Phil, der Sorgenschmelzer und seine Kummerkumpel

Die Zahlen sind alamierend. Fast jedes dritte Kind zeigt laut einer Analyse durch das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) ein knappes Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland psychische Auffälligkeiten. Zum Vergleich: Vor der Pandemie war bereits jedes fünfte Kind psychisch belastet.

Wichtig ist diese Auffälligkeiten nicht mit psychischen Störungen oder Krankheiten zu verwechseln. Zunächst einmal handelt es sich hier um sog. Belastungsreaktionen auf die Ausnahmesituation. Die Kinder äußern verstärkt Sorgen und Ängste und zeigen depressive Symptome. In einzelnen Fällen sind zunehmend psychosomatische Folgen zu beobachten, je nach Alter klagen die Kinder dann über Magen- oder Kopfschmerzen.

Die Studie besagt auch, dass sich die Lebensqualität während des Lockdowns verschlechtert hat. Gründe für eine Verschlechterung des psychischen Wohlbefindens sind ungesündere Ernährung und Bewegungsmangel. Viele Kinder haben aus der Alternativlosigkeit heraus oftmals zuviel Fernsehen geschaut und Computerspiele gespielt. Dabei sind einige Kinder auch mit Inhalten in Kontakt gekommen, die nicht immer altersgemäss waren. In der Praxis ist dann oftmals ein gewaltvolles und aggressives Rollenspiel zu beobachten, worauf angemessen zu reagieren ist.

Besonders auffällig ist, dass Kinder, die schon vor der Pandemie Schwierigkeiten hatten und von den Eltern nicht gut durch den Lockdown begleitet werden konnten, zeigen nun verstärkt auffälliges Verhalten. Viele Andere Kinder, die sehr sensibel sind, deren Eltern mittlerweilen schlichtweg an ihre nervlichen Grenzen stoße, die selbst aufgrund der Erkrankung Quarantäne erlebt haben oder nahestehende Personen durch die Erkrankung verloren haben kommen aus allen Bevölkerungsschichten dazu.

Krippe, Kita und Kindertagespflege spielt in diesem Zusammenhang in den nächsten Wochen und Monaten eine zentrale Rolle. Es gilt Konzepte zu entwickeln, um die belasteten Kinder gezielt zu unterstützen, Sprach- und Bewegungsförderung gezielt zu betreiben und insbesondere die seelische Gesundheit und emotionale Kompetenz der Kinder zu stärken.

Ich habe Kolleg*innen eingeladen, hier in diesen Blog und in meine Kita Talks eingeladen, um Dir einige Impulse und Anregungen mit auf den Weg zu geben, um die Kinder durch diese schwierigen Zeiten zu begleiten und Ihnen Co-Regulationsmöglichkeiten anzubieten.

Den Auftakt hierzu macht Mareike Paic von den Sternstundenseminaren, die bereits im ersten Lockdown einen Gastbeitrag zu ihren “Gefühlsuhren” – beigesteuert hat. Ab sofort lohnt es sich dann regelmäßig in die KitaTalks auf YouTube reinzuschauen. Dort spreche ich mit Expert*innen über den Umgang mit gewaltvollen und aggressiven Rollenspielen, Möglichkeiten die emotionale Kompetenz durch Methoden aus Theaterpädagogik zu stärken und die Begleitung psychisch belasteter Kinder im Allgemeinen. Ergänzend findest Du dort auch ein Gespräch, dass ich mit der Kinder- und Jungend Psychotherapeutin Gundula Göbel geführt habe zum Thema: “Kinderängste achtsam begleiten”. Am besten abonierst Du diesen Blog und meinen YouTube Kanal, damit Du keinen Beitrag mehr verpasst.

Und jetzt wünsche ich Dir viele herzerwärmende Inspirationen mit dem Gastbeitrag von Mareike Paic

Deine Anja

 

Kinderherzen stärken

 

Ein Gastbeitrag von Mareike Paic von den Sternstunden Seminaren

Gerade in den kommenden Wochen, wenn die Kinder nach langer Zeit zurück in den Kindergarten mit eingeschränkten Regelbetrieb kehren, haben sie einen großen Rucksack Sorgen und Verunsicherungen mit sich rumzuschleppen. Sie müssen eine erneute die Trennung der Familie verkraften – wo sie je nach Befinden und Ressourcen der einzelnen Familie mit unterschiedlichsten Problemen und Nöten konfrontiert wurden. Aber auch wir als pädagogische Fachkräfte haben Ängste und Sorgen, die wir nicht immer vollständig vor den Kindern verbergen können. Dadurch, dass enige Kinder nicht ständig über ihre Sorgen sprechen und derzeit mit den Gegebenheiten kooperieren, ist ihre Verunsicherung und Not oft schwerer zu erkennen.

Neben Zeit zum Ankommen, Achtsamkeit und Zuwendung gerade in den ersten Wochen brauchen die Kinder auch Raum, um Antworten zu finden und ihre Sorgen frei zu lassen.

Eine Möglichkeit dafür ist der Einsatz von sog. Sorgenfresserchen.
Mit dem Sorgenschmelzer habe ich diese Methode weiterentwickelt, um mit den Kindern in ein Gespräch zu kommen – und einen Türöffner für tiefgreifenden Gespräche zu bieten.

Sorgen entsorgen will gelernt sein

Was macht Ihr mit einer Sorge, die euch bedrückt? So eine Sorge, die Bauchweh verursacht, den Kopf und das Herz betrübt und ein komisches Gefühl macht. Die sich nicht so einfach auflösen lässt und schon gar nicht mit Worten schnell zu erklären ist – vielleicht, weil ihr sie selbst nicht so recht versteht?

Jeder von uns hat eine andere Strategie, mit diesen belastenden Gefühlen umzugehen. Sich jemanden anvertrauen, darüber schlafen, Hilfe einfordern, einen Ausweg suchen… all das können Wege sein, die wir aber irgendwann einmal als Problemlösungsstrategie gelernt, als hilfreich erlebt und weiterentwickelt haben. Den Kindern steht dieser Katalog an Möglichkeiten in der Regel noch nicht zur Verfügung.

Ein Kummerkasten kann entlasten

Wäre es nicht prima, wenn wir einen echten Sorgenfresser hätten? – ein Happs und das Problem ist gegessen!
Für Kinder kann ein kleiner, persönlicher Begleiter dieser Art genau diesen Effekt haben- das Problem wird erkannt- benannt und verbannt. Unaussprechliches wird weggesperrt. Die Kinder können jederzeit ihr Fresserchen in der Not füttern. Ob die belastende Sorge auf einem Zettel notiert, gemalt oder vielleicht mit einem Knopf aus einer immer parat stehenden Kiste gefüttert wird, ist abhängig vom Alter der Kinder. Wichtig ist eine Möglichkeit zu schaffen, die Kinder eigenständig und spontan umsetzen können.

 

 

Denn wenn sie abhängig sind von der Hilfe seitens eines Erwachsenen, ist die Intimität und Vertrautheit mit dem Sorgenfresserchen nicht gegeben- die Kinder müssen sich überwinden, sie sind gezwungen, Dinge auszusprechen und finden sich nicht selten ungewollt in einer Beratung unsererseits wieder.

Die Vorbereitungen

Das Herstellen der Sorgenfresser ist eine gute Gelegenheit, um mit den Kindern über die Kräfte dieser persönlichen Begleiter ins Gespräch zu kommen und bietet schon Raum und Gelegenheit, um über Gefühle und Ängste zu philosophieren.
Dabei haben die Kinder ganz unterschiedliche Vorstellungen von ihrem Kummerkumpel. Für den einen sollte er plüschig weich zum Knuddeln sein, das nächste Kind bevorzugt vielleicht eher einen harten Kerl, der ordentlich schnappen kann. In der Phantasie der Kinder entstehen diesbezüglich unterschiedliche Bilder- da ist es wichtig, ihnen auch bei der Materialauswahl ein möglichst breites Repertoire anzubieten.

Materialideen

Utensilos und Behälter unterschiedlichster Beschaffenheit eignen sich zur verschwiegenen Aufbewahrung von Nöten und Ängsten. Aber sie sollten einfach und fest zu verschließen sein- besonders beliebt sind Reißverschlüsse. Vielleicht, weil das Kind sie sichtbar und mit Nachdruck absperren kann – die Sorge also wirklich sicher verwahrt ist.

Ich biete den Kindern gerne kleine Täschchen, Kosmetikbeutel und Faulenzeretuis an. Aber auch Hardcover Brillenetuis eignen sich hervorragend, da sie so richtig feste zuschnappen können.

Die Behälter sollten eher klein und handlich sein – kleine Begleiter passen besser in Verstecke.

Bei der Ausgestaltung empfehle ich Minimalismus- Aufwendige Stielaugen und kunstvoll drapierte Antennen sorgen eher für Frust, da sie nicht besonders stabil sind …. Und ein echtes Sorgenfresserchen sollte belastbar und hosentaschentauglich sein.

Als Augen und Zähne haben sich selbstklebendende Filzgleiter aus der Möbelabteilung bewährt- oder fest aufgenähte Knöpfe .

Eine Schale mit Knöpfen, Muggelsteinen, Zettelchen oder sonstigen steht den Kindern immer zur Verfügung. Das Sorgenfresserchen an sich wohnt an einer privaten Stelle seines Besitzers. Und nur das Kind selbst entscheidet, wann das Fresserchen gefüttert wird- oder sich mal entleeren möchte.

Auf keinen Fall dränge ich das Kind, mir etwas aus den geheimen Bauchgeschichten zu verraten. Es kommt aber schon vor, dass ein Kind aus eigenem Antrieb von den Geheimnissen erzählen möchte. Die Sorge macht jetzt nicht mehr im eigenen Bauch Kummer – das macht drüber reden oft schon viel einfacher.

Warme Worte wirken Wunder

Wie ich anfangs erwähnt habe, haben wir Erwachsenen im Laufe unseres Lebens unterschiedlichste Erfahrungen gemacht, wie wir mit Problemen und Sorgen umgehen können. Und wir haben auch gelernt, Gefühle zu benennen und herauszufinden, was uns in belastenden Situationen gut tut.

Um Kinder

  • in diesen Lernerfahrungen, ihrer Resilienz, zu stärken,
  • eigene Lösungswege erkennen zu lassen – „Was hilft mir, was macht es Schlimmer?“
  • zu stärken, Gefühle zu erkennen, zu benennen und sich zu trennen. Ohne exakte Worte zu finden
  • einzuladen, Sorgen und Nöte sichtbar abzugeben und zu vernichten

habe ich die Idee des Sorgen Schmelzers entwickelt.
Das Benennen eines Problems kann schon einen großen Teil der Belastung von einer Seele nehmen. Ganz spielerisch kommen wir hier mit in Eiswürfeln gefrorenen Herzens ins Gespräch.

Phil, der Sorgenschmelzer hat es gerne warm und stimmungsvoll

 

 

Stellt Euch vor, Ihr vertraut gerade jemanden ein Problem an und Euer Gegenüber unterbricht die Situation mit Telefongesprächen, motorischer Unruhe oder mangelnder Zuwendung…
Keine guten Voraussetzungen, um echtes Interesse und Sicherheit zu schaffen, oder?
Daher achte ich hier ganz besonders auf eine warme und ungestörte Atmosphäre.

Mit Ruhe, einer stimmungsvollen Beleuchtung und ästhetischem Material bekommt diese gefühlvolle Runde ganz besondere Wertschätzung.

  • Der Schmelzer – ein entsprechend gestaltetes (Gurken-) Glas steht auf einem Drehteller in der Mitte. Somit kann jedes Kind „unter 4 Augen“ mit direktem Blickkontakt mi dem Sorgenschmelzer reden.
  • Ich habe beim Entwickeln dieser Idee gemerkt, dass ich diesen engen Vertrauten gerne mit Namen ansprechen möchte. Da er mich zum Philosophieren einlädt, habe ich ihn „Philosophus, der Sorgenschmelzer“ genannt (kurz Phil) – wie wird er wohl bei euch getauft?
  • Im Vorfeld habe ich kleine Herzen (Streudeko) in Eiswürfel eingefroren
    (anstatt Eiswürfelbehälter eignen sich Toffifee-Schachteln- die geben das Herz schneller frei)
  • In kleinen Schüsseln stehen die vorbereiteten Eiswürfel – jeweils mit einer Zuckerzange, Löffel oder ähnlichem daneben.

Die Kinder sind eingeladen Phil alles anzuvertrauen und zu erzählen – ihre Sorgen und Ängste, irritierende und bohrende Fragen. Sie bekommen so die Gelegenheit von kalten Momenten in ihrem Herzen zu sprechen und diese wichtige, störende Angelegenheit im Sorgenschmelzer zu versenken und über dieses Gefühl zu philosophieren. Oder einfach nur zu beobachten, wie die Sorge vielleicht kleiner wird – während der Gesprächsrunde schmilzt der Eiswürfel sichtbar. Das Gefühl des entlastenden „Drüber Redens“ wird somit symbolisch unterstützt.

Die Runde „Tut mir Gut”

Verstärkend setze ich in weiteren Runden kleine Behälter- in diesem Fall Zuckerspender_ mit warmem Wasser ein. Die Kinder sind eingeladen, zu benennen, was ihnen in der Situation guttun würde – was sie sich wünschen und was sie brauchen. Und mit jeder Idee kommt ein Schluck warmen Wassers in den Sorgenschmelzer- das lässt ihn die Sorgen noch schneller verdauen. Vielleicht hat auch ein anderes Kind mal eine „Tut mir Gut – Erfahrung“ gemacht und kann davon an dieser Stelle berichten? Auch dann kommt natürlich ein großer Schluck warmes Wasser in unser Sorgenschmelzerglas. Was anschließend mit den freigewordenen Herzen geschieht bleibt hier offen…denn Kinder entwickeln gerade an dieser Stelle eine eigene Strategie.

  • Vielleicht ist es für Eure Gruppe wichtig, dass der Sorgenschmelzer stillschweigend verdaut und entsorgt.
  • Oder bekommen die Kinder nach der Runde ein „warmes Herz“ zurück?
  • Oder pustet Ihr zum Schluss leichte Seifenblasen…

Bestimmt entwickelt Ihr mit den Kindern Eure individuellen Ideen. Vielleicht ist es ja auch hilfreich, noch einen Zuckerspender mit dunkel gefärbtem, kaltem Wasser anzubieten, um die Dinge zu benennen, die Situationen verschlimmern?

Die Bedürfnisse und Kompetenzen Eurer Kindergruppe entscheidet über Umfang und Art der Umsetzung – der Methode braucht Zeit, um sich zu etablieren und zu entwickeln. Der Sorgenschmelzer ist kein einmaliger Besucher – denn man muss sich ja erst einmal kennen lernen, um zu vertrauen. Die Kinder dürfen immer frei entscheiden, ob, wann und wieviel sie Phil verraten wollen. Gerade in diesen Zeiten ist es wichtig, an die seelische Gesundheit der Kinder zu denken und ihnen Raum, viel Zeit und Aufmerksam zu schenken. Dabei kann diese Methode spielerisch und ohne jeden Druck eine Bereicherung sein.

Eure Mareike

 

“Alles Reden ist sinnlos,

wenn das Vertrauen fehlt.”

Franz Kafka

 

P.S. Wenn Du gerne mehr von und über Mareike erfahren möchtest, dann besuch gerne ihre Website: https://www.sternstunden-seminare.de/. Dort findest Du z.B. tolle Seminare, eine DVD und ihr Buch mit weiteren kreativen Anregungen.

Zur Sprachbildung in Zeiten von Corona habe ich bereits letztes Jahr einen KitaTalk unter dem Titel: “Sprachbildung trotz(t) Corona” mit ihr aufgenommen. Schau gerne rein. Es lohnt sich, dort erlebst Du Mareike mit ihrer ansteckend positiven Sicht auf die Kinder und die Welt.

Starke Fachkräfte für starke Kinder in der Pandemie

Wir haben bereits Februar und mittlerweilen jährt sich schon bald der Ausnahmezustand, in dem wir uns nun schon so lange befinden. Die Pandemie zerrt an unser aller Nerven und irgendwie wünschen wir uns vermutlich alle, dass es jetzt einfach nur vorbei gehen soll. Jede*r von uns hat sein eigenes Päckchen zu tragen und trotzdem darfst Du als pädagogische Fachkraft die Bedürfnisse, Sorgen und Ängste der Kinder nicht außer acht lassen.

Aus diesem Grund habe ich diesen Monat, der achtsamen Begleitung der Kinder gewidmet. In meinem letzten KitaTalk “Kinderängste achtsam begleiten” habe ich beispielsweise mit Gundula Göbel Kinder- und Jugend Psychotherapeutin darüber gesprochen, was Kinder jetzt in dieser Zeit insbesonderen von uns Erwachsenen brauchen.

Heute freue ich mich, dass ich Fea Finger als Erzieherin, Kindheitspädagogin, Resilienz- und Empathietrainerin für diesen Gastbeitrag gewinnen konnte. Sie beschreibt sehr eindringlich, was Du als pädagogische Fachkraft tun kannst, um Dich selbst zu stärken und dann die Kinder während der Pandemie stark und resilient zu machen.

Ich wünsche Dir viel Spaß beim Lesen und bin sehr gespannt auf Dein Feedback

Deine Anja

Was wir tun können, um Kita-Kinder während der Pandemie zu stärken

Ein Gastbeitrag von Fea Finger

Vermutlich ist allen Fachkräften in Kitas klar, dass sie nicht vor den Kindern über die Kinder sprechen sollten. Es gibt viele Dinge, die zu Verunsicherung bei den Kindern führen oder die Älteren schnappen auch schon mal etwas auf und erzählen dies zu Hause weiter. Generell gilt es darauf zu achten sollten, was wir sagen wenn Kinder anwesend sind. Wir wissen nie, was davon in welcher Weise bei welchem Kind individuell hängen bleibt. Trotzdem erwischen wir uns in der Praxis immer wieder dabei, wie wir doch wieder in der Gegenwart der Kinder reden.

Vor einem Jahr wussten wir alle noch nicht, was da auf uns zu kommt und welche Auswirkungen das haben könnte. Nun sind wir ein Jahr weiter und wissen immer noch nicht genau, wie das alles weiter geht. Manche waren am Anfang noch zuversichtlicher als jetzt, andere haben sich mittlerweile wieder selbst gefunden und machen weiter. Vermutlich gehört all das dazu. Alles, was dieses Virus mit sich bringt ist gleichberechtigt wichtig und wird ganz individuell aufgenommen und verarbeitet. Für jede*n von uns hat es ganz unterschiedliche Auswirkungen und Konsequenzen, die sich vielleicht auch erst noch zeigen werden.

Unbedacht Ausgesprochenes mit unbeabsichtigten Folgen

Wir Erwachsenen, wir Fachkräfte in den Kitas haben die Möglichkeit, das alles zu reflektieren und so zu verarbeiten, wie es unsere eigenen Erfahrungen, unsere eigene Resilienz, zulassen. Die Kinder dagegen sind sehr darauf angewiesen, zu sehen wie wir damit umgehen. Im Besonderen Kinder, deren Eltern von Existenzängsten betroffen oder vom Homeoffice und den ständigen Anforderungen gestresst sind, deren Großeltern krank oder in Folge des Virus verstorben sind (um nur einige mögliche Situationen zu nennen) brauchen jetzt pädagogische Fachkräfte, die ihre eigenen Ängste und Sorgen nicht mit in den Gruppenraum bringen.

Allerdings soll das nicht bedeuten, eigene Ängste oder Gedanken zu verstecken denn Kinder merken sowieso, ob es uns wirklich gut geht oder nicht. Aber wie machen wir das am Besten?

Was es zunächst zu vermeiden gilt ist, dass Fachkräfte sich während des Freispiels oder in einer anderen Situation, in der Kinder anwesend, sind über Szenarien unterhalten wie die Folgende, die vermutlich jede Fachkraft in Kitas kennt:

Es ist wuselig in der Garderobe, die Gartenzeit beginnt gleich. Jacken liegen auf dem Boden, Gummistiefel und Mützen sind verstreut, manche Kinder sind schneller beim Anziehen als andere. Dazwischen die Kolleg*innen, die helfen wo es nötig ist. Erzieher*in 1 und Erzieher*in 2 kommen aus dem Turnraum in die Garderobe, ihr Gespräch haben sie dort schon begonnen, während sie die letzten Matten aufgeräumt haben. Sie wissen, dass sie jetzt gleich das Thema beenden müssen, weil sie an unterschiedlichen Stellen gebraucht werden. Denkbar ist dann beispielsweise folgender Dialog:

Erzieher*in 1 zu Erzieher*in 2: „…ja das war schlimm! Plötzlich war sie einfach so krank und stell Dir mal vor, sie war erst so alt wie Marvins Mutter! Einfach gestorben!“ Erzieher*in 2: „ Oh mein Gott! Das ist ja furchtbar! (Blick zu Marvin, der grade seine Stiefel anzieht) so eine junge Frau! Dabei heißt es doch immer, dass eher ältere Menschen daran sterben. Ich hab wirklich Sorge um meine Oma. (dreht sich zu Marvin) Komm Marvin, ich helfe Dir mal mit dem Reissverschluss. (wieder zu Erzieher*in 1)Dieses Corona ist wirklich schlimm! Aber mich nervt es so, dass wir jetzt ständig Masken tragen müssen! Was das mit den Kindern macht, will ich mir gar nicht vorstellen!“

In Alltagssituationen wie diesen denken wir uns oft nichts dabei, schon gar nichts Böses. Niemand will den Kindern absichtlich schaden und doch sind solche Momente sehr risikobehaftet. Wenn wir davon ausgehen, dass die beiden ihr Gespräch bereits vor zehn Minuten im Turnraum begonnen haben, haben es auch dort schon mehrere Kinder mitbekommen. Was genau und was davon dann beim einzelnen Kind im Kopf oder im Gefühl ankam, wissen wir nicht. Wir wissen auch nicht, wie Marvin es aufnimmt, dass da Rückschlüsse auf seine Mutter gezogen werden. Vielleicht bekommt er Angst, dass sie auch sterben könnte. Möglich ist auch, dass ein anderes Kind das aufschnappt und dann Marvin erzählt, dass seine Mutter jetzt stirbt, weil Erzieher*in 1 das gesagt hätte. Das Ganze kann also weitaus größere Ausmaße annehmen, als wir uns das manchmal so denken.

Raum schaffen für die eigenen Sorgen und Ängste

Eine der derzeitigen Herausforderungen besteht nun also darin, Zeit und Raum zu schaffen in denen sich die pädagogischen Fachkräfte austauschen können. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten und mit Sicherheit kann das in jeder Einrichtung individuell gestaltet werden. Beispielsweise können kleine tägliche, wöchentliche, vielleicht sogar spontane Meetings -auch online- stattfinden um Gedanken, Ängste und auch Zuversicht auszutauschen und sich gegenseitig zu bestärken. Dabei kann und sollte es meiner Meinung nach auch darum gehen, wie die Erzieher*innen mit den derzeitigen Massnahmen zu Recht kommen. Vielleicht beschäftigt jemanden, dass er/ sie nun ständig mit Maske arbeitet und was das mit den Kindern macht oder macht sie Gedanken darum, wie man die neuen technischen Herausforderungen bewältigen kann. Eventuell leidet jemand darunter, dass nun noch öfter als sonst gelüftet wird oder dass ständig überall entlang geputzt werden muss und diese Zeit von der Arbeit mit den Kindern abgeht. Es müssen nicht immer gleich persönliche Ängste und die ganz großen Sorgen sein, die uns beschäftigen. Fachkräfte, die ihren Beruf mit viel Können, Wissen und Empathie leben, machen sich viele Gedanken um die Kinder, die sie begleiten. Diese Themen können in einem gut funktionierenden, sich gegenseitig unterstützenden Team gelöst werden. Für Teams, die untereinander Konflikte austragen kann die gemeinsame Bewältigung solcher Aufgaben stärkend und bereichernd wirken. Wichtig ist, dass es die Möglichkeit gibt und das außerdem aus oben genannten Gründen Konsens darüber besteht, dass keine Kinder anwesend sind, während all das besprochen wird.

Dieses Vorgehen ermöglicht, dass pädagogische Fachkräfte einerseits selbst getragen werden durch ihr Team und das Wissen, dass sie nicht allein sind mit den Herausforderungen und andererseits, dass sie dann den pädagogischen Alltag weiter professionell für und mit den Kindern und Eltern gestalten können ohne zu abgelenkt zu sein von eigenen Themen.

Kinder stärken im pädagogischen Alltag

Nachdem nun also Raum geschaffen wurde, in dem die Fachkräfte sich austauschen können und damit schon einige für Kinder risikobehaftete Situationen reduziert wurden, geht es noch konkreter daran, die Kinder zu stärken. Wie kann das gehen?

Kinder brauchen feste, verlässliche Bezugspersonen und Strukturen, nicht nur jetzt. Wir dürfen dabei so viel normalen Kita-Alltag beibehalten, wie unter den aktuellen Umständen möglich und auch nötig ist. Ich bin außerdem sehr dafür, den Kindern noch mehr wie sonst Platz, Zeit und Raum für das freie Spiel zu geben. Vermutlich sind die Stunden in der Kita die einzigen am Tag, an denen Kinder andere Kinder um sich haben. Das gemeinsame Erschaffen im Spiel stärkt Resilienzfaktoren wie z.B. die Bewältigungskompetenz der Kinder. Sie finden Lösungen für Probleme und entwicklen Strategien, wie sie damit umgehen können. Genau diese Fähigkeit brauchen wir momentan alle. Gleichzeitig werden die Bedürfnisse der Kinder durch die Fachkräfte weiter beobachtet und feinfühlig beantwortet. Besonders bei Kindern, die ihre Ängste oder Gedanken nicht verbalisieren (können) braucht es jetzt Sensibilität und sehr feines Beobachten durch die Erzieher*innen.

Darüber hinaus können Kinder gestärkt werden, indem z.B. im Portfolio „Stärkenseiten“ angelegt werden auf denen die Kinder sehen können, was sie schon alles geschafft haben und welche Strategien ihnen dabei geholfen haben. Auch Bildungs- Und Lerngeschichten sind hierfür ein gutes Instrument. So senken wir eine eventuell gefühlte Hilflosigkeit und wandeln sie in Selbstwirksamkeit um. Mit älteren Kindern können wir auch schon gemeinsam überlegen, wie sie Dinge gelöst haben und was dabei gut funktioniert hat. Außerdem halte ich es für wichtig, Rückzugsmöglichkeiten zu schaffen aber auch, dass die Kinder sich bewegen können. Das alles dient der Selbstregulation.

Bestätigung der eigenen Arbeit

Alter Hut!? Haben wir alles schon!? War mir eh klar!? Umso besser! Denn daran wird deutlich, dass wir gar nicht so viel Neues tun müssen um die Kinder zu stärken. Nur das, was wir sowieso schon tun darf überdacht, verändert und bewusster getan werden und zumindest mich entspannt das sehr und bestärkt mich darin, dass schon alles gut ist.

Deine Fea Finger

P.S.

Falls Du mehr von und über Fea Finger hören und erfahren möchtest, dann hör in Ihren tollen Podcast: Feas Naive Welt. Hier beschäftigt sie sich mit vielen wichtigen pädagogischen Themen. Kurzweillig und immer mit Tiefgang. Oder folge ihr auf Instagram @feafinger

Außerdem war sie auch schon zu Gast bei mir den den KitaTalks mit dem Thema: “Achtung vor Eltern in der Pandemie”.

Die Bedeutung der Peer Group bei der Wieder- Eingewöhnung

Im Rahmen einer Supervision kam bei einigen Pädagogischen Fachkräften die Frage auf, wie es wohl werden wird, wenn der Lockdown nach so vielen Wochen wieder endet und die Kinder, die über einen so langen Zeitraum zu Hause betreut wurden, wieder in die Kindertagesbetreuung zurückkehren. Bei einigen war die Eingewöhnung gerade erst abgeschlossen und die Frage wird auch seitens der Eltern laut, ob eine neue Eingewöhnung nötig werden könnte.

Bereits im vergangenen Jahr standen diese Sorgen im Raum und da waren es in vielen Einrichtungen noch mehr Kinder, die zu Hause betreut worden sind. In dieser Zeit habe ich meinen ersten Blogbeitrag zur (Wieder-) Eingewöhnung der Kinder veröffentlicht. Im Nachhinein betrachtet, haben die Kinder im letzten Jahr die Rückkehr in ihre Gruppen sehr gut bewältigt und viele Befürchtungen sind gar nicht erst eingetroffen. Die meisten Kinder haben sich einfach nur gefreut, wieder in Krippe, Kita und Kindertagespflege zurückkehren zu können. Sie haben freudig ihre Freunde und Freundinnen in den Arm genommen und ihre Spieltätigkeit wieder aufgenommen. Es bleibt zu hoffen, dass dies auch dieses Mal so ähnlich sein wird und mittlerweile vertrau ich auch darauf, dass es so kommen kann.

Meine Zuversicht begründet sich aus den Erkenntnissen der Peer Group Forschung von Carolin Howes. Bereits in meinem Beitrag “Eingewöhnung in der Peer Group” habe ich auf diese Forschungen zu den Peer Group Beziehungen bei Kindern von 0-3 Jahren hingewiesen. Dort wurde herausgefunden, dass Kinder bereits gegen Ende ihres ersten Lebensjahres mit anderen Gleichaltrigen sozial interagieren. Sie können ab diesem Alter gemeinsam emotionale Themen im gemeinsamen Spiel bearbeiten. So hat Howes auch herausgefunden, dass die Trennung von den Eltern den Kindern leichter fällt, wenn sie diese mit anderen Kindern bewältigen, die in der gleichen Situation sind.

Die Bedeutung der Peers

Im Allgemeinen versteht man nach Corsaro (1985) und von Salsch (2000) unter einer Peer Group mehrere Kinder (auch Jugendliche und Erwachsene),

  • die ungefähr gleichaltrig sind bzw. auf einem ähnlichen kognitiven, emotionalen und soziomoralischen Entwicklungsstand stehen
  • die gleiche Entwicklungsaufgaben und normative Lebensereignisse zu bewältigen haben
  • die untereinander bezüglich ihrer Macht und ihres sozialen Status gleichberechtigt und ebenbürtig sind.

Die Peer-Group bietet Kindern in Krippe, Kita und Kindertagespflege:

  • einen Orte des sozialen Lernens
    • durch das Gefüge sozialer Interessensgruppen
    • indem sie auf ihre Art untereinander Bedürfnisse kommunizieren, was in dieser Form mit Erwachsenen nicht möglich ist
    • indem sie an der Alltagswirklichkeit Anderer teilhaben
  • einen Schutzraum im Umgang mit Gefühlen
    • wo sie Regeln und Umgangsformen erproben können
    • in dem sozialer Austausch stattfindet
    • wo sie Dialoge führen, Kompromisse finden und Konflikte austragen können
  • Möglichkeiten zum Lernen durch Nachahmung
    • aufgrund ständiger Interaktion und Ko-Konstruktion im Miteinander
    • durch Socializing/ Geselligkeit (Ahnert 2011) auf Augenhöhe.

Bedeutung für den Wieder – Einstieg

Diese Erkenntnisse rund um den Stellenwert und die Bedeutsamkeit der PeerGroup hat einen stabilisierenden Faktor für die Rückkehr der Kinder in die Kindertagesbetreuung. Sie treffen auf die Freunde und Freundinnen, die schmerzlich vermisst wurden und sie sind nicht alleine mit der Situation der Trennung, sondern es gibt noch andere Kinder, denen es genauso geht. So kann beispielsweise ein Kind, dass sich mit der Trennung schwerer tut, sich das Verhalten und die emotionale Ebene bei einem anderen Kind, dem es weniger schwer fällt abgucken. Dies gibt den Kindern ein Stück Halt und Sicherheit.

Vorbeugend bestünde die Möglichkeit, die Kindern in Anlehnung an die Eingewöhnung in der PeerGroup, die Möglichkeit zu geben, z.B. mit ca 3 Kindern in Begleitung der Eltern die ersten 2-3 Tage die Krippe, Kita oder Kindertagespflege für 1-2 Stunden zu besuchen, um einen sanften und kindorientierten Übergang zu ermöglichen. In dieser Spielgruppenähnlichen Situation kannst Du dann beobachten, welche Kinder den Übergang erneut gut meistern und welches Kind vielleicht auch eine intensivere Begleitung durch die Eltern bedarf. Wichtig ist, dass in Rücksprache mit den Trägern für diese Wieder-Eingewöhnung das Betretungsverbot für die Eltern (unter Einhaltung der AHAL-Regeln) vorübergehend aufgehoben wird.

Ergänzende Informationen

Mehr über die Eingewöhnung in der PeerGroup findest Du:

Weitere stabilisierende Faktoren

Weitere stabilisierende Faktor bei der Wieder- Eingewöhnung bieten zum einen auch Geschwisterbeziehungen, wenn Geschwister in dergleichen Gruppe betreut oder im Rahmen einer offenen Arbeit (aktuell eher nur eingeschränkt möglich) viele Berührungspunkte haben. Zum anderen bist Du als pädagogische Fachkraft den Kindern bekannt und vertraut und somit ein wichtiger sicherer Hafen. Wenn Du darüber hinaus auch in den letzten Wochen auf unterschiedlichsten Wegen den Kontakt zu den Kindern gehalten hast, ist auch hier die Beziehung nicht komplett abgebrochen.

Unterstützend kann zudem die Trosttankstelle sein, eine Anregung von Gundula Göbel, bei Dir die Eltern dazu angeregt werden, ihre Kinder morgens vor der Verabschiedung nochmal ganz kräftig mit viel körperlicher Nähe und stärkenden Worten “aufzutanken”, damit sie gestärkt den Übergang von Familie zu Krippe, Kita und Kindertagespflege bewältigen können.

Sobald deutlich wird, wann alle Kinder wieder in den Regelbetrieb zurückkehren, kannst Du mit den Kindern, die bereits in der Gruppe sind, gemeinsam überlegen, was ihr tun könnt, um den anderen den Wiedereinstieg zu erleichtern. Ich bin überzeugt davon, dass die älteren Kinder bestimmt tolle Ideen haben. Gleichzeitig bereitest Du diese Kinder darauf vor, dass auch auf sie wieder eine Veränderung zu kommt.

Um Dich gut auf die Rückkehr der Kinder vorzubereiten, hat Lea Wedewardt meines Erachtens bereits im vergangenen Jahr sehr hilfreiche Fragen formuliert, die auch dieses Mal alle Beteiligten und deren Bedürfnisse in den Fokus rücken, um die Rückkehr der Kinder möglichst bedürfnisorientiert zu gestalten.

Ich wünsche Dir, den Kindern und den Eltern eine baldige Rückkehr in eine „Normalität“. Es wird Zeit, dass die Kinder wieder mit Kindern zusammenkommen und von und miteinander lernen können.

Bis dies wieder soweit ist, wünsche ich Dir, dass Du gesund bleibst

Deine Anja

 

P.S. Die Zusammenarbeit mit den Eltern nimmt auch beim Wieder-Einstieg der Kinder eine zentrale Rolle ein. Hierzu habe ich in den letzten Monaten zwei KitaTalks mit

veröffentlicht.

Mein letzter Blogbeitrag “Bildungs-und Erziehungspartnerschaft auf dem Prüfstand” beschreibt das Dilemma, in dem Du Dich in dieser Zusammenarbeit befindest, da es gerade keine verbindlichen Regeln für die Betreuung der Kinder gibt und Appelle häufig wenig zielführend sind.

Bildungs- und Erziehungspartnerschaft auf dem Prüfstand


Seit Dezember geistern verschiedene Begrifflichkeiten durch die Medien und Social Media: von „Kitas und Kindertagespflege sind geschlossen“, „Notbetreuung“, „eingeschränkter Pandemiebetrieb“ verbunden mit dem Appell an Eltern, ihre Kinder möglichst zu Hause zu betreuen. In der Öffentlichkeit wird oftmals der Eindruck vermittelt, das die Kindertagesbetreuung geschlossen sei. Die Realität sieht in vielen Kitas und Kindertagespflegestellen jedoch ganz anders aus.

Der Fluch des Föderalismus

In den seltensten Fällen gibt es klare Vorgaben für die Kindertagesbetreuung und jedes Land handhabt es totz Absprache komplett unterschiedlich. So wachsen Verunsicherung, Frust und Wut auf Seiten vieler Pädagogischer Fachkräfte. Auf der anderen Seite versuchen sich Eltern durch dieses Wirrwarr hindurch zu kämpfen und Lösungen für Ihre persönlichen Situationen zu finden.


So kommt was kommen muss: jede*r legt es anders aus und dadurch entstehen Interessenskonflikte zwischen Pädagogischen Fachkräften und Eltern.
Die Politik überlässt Kita-Leitungen, Fachkräften, Tagespflegepersonen und Eltern das Thema vor Ort auszutragen.

Vorprogrammierte Interessenskonflikte

In der Praxis treffen dann zum einen Pädagogische Fachkräfte,

  • die trotz schwach besetzter Gruppen, komplett vor Ort sein müssen und dadurch unnötig einer Infektionsgefahr ausgesetzt sind
  • die in bis zu 90% voll besetzten Gruppen arbeiten, obwohl aus ihrer Sicht, einige Eltern die Betreuung gar nicht bräuchten und das Handeln der Eltern als Respektlosigkeit bewerten
  • in deren Gruppen Personalmangel herrscht, weil Kolleg*Innen dem Risikogruppen angehören und schon seit Monaten nicht vor Ort arbeiten
  • die selbst Eltern sind und Kinder zu Hause oder im Homeschooling zu betreuen haben
  • mit ihren Sorgen und Nöten um die tägliche Bedrohung ihrer Gesundheit, weil die Nähe zu den Kindern ein wesentlicher Teil ihrer Arbeit ist
  • die schon mehrfach Quarantäne durchstehen mussten, weil ein Infektionsfall in der Kita aufgetreten ist
  • die sich bereits angesteckt haben und die Erkrankung mehr oder weniger glimpflich überstanden haben

auf Eltern,

  • die sich zwischen Homeoffice und Homeschooling zermürben
  • die psychisch belastet sind und sich eine Auszeit herbei sehnen
  • die sich strikt an die Regeln halten und ihren Kindern zumindest den Kindergarten nicht vorenthalten wollen
  • die mit ihren Kindern zu Hause aus unterschiedlichsten Gründen ge- und überfordert sind
  • die es auf engstem Raum mit dem sehr lebendigen Kind nicht mehr aushalten
  • die in einer Schwangerschaft für ein paar Stunden Kraft ohne Kind tanken möchten

Im Gespräch bleiben

Vielerorts gerät dadurch die viel gepriesene Bildungs-und Erziehungspartnerschaft auf den Prüfstand. Es entsteht ein Gegeneinander anstatt zu sehen, dass weder Eltern noch Pädagogische Fachkräfte für die Folgen dieser politischen Nicht-Entscheidungen vor Ort die Verantwortung tragen. Das einzige, was jetzt zielführend ist, ist miteinander im Gespräch zu bleiben, sich gegenseitig ernst zu nehmen und nicht ständig dem jeweils Anderen zu unterstellen, nur zu seinem Vorteil zu handeln. Ich habe schon zu Beginn der Pandemie über das Prinzip des Guten Grundes einen Blogbeitrag geschrieben, auf den ich an dieser Stellen auf jeden Fall nochmal verweisen möchte.

Ergänzend ist gerade ganz neu ein Kita-Talk mit Fea Finger (stellvertretende Kita-Leitung, Empathie- und Resilienztrainerin) mit dem Titel: „Achtung vor Eltern in der Pandemie“ erschienen.

Bitte bleib mit den Eltern über Deine und deren Gefühle und Bedürfnisse im Gespräch. Sei weiterhin so engagiert mit den Kindern, um sie möglichst achtsam und gut durch diese unruhige Zeit zu begleiten. Die Kinder vor Ort haben ein Recht auf eine schöne Zeit in der Einrichtung und die anderen haben ein Recht darauf, dass Du auch weiterhin mit Ihnen im Kontakt bleibst. Zieh Dich bitte nicht zurück, sondern geh jetzt erst Recht in den Kontakt mit Eltern – mit denen die zu Hause bleiben, genauso wie mit denen, die ihre Kinder bringen. Ich bin der Überzeugung, dass die wenigsten sich ihre jeweilige Entscheidung wirklich leicht gemacht haben.

Verantwortung der Erwachsenen

Fea hat mich übrigens in dem KitaTalk gefragt, was ich glaube, was diese Pandemie mit den Kindern macht und ob eine traumatisierte Generation daraus hervorgehen wird. Meine Antwort darauf ist, dass diese Generation bestimmt Erfahrungen mitnimmt, die Entwicklung der Persönlichkeit beeinflussen werden. Trotzdem muss diese Generation nicht zwangsläufig traumatisiert sein.

Dafür sind wir Erwachsenen jedoch grundlegend mitverantwortlich. Die Kinder brauchen von uns jetzt Stabilität und Sicherheit. Dazu gehört auch eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Eltern. Vielleicht hilft es Dir ja, wenn Du Dir vor Augen führst, dass auch die Eltern, sich diese Situation nicht ausgesucht haben. Sie versuchen genau wie Du, für sich und ihre Kinder bestmöglich zu sorgen, um diese Zeit zu überstehen.

Starke Erwachsene für starke Kinder

Für dich persönlich kann es hilfreich sein, sich ehrlich mit Deinen eigenen Sorgen, Ängsten und Nöten auseinanderzusetzen. Entdecke Deine Kraftquellen und tausch Dich mit den Kolleg*innen und Freund*innen aus. Hol Dir gegebenfalls Hilfe und Unterstützung von außen z.B. bei Beratern, Coaches oder Supervisor*innen.

Ein weiterer Beitrag, an den ich Dich in diesem Zusammenhang auch erinnern möchte, ist bereits letztes Jahr erschienen. In „Zwischen Empathie und Selbstfürsorge“ wirst Du daran erinnert, was Du tun kannst, um immer wieder auch gut für Dich zu sorgen. Und bei aller Schwere der Zeit, vergesst nicht zu Lachen. In meiner Küche steht immer noch das Metallschild: „Wenn wir lachen, stirbt irgendwo ein Problem!“ Ich glaube zwar nicht, dass wir die Pandemie so einfach weglachen können, ich bin aber der Überzeugung, dass wir das Ganze mit einer guten Portion Humor um Längen besser durchstehen.

Vertrau darauf, dass auch in dieser Krise das Licht am Ende des Tunnels wieder auftauchen wird. Glücklicherweise werden schon bald die Tage wieder länger und mit dem beginnenden Frühling wird die Stimmung und unsere Zuversicht weiter aufblühen und wachsen.

Ich wünsche Dir noch viel Kraft für und in der Krise

Deine Anja

Wenn Du individuelle Unterstützung in dieser Krise brauchst, stehe ich jederzeit online zur Verfügung. Nimm einfach Kontakt mit mir auf, in einem Erstgespräch können wir dann alles weitere besprechen.

Eingewöhnung in der Peer Group

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit den verschiedenen Eingewöhnungsmodellen. Seinen Anfang nahm dies bereits in meiner Zeit als Pädagogische Fachkraft vor mehr als 25 Jahren als ich merkte, dass die damalige Form der Eingewöhnung ohne Elternbegleitung für alle Beteiligten einfach nur anstrengend und für die Kinder wenig bedürfnisorientiert war.

Das Berliner Modell als Lösung

Wie glücklich war ich als ich dann das Berliner Eingewöhnungsmodell kennenlernte und dies dann mit viel Überzeugung in meinen Seminaren vermittelte. Vor gut 20 Jahren war das sehr innovativ. Seither haben sich viele Spielarten hierzu entwickelt und meiner erfahrung nach setzt kaum eine Einrichtung tatsächlich dieses Modell in Reinform um. Mittlerweile hinterfrage ich, ob eine Einrichtung in ihrem Konzept überhaupt ein konkretes Modell benennen sollte oder ob es nicht viel sinnvoller ist, das zu beschreiben, was in der einzelnen Krippe, Kita oder Kindertagespflege konkret praktiziert wird. Für den Fall, dass Du Dein Eingewöhnungskonzept hinterfragen und ggfs. überarbeiten möchtest, habe ich Dir 5 Tipps zur Eingewöhnung zusammengestellt. Der kostenfreie E-Mail Kurs begleitet Dich über mehrere Tage mit gezielten Reflektionsfragen dabei.

Im Laufe der Jahre lernte ich als Referentin noch das Münchner Modell kennen. Das Berliner Eingewöhnungsmodell basiert im Kern auf der Bindungstheorie und das Müncher bezieht darüber hinaus, die Transitionsforschung mit ein, die u.a. davon ausgeht, dass ein Kind auch zu mehreren anderen Erwachsenen in einem Eingewöhnungsprozess mit der entsprechenden Zeit eine Beziehung aufbauen kann.

Neue Impulse eröffnen neue Wege

2016 hat es dann auf einer Tagung des Netzwerk: Fortbildung U3 in Potsdam bei mir nochmal richtig Klick gemacht. Ich begegnete im Open Space Regine Schierle-Wenger, die uns das Modell der Eingewöhnung in der PeerGroup vorstellte. Ihre Begeisterung sprang unmittelbar auf mich über, so dass ich bereits in der folgenden Woche, dieses Modell in meiner Fortbildungsreihe “Fachkraft für Frühpädagogik” im Haus Neuland aufnahm. In dieser Gruppe entzündete sich in einer Kollegin ein Feuer, dass sie umgehend in ihre Einrichtung trug und innerhalb von knapp 4 Monaten die Eingewöhnung für ihre Krippengruppe veränderte.

Seither ist die Eingewöhnung in der Peer Group ein fester Bestandteil in meinen Seminaren und Modulen rund um die Eingewöhnung. Was aber beinhaltet dieses Eingewöhnungsmodell im Kern? – Meines Erachtens ist dieses Model die aktuelle und logische Weiterführung der beiden anderen Modelle. Es berücksichtigt die Wichtigkeit der Bindungspersonen für die Gestaltung von Übergängen auf Grundlage der Bindungstheorie, es integriert die Annahme, dass Kinder grundsätzlich auch zu mehreren anderen Erwachsenen Beziehungen aufbauen können gemäß der Transitionsforschung und es bezieht die Bedeutung der Gleichaltrigen basierend auf den Forschungen zur Peer Group mit ein. Ein sehr lesenswertes Buch hierzu heißt: Was wir gemeinsam alles können.

Die Bedeutung der Peer Group

Die Forschungen von Carolin Howes zu den Peer Group Beziehungen bei Kindern von 0-3 Jahren haben ergeben, dass bereits Kinder gegen Ende ihres ersten Lebensjahres mit anderen Gleichaltrigen sozial interagieren. Sie bearbeiten ab diesem Alter bereits gemeinsam emotionale Themen im gemeinsamen Spiel. So hat Howes auch herausgefunden, dass die Trennung von den Eltern den Kindern leichter fällt, wenn sie diese mit anderen Kindern bewältigen, die in der gleichen Situation sind. So kann beispielsweise ein Kind, dass sich mit Trennung etwas schwerer tut, sich das Verhalten und die emotionale Ebene bei einem anderen Kind, dem es weniger schwer fällt abgucken.

Und so geht`s

Bei der Eingewöhnung in der Peer-Group werden in der Regel je nach Alter 3-5 Kinder in Begleitung ihrer Eltern gleichzeitig eingewöhnt. Zwei Eingewöhnungspädagoginnen begleiten den Eingewöhnungsprozess. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, eine anregende Umgebung zu schaffen, in der die Kinder miteinander ins Spiel kommen und so sich gut von den Eltern lösen können. Sie beobachten jedes einzelne Kind und die Kindergruppe, um herauszufinden, wer wann welche Unterstützung braucht, um gut ankommen zu können. Am Anfang bleiben die Eltern als Gruppe mit im Raum, so dass die Kindern jederzeit zu den Eltern zurückkehren können und wieder Sicherheit auftanken können. In dieser Phase nehmen bereits einzelne Kinder auch Kontakt zu den Eingewöhnungspädagoginnen auf, die dann feinfühlig eine Beziehung zu dem jeweiligen Kind aufbauen. Auch hier lernen die anderen Kinder durch Beobachtung und Nachahmung am Modell.

Die Eltern verlassen nach ca. 3-5 Tagen erstmalig den Raum, wenn möglich gemeinsam. Ähnlich anderer Eingewöhnungsmodelle ist jetzt die Reaktion des einzelnen Kindes im Vordergrund und für das weitere Vorgehen ausschlaggebend. Selbstverständlich kommt ein Elternteil sofort wieder zurück, wenn ein Kind noch Zeit braucht. Hier gilt der Vorrang des individuellen Bedürfnisses vor dem der Gruppe. Erfahrungsgemäß ist es für die anderen Kinder, die die Trennung schon gut meistern kein Problem, wenn ein einzelnes Elternteil noch anwesend ist. Die Dauer der Abwesenheit der Eltern wird dann schrittweise verlängert. Ein ganz besonderer Charm dieses Modells liegt übrigens darin, dass auch die Eltern eine Peer Group bilden und sich so gemeinsam stützen.

Generell sind folgende Säulen zu beachten:

  • das Team
  • die Eingewöhnungspädagogen
  • die Kindergruppe
  • die Eltern
  • der seperate vorbereitete Raum mi Spiel- und Elternbereich

Rückmeldung aus der Praxis

Ich kenne mittlerweile einige Einrichtungen, die dieses Modell mit Überzeugung umsetzen und die Rückmeldungen sind jedes Mal sehr ähnlich: die Eingewöhnung verlief entspannter, die Kinder finden sehr gut ins Spiel, die Ablösung findet stressfreier und mit geringerer Rückfallquote statt, die Kinder wenden sich an die pädagogischen Fachkräfte im Bedarfs- und Trostfall, sind aber weniger fixiert auf eine spezielle Bezugserzieherin …

Soweit ein erster kleiner Einblick in dieses etwas andere Modell. Wenn Du mehr darüber erfahren möchtest, habe ich Dir noch ein paar Empfehlungen im Anhang verlinkt. Falls du bereits mit dem Modell arbeitest freue ich mich über Deine Erfahrungswerte in den Kommentaren. Solltest weitere Fragen haben, kannst Du diese auch gerne in die Kommentare schreiben oder Du kommst in eines meiner Live-Online-Seminare.

Deine Anja

In meinem Kita Talk: Eingewöhnung in der Peer Group berichtet Sabrina Djogo über die Umsetzung des Modells in der Kindertagespflege

In dem Podcast von Tanja Köster wurde ich zu dem Modell interviewt.

Live-Online-Seminare

6.11.2021 Haus Neuland/ Sennestadt: Eingewöhnung in der Peer Group