Als Auszubildene saß ich auf einem bequemen Stuhl und im Halbkreis hatte ich 14 Holzbetten um mich herum in der Turnhalle aufgestellt. Neben mir lag ein Buch der kleine Wassermann. Die blickdichten Vorhänge waren zugezogen. Meine Aufgabe war es vorzulesen und wenn alle ruhig sind oder schlafen einfach 20 Minuten warten. In der Zeit hatte ich meine Strickliesel und wartete ab.

Damals las ich schon gerne mit verstellter Stimme vor, mal laut, mal leise und baute den Spannungsbogen auf. Heute weiß ich, dass es viel zu aufwühlend für die Kinder um zur Ruhe zu kommen in der Mittagszeit, aber damals wusste ich es nicht besser.

Mein heutiges Mittagsritual in der Kita

Heute lese ich immer noch gerne vor, aber für de Mittagszeit und das Vorlesen in dieser Zeit lebe ich andere Rituale mit den Kindern. Ich unterscheide zwischen den Jüngsten unter drei Jahre und den Kindern ab vier Jahre. Je nach Alter biete ich unterschiedliche Geschichten und Umsetzungen an. Aber sie haben immer die gleiche Struktur.

  • Musikalisches Zeichen und Einleitungsreim
  • Geschichte mit Entspannung und Atemübungen
  • Musikalisches Zeichen mit Reim zum Ausklang

 

Eins, zwei, drei das Spielen ist jetzt vorbei, ein jeder setz oder legt sich hin und lauscht der Glocke

„Klingeling“ (mit der Glocke läuten). Wir atmen ein und atmen aus (ein- und ausatmen)

Die Geschichte nimmt jetzt ihren Lauf.

Gerne zeige ich dann Bildkarten in DinA2 auf der eine einfache Handlung zu sehen ist. Sie sollen auffordern Bilder im Kopf entstehen zu lassen, aber nicht nach vorne gehen und zeigen wollen. Hervorragend umzusetzen mit einem Kamishibai (eine sog. Kniebühne). Dieses durfte ich durch Caren Leonhard besser kennenlernen. Seitdem gestalte ich und reime ich selber Kamishibaikarten.

Wiederholungen sind wichtig

Dabei achte ich darauf, dass wir eine Geschichte innerhalb einer Woche immer wederholen. Kinder lieben Wiederholungen beim Lesen.

Erinnerst du dich noch als du früher fast die Geschichten mitsprechen konntest?

Genauso baue ich meine Vorleserunden auf. Die Geschichte ist nicht länger als 10 – 15 Minuten. Mit den Ritualen der Einleitung und dem Ausklang kann es dann sogar auf 20 Minuten kommen.

Fließende Übergänge vom Lesen ins Ausruhen und Schlafen

Meinen Ausklang gestalte ich immer so:

Eins, zwei, drei die Geschichte ist jetzt vorbei. Wer mag schließt jetzt die Augen zu und kommt ganz still zur Ruh.

Wir atmen ein und atmen aus, es wird ganz still im ganzen Haus.

Oftmals schlafen hierbei schon Kinder ein. Für die etwas Älteren in der Gruppe, die nicht einschlafen möchten, gestalte ich das ganze gerne mit passenden Figuren zur Geschichte. Somit biete ich im Nachgang immer noch einen Anreiz die gehörte Geschichte nachzuspielen.

Bücher fühlbar machen

Vorlesen heißt für mich nicht nur den Text herunterzulesen. Er darf lebendig werden und erzählt werden und insbesondere gefühlt werden.

Geschichten und Bilderbücher fördern:

  • die Empathie
  • die Kreativität
  • Selbstbewusstsein und Sprachkompetenz
  • Das Wissen
  • Das Gefühl der Geborgenheit und Vertrauen
  • Die Fantasie
  • Das Interesse an der Umwelt

Vorlesen stärkt die Beziehung

Ich sehe den Punkt der Geborgenheit und des Vertrauens als eines der Wichtigen beim Thema Vorlesen. Meine Vision, dass viele Kinder mit Geschichten im Alltag aufwachsen und Familien damit emotionale Bindung zu ihren Kindern aufbauen, liegt mir sehr am Herzen. Eine Geschichte ist ein Gefühl und ich glaube das jede Familie ihre eigene Fantasiegeschichte hat und sie damit Kindheitserinnerungen schaffen können, an die sich Kinder noch in 30 Jahren erinnern können.

Vorlesen in den Alltag integrieren

In meiner langjährigen Erfahrung als Erzieherin, weiß ich, dass Vorlesen immer schwieriger wird im Alltag miteinzubeziehen. Die Prioritäten sind verschoben worden und man glaubt nicht die Ruhe dafür zu haben. Richtig man glaubt nur. Wie wäre es wieder den Fokus im Erzieheralltag ein wenig mehr auf das Geschichten erzählen und Bücher vorlesen zu verlegen. Ich bin dabei.

Eine mögliche Aktion wäre das Buch des Monats. Gemeinsam mit den Kindern wird aus drei Büchern eins gewählt und den Familien ansprechend präsentiert. Dabei steht offensiv „Buch des Monats“. Für Eltern ein Anlass ein Buch in die Hand zunehmen in der Kita oder sich danach zu erkundigen, wenn ihr Kind es schon zum „Buch des Monats“ gewählt hat. Die Kinder entdecken es im Alltag und für Sie ein schöner Anlass mit den Eltern über Bücher und Vorlesen ins Gespräch zu kommen.

Ich wünsche einen schönen fantasievollen Tag und viel Spaß beim Geschichten vorlesen.

Herzliche Grüße Nadine

Wenn Du mehr über Nadine und ihre Bücher erfahren möchtest, oder sie vielleicht auch zu einer Geschichtenwerkstatt zu Dir in die Einrichtung einladen möchtest: www.nadinemarchi-autorin.de

Für den Kita Bereich kann ich Euch ihr Buch: „Tortü und der Traumkoffer“ empfehlen

 

Wenn du mehr über das Thema Schlafen in der Kita und Zuhause erfahren möchtest, dazu habe ich in der Reihe der Kleinen Hefte ein Buch veröffentlicht: Schlafgewohnheiten von KitaKindern, Cornelsen

Ronny und die Morgenkreiskiste – Körperwahrnehmung als Beitrag zu Prävention und institutionellen Kinderschutz

Die Wahrnehmung des eigenen Körpers und des eigenen Ichs im Sinne von „Wer bin ich?“, „Was kann ich?“ und „Was will ich?“ bilden für mich wichtige Grundbausteine für gelebten Kinderschutz in der Kinderbetreuung und tragen zur Prävention bei.

Sensomotorisches Spiel als Grundlage

In den ersten drei Lebensjahren widmen sich Kinder in erster Linie ausgiebig dem sensomotorischen Spiel, der ersten Form kindlichen Spielens. Sie bestaunen und erforschen zunächst ihren Körper und später ihre dingliche Umwelt. Dabei sind häufige Wiederholungen mit kleinen Variationen von großer Wichtigkeit. Um dies in Ruhe tun zu können brauchen Kinder ungestörte Rückzugsorte und viel Zeit. Eines der größten Tastorgane ist unsere Haut. Darüber erhält der Körper wesentliche Impulse, die im Gehirn verarbeitet und gespeichert werden und einen großen Einfluss auf die motorische, sprachliche und emotionale Entwicklung haben.

Wickeln feinfühlig gestalten

In dem Zusammensein mit jüngeren Kindern bietet gerade die Wickelzeit zahlreiche Möglichkeiten, dem Kind individuelle Zuwendung und ein vielfältiges Lern- und Erfahrungsfeld anzubieten. Das Wickeln ist eine stark von Intimität und Vertrauen geprägte Situation, bei der durch den Körperkontakt der Bindungsaufbau zwischen Kind und Pädagogischer Fachkraft unterstützt wird. Im Sinne des Kinderschutzes und der Prävention ist es hier sehr wichtig sehr feinfühlig auf das einzelne Kind einzugehen. Dazu gehört es, den Blickkontakt zu halten und darauf zu achten, dass dem Kind die Berührungen angenehm sind und es sich wohl fühlt. Was dem einen Kind angenehm ist, empfindet das andere als extrem unagenehm. Bitte reflektiere Dich auch immer selbst, ob der Wunsch nach diesem Körperkontakt wirklich vom Kind ausgeht oder ob Du es ihm förmlich überstülpst, weil Du es gerade genießt mit dem Kind im Kontakt zu sein. Akzeptiere jedes „Nein“ und jede Abwehrreaktion – nimm das Kind in seinen Äußerungen und Signalen ernst. Damit leistest Du einen wichtigen Beitrag zu Prävention.

Spieglein, Spieglein…die Ich-Identität

Eine wichtige Grundausstattung für die Kinderbetreuung, um die Körperwahrnehmung und Entwicklung der Ich-Identität zu unterstützen sind Spiegel, möglichst so groß, dass das Kind seinen ganzen Körper darin sehen kann und so einen realen Eindruck von sich selbst gewinnt. Spiegel helfen dem Kind, eine Vorstellung von seinem Aussehen zu entwickeln, da es nur hier z. B. das eigene Gesicht und den Rücken überhaupt sehen und Mimik und Gestik erproben kann. Dabei verknüpft es automatisch die bereits gesammelte taktile Erfahrungen mit den visuellen Eindrücken. Im Alter von etwa 18 Monaten kann ein Kind sich schließlich auch selbst im Spiegel erkennen und als Person wahrnehmen.

Ausscheidungsautonomie als zentrales Thema

Ab einem Alter von etwa zwei Jahren stellt die Entwicklung der Ausscheidungsautonomie ein zentrales Thema im Zusammenhang mit der Körperwahrnehmung dar. Dafür ist neben der biologischen Reife eine gute Kenntnis des eigenen Körpers erforderlich, um die Körperfunktionen steuern und kontrollieren zu können. Gerade in dieser Phase braucht das Kind einfühlsame Erwachsene, die ihm Zeit und Raum geben, die neu gewonnene Unabhängigkeit in der für das Kind wichtigen Intimität ausprobieren und „perfektionieren“ zu können. Ein gut geführter Dialog zwischen Fachkraft und Kind ist in diesem Entwicklungsprozess von großer Bedeutung. Frag das Kind ob und von wem es begleitet werden möchte. Lass ihm die Entscheidung. Mach keine Vorwürfe, wenn es mal daneben geht.

Nein-Sagen erwünscht

Ein weiteres wichtiges Entwicklungsthema im dritten Lebensjahr ist schließlich die Ausbildung der Ich-Identität. In der Autonomiephase erprobt das Kind, was es mit seinem Willen bewirken kann, und erprobt so seine Möglichkeiten und Grenzen. Hier bekommt das Nein – Sagen eine zentrale Bedeutung. Im Kinderschutz und in der Prävention nimmt gerade dieses Nein eine wesentliche Rolle ein. Unser pädagogisches Ziel sind in der Regel Kinder, die wissen, was sie können, die wissen, was sie wollen, die sich abgrenzen können… selbstbewusste, kompetente Persönlichkeiten, die gewappnet für die Herausforderungen des Lebens sind.

Ronny und die Morgenkreiskiste

Um nun in projektorientierter Form, den eigenen Körper entdecken und erforschen zu können, kommt Ronny mit seiner Morgenkreiskiste ins Spiel.

Ronny (s.Beitragsbild) ist eine Handpuppe, die mit allen menschlichen Gliedmaßen und Körperteilen ausgestattet ist. Ronny lebt und schläft in einer Kiste. Bei der Kiste handelt es sich in Anlehnung an die Idee der Morgenkreiskisten von Mariele Diekhoff um eine schön gestaltete Kiste, die unterschiedliche Spielmaterialien und Anregungen rund um das Thema Körper und Körperwahrnehmung enthält und nach einem ritualisierten Ablauf regelmäßig im Spielkreis zum Einsatz kommt. Die Morgenkreiskiste ist aus der Praxiserfahrung heraus bereits ab einem Alter von etwa 18 Monaten geeignet.

Gestaltung der Kiste:

Ein stabiler Pappkarton mit Deckel (mind. 40 x 40 x50 cm) wird außen ansprechend gestaltet, zusätzlich kannst Du die Innenseite mit Spiegelfolie ausgekleiden, dann ist dieser wiederum für weitere Aktivitäten z.B. zum Grimassen schneiden und Gesichtsausdrücke üben einsetzbar.

Möglicher Inhalt:

In die Kiste kommt eine Grundausstattung an Materialien z. B. Bildkarten, Chiffontücher, verschiedene Bälle und Pinsel, Federn, Watte. Für die übersichtliche Aufbewahrung der Materialien sind Stoffsäckchen oder kleinere, verzierte Pappschachteln geeignet. Die Materialien sollten immer in ausreichender Anzahl vorhanden sein. Für geplante Bewegungen mit Musik oder Entspannungen empfiehlt es sich, eine CD mit geeigneter Musik in der Kiste zu deponieren.

Und natürlich darf die Handpuppe nicht fehlen. Vielleicht bekommt diese auch noch ein Schnuffeltuch oder ein Lieblingskopfkissen, damit sie gemütlicher schlafen kann. Was auch noch dazugehört, ist die Spieluhr.

Durchführung:

Einstieg

Setz Dich mit den Kindern in einen Kreis und stell die Kiste in die Kreismitte. Überlege mit den Kindern, wie die Handpuppe geweckt werden könnte. Dann darf ein Kind ganz vorsichtig die Kiste öffnen.

Die Handpuppe begrüßt dann alle Kinder persönlich mit möglichst immer wiederkehrenden Worten. Erfahrungsgemäß möchten viele Kinder die Handpuppe gerne berühren und streicheln.

Mein Ronny ist da jedoch immer sehr klar und bestimmt. Er weiß ganz genau, was er mag und was er nicht mag. Das erklärt er den Kindern und kommt mit ihnen darüber ins Gespräch, was ihnen angenehm ist und was sie nicht mögen. Es gibt auch Tage, da mag er gar keinen Körperkontakt. Genauso spannend ist es auch, wie sich Ronny jeden Tag so fühlt. Mal ist er richtig fröhlich und unternehmungslustig und manchmal ist er auch ganz fürchterlich traurig oder wütend.

Du hast also in dieser Anfangsrunde viele Möglichkeiten, mit den Kindern über die Handpuppe ins Gespräch zu kommen. Ronny kann auch wundervoll zuhören und trösten, wenn ein Kind einmal Trost braucht.

Hauptteil

In diesem Hauptteil kündigt die Handpuppe dann ein Spiel oder Material an, das sie den Kindern mitgebracht hat. Sie „übergibt“ die Durchführung an die Fachkraft und zieht sich auf einen Beobachtungsposten zurück. Ideen und Anregungen rund um die Themen Körper und Sinne findest Du in meinen beiden Büchern: Mein Körper und Meine Sinne, die im Hase und Igel Verlag erschienen sind. Je nach Alter, Interesse und Ausdauer der Kinder kann diese Phase etwa zehn bis 15 Minuten dauern. 

Ausklang

Die Handpuppe wendet sich nach dem Hauptteil wieder an die Kinder. Sie erzählt, was sie beobachtet hat und spricht noch einmal mit den Kinder. Auch hier besteht je nachdem nocheinmal die Gelegenheit über die aktuellen Gefühle zu sprechen. Bei der Verabschiedung können erneut einzelne Körperteile wie z. B. Winken mit den Füßen, Klatschen mit den Händen etc. zum Einsatz kommen. Die Handpuppe krabbelt dann müde in die Kiste zurück. Die Spieluhr wird aufgezogen und zu ihm gelegt. Ein Kind schließt vorsichtig den Deckel und alle lauschen bis die Spieluhr verklungen ist. Manchmal, wenn die Kinder ganz besonders gut hinhören, dann hört man Ronny leise schnarchen.

Viel Spaß bei der Umsetzung

Deine Anja

Die Möglichkeiten der Marte Meo Methode bei der Eingewöhnung.

In den vorausgegangenen Wochen sind wieder zwei KitaTalks mit dem Schwerpunkt Eingewöhnung erschienen. In „Brücken bauen mit Eltern trotz Pandemie“ geht es um den Beziehungsaufbau zwischen Fachkraft und Eltern trotz der immernoch bestehenden Einschränkungen durch Maskenpflicht und Abstand halten. In einem weiteren KitaTalk „Jedem Kind sein eigenes Tempo…“ habe ich mich mit Teresa Miss über Stresszeichen bei Kindern in der Eingewöhnung gesprochen.

Ergänzend hierzu konnte ich wieder einmal zwei sehr kompetente Kolleginnen für einen Gastbeitrag gewinnen. Monika Thiel und Katrin Krüger haben gemeinsam das Krüger&Thiel Institut in Wuppertal gegründet. Ihr gemeinsames Anliegen ist die Unterstützung von Fachkräften im Bereich der Frühen Hilfen und in KiTas. Seit vielen Jahren sind die beiden als Erwachsenbildnerinnen tätig und arbeiten voller Tatendrang und mit vielen guten Ideen an und in verschiedenen Projekten und Kursformaten. Ich freue mich daher sehr, dass ich die beiden für das Thema Marte Meo gewinnen konnte. Dieses Mal ist der Fokus auf die Eingewöhnung gerichtet und wie dort MarteMeo für den Übergangsprozess von der Familie in die Krippe, Kita oder Kindertagespflege unterstützend genutzt werden kann.

Ich wünsche dir viel Spaß beim Lesen

Deine Anja

Die Möglichkeiten der Marte Meo Methode bei der Eingewöhnung

Ein Gastbeitrag von Monika Thiel und Katrin Krüger

Vielleicht ist Dir die Marte Meo Methode bereits bekannt. Marte Meo ist eine Möglichkeit, Kinder wertschätzend und ressourcenorientiert zu begleiten. Das zentrale Anliegen ist es, Kinder so zu unterstützen, dass sie aus eigener Kraft innere Entwicklungsprozesse anregen. Somit ist Marte Meo viel mehr als eine Methode, der Begriff „Haltung“ trifft es eher. Menschen die Kindern mit der Marte Meo Haltung begegnen, können dies auch im Kontakt mit den Eltern oder den pädagogischen Fachkräften tun. Die kommunikationsunterstützenden Marte Meo Elemente lassen sich in allen Bereichen einsetzen.

Welche Chancen bietet Marte Meo bei der Eingewöhnung in die Kita oder Kindertagespflege?

Die Eingewöhnung ist vielschichtig. Das Kind, welches eingewöhnt wird, steht im Mittelpunkt. Jedoch sind die Eltern des Kindes, die pädagogischen Fachkräfte, sowie die anderen Kinder der Gruppe ebenfalls bedeutsam für das Gelingen der Eingewöhnung.

In diesem Artikel beschreiben wir einige Möglichkeiten der Begleitung des Eingewöhnungskindes mit Marte Meo

Wir beschränken uns hier auf einzelne Marte Meo Elemente, die wir bei der Eingewöhnung als besonders passend erlebt haben. So bekommst Du einen Einblick in die Wirksamkeit der von der Niederländern Maria Aarts entwickelten Methode Marte Meo. Maria Aarts sagt: Marte Meo ist: „Wie tut man das?“ Somit liefert Marte Meo eine konkrete Antwort auf unterschiedliche Situationen in der Ein gewöhnungsphase und im Kita Alltag.

Wie kann mit Marte Meo der Kontaktaufbau mit dem Kind angebahnt werden und was bedeutet das für die pädagogische Fachkraft?

Die pädagogische Fachkraft begrüßt das Kind mit freundlichem Gesicht und geht dabei auf seine Augenhöhe.

Marte Meo Element: Freundliches Gesicht

Bedeutung für das Kind:

Das Kind spürt, dass es willkommen ist und kann Entdeckerfreude entwickeln.

Was bedeutet das für die pädagogische Fachkraft?:

Die pädagogische Fachkraft strahlt durch ihr freundliches Gesicht oder ihr Lächeln eine zuversichtliche Stimmung aus. Diese kann sich auf das Kind und seine Eltern übertragen.

Die freundliche Begrüßung zeigt dem Kind und seinen Eltern, dass sie willkommen sind.

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Marte Meo Element: Benennen, was das Kind tut und die Situation beschreiben.

Die erste Begegnung mit dem Kind legt oft den Grundstein für die Beziehung. Mit der Marte Meo Haltung begegnet die pädagogische Fachkraft dem Kind achtsam. Sie schaut genau, was das Kind tut und stellt sich darauf ein.

Klammert sich das Kind beispielsweise noch am Bein der Mutter oder des Vaters fest, kann sie dies bennennen. „Du hälst Dich an Mamas Bein fest, es ist alles neu hier für Dich.“

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Die pädagogische Fachkraft stellt Spielmaterialien bereit, die das Interesse des Kindes wecken und macht spannende Spielgeräusche. Beispielsweise: „Klack klack klack,“ während das Kind die Murmel die Kugelbahn runter rollt.

Marte Meo Element: Einladende Spieltöne

Bedeutung für das Kind:

Durch die Spieltöne entsteht eine einladende Atmosphäre und das Interesse des Kindes wird geweckt.

Was bedeutet das für die pädagogische Fachkraft?:

Die pädagogische Fachkraft erleichtert sich den Zugang zum Kind. Durch die Spieltöne vermittelt sie dem Eingewöhnungskind, dass sie ihm ihre volle Aufmerksamkeit schenkt.

Kinder sind individuell. Manche Kinder stehen länger neben ihrer Mutter oder ihrem Vater, bis sie sich lösen und die ersten Schritte zur pädagogischen Fachkraft oder anderen Kindern wagen.

Das Gras wächst nicht schneller wenn man daran zieht.“

Dieses Motto gilt auch bei der Eingewöhnung mit Marte Meo. Wird das Kind gedrängt, doch nun endlich mal von den Eltern wegzugehen, bewirkt das häufig das Gegenteil. Das Kind zieht sich zurück und braucht nun viel länger, bis es sich löst.

Mit der Marte Meo Haltung bekommt das Kind, die Zeit die es braucht, um aus eigener Kraft erste Kontakte zu knüpfen.

Die pädagogische Fachkraft, die das Kind eingewöhnt, stellt sich auf das Tempo des Kindes ein und wartet ab, ob das Kind zu ihr kommt. Bleibt das Kind bei den Eltern, kann sie den Abstand zu Eltern und Kind verringern und wahrnehmen, in welchem Abstand sich das Kind noch wohl fühlt.

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Marte Meo Element: Aufmerksam Warten und dem Kind Zeit geben

Bedeutung für das Kind:

Das Kind ist frei und kann sich von seinem eigenen Impuls leiten lassen. Erst wenn es bereit ist, macht es den ersten Schritt, aber dann, weil es das selbst möchte. Das ist viel nachhaltiger, als würde das Kind gedrängt.

Was bedeutet das für die pädagogische Fachkraft?:

Die pädagogische Fachkraft kann sich entspannen und den Gedanken loslassen, dass sie aktiv sein muss und das Kind durch zureden, drängen etc. von den Eltern weglocken muss. Sie macht sich mit ihrem freundlichen Gesicht und einladenden Spielgeräuschen attraktiv und darf darauf vertrauen, dass die Begeisterung des Kindes nicht allzu lange auf sich warten lässt.

Meistens beginnen die Kinder, nachdem sie geschaut oder gezeigt haben worauf ihr Interesse liegt, selbst aktiv zu werden.

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Marte Meo Element: Folgen

Bedeutung für das Kind:

Das Kind spürt, dass die pädagogische Fachkraft aufmerksam wahrnimmt was es tut. Es wird motiviert, länger bei der Sache bleiben und neue Spielideen zu entwickeln.

Daraus kann Selbstvertrauen entstehen und das Kind zeigt zunehmend mehr von sich.

Folgt die pädagogische Fachkraft dem Interesse des Kindes mit ihrem Blick, erfährt sie viel über das Kind, daraus entsteht das gemeinsames Erleben des Augenblicks. Der erste Kontakt entsteht.

Aus Sicht der pädagogischen Fachkraft: „Ich schaue gemeinsam mit dir, auf das, was gerade dein Interesse weckt.“

Die pädagogische Fachkraft kann, während sie dem Blick des Kindes folgt, ihm für das, was es sieht, Wörter geben.

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Marte Meo Element: Benennen, was das Kind sieht.

Bedeutung für das Kind:

Spielerisch wird der Wortschatz und das Sprachverständnis des Kindes erweitert. So hat das Kind die Möglichkeit selbst zu benennen, was es sieht.

Da ist die Kugelbahn.“

Dadurch ergibt sich für pädagogische Fachkraft die wunderbare Gelegenheit das Tun des Kindes zu benennen.

Du schiebst das Auto“, „Du lässt die Kugel rollen“.

Aus Sicht der pädagogischen Fachkraft.

Ich genieße die Möglichkeit des Freispiels und schaue genau, was das Kind tut. So lerne ich das Kind kennen und achte darauf, die konkrete Handlung des Kindes zu benennen und nicht das Ziel. Damit gebe ich dem Kind den Raum nur das zu tun, was es möchte und seinem eigenen Handlungsplan zu folgen. Das Benennen des kindlichen Tuns führt oft zu Kontaktmomenten, die eine Verbindung zwischen uns entstehen lassen.

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Die Marte Meo Elemente können den Kontakt zu den Eltern erleichtern, eine Vertrauensbasis und Orientierung schaffen beispielsweise, wenn die Pädagogische Fachkraft sagt, wie die Eltern zur Eingewöhnung beitragen können.

Marte Meo Element: Konkret Anleiten

Aus Sicht der pädagogischen Fachkraft:

Ich sage den Eltern konkret, was sie tun können.

Sie können ihr Kind so lange auf ihrem Schoß behalten, bis es von alleine zeigt, dass es entdecken möchte.“

Bedeutung für die Eltern:

Die Eltern gewinnen Sicherheit durch die konkrete Anleitung und können sich unterstützend für ihr Kind verhalten.

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Marte Meo Element: Ich kündige an, was als Nächstes passiert.

Aus Sicht der pädagogischen Fachkraft:

Ich bin vorhersehbar und sage den Eltern, was als Nächstes passiert, damit sie sich darauf einstellen können. „Während ich gleich mit ihrem Kind spiele, können Sie von diesem Platz aus zusehen und genießen.“

Bedeutung für die Eltern:

Die Eltern haben Klarheit, wie sie sich verhalten können und dürfen sich entspannen, mit dem Wissen, das die pädagogische Fachkraft sie sicher durch die Eingewöhnungsphase begleitet.

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Diese beschriebenen Marte Meo Elemente sind sehr geeignet, um die Freispiel-Situationen in der Eingewöhnungsphase zum Kontaktaufbau zu nutzen.

Im Kontakt mit den Eltern sind auch die Marte Meo Elemente des positiven Leiten eine wirksame Unterstützung für die Eltern, denn sie bekommen Orientierung und Sicherheit, wie sie ihr Kind konkret begleiten können. Um Kinder miteinander in Kontakt zu beingen, nutzt die päd. Fachkraft verbindende Marte Meo Elemente, mit denen sie die Brücke zwischen den Kindern bauen kann.

Wir haben einige Elemente der Marte Meo Methode beispielhaft aufgezeigt. Es gibt noch viel mehr Marte Meo Elemente, mit denen die Eingewöhnungsphase für alle Beteiligten erleichtert werden kann.

Maria Aarts sagt: Marte Meo ist: „Wie tut man das?“ Somit liefert Marte Meo eine konkrete Antwort auf unterschiedliche Situationen in der Eingewöhnungsphase und im Kita Alltag.

©Monika Thiel und Katrin Krüger/ Krüger&Thiel Institut

Mehr über das Krüger &Thiel Institut erfährst Du unter: https://kt-institut.de/

Und hier kommst Du zu dem Shop mit wundervollen Materialien nicht nur zu Marte Meo: https://kt-institut.de/shop

Außerdem waren Katrin und Monika beeits bei mir im KitaTalk zum Thema: Freude am Essen. Viel Spaß beim Reinschauen.

„Jetzt grinst der mich auch noch frech an…“ – Was wirklich dahinter steckt!

Kommt Dir das bekannt vor? Ein Kind schubst, haut oder beißt ein anderes Kind und grinst Dich dann breit an, wenn Du dazwischen gehst. Oder ein anderes Kind übertritt eine Regel, schaut zu Dir und grinst Dich auch noch an. Vermutlich kannst Du noch viele solcher Situationen aus Deinem Alltag aufzählen, in den Kinder mit Lächeln, breitem Grinsen oder gar lautem Lachen reagieren, ein Verhalten das für Dich in diesem Moment unangemessen ist. Hand aufs Herz: Du hast Dich bestimmt auch schon mal in einem solchen Moment sehr über dieses Lächeln, Grinsen oder Lachen geärgert und Dich von dem Kind provoziert gefühlt.

Lächeln als Verlegenheitsgeste

Während meiner Praxis als pädagogische Fachkraft habe ich mit Kindern im Alter von 0-14 Jahren gearbeit und dabei ist mir immer wieder aufgefallen, dass bei den meisten Kindern etwas ganz anderes hinter diesem vermeintlich „frechem Grinsen“ steht.
Vor einigen Jahren Habe ich dann erstmalig in einem Lehr-Video „Babys Signale“ von der Deutschen Liga fürs Kind habe ich dann erstmalig die Bestätigung gefunden, dass es ein „Verlegenheitslächeln“ bei Kindern gibt. Ein Lächeln, das Kinder zeigen, wenn sie verlegen oder verunsichert sind.
Das Video findest Du hier. Bei der näheren Beschäftigung mit diesem Verlegenheitslächeln habe ich dann viele verschiedene Auslöser für dieses Lächeln gefunden z.B. Verlegenheit, Scham, Verunsicherung, Erschrecken.

Schnell entdeckte ich auch Parallelen zu Verhaltensweisen von Erwachsenen. Wenn wir einmal genauer nachdenken, lächeln auch wir oftmals in Situationen, die uns peinlich oder unangenehm sind. Ich selbst kenne es durchaus auch, dass in mir Lachen aufsteigt, wenn ich mich in Situationen, in denen ein anderer sich verletzt oder stürzt, fürchterlich erschrecke. Aus Sorge, dass das mir als Schadenfreude ausgelegt werden könnte, versuche ich dieses Lachen zu unterdrücken, was mir aber nicht immer gelingt. Dieses Lachen ist in dem Augenblick dann wie eine Übersprungshandlung. Vielleicht kennst Du ja solche Situationen bei Dir selbst. Spür doch mal nach, wann hast Du das letzte Mal in einer Situation selbst den Kopf schief gelegt und Dein Gegenüber angelächelt, weil Dir gerade etwas unangenehm oder peinlich war. Oder wann Du das letzte Mal laut aufgelacht hast, wo Du eigentlich sehr erschrocken warst.

Neurowissenschaftliche Erklärung

Bei näherer Betrachtung handelt es sich hierbei um eine der klassischen Verlegenheits- bzw. Beschwichtigungsgesten. Darunter zählen: sich klein machen, sich leicht wegdrehen, den Kopf schief halten, den Blick senken und eben das Lächeln bzw. Lachen in seinen verschiedenen Facetten.
Das gehört zum ganz normalen Verhaltensrepertoire von uns Menschen.

Auf einer Fachtagung über „Neurowissenschaften und Coaching“ bekam ich dann  bei dem Vortrag von Dr. Martin Meyer die neurowissenschaftliche Erklärung für dieses Verhalten. Dieses Lächeln wird demzufolge auch als „subdominantes Lächeln“ bezeichnet und führt uns zurück zu unserer evolutionären Entwicklung.

Schauen wir uns doch einfach mal unsere nächsten „Verwandten“ genauer an, um den Entwicklungsverlauf und die Überbleibsel besser zu verstehen. Wenn Halbaffen beispielsweise ihrem Gegenüber die Zähne zeigen, handelt es sich hier nicht, wir zunächst vielleicht vermuten, um eine Drohgebärde, sondern um eine ausgeprägte Beschwichtigung. Indem ein Halbaffe seine Zähne deutlich zeigt, signalisiert er, dass er diese nicht benutzen will. Denn wer breit grinst, kann seine Zähne gerade nicht zum Beißen verwenden. Auch bei den menschenähnlicheren Primaten, wie den Lemuren oder den Rhesusaffen, ist das Zeigen der Zähne eine ausgeprägte Demutsgeste. Und bei Pavianen gibt es sogar ein Beschwichtigungsritual – sie verbeugen sich, strecken dem Widersacher ihren Po entgegen, schmatzen laut und grinsen breit. Das soll dem dem anderen Signalisieren: „Ich entschuldige mich!“

Genau diese Beschwichtigungsgesten und -rituale sind bei uns Menschen rudimentär erhalten geblieben und bei Kindern oftmals noch ausgeprägter zu beobachten. Laut Dr. Meyer ist das hier beschriebene Lächeln verstärkt in hierarchischen Beziehungen und Abhängigkeiten , z.B. bei einem Kind in der Interaktion mit einem Erwachsener, zu beobachten. Demzufolge können wir uns mit wissenschaftlicher Unterstützung davon verabschieden, dass das Kind uns mit diesem Verhalten provozieren möchte.

Provokation ergibt für ein Kind keinen Sinn

Hilfreich ist auch, sich immer wieder zu verdeutlichen, dass ein bewusstes Provozieren erst dann möglich ist, wenn das Kind über ausreichend Empathie verfügt. Um jemanden absichtlich zu provozieren , muss das Kind sich in die Gedanken- und Gefühlswelt eines anderen einfühlen können. Dieser Perspektivwechsel ist entwicklungsgemäß erst mit etwa vier bis sechs Jahren der Fall (Theory of mind). Deswegen gilt für Kinder zwischen einem und vier Jahren also fast immer, dass es sich bei ihrem (vermeintlich) frechen Grinsen in de Regel um eine Beschwichtigungsgeste handelt.

Das Lachen eines Kindes in Konfliktsituationen macht uns oftmals wütend, weil wir es nicht als Beschwichtigung empfinden, sondern als Provokation. Das Grinsen wird  vom Erwachsenen dann übersetzt mit: „Red doch soviel wie Du willst! Ich höre Dir sowieso nicht zu! Es ist mir völlig egal was Du sagst!“
Das stimmt in den meisten Fällen aber nicht, denn die eigentliche Botschaft des Kindes lautet: „Ich weiß, dass ich das nicht hätte tun dürfen. Es tut mir leid, sei bitte nicht mehr ärgerlich“.

Versuch doch einfach das nächste Mal, wenn ein Kind Dich vermeintlich frech angrinst, mit „Oh, ich sehe, es tut Dir leid“ oder „Oh, ich merke, Es ist Dir unangenehm“ oder „Du weißt gerade gar nicht, was Du tun sollst“ zu reagieren. Ich bin schon gespannt, was Du dann berichten kannst, wie das Kind darauf reagiert hat. Du kannst mir gerne per Mail darüber berichten.

Im Laufe der Zeit habe ich zum Thema zusätzlich aufgesammelt, dass die vorsätzliche Provokation eigentlich gar nicht im Verhaltensrepertoire von Kindern vorgesehen ist. Evolutionsbiologisch und bindungstheoretisch gesehen ergibt es gar keinen Sinn, dass sich Kinder gegen Erwachsene, von denen sie abhängig sind, grundlos auflehnen. Für ein Kind ist es wenig sinnvoll, durch unangemessenes Verhalten diejenigen zu verärgern, die für ihr Überleben und Wohlergehen sorgen. Es liegt demzufolge überhaupt nicht in der Natur des Kindes, sich unkooperativ zu verhalten und Konflikte grundlos zu provozieren. Jesper Juul vertritt sogar die Meinung, dass Kinder eher zuviel mit den Erwachsenen kooperieren, manchmal auch mehr als es dem Kind selbst gut tut.

Das Prinzip des guten Grundes

Eine Kollegin hat einmal geäußert: „Alles, was mich länger als 15 Sekunden ärgert, hat mehr mit mir selbst zu tun, als mit meinem Gegenüber:“ Es lohnt durchaus, sich selbst zu reflektieren, was das Kind gerade in Dir triggert und womit Du in Kontakt kommst.

Und sollte ein Kind in Deiner Gruppe also das nächste Mal grinsen oder lachen, um tatsächlich zu provozieren, dann solltest Du gut überlegen, warum es das gerade tut. Möglicherweise ist sein Zuwendungs-und Aufmerksamkeitstank leer. Oder es ist gerade einfach mit der Situation überfordert und es findet keinen anderen Weg, dieses Bedürfnis auszudrücken. Manchmal sind Kinder dann in diesen Ausdrucksweisen gefangen und wissen keine andere Handlungsalternative, als weiter zu machen.
Versuch am besten die dahinterstehenden Bedürfnisse zu ergründen und diese für das Kind zu benennen. Ich nutze dazu gerne das „Prinzip des guten Grundes“, um diese tieferliegenden Bedürfnisse zu ergründen. Dazu habe ich bereits einen anderen Blogbeitrag geschrieben, in dem es im Kern zwar um die guten Gründe von Eltern geht.  Der Ansatz ist jedoch genauso gut auf Kinder übertragbar.

So und jetzt freue ich mich über Dein Feedback und Deine Erfahrungen mit vermeintlich frechem Grinsen und provozierendem Verhalten. Schreib mir gerne hierzu etwas in die Kommentare. Vielleicht hast Du ja nach gute Tipps und Tricks, was Dir hilft, nicht in diese Provokationsfalle zu tappen und auf das Bedürfnis des Kindes eingehen zu können.

Deine Anja

 

Tipps zur Vertiefung des Themas:

Podcast: Feas Naive Welt

Buch: Kathrin Hohmann – Gemeinsam durch die Wut – Edition Claus, 2020