Was heiß hier eigentlich „Krippenlüge“? – Ein Wort und seine Wirkung
Seit letzem Jahr geister das Wort „Krippenlüge“ durch die Medienlandschaft und löst eine Debatte aus, die mich seit Jahrzehnten begleitet: zunächst als Kita-Leitung, seit über 20 Jahren als Weiterbildnerin und jetzt mal wieder ganz aktuell. Schauen wir mal genauer hin. Auslöser ist dieses Mal ein Buch mit dem gleichlautenden Tite. Ein Buch deren Autorinnen einerseits auf reale Missstände in der frühkindlichen Betreuung aufmerksam machen und denen zugleich wichtig ist, aufzuzeigen, wie Qualität in Krippen und Kitas aussehen kann. Dieses Anliegen ist wichtig und notwendig. Dennoch entfaltet bereits der o.g. Titel eine enorme Wirkung und führt zu Diskussionen, die widerum wenig der Steigerung von Qualität dienlich sind.
Was hier in bester Absicht geschrieben wurde, öffnet zugleich eine alte und längst überholte argumentative Tür. Sobald von einer „Lüge“ gesprochen wird, verlassen wir den Raum der differenzierten Qualitätsdebatte und betreten eine moralisch aufgeladene Grundsatzdiskussion über frühe Betreuung an sich. Das ist m. E. diffamierend und populistisch zugleich.
Die Wiederkehr alter Narrative
Die Diskussion an sich ist nicht neu. Bereits während meiner Zeit als Leitung einer Kindertageseinrichtung, die Kinder unter drei Jahren betreut hat, kämpfte ich gegen Windmühlen. Die Einstellung Kinder unter drei haben nichts in der außerfamiliären Betreuung verloren, hielt sich hartnäckig. Mit der Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab drei Jahren – und später auch für unter Dreijährige – wurde es nicht einfacher. Es meldeten sich kritische Stimmen. Besonders prägend war Dr. Rainer Böhm, Kinderarzt und ehemaliger Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums Bethel. Er vertrat öffentlich die These, Kinder unter drei gehörten zur Mutter, institutionelle Betreuung schade per se ihrer Entwicklung.
Gestützt auf selektiv ausgewählte Studien wurden daraus scheinbar eindeutige Schlussfolgerungen gezogen. Differenzierungen – etwa zwischen schlechter und guter Qualität, zwischen institutionellen Rahmenbedingungen und professioneller Beziehungsarbeit – blieben häufig aus. Die Wirkung war enorm: Eltern wurden verunsichert, Fachkräfte delegitimiert, Kitas pauschal problematisiert.
Die unsichtbaren Folgen für Familien
Besonders betroffen waren – und sind – Mütter. Die Botschaft war klar, wenn auch selten offen ausgesprochen: Wer sein Kind früh in Betreuung gibt, handelt gegen dessen Wohl. Das schlechte Gewissen wurde zum ständigen Begleiter.
Dabei wurde komplett ausgeblendet, wie vielfältig familiäre Lebensrealitäten heute sind. Erwerbstätigkeit ist für viele keine Option, sondern Notwendigkeit. Alleinerziehende, Familien in belastenden Lebenslagen, Eltern mit prekären Arbeitsbedingungen – sie alle sind auf verlässliche Betreuung angewiesen. Ich selbst habe mit den unterschiedlichsten Familien zusammen gearbeit in dieser Zeit und viel erlebt und dazu gelernt. Eine moralische Abwertung dieser Realität hilft niemandem, am wenigsten den Kindern.
Wenn Kritik alte Rollenbilder bedient
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Denn diese Debatten greifen tief verwurzelte Rollenbilder auf: die Mutter zu Hause, das kleine Kind ausschließlich in der Familie, institutionelle Betreuung als notwendiges Übel.
Diese Narrative wirken manchmal sogar unbewusst in uns selbst. Fachkräfte müssen sich daher bewusst machen: Wo erwische ich mich bei dem Gedanken, dass ein Kind „eigentlich noch nicht in die Krippe gehört“? Diese Haltung beeinflusst die Qualität der Beziehung, die Kinder erleben.
Kitas zwischen Anspruch und Abwertung
Wir als Kitas mit Betreuungsangeboten für unter Dreijährige standen gemeinsam mit den Familien im Gegenwind dieser Debatte. Einerseits wuchs der gesellschaftliche Bedarf, andererseits wurde unsere Arbeit grundsätzlich infrage gestellt. Statt Anerkennung für hochkomplexe Beziehungsarbeit erlebten viele Fachkräfte Rechtfertigungsdruck, Misstrauen und strukturelle Überlastung. Das schürrte bei vielen meiner Kolleg:innen Selbstzweifel.
Dabei wissen wir aus Entwicklungspsychologie und Bindungsforschung längst: Nicht der Ort entscheidet über das Wohl des Kindes, sondern die Qualität der Beziehungen. Kinder können auch außerhalb der Herkunftsfamilie sichere Bindungen aufbauen – wenn Fachkräfte Zeit, Fachwissen, Kontinuität und unterstützende Rahmenbedingungen haben.
Was Bindungsforschung wirklich sagt
Ein zentraler Bezugspunkt für diese Debatte bietet m.E. das Buch „Wieviel Mutter braucht das Kind?“ der renommierten Entwicklungs- und Bindungsforscherin Lieselotte Ahnert. Ihre Forschung wird in öffentlichen Diskussionen häufig verkürzt oder einseitig zitiert – dabei liefert sie gerade keine einfachen Antworten im Sinne eines Entweder-oder.
Ahnert macht deutlich: Bindung ist grundlegend für die gesunde Entwicklung von Kindern, insbesondere in den ersten Lebensjahren. Die Beziehung zu den Eltern – häufig zur Mutter, zunehmend aber auch zu Vätern und anderen Bezugspersonen – bildet die emotionale Basis, von der aus Kinder ihre Umwelt erkunden. Entscheidend ist jedoch nicht die dauerhafte physische Anwesenheit einer einzelnen Person, sondern die Qualität der Beziehung: Feinfühligkeit, Verlässlichkeit und emotionale Erreichbarkeit.
Zugleich widerspricht Ahnert ausdrücklich der Vorstellung, Bindung sei ausschließlich an die Mutter gebunden. Kinder sind entwicklungspsychologisch in der Lage, mehrere sichere Bindungen aufzubauen – innerhalb der Familie ebenso wie zu außerfamiliären Bezugspersonen. Historisch und kulturvergleichend zeigt sie, dass Fürsorge schon immer geteilt war. Das Ideal der allein zuständigen Mutter ist weniger biologisches Gesetz als gesellschaftliches Konstrukt.
In Bezug auf Krippenbetreuung vertritt Ahnert eine differenzierte Position: Außerfamiliäre Betreuung gefährdet die Eltern-Kind-Bindung und die Entwicklung der Kinder nicht grundsätzlich. Risiken entstehen dort, wo die Qualität der Rahmenbedingungen nicht stimmt – etwa bei zu großen Gruppen, instabilen Bezugssystemen, fehlender Eingewöhnung oder überlasteten Fachkräften.
Auch Trennungsstress ordnet Ahnert fachlich ein: Stressreaktionen bei jungen Kindern führen nicht automatisch zu Schädigung des Kindes, sie sind Ausdruck eines Bewältigungs- und Anpassungsprozesses. Entscheidend ist, wie dieser Prozess begleitet wird – u.a. durch feinfühlige Eltern, verlässliche Fachkräfte und tragfähige Beziehungen.
Damit liefert Ahnert eine wissenschaftlich fundierte Grundlage für eine sachliche Debatte: Nicht die Frage „Krippe oder Familie?“ ist entscheidend, sondern die Qualität der Beziehungen und Bedingungen, unter denen Kinder aufwachsen.
Was wir eigentlich schon lange wissen
Bereits 2008 erschien übrigens im Beltz Verlag das Buch „Krippen: Wie frühe Betreuung gelingt – Fundierter Rat zu einem umstrittenen Thema“. Schon der Untertitel macht deutlich: Die Debatte um frühe Betreuung war bereits damals emotional aufgeladen – und wurde zugleich fachlich gut bearbeitet.
Das Buch bündelt entwicklungspsychologische, bindungstheoretische und pädagogische Erkenntnisse und kommt zu einem klaren Ergebnis: Frühe außerfamiliäre Betreuung ist weder per se schädlich noch automatisch förderlich. Entscheidend ist die Qualität der Bedingungen. Zentral hervorgehoben werden genau jene Faktoren, die auch heute noch den Kern guter Krippenarbeit ausmachen:
- stabile Bezugssysteme und verlässliche Beziehungen,
- ausreichend Zeit für Eingewöhnung und Übergänge,
- kleine Gruppen und günstige Fachkraft-Kind-Relationen,
- gut qualifizierte Fachkräfte mit bindungsbezogenem Wissen,
- sowie eine enge, wertschätzende Zusammenarbeit mit Familien.
Das Buch macht deutlich, dass Kinder in Krippen Bindungssicherheit entwickeln können, wenn Fachkräfte emotional verfügbar sind und institutionelle Abläufe sich am kindlichen Bedürfnis nach Schutz, Orientierung und Beziehung ausrichten.
Rückblickend wirkt das Buch fast ernüchternd aktuell. Denn vieles von dem, was dort vor über 15 Jahren beschrieben wurde, gilt unverändert. Nicht, weil die Forschung stehen geblieben wäre, sondern weil die politischen und strukturellen Konsequenzen bis heute nur unzureichend gezogen wurden.
Und wieder von vorn
Heute, viele Jahre später, erleben wir erneut dieselbe Dynamik. Wieder geistert das Schlagwort von der „Krippenlüge“ durch Medien und Feuilletons, wieder werden Eltern verunsichert, wieder geraten Fachkräfte unter Druck. Denn nicht selten, bleiben die Lesenden an der Schlagzeile hängen. Es bleibt ein fader Beigeschmack. Suggeriert das Wort „Lüge“ wieder einmal, dass hier etwas vorgegaukelt wurde. Was nicht gesehen wird, sind die Krippen, Kitas und Kindertagespflegestellen, die eine hervorragende und bedürfnisorientierte Arbeit leisten.
Für mich bleibt daher immer wieder die entscheidende Frage bleibt: Warum reden wir so beharrlich darüber, ob Krippe grundsätzlich gut oder schlecht ist. Warum kommen wir nicht endlich ins Handeln und konzentrieren uns darum, wie Krippe aussehen kann und muss? Warum orientieren wir uns nicht endlich an den Krippen, Kitas und Kindertagespflegestellen, die zeigen, dass es kindgerecht und beziehungsorientiert geht?
Wenn Reformen Qualität gefährden
Besonders problematisch wird diese Debatte im Kontext des aktuellen Referentenentwurfs zur bevorstehenden KiBiz-Reform hier in NRW. In anderen Bundesländern sind es nicht weniger problematisch aus. Statt die bekannten strukturellen Defizite konsequent anzugehen, droht hier eine weitere Aushöhlung der Qualität in Krippe, Kita und Kindertagespflege.
Anstatt eine verlässliche Basis für Beziehungsarbeit zu schaffen – durch bessere Fachkraft-Kind-Schlüssel, ausreichend Zeit für Eingewöhnung, Reflexion sowie Vor- und Nachbereitung – werden erneut Stellschrauben in Richtung Flexibilisierung und Kostendämpfung gedreht. Was politisch als pragmatische Lösung erscheint, bedeutet im pädagogischen Alltag oft: weniger Zeit für Beziehung, höhere Belastung für Fachkräfte und damit weniger Sicherheit für Kinder.
Gerade für die jüngsten Kinder ist jedoch fachlich unstrittig: Bildung beginnt mit Beziehung. Wird diese Grundlage geschwächt, verliert frühe Bildung ihren Kern.
Qualität ist kein Zufall
Qualität in der frühen Bildung entsteht nicht durch Appelle, sondern durch Professionalität und reflektierte Haltung. Sie braucht Fachkräfte, die Signale lesen, Bindung und Exploration zusammendenken und sich selbst kritisch hinterfragen.
Haltung und Reflexion gehören zusammen: Wer die eigenen inneren Bilder kennt, kann sie prüfen, verändern und so Kindern, Eltern und Kolleg:innen wirkliche Sicherheit bieten.
Kinder in guten Händen
Kinder müssen in guten Händen aufwachsen. Diese Hände können Eltern gehören. Und sie können Fachkräften gehören. Beides schließt sich nicht aus.
Damit Krippe und Kita tatsächlich sichere Orte werden, braucht es Mut – Mut, Strukturen, Prozesse und Haltung konsequent auf die kindlichen Bedürfnisse auszurichten.
Was wir wissen – und was daraus folgt
Wenn wir die Erkenntnisse aus Bindungsforschung, Ahnerts Arbeiten, dem Beltz-Buch von 2008 und der aktuellen Debatte zusammenführen, zeigt sich ein klares Bild:
- Bindung ist zentral – aber nicht exklusiv. Kinder brauchen verlässliche Beziehungen – in der Familie und außerhalb.
Qualität entscheidet über Erfolg oder Risiko. Schlechte Rahmenbedingungen, nicht die Krippe, gefährden Kinder. - Debatten über „Krippenlügen“ verschieben den Fokus. Sie verunsichern Eltern, setzen Fachkräfte unter Druck und bedienen alte Rollenbilder.
- Die Reflexion der eigenen Haltung ist entscheidend. Fachkräfte müssen sich selbst hinterfragen, um unbewusste Vorurteile und tradierte Überzeugungen zu erkennen.
Politik und Strukturen sind entscheidend. Bildung beginnt mit Beziehung – und die braucht strukturelle Sicherheit.
Mein Fazit
Wir wissen, wie frühe Betreuung gelingen kann, was Kinder brauchen, um Bindung, Sicherheit und Entwicklungsimpulse zu erfahren. Und wir wissen, welche Bedingungen Fachkräfte brauchen, um diese Qualität zu ermöglichen.
Die zentrale Aufgabe besteht nun darin, nicht immer wieder dieselben Grundsatzdiskussionen zu führen, sondern:
- die bekannten fachlichen Leitplanken konsequent umzusetzen,
- die eigene Haltung kritisch zu reflektieren,
- und strukturelle Bedingungen zu schaffen, die Beziehung und Bildung in den Mittelpunkt stellen.
Es geht nicht um ein Entweder-oder zwischen Familie und Kindertagesbetreuung. Es geht darum, dass Kinder in guten Händen aufwachsen – überall, wo sie sind.
Erst dann endet die Endlosschleife der Debatten, und die Arbeit in Krippe, Kita und Kindertagespflege kann endlich das sein, was sie sein sollte: ein verlässlicher, sicherer und förderlicher Ort für alle Kinder.
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