Schluss mit Irrtümern und Mythen in der Eingewöhnung

Ich bin seit 30 Jahren im Arbeitsfeld der Kinderbetreuung tätig- erst 10 Jahre als pädagogische Fachkraft und seit 20 Jahren als Weiterbildnerin und Coachin.

Bereits während meiner ersten Eingewöhnung im Berufspraktikum spürte ich intuitiv, dass hier etwas grundlegend schief lief. Von Eingewöhnung konnte damals überhaupt noch nicht gesprochen werden: die Kinder kamen und mussten von Tag 1 an ohne Eltern bleiben.

Mittlerweile hat sich einiges getan. In vielen Krippen, Kitas und Kindertagespflegen wird nach standardisierten Modellen die Ankommenszeit mit Kindern und Eltern gestaltet. Die Bedürfnisse aller Beteiligten stehen im Fokus und werden ernst genommen. Im besten Fall findet der für die weitere Zeit wichtige Beziehungsaufbau von Fachkraft und Kind individuell und im Tempo des Kindes statt.

Trotzdem geistern immernoch fatale Irrtümer hartnäckig durch die Köpfe einiger Fachkräfte. Damit gilt es ein für alle mal aufzuräumen, sind sie doch oft ein Zeichen für ein längst überholtes Bild vom Kind, und fehlender Augenhöhe zu den Bindungspersonen als Expert*innen für ihr Kind.  Manch Haltung und Praktik in der Eingewöhnung grenzt bedauerlicherweise an schwarze Pädagogik.

Es folgen ein paar Irrtümer und ihre begründete Richtigstellung. Es geht nicht darum irgendwen damit explizit an den Pranger zu stellen und zu verurteilen. Ich möchte Fachkräfte zur Reflektion und Überprüfung einladen, damit die hier benannten,  meist unreflektierten Irrtümer irgendwann einmal Geschichte und damit passe sind.

# Irrtum No. 1 – Früher blieben die Kinder doch auch ohne Eltern und das klappte viel besser

Dem möchte ich als Zeitzeugin vehement widersprechen. Es war für alle Beteiligten einfach nur anstrengend und eine Zumutung.

Viele Kinder haben sich die Seele aus dem Leib geschrien und geweint. Wenn sie Glück hatten, gab es Fachkräfte, die zumindest versucht haben, sie zu trösten, was aber nur bedingt gelingen konnte, weil man sich i.d.R. kaum bis gar nicht kannte. Die ein oder andere Fachkraft war der Überzeugung, dass wenn man das Kind nur lang genug ignoriert, es schon mit dem Theater aufhören würde. Und das taten viele Kinder dann auch: sie ergaben sich in ihr Schicksal und versuchten ihren Weg zu finden.

Leider übertreibe ich mit diesen Schilderungen nicht.

Wer jetzt behauptet, er habe das auch erlebt und es habe ihm nicht geschadet., den frage ich: und wie sieht es heute für dich mit unbekannten Situationen aus? Magst du dich auf Veränderungen einlassen und begrüßt diese freudig und offen? Oder bist du da eher vorsichtig und zweifelnd?

Merke: Das die frühere Praktik nach außen gesehen funktionierte, lag sehr wahrscheinlich daran, dass die Kinder keine andere Wahl hatten.
Neurobiologisch gesehen war das Stressystem der Kinder hoch aktiv und die Kinder haben gemäß der drei Überlebensreaktionen: Kampf, Flucht oder Erstarrung reagiert. Flucht (weglaufen) war ihnen nicht möglich  ihr Kampf und Widerstand (weinen, schreien) wurde schlichtweg ignoriert. Was blieb, war die Resignation. Also schleunigst weg mit diesem Mythos.

Kinder brauchen auf jeden Falleine einfühlsame Begleitung durch ihre Bindungspersonen, zugewandte und beziehungsstarke Fachkräfte und Zeit.

Natürlich gibt es auch einzelne Kinder, die von Tag 1 an, problemlos alleine in der Kindertagesbetreuung bleiben. Hier handelt es sich um die berühmte Ausnahme von der Regel, die nicht als Maßstab genommen werden kann und darf.

# Irrtum No. 2 – Eine zu starke Bindung zu der begleitenden Bindungsperson erschwert den Eingewöhnungsprozess

Genau das Gegenteil ist der Fall. Auf der Basis einer starken Bindung verfügt das Kind über genügend Urvertrauen, um sich aufgeschlossen auf die neue Umgebung, die Fachkräfte und die anderen Kinder einzulassen. Das Kind löst sich dann von seinen Bindungspersonen besser, weil es die Erfahrung gemacht hat, dass es anderen Menschen vertrauen kann. Zunächst einmal wendet ein stark gebundenes Kind sich aber in der unbekannten Umgebung an die vertaute Bindungsperson, bevor es schrittweise sich offnet.

Als Fachkraft kannst du den Beziehungsaufbau zum Kind insofern unterstützen, indem du interessiert und neugierig auf das Kind zugehst und dich  einfühlsam um eine gute Beziehung zum Kind bemühst.

Natürlich gibt es Eingewöhnungen, in denen ein Kind sich nur schwer lösen oder es den Bindungspersonen schwer fällt loszulassen. Dann lohnt es sich, sich  gemeinsam mit den Bindungspersonen auf den Weg zu machen, welche Irsache hier zu finden ist und lösungsorientiert zu schauen, was möglich ist, um allen Beteiligten die Eingewöhnung zu erleichtern.

Merke: Wenn ein Kind sich in der Eingewöhnung nur schwer löst, hat das nichts mit der starken Bindung zu tun. Ganz im Gegenteil: Eine starke Bindung unterstützt die Eingewöhnung.

# Irrtum No. 3 –  Mit Vätern ist die Eingewöhnung viel leichter

Das sollte schon aufgrund der Klischeehaftigkeit der Aussage schleunigst verabschiedet werden. Vätern wird damit eine weniger enge Bindung zugeschrieben als den Müttern. Das entspringt veralteter Rollenvorstellungen, die sich in den vergangenen 10 Jahren in der Praxus nocheinmal deutlich verändert haben. Ich konnte das allein auf den Elternabenden der letzten 12 Jahre veobachten, dass Väter immermehr Interesse an der Entwicklung ihrer Kinder  zeigen, vermehrt zu den Elternabenden kommen und der Eingewöhnung mit ähnlichen Zweifeln, Sorgen und Bedenken entgegensehen, wie die Mütter der Kinder.
Auch der Anteil der Väter, die ihre Elternzeit nutzen, ist in den letzten Jahren stetig gestiegen. Väter haben demzufolge keine schlechtere Bindung zu ihren Kindern, hier ist geschlechtsunabhängig die tatsächliche  Beziehungsqualität von Bindungsperson zu Kind entscheidend.

Eine weitere tief verwurzelte Annahme, die hier noch verankert ist, dass Männer perse weniger Gefühle haben bzw. zeigen und ihnen die Trennung von ihrem Kind daher viel weniger ausmacht. So ein Quatsch!

Merke: Natürlich gibt es Unterschiede in der Bindungs- und Beziehungsqualität der beiden Elternteile (oder anderer Bindungspersonen zum Kind). Das ist aber niemals am Geschlecht festzumachen. Väter und andere Bindungspersonen brauchen die gleiche achtsame und feingühlige Begleitung in der Eingewöhnungszeit wie Mütter.

# Irrtum No. 4 – Die erste Trennung muss am 4. Tag stattfinden

Das ist ein Riesenmissverständnis in Verbindung mit dem  Berliner Modell. Dort wird der 1. TrennungsVERSUCH am 4. Tag durchgeführt. In anderen Modellen findet dies häufig erst später statt, was ich sehr begrüße.
Im Berliner Modell lege ich größten Wert auf das kleine Wörtchen „Versuch“. Hier wird angetestet und ausprobiert und sofort unterbrochen, wenn das Kind Gegenwehr und Widerstand zeigt bzw. Sich nicht auf die Tröstangebote der Fachkraft einlässt.
Es geht also nicht um Schema F, sondern es gilt die Persönlichkeit und das individuelle Tempo des Kindes zu berücksichtigen.
Für die meisten Kinder ist eine Trenung am vierten Tag noch viel zu früh.

Merke: Eine Trennung am 4. Tag ist in den meisten Fällen wenig sinnvoll. Auch der Trennungsversuch ist zu diesem frühen Zeitpunkt fragwürdig. Ein sanftes Ankommen und Kennenlernen stärkt Vertrauen und Beziehung zu den Fachkräften, was den Übergang sehr erleichtert.

# Irrtum No.5 – DAS ist vom Modell so vorgeschrieben

Diese Aussage beinhaltet im Prinzip eine Steigerung von Irrtum No. 4. Egal worum es geht, es wird mit den vermeintlichen Vorgaben des Modells argumentiert. Das führt dann in der Praxis nicht selten zu Stillblüten, wie ich selbst schon in der Elternberatung begleitet habe. Die komplette Eingewöhnung war durchgetaktet. Einschließlich Tag 4 hatte das Kind bis dahin kooperiert und dann kam es zu der Situation, dass am 5. Tag die bisherige Bezugserzieherin erkrankt war und anstatt nun die Trennungsversuche vorübergehend auszusetzen, wurde ganz nach Plan verfahren. Obwohl das fast einjährige Kind, die neue Person noch nicht kannte, sollte die Mutter nach einer kurzen Verabschiedung gehen. Das Kind reagierte verzweifelt und weinte und schrie. Aber die Mutter sollte trotzdem für 20 Minuten fortbleiben. Der Mutter wurde vermittelt, dass sei alles ganz normal und nach dem Modell wäre das der übliche Weg.Glücklicherweise vertraute die Mutter auf ihr Bauchgefühl und verkürzte nach einigem Hadern die Trennungssituation gegen den Willen der Fachkraft. Nach dem Wochenende sollte es sofort zu weiteren Trennungen kommen, gegen die das Kind sich vehement auflehnte. Bei den Fachkräften war bis zum Schluss kein Abweichen vom Ablauf des Modells möglich, sie beharrten auf die Richtigkeit des Vorgehens. Nachdem dann der Vater sein Glück erfolglos versuchte (Fun-Fakt für Irrtum No. 3) wurde seitens der Eltern die Eingewöhnung abgebrochen und das Kind abgemeldet.

Merke: Eingewöhnungmodelle wurden nicht dazu entwickelt, sich sklavisch daran zu halten. Sie geben eine Orientierung, wie eine Eingewöhnung gelingen kann. Alle Modellen haben zum  Ziel, dem Kind und seinen Eltern Sicherheit und Orientierung zu geben, damit sie den Übergang in die Kinderbetreuung gut bewältigen können. Dabei ist es elementar wichtig, die Bedürfnisse des Kindes ernst zu nehmen. Diese Bedürfnisse äußert es durch seine Bindungssignale wie schreien, weinen, klammern etc.

# Irrtum No. 6 – Das Kind muss trocken sein, wenn es in die KInderbetreuung kommt

Diese Frage wurde mir viele Jahre von jungen Eltern gestellt, die dies von ihren Eltern oder Großeltern so eingetrichtert bekommen hatten. Der Ursprung dieser Grundannahme ist schnell zu ergründen. Als ich vor 30 Jahren als Fachkraft gearbeitet habe, waren hier in den alten Bundesländern die jüngsten Kinder vier oder fünf, die in den Kindergarten kamen. In diesem Alter hatten die meisten Kinder bereits ihre Blase und ihren Darm unter Kontrolle. Mit den zunehmend jünger werdenden Kinder bedurfte es ein Umdenken, das glücklicherweise in den meisten Fällen stattgefunden hat.

Vor gut 20 Jahren traf ich noch regelmäßig auf Fachkräfte, die diese Meinung vertraten. Heute ist das deutlich weniger geworden, aber noch immer nicht ganz  weg. Laut meiner Umfrage auf Insta sind es ca. 30% der Fachkräfte, die Kolleg*innen haben, die diesen Irrglauben auch heute noch für Kinder ab 3 Jahren vertreten. Und irgendwo in Bayern gibt es allen Ernstes eine Einrichtung, die für Kinder ab 3 Jahren eine Wickelzulage für den personellen Mehraufwand von bis zu 30 € im Monat erhebt. 🤦

Merke: Kein Kind muss vor der Eingewöhnung trocken sein. Bei den meisten Kindern ist dies entwicklungsbedingt nicht vor dem 4. Lebensjahr möglich. (vgl. G. Haug-Schnabel und Dorothee Gutknecht).

# Irrtum No. 7 – Die Mutter sollte vor der Eingewöhnung abgestillt haben

Das sind veraltete und falsche pädagogische Denkweisen, die heute überholt sind. Wir wissen es heute besser: die Mutter ist nicht für den Beziehungsaufbau zwischen dem Kind und der pädagogischen Fachkraft zuständig oder verantwortlich. Bindungspersonen können natürlich diesen Aufbau unterstützen, indem sie ihrem Kind vermitteln, dass der/die Erzieher*in xy wir Fachkräfte nett und vertrauenswürdig sind. Aber die Bindungspersonen müssen dafür nichts (!) an der Beziehung zu ihrem Kind verändern.

Ich selbst habe vor 25 Jahren eine Eingewöhnung erlebt und begleitet, bei der die Mutter des 6 Monate alten Kindes von ihrem Recht gebraucht machte, 1-2 x am Tag noch zum Stillen zu uns in die Einrichtung zu kommen. Auch das hat wundervoll funktioniert. Ich hatte den Eindruck, dass das Kind so auch zwischendurch Kraft bei der Mutter auftanken konnte, um sich dann wieder auf die Fachkräfte und den herausfordernden KitaAlttag einlassen zu können.

Wenn eine Fachkraft der Meinung ist, dass Stillen oder ein Familienbett, Tragen, Kuscheln usw. falsch sei, da sich ein Krippen- oder Kindergartenkind von seinen Eltern ablösen muss, dann kennt diese Person sich recht wenig mit der Bindungstheorie und Entwicklungspsychologie aus oder möchte sich nicht auf dem aktuellsten Stand halten. Hier sollte noch einmal sehr genau das Bild vom Kind überprüft werden.

Merke: Kinder können sehr wohl Beziehungen zu anderen aufbauen, auch wenn sie gestillt werden. Vor allem bei so großen Entwicklungsaufgaben wie die Bewältigung der Eingewöhnung ist das Weiterstillen sogar von Vorteil, weil es Geborgenheit, Trostt und Zuwendung gibt. Es beruhigt das Stresssystem des Kindes und erleichtert den Übergang.

# Irrtum No.8 – Verabschiedung lieber kurz und schmerzlos

Das entspringt der falschen Vorstellung, dass wenn ich ein Gefühl nicht lange spüren muss, dass es dann auch schnell wieder vorüber ist.  Bei einer unvermittelten und zügigen Verabschiedung, ist das Kind meistens überrumpelt und reagiert überrascht. Je nach Alter und Entwicklungsstand kann es die Situationen und die damit verbundenen Konsequenzen noch gar nicht richtig einschätzen. Daraus lässt dann nicht zwangsläufig schließen, dass nur weil das Kind in diesem Moment gar nicht reagieren kann, es ihm damit wirklich gut geht.

Möglicherweise ist sein Stresssystem gerade so hochgradig aktiviert, dass ihm nur das Notfallprogramm Erstarren zur Verfügung steht.  Gerade dann sollte die Bindungsperson sich langsam verabschieden dürfen, damit das Kind soweit beruhigt wird, dass es sich auf die Bezugserzieher*innen in diesem Moment überhaupt einlassen kann.

Dazu gehört auch, dass das Kind die Erfahrung machen kann: wenn ich traurig bin, dann ist das okay. Ich werde verstanden und ich werde nicht alleine gelassen mit meinen Gefühlen.

Das „Abflücken“ des Kindes vom Arm der Bindungsperson ist übrigens übergriffig und grenzüberschreitend. Im Rahmen des institutionellen Kinderschutzes steht dieses Verhalten absolut auf rot.

Merke: Es ist für das Kind wichtig, mit seinen wahren Gefühlen in Kontakt kommen zu dürfen und dann tut es gut, dies mit den für sie wichtigsten Personen zu erleben und zu bewältigen. Ein Kind hat das Recht auf seine Trauer und sein Traurigsein. Bekommt ein Kind die Zeit, das es braucht, wird es sogar viel schneller das nötige Vertrauen zu den Bezugserziehende fassen können.

# Irrtum No. 9 – Tränen gehören zur Eingewöhnung dazu, da muss das Kind durch

Tränen gehören bei vielen Kindern in der Trennungssituation durchaus dazu und sind Ausdruck ihres Trennungsleids und Trennungsprotestes, das muss aber nicht so sein. Lässt man Kind und Bindungspersonen die notwendige Zeit, sich zu orientieren, anzukommen und Beziehung zur Fachkraft aufzubauen, können diese Tränen auch gänzlich ausbleiben.

Tränen sind immer Signale für Bindungsverhalten, die mitteilen wollen: Geh noch nicht! Bleib hier! Ich bin noch nicht so weit. Ich brauche dich, bis ich hier gut angekommen bin. Und Tränen können auch ein wichtiges Ventil sein, um der eigenen Trauer Ausdruck zu verleihen.

Und Nein- kein Kind muss da pauschal durch. Leider erlebe ich immernoch viel zu oft, dass Kinder in ihrer Trauer und in ihrer Not alleine gelassen werden. Sie sitzen dann einsam und alleine – sich selbst überlassen – und sollen mit ihrem Schmerz alleine klar kommen. Das ist herzlos und grausam. Mit Blick aus das Kinderschutzkonzept zählt das eindeutig zu emotionaler Gewalt. In einer sowieso stressbehafteten Zeit wie der Eingewöhnung wird das Kind dadurch zusätzlichem Stress ausgesetzt. Das ist schlichtweg entwicklungshemmend und nicht zu beschönigen. Dazu gibt es mittlerweilen fundierte Erkenntnisse aus der Neurobiologie – Stress verändert die kindlichen Gehirnstrukturen und verlangsamt Lern- und Entwicklungsprozesse. Zusätzlich haben frühe Stresserfahrungen eine nicht zu unterschätzende Auswirkung auf das spätere Stresssystem des Erwachsenen. Das kann minimiert werden durch gute Co-Regulation und hier wirken gerade die vertrauten Bindungspersonen für das Kind beruhigend.

Merke: Ist ein Kind untröstlich, sind gerade die Bindungspersonen wichtig, damit das Kind in deren Gegenwart möglichst stressdreduziert, sich mit den Fachkräften, den Kindern und der neuen Umgebung vertraut machen kann.
Ein Kind, dass traurig ist, braucht Zuwendung, Nähe und Trost. Es darf niemals in seinem Schmerz alleine gelassen werden. Wenn die Bindungspersonen nicht da sind, ist dies eine der wichtigsten Aufgaben der pädagogischen Fachkraft.

# Irrtum No. 10 – Das Kind weint extra, damit es nicht hierbleiben muss

Und da ist sie wieder: die Unterstellung, dass Kinder aus der Absicht heraus handeln, um die Erwachsenen unter Druck zu setzen und zu manipulieren. Hier lassen Johanna Harrer (Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind) und Dr. Michael Winterhoff (Warum unsere Kinder zu Tyrannen werden) grüßen.

Nein!!! – Kinder manipulieren uns Erwachsene nicht. Sie treten für sich und ihre Bedürfnisse ein und wenn wir dies übergehen, dann tun sie das aus der Not heraus auch heftig und lautstark. Wenn Kinder weinen, dann haben sie immer einen guten Grund. Wenn sie dann Bindungspersonen an ihrer Seite haben, die das ernst nehmen, dann ist das als Fachkraft anzuerkennen und zu unterstütze. Das kann im Einzelfall natürlich auch heißen, dass ein Kind während oder auch nach der Eingewöhnungszeit früher als geplant abgeholt wird, weil es das gerade braucht. Ein solches Vorgehen fördert das Vertrauen des Kindes in alle Richtungen.

Merke: Die Bedürfnisse und Bindungssignale wahrzunehmen, zu verstehen und darauf einzugehen, fördert das Vertrauen des Kindes und erleichtert den Übergang Familie zur Kinderbetreuung. Dabei ist Feinfühligkeit und Sensitive Responsivität- eine wichtige Kompetenz einer jeden pädagogischen Fachkraft.

# Irrtum No. 11 – Wenn wir einmal in der Trennungsphase sind, dann gibt es kein zurück mehr

Die Basis einer bedürfnisorientierten und beziehungsstarken Eingewöhnung ist die Feinfühligkeit der eingewöhnungsbegleitenden Fachkräfte. Dazu gehört es auch, sehr einfühlsam damit umzugehen, dass das Kind zu unterschiedlichsten Zeitpunkten des Ankommens, seiner Trauer Ausdruck verleiht und signalisiert: „Das geht mir gerade alles viel zu schnell, ich brauche noch Zeit.“
Auf dieses Bedürfnis dann einzugehen und Tempo rauszunehmen oder die Bindungsperson auch noch einmal für eine kurze Zeit wieder mit dabei sein zu lassen ist kein Rückschritt. Ausführlicher habe ich zu diesem Punkt schon einmal in meinem früheren Blogartikel: „Abschied ohne Tränen?“ geschrieben.
Diese Maßnahmen werden immer dann notwendig, wenn das Kind kurz davor steht, sich komplett zu verweigern, was in der Praxis oftmals dadurch forciert wird, dass die Trennungsversuche ohne Pause Tag für Tag wiederholt werden.

Merke: Eingewöhnung verläuft nie linear. Ein Kind, das auch in der Trennungsphase seine Bindungspersonen wieder einfordert, braucht noch Zeit. Rückschritte geben dem Kind die Möglichkeit zur Entschleunigung. Dieses Vorgehen dient schließlich der Stressregulation und dem Aufbau von Vertrauen.

# Irrtum No. 12 – Wenn die Bindungsperson jetzt nachgibt, dass wird es gar nicht mehr klappen

Passt auch zu Irrtum No. 11. Diese Haltung begegnet mir häufig, wenn die Eingewöhnung eigentlich schon als abgeschlossen gilt und das Kind dann von heute auf morgen seine Trauer zeigt und wieder mit nach Hause möchte.
Dann meinen manche Fachkräfte, sich auf einmal dem Kind gegenüber durchzusetzen und ihm zu zeigen zu müssen, dass das so nicht funktioniert.

Dabei gibt es viele Gründe, warum ein Kind, die Nähe zur Bindungsperson der Kinderbetreuung wieder vorzieht:
– ihm geht es gerade nicht so gut
– es war so schön zu Hause
– es gab Stress, der noch nicht ausgestanden ist
– das Trennungsleid tritt jetzt erst mit Zeitverzögerung auf
– das Kind war krank und muss sich erst wieder neu einfinden

Merke: Es gibt immerwieder Situationen, in denen es dem Kind gut tun wird, dass die Bindungspersonen, sich für die Gefühle und Bedürfnisse des Kindes Zeit nehmen. Ausnahmen können hier sehr stressreduzierend wirken. Alles andere artet schnell in einen Machtkampf aus und ist als adultistisch einzuordnen. Wenn die Bindungsperson das Kind aus verschiedensten Gründen nicht vwieder mit nach Hause nehmen oder nicht in Ruhe den morgentlichen Übergang in dieser Situation begleiten kann, braucht das Kind eine Erklärung und zugewandte Fachkräfte, die diesen erschwerten Übergang dann feinfühlig begleiten und die Gefühle ernst nehmen.

# Irrtum No. 13 – Die Eingewöhnung muss nach 2 Wochen abgeschlossen sein

Diese Fehlannahme wird oftmals von den Ablaufplänen des Berliner Eingewöhnungsmodells abgeleitet, die dort exemplarisch für 2 Wochen beschrieben sind.
Mit Hineinspielen kann zusätzlich

  • der Druck, den manche Eltern machen, so schnell wie möglich die Kita wieder verlassen zu können,
  • die große Zahl der neuen Kinder, die es aufzunehmen gilt,
  • der Wunsch der Fachkräfte schnellstmöglich zum Alltag zurückkehren zu können,
  • nicht so kange von Bindungspersonen beobachtet zu werden

Merke: Keine Eingewöhnung ist nach exakt 2 Wochen abgeschlossen. Die meisten Kinder bleiben zwar ohne größeres Trennungsleid nach 2 Wochen ohne ihn Bindungspersonen in der Kinderbetreuung. Der Prozess des Ankomnens, Orientierens und Sicherheit gewinnen geht aber noch weiter. Wie eine bindungs- und bedürfnisorientiert gestaltete Eingewöhnung aussehen kann, habe ich in dem Kita Talk mit Teresa Miss:  Jedem Kind sein eigenes Tempo – auch in der Eingewöhnung besprochen.

Soweit ersteinmal die wesentlichsten Irrtümer und Mythen, die ich auch mit Hilfe einiger Fachkräfte auf Instagram und Faceboo gesammelt habe. Fehlt dir noch ein Aspekt? Dann schreib ihn gerne in die Kommentare. Gerne schaue ich dann dort wie wir diesen Mythos entkräften können.

Ich wünsche dir eine bindungsstarke und bedürfnisorientierte Eingewöhnungszeit mit den neuen Kindern und Eltern

Deine Anja

 

 

 

 

 

Peergroup Eingewöhnung Stimmen aus der Praxis

Ein besonderes Dankeschön geht hier an die Kolleginnen des Evangelischen Kindergarten Huckepack in Hüllhorst. Petra Stallmann hat sich vo ein paar Jahren auf meine Anregung hin auf den Weg gemacht, die Peergroup Eingewöhnung in ihrer Gruppe umzusetzen.

Hier kannst du nun nachlesen, wie die verschiedenen Beteiligten diese Form der Eingewöhnung erleben.

Die Eingewöhnung aus Sicht der Leitung

Die Rückmeldung der Eltern zu diesem Eingewohnungsmodell sind durchweg positiv. Das ergab sich aus dem zurückliegenden Audit. Wichtig ist es aber, die Eltern sorgfäItig über dieses Eingewöhnungsmodell zu informieren. Auch die Kontakte unter den Eltern werden intensiviert, weil Sie sich mehr als Gruppe erleben. Das stärkt ihr „Wir-GefühI“. Die EItem. erfahren auch so etwas wie eine „Eingewöhnung & Abnabelung“ als Gruppe.

Es eignet sich nur fur kleine Gruppen, weil die Räume und Personalkapazität dies sonst nicht zulassen. In einer Betreuungsgruppe in der sich 20 oder mehr Kinder befinden, gibt es bei uns keine Möglichkeit parallel zum Betreuungsalltag einen Gruppenraum „nur“ fur die Eingewöhnung vorzuhalten. Da auch nachmittags Kinder in der Einrichtung sind, steht bei uns kein Zeitfenster zur Verfügung in dem das möglich wäre.  Die Personaldecke lässt kaum zusätzliche Arbeitszeiten zu, ohne dass Personal im pädagogischen Alltag fehlt. Ideal ist es, wenn Eingewöhnungszeiten ab 14 / 15 Uhr sind. So i‹ann der „normale‘ Betrieb weiterIaufen. Das bedeutet aber, dass uriter den Bestandskindern möglichst keine oder nur vereinzelt 45 Stunden gebucht sind. Im Gruppentyp II at es sich bewährt 50% der Gruppe neu zu belegen.

Die Kinder in der Krippengruppe profitieren von dieser Eingewohnung, weiI sie nicht ganz so sehr in Abhängigkeit von der einzelnen Erzieherin stehen. Natürlich ist das Personal nach wie vor ein wichtiger Bez!ehungsanker, dennoch scheinen die Kinder schneller Kontakte zu den anderen Kindern aufzubauen, was auch bedeutet, dass sie schneller ins Spiel kommen.

Die Sicht von Petra, der Gruppenleitung

Seit 2017 gewöhnen wir die Kinder unserer U3 Gruppe nach dem Peergroupmodell ein. Nach wie vor verläuft die Eingewöhnung sehr strukturiert, unkompliziert und schnell ab.

Dass die Kinder „sicher“ eingewöhnt sind, zeigt sich auch nach längeren Fehlzeiten der Kinder oder Erzieherinnen. Dieses ließ sich in den Coronazeiten gut beobachten. In der Bringzeit betreten die Kinder selbstverständlich den Raum und werden fröhlich vom Rest der Gruppe empfangen, bewegen sich zielgerichtet auf ein bestimmtes Spielzeug zu oder gehen in ihre Lieblingsecke, in der sie sich besonders wohlfühlen. Manche Kinder suchen sich anfangs eine Bezugserzieherin aus, verhalten sich aber nach kurzer Zeit sehr offen gegenüber den anderen Erzieherinnen der Gruppe.

Zum reibungslosen Ablauf der Eingewöhnung gehören die Planung, die Informationen, die Absprachen mit dem Team und den Eltern sowie die Vorbereitung der Räumlichkeiten mit Spielzeug in doppelter Ausführung. Lezteres sorgt dafür, dass die Kinder durch Beobachtung und Nachahmung auf Augenhöhe kommunizeren können und so in Interaktion treten.

Schnell bekommen die Kinder Freude am Explorieren. Die Sicherheit bietet ihnen die integrierte Elternecke, wo die Kinder jederzeit Kontakt zu ihren Eltern aufnehmen können. Darüber hinaus dient diese Ecke auch dem Kennenlernen der Eltern untereinander, was sich für die weitere Mitarbeit in der Gruppe als sehr hilfreich erwiesen hat.

Die einzugewöhnenden Kinder werden in Absprache mit den Eltern in zwei Gruppen geteilt, einer Vor- und einer Nachmittagsgruppe. Diese beiden Gruppen wurden in den letzten Jahren am vierten Tag zusammengeführt. Ganz individuell halten sich die Eltern an den folgenden Tagen in der Gruppeneltenecke, der ausgelagerten Elternecke auf oder sind per Handy jederzeit errreichbar. Meistens bestätigt sich hier, wie unkompliziert und schnell diese Form der Eingewöhnung abläuft.

Im letzen Jahr hatte ein Kind bereits zwei Tage mit der Mutter den Kindergarten besucht, sich auch sichtlich wohlgefühlt und ist dann für anderthalb Wochen erkrankt. Nach dieser Krankheitsphase begann die Eingewöhnung für dieses Kind erneut. Hier hat es sich als hilfreich erwiesen, die Gruppe zu entzerren, um dem Kind die Möglichkeit zu bieten mit zwei weiteren Kindern in Ruhe in Beziehung zu treten.

Die Sicht von Estelle, einer Gruppenkollegin

Ich empfinde das Eingewöhnungsmodell als eine sehr strukturierte und angenehme Weise, die Kinder nach ihrem eigenen Tempo in den Kindergartenalltag einzugewöhnen.

Zudem finde ich es toll, dass nicht nur die Kinder eine Beziehung und Bindung zueinander aufbauen, sondern auch die Eltern die Möglichkeit haben, sich kennenzulernen und auszutauschen, was einer tollen Atmosphäre der Gruppe und auch der Elterngemeinschaft zu Gute kommt.

Ich finde, die Kinder sind meistens sehr entspannt, und freuen sich auf die anderen Kinder, auf ein bestimmtes Spielzeug oder auf eine bestimmte Räumlichkeit, in der sie sich ganz besonders wohl gefühlt haben.

Kinder, die im selben Alter sind, können toll voneinander lernen, sich bestimmte Dinge abgucken und eine besonders feste Bindung zueinander aucfbauen, was ihnen bei der Trennung von den Eltern enorm hilft.

Vorraussetzung dafür, dass das Modell umzusetzen ist, ist die Mitarbeit der Eltern.

Ich würde abschließend sagen, dass ich in den 3 Jahren durchweg Positives in der Eingewöhnung erlebt habe und sich diese Art des Modells in unserer Gruppe bewährt hat. Außerdem finde ich es super, dass sich die Kinder selber eine Bezugsperson aussuchen können und sie nicht zugeteilt werden.

Die Sicht von Verena, einer weiteren Gruppenkollegin

Eingewöhnung in der Peergroup – aus meiner Sicht eine sehr sanfte, langsame Eingewöhnung, die sowohl den Kindern als auch Eltern Zeit gibt, sich an den Kindergartenalltag zu gewöhnen.

Sie gibt viel Raum und Zeit um die Erzieherinnen, die anderen Kinder, die Räumlichkeiten und auch Rituale kennenzulernen. Die Kinder haben die Möglichkeit, sich Stück für Stück nach eigenem Zutrauen vom Sitzplatz der Eltern zu entfernen und auf „Entdeckungsreise“ zu gehen.

Sie dürfen die Sicherheit erfahren, dass ihre Eltern an dem gleichen Ort wiederzufinden sind.

Wir Erzieherinnen sind bemüht, Kontakt zu jedem Kind aufzubauen. So wird ein gegeseitiges Kennenlernen gefördert, den Kindern wird dennoch die Chance gelassen sich eine Bezugsperson auszusuchen.

Oft gelingt es sehr schnell das Vertrauen der Kinder zu gewinnen, sodass wir Erzieherinnen nach und nach immer mehr Aufgaben übernehmen können, die sonst den Eltern vorbehalten waren. Natürlich gelingt dieses besonders gut, wenn Eltern bereit sind zuzulassen, dass die Kinder die ersten „Abnabelungsversuche“ unternehmen und diesen Prozess bereitwillig unterstützen.

Für die Eltern bedeutet diese Art der Eingewöhnung, dass sie viel Zeit in die ersten Wochen investieren müssen und sie verlangt auch eine gewisse Art von Flexibilität ab. Hat ein Kind schon tolle Fortschritte gemacht und kann schon für kurze Zeit „alleine“ im Kindergarten bleiben, werden die Eltern in die Elternecke der Einrichtung oder bei kurzem Weg auch nach Hause geschickt.

Da alle Eltern während der Eingewöhnung an einem festen Platz sitzen, in unserem Fall ist das der Nebenraum, bekommen sie auch die Fortschritte der anderen Kinder mit und müssen es auch aushalten, wenn andere Kinder schnellere Fortschritte machen als das eigene Kind.

Ich bevorzuge diese Art der Eingewöhnung, da die Eltern und die Kinder dort abgeholt werden, wo sie gerade stehen. Sie bietet viel Raum und Zeit zum Kennenlernen, gibt den Erzieherinnen gute Beobachtungsmöglichkeiten, um individuell auf die Kinder einzugehen (z.B. wie das Kind getröstet wird, welches Spielzeug besonders interessant ist…).

Als wichtig erachte ich es auch, dass die Kinder mit einem guten Gefühl nach Hause gehen und gerne in den Kindergarten zurückkehren. Deshalb sollten die Spielphasen in den ersten Tagen von kurzer Dauer sein und dann langsam ausgeweitet werden.

Und zum Abschluss die Sicht einer Mutter

Unsere Tochter, 1,7 Jahre, geht seit August 2021 in den Kindergarten. In der Einführungszeit fühlten wir uns als Eltern sehr gut aufgehoben. Die Interaktion mit den Kindern/Eltern erfolgte, trotz Coronabedingungen, sehr intensiv. Unsere Tochter hat schnell Vertrauen zu den Fachkräften gefunden, was wohl auch daran liegt, dass diese alle jederzeit freundlich und offen gegenüber den Kindern und auch den Eltern sind.

In diesem ersten halben Jahr können wir von einer durchaus positiven Entwicklung unserer Tochter sprechen. Wir merken, dass mit den Kindern jeden Tag intensiv interagiert wird. Sei es sprachlich, musikalisch oder auch in der Bewegung. Ihr Wortschatz wächst von Tag zu Tag. Dazu tanzt und singt sie gerne. Auch scheint sie bereits erste engere Verbindungen mit einigen Kindern aufzubauen, da drei bis vier Namen auch außerhalb des Kindergartens eine Rolle spielen. In der Regel ist sie immer positiv gestimmt, wenn wir sie aus dem Kindergarten abholen. Auch morgens freut sie sich, wenn wir sie hinbringen. Für uns ein Zeichen, dass sie sich wohlfühlt und ihr eure Arbeit mit viel Engagement ausübt. Auch ihr Sozialverhalten wird durch den Kindergarten positiv beeinflusst. So signalisiert sie, was sie möchte und sagt auch Nein, wenn es ihr zu viel wird. Das Teilen/Abgeben von Spielsachen klappt ebenfalls schon sehr gut.

Positiv erwähnen möchten wir auch unser erstes gemeinsames Gespräch, wo wir unsere gegenseitigen Erfahrungen bezüglich der Entwicklung unserer Tochter austauschen konnten. Trotz der Coronabedingungen fühlen wir uns von den Fachkräften der Gruppe jederzeit mitgenommen. Der kurze Austausch über den Tag beim Bringen/Abholen finden wir sehr gut.

Mehr über das Modell

Soweit die Stimmen aus der Praxi und den Erfahrungen mit der Peergroup-Eingewöhnung. Ich wünsche mir, dass sie dich vielleicht noch ein bisschen neugieriger auf diese Eingewöhnung gemacht haben.

Wenn du mehr über die Peergroup-Eingewöhnung erfahren möchtest. Im Oktober erscheint mein Buch: Peergroup-Eingewöhnung im Verlag an der Ruhr. Du kannst es schon jetzt im Buchhandel oder im Shop des Verlages vorbestellen.

 

Eingewöhnung in der Peer Group

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit den verschiedenen Eingewöhnungsmodellen. Seinen Anfang nahm dies bereits in meiner Zeit als Pädagogische Fachkraft vor mehr als 25 Jahren als ich merkte, dass die damalige Form der Eingewöhnung ohne Elternbegleitung für alle Beteiligten einfach nur anstrengend und für die Kinder wenig bedürfnisorientiert war.

Das Berliner Modell als Lösung

Wie glücklich war ich als ich dann das Berliner Eingewöhnungsmodell kennenlernte und dies dann mit viel Überzeugung in meinen Seminaren vermittelte. Vor gut 20 Jahren war das sehr innovativ. Seither haben sich viele Spielarten hierzu entwickelt und meiner erfahrung nach setzt kaum eine Einrichtung tatsächlich dieses Modell in Reinform um. Mittlerweile hinterfrage ich, ob eine Einrichtung in ihrem Konzept überhaupt ein konkretes Modell benennen sollte oder ob es nicht viel sinnvoller ist, das zu beschreiben, was in der einzelnen Krippe, Kita oder Kindertagespflege konkret praktiziert wird. Für den Fall, dass Du Dein Eingewöhnungskonzept hinterfragen und ggfs. überarbeiten möchtest, habe ich Dir 5 Tipps zur Eingewöhnung zusammengestellt. Der kostenfreie E-Mail Kurs begleitet Dich über mehrere Tage mit gezielten Reflektionsfragen dabei.

Im Laufe der Jahre lernte ich als Referentin noch das Münchner Modell kennen. Das Berliner Eingewöhnungsmodell basiert im Kern auf der Bindungstheorie und das Müncher bezieht darüber hinaus, die Transitionsforschung mit ein, die u.a. davon ausgeht, dass ein Kind auch zu mehreren anderen Erwachsenen in einem Eingewöhnungsprozess mit der entsprechenden Zeit eine Beziehung aufbauen kann.

Neue Impulse eröffnen neue Wege

2016 hat es dann auf einer Tagung des Netzwerk: Fortbildung U3 in Potsdam bei mir nochmal richtig Klick gemacht. Ich begegnete im Open Space Regine Schierle-Wenger, die uns das Modell der Eingewöhnung in der PeerGroup vorstellte. Ihre Begeisterung sprang unmittelbar auf mich über, so dass ich bereits in der folgenden Woche, dieses Modell in meiner Fortbildungsreihe „Fachkraft für Frühpädagogik“ im Haus Neuland aufnahm. In dieser Gruppe entzündete sich in einer Kollegin ein Feuer, dass sie umgehend in ihre Einrichtung trug und innerhalb von knapp 4 Monaten die Eingewöhnung für ihre Krippengruppe veränderte.

Seither ist die Eingewöhnung in der Peer Group ein fester Bestandteil in meinen Seminaren und Modulen rund um die Eingewöhnung. Was aber beinhaltet dieses Eingewöhnungsmodell im Kern? – Meines Erachtens ist dieses Model die aktuelle und logische Weiterführung der beiden anderen Modelle. Es berücksichtigt die Wichtigkeit der Bindungspersonen für die Gestaltung von Übergängen auf Grundlage der Bindungstheorie, es integriert die Annahme, dass Kinder grundsätzlich auch zu mehreren anderen Erwachsenen Beziehungen aufbauen können gemäß der Transitionsforschung und es bezieht die Bedeutung der Gleichaltrigen basierend auf den Forschungen zur Peer Group mit ein. Ein sehr lesenswertes Buch hierzu heißt: Was wir gemeinsam alles können.

Die Bedeutung der Peer Group

Die Forschungen von Carolin Howes zu den Peer Group Beziehungen bei Kindern von 0-3 Jahren haben ergeben, dass bereits Kinder gegen Ende ihres ersten Lebensjahres mit anderen Gleichaltrigen sozial interagieren. Sie bearbeiten ab diesem Alter bereits gemeinsam emotionale Themen im gemeinsamen Spiel. So hat Howes auch herausgefunden, dass die Trennung von den Eltern den Kindern leichter fällt, wenn sie diese mit anderen Kindern bewältigen, die in der gleichen Situation sind. So kann beispielsweise ein Kind, dass sich mit Trennung etwas schwerer tut, sich das Verhalten und die emotionale Ebene bei einem anderen Kind, dem es weniger schwer fällt abgucken.

Und so geht`s

Bei der Eingewöhnung in der Peer-Group werden in der Regel je nach Alter 3-5 Kinder in Begleitung ihrer Eltern gleichzeitig eingewöhnt. Zwei Eingewöhnungspädagoginnen begleiten den Eingewöhnungsprozess. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, eine anregende Umgebung zu schaffen, in der die Kinder miteinander ins Spiel kommen und so sich gut von den Eltern lösen können. Sie beobachten jedes einzelne Kind und die Kindergruppe, um herauszufinden, wer wann welche Unterstützung braucht, um gut ankommen zu können. Am Anfang bleiben die Eltern als Gruppe mit im Raum, so dass die Kindern jederzeit zu den Eltern zurückkehren können und wieder Sicherheit auftanken können. In dieser Phase nehmen bereits einzelne Kinder auch Kontakt zu den Eingewöhnungspädagoginnen auf, die dann feinfühlig eine Beziehung zu dem jeweiligen Kind aufbauen. Auch hier lernen die anderen Kinder durch Beobachtung und Nachahmung am Modell.

Die Eltern verlassen nach ca. 3-5 Tagen erstmalig den Raum, wenn möglich gemeinsam. Ähnlich anderer Eingewöhnungsmodelle ist jetzt die Reaktion des einzelnen Kindes im Vordergrund und für das weitere Vorgehen ausschlaggebend. Selbstverständlich kommt ein Elternteil sofort wieder zurück, wenn ein Kind noch Zeit braucht. Hier gilt der Vorrang des individuellen Bedürfnisses vor dem der Gruppe. Erfahrungsgemäß ist es für die anderen Kinder, die die Trennung schon gut meistern kein Problem, wenn ein einzelnes Elternteil noch anwesend ist. Die Dauer der Abwesenheit der Eltern wird dann schrittweise verlängert. Ein ganz besonderer Charm dieses Modells liegt übrigens darin, dass auch die Eltern eine Peer Group bilden und sich so gemeinsam stützen.

Generell sind folgende Säulen zu beachten:

  • das Team
  • die Eingewöhnungspädagogen
  • die Kindergruppe
  • die Eltern
  • der seperate vorbereitete Raum mi Spiel- und Elternbereich

Rückmeldung aus der Praxis

Ich kenne mittlerweile einige Einrichtungen, die dieses Modell mit Überzeugung umsetzen und die Rückmeldungen sind jedes Mal sehr ähnlich: die Eingewöhnung verlief entspannter, die Kinder finden sehr gut ins Spiel, die Ablösung findet stressfreier und mit geringerer Rückfallquote statt, die Kinder wenden sich an die pädagogischen Fachkräfte im Bedarfs- und Trostfall, sind aber weniger fixiert auf eine spezielle Bezugserzieherin …

Soweit ein erster kleiner Einblick in dieses etwas andere Modell. Wenn Du mehr darüber erfahren möchtest, habe ich Dir noch ein paar Empfehlungen im Anhang verlinkt. Falls du bereits mit dem Modell arbeitest freue ich mich über Deine Erfahrungswerte in den Kommentaren. Solltest weitere Fragen haben, kannst Du diese auch gerne in die Kommentare schreiben oder Du kommst in eines meiner Live-Online-Seminare.

Deine Anja

In meinem Kita Talk: Eingewöhnung in der Peer Group berichtet Sabrina Djogo über die Umsetzung des Modells in der Kindertagespflege

In dem Podcast von Tanja Köster wurde ich zu dem Modell interviewt.

Live-Online-Seminare

6.11.2021 Haus Neuland/ Sennestadt: Eingewöhnung in der Peer Group

In jedem Anfang liegt ein Zauber… Materialien für die Eingewöhnung in Kita und Kindertagespflege

Das neue Jahr hat gerade erst angefangen und nun ist es sehr deutlich, dass der erneute Lockdown noch bis mindestens Ende Januar gehen wird. Irgendwie ist gerade kein Ende in Sicht und trotzdem sollten wir den Blick nach vorne richten. Auch wenn gerade nicht klar ist, wie es konkret weitergeht, fest steht, dass früher oder später neue Kinder und Eltern in den Gruppen aufgenommen werden. Aufnahme und Eingewöhnung ist ein immer wiederkehrendes Thema in Kita und Kindertagespflege. Die Eingewöhnung ist die Basis für alles weitere: zum einen mit Blick auf die Entwicklung des Kindes und zum anderen mit Blick auf die Bildungs- und Erziehungspartnerschaft. Eine Eingewöhnung ist in der Regel nicht nach zwei bis drei Wochen abgeschlossen, je nach Kind dauert sie auch gerne 12 Wochen und länger. Meines Erachtens ist es sehr wichtig und wertvoll, sich immer wieder mit der Gestaltung einer sanften und bedürfnisorientierten Eingewöhnung im gesamten Team zu beschäftigen.

Viele Einrichtungen befinden sich aktuell in den Anmelde- und Aufnahmeverfahren für den Sommer. Genau der richtige Zeitpunkt, um das eigene Eingewöhnungskonzept einmal gut zu überdenken und eventuell zu überprüfen. Dazu habe ich bereits im letzten Jahr die 5 Tipps zur Eingewöhnung entwickelt. Hierbei handelt es sich um einen mehrteiligen E-Mail Kurs, mit dessen Hilfe Du über eine Woche hinweg Deine Eingewöhnung reflektieren und überprüfen kannst.

Ergänzende Blogartikel

Ergänzend dazu habe ich im letzten Jahr bereits viele Blogbeiträge rund um die Eingewöhnung veröffentlicht. Zur besseren Übersicht findest Du hier eine Aufstellung der verschiedenen Beiträge:

Für alle, die sich im Speziellen für die Eingewöhnung in der Peer-Group interessieren, ist ganz aktuell mein YouTube KitaTalk mit Sabrina Djogo, die seit vielen Jahren als Tagespflegekraft arbeitet, erschienen.

Termine für Online-Seminare

Im nächsten Blog-Beitrag befasse ich mich etwas ausfühlicher mit der „Eingewöhnung in der Peer-Group“. Wenn du an einem Seminar zu diesem Thema interessiert bist, gibt es an folgenden Terminen Live-Online Seminare:

Beliebte Podcasts

Sehr hörenswerte Podcasts von anderen Expertinnen zu dem Thema Eingewöhnung findest Du unter:

Buchtipps

Vor ein paar Jahren habe ich ein Buch zum Thema: Eingewöhnung von KiTa Kindern veröffentlicht. Hier bekommst Du einen ersten Ein- und Überblick in die Eingewöhnung in der Kita. Es ist für Fachkräfte und Eltern geschrieben, die einen kleinen Ratgeber zu diesem Thema suchen.

Das Krüger & Thiel Institut hat eine kleine Broschüre mit dem Titel: Sanfte Eingewöhnung für mein Kind veröffentlicht. Die Broschüre bestehen aus liebevoll zusammengestellten Fotos mit Szenen aus dem Eingewöhnungsalltag einer KiTa. Hier wird den Kindern eine Stimme gegeben und somit ihre Sichtweise auf die Eingewöhnung verdeutlicht. Die Erwachsenen bekommen Handlungsanregungen für die Gestaltung und Begleitung des Eingewöhnungsprozesses. Sehr hilfreich und empfehlenswert für die Zusammenarbeit mit Eltern.

Für Kinder in der Eingewöhnung hat das Krüger&Thiel Institut ein ganz reizendes kleines Bilderbuch: Mira, Tuffi und die Gefühle veröffentlicht. Hier begleitet der kleine Stoffelefant Tuffi die kleine Mira in ihrern ersten Kindergartentagen und beschreibt ihre Gefühle. Sehr schön, für die Gruppe oder als kleines Willkommensgeschenk für die neuen Kinder.

Für Teams, die sich von Grund auf mit Bindung und Beziehungsaufbau beschäftigen möchten, kann ich die Arbeitsmaterialien „Bindung entsteht – Bindung stärkt – Bindung trägt“ von Gundula Göbel empfehlen. Zu dem Paket gehören viele Broschüren in einfacher Sprache, die gut an Eltern weitergegeben werden können. Highlights sind die Schaubilder des Bindungsbaums und der Trosttankstelle.

Andere Materialien

Und zu jeder guten Eingewöhnung gehört natürlich auch die Portfolioarbeit. In diesem Rahmen hat Sandra Warsewicz von der Werkstatt der Guten Gedanken sehr schöne Vorlagen entwickelt. s lohnt sich da mal durch ihre Seite zu stöbern.

Soweit dieses Mal, ein paar Tipps und Empfehlungen rund um die Eingewöhnung. Bleib gesund und pass gut auf Dich auf. Das Gute ist, irgendwann geht auch diese Zeit vorbei und dann bist Du gut auf die Zeit „danach“ vorbereitet.

Deine Anja

Wenn Loslassen schwer fällt!

In meinem vorherigen Beitrag „Abschied ohne Tränen?“ habe ich mich mit dem Abschied aus der Sicht der Kinder und was Du als pädagogische Fachkraft bei der Eingewöhnung zur Unterstützung der Kinder beitragen kannst, beschäftigt.

Befindlichkeiten der Eltern

Wie geht es auf der anderen Seite den Eltern während der Eingewöhnung? Ähnlich der Bandbreite an Befindlichkeiten und Reaktionen der Kinder reagieren auch die Eltern ganz unterschiedlich. Es gibt Eltern:

  • die ganz beherzt und zuversichtlich sich von Ihrem Kind verabschieden und darauf vertrauen, dass es ihrem Kind gut in der Kita gehen wird
  • die versuchen, sich klammheimlich zu verdrücken, während das Kind spielt, um einen schmerzhaften Abschied zu vermeiden
  • die dreimal wieder zurückkehren, um sich zu verabschieden und eigentlich lieber da bleiben wollen
  • die sich selbst nur unter Tränen von ihrem Kind lösen können
  • die sich im Zwiespalt befinden, weil sie einerseits dem Kind Zeit geben wollen gleichzeitig aber versuchen den Ablöseprozess zu forcieren
  • die unter Druck geraten, weil es bei allen anderen Kindern schon so gut klappt und deswegen fragen, ob ihr Kind den überhaupt schon reif für eine Kindertagesbetreuung ist
  • die einfach nicht die Kurve bekommen und eine Trennung von sich aus immerweiter herauszögern

Ich denke Du kannst aus Deiner eigenen Erfahrung diese Liste noch beliebig erweitern. Und möglicherweise hast Du bei dem ein oder anderen Elternteil auch schon einmal gedacht: „Mein Gott, Ihr Kind könnte schon längst gut eingewöhnt sein, wenn Sie nicht so einen Heckmeck daraus machen würden.“ Zugegebenermaßen ist mir dieser Gedanke aus meiner früheren Praxis nicht ganz fremd. Um die Eltern in ihren Befindlichkeiten besser zu verstehen, lohnt sich an dieser Stelle ein Perspektivwechsel.

Das Prinzip des Guten Grundes

In meinem Blogbeitrag über das „Prinzip des Guten Grundes“ habe ich beschrieben, dass jedes Verhalten eines Menschen auf seine individuellen Erlebnisse und Erfahrungen zurückführbar ist. Übertragen auf die oben beschriebenen Eltern ließen sich daher folgende Hypothesen aufstellen:

Die Eltern verhalten sich so, weil

  • sie bereits viele gute Erfahrungen gemacht haben, dass ihr Kind in fremden Situationen gut zurecht kommt
  • sie sich und ihrem Kind, den Trennungsschmerz ersparen möchten, da sonst bei ihnen ein schlechtes Gewissen aufkommt, ihr Kind schon so früh in den Kindergarten zu geben
  • sie befürchten, dass ihr Kind sie vielleicht weniger lieb hat, wenn sie nicht verlässlich für das Kind da sind
  • sie sich als schlechte Eltern fühlen, weil sie die Betreuung aus der Hand geben
  • sie sich Sorgen machen, dass sie ihr Kind nicht vor möglichen Gefahren schützen können
  • sie selbst unter Druck stehen, weil der Arbeitsstart immer näher rückt
  • sie verunsichert sind, ob das Kind überhaupt schon so weit ist, den Herausforderungen in der Kindertagesbetreuung gewachsen zu sein.

Wenn Du einmal genau hinschaust, wirst Du in Deiner jetzigen Elternschaft den ein oder anderen Hintergrund bestimmt wiedererkennen. Als Elternberaterin erfahre ich manchmal noch viel tiefgehendere Hintergründe. So ist mir beispielsweise eine Mutter begegnet, die vorher schon 3 Totgeburten hatte, bevor ihr Wunschkind endlich gesund zur Welt kam. In einer anderen Familie erlitt der 7 Wochen alte Sohn einen Atemstillstand. In beiden Fällen gestaltete sich die Eingewöhnung zunächst eher schwierig. Beide Mütter kreisten um die jeweiligen Kinder und hatten oftmals die Hand schon unter dem Popo, bevor das Kind überhaupt hinfallen und sich weh tun konnte.

Mit Verständnis gemeinsam Lösungen entwickeln

Beiden Müttern half schließlich ein vertrauensvolles Gespräch, in dem sie sich mit ihrer Geschichte öffnen und ihre Bedenken aussprechen konnten. In beiden Fällen haben wir gemeinsam Möglichkeiten entwickelt, dass sie ersteinmal länger ihre Kinder begleiteten und so die Pädagogischen Fachkräfte und ihren Arbeitsstil näher kennenlernen konnten. Dann wurde ein Schritt für Schritt Plan erarbeitet, bei dem auch vereinbart wurde, dass die jeweiligen Elternteile über Telefon und Bilddokumentation auf dem laufenden gehalten wurden, wie ihr Kind sich Tag für Tag weiterentwickelt. Eine der Mütter beschloss aufgrund der intensiven Gespräch, sich in eine Therapie zu begeben. Sie äußerte in diesem Zusammenhang: „Vielen Dank. Ich habe verstanden, dass nicht mein Kind ein Problem hat, hier zu sein. Ich habe das Problem damit und dass hat wiederum nichts mit dem Kindergarten zu tun.“ Von dem Tag an, durfte sich das Kind im Kindergarten wohlfühlen. Der intensive Dialog mit der Mutter bestand über die ganze Kindergartenzeit.

Einmal abgesehen von diesen sehr extremen Erfahrungen, ist die Eingewöhnung ein große Herausforderung für Kinder und Eltern, die mit viel Verunsicherung einher geh. Oftmals war bisher in erste Linie die Kernfamilie für das Kind verantwortlich und ehe man sich versieht, wagt es die ersten Schritte in die große weite Welt. Für viele Eltern ist das komplett neu. Viele Fragen, die ich im Blogbeitrag: „Die stillen Fragen des Anfangs“ benannt habe, gehen den Eltern durch den Kopf und stehen oft unausgesprochen im Raum. Sie brauchen ähnlich wie ihre Kinder ersteinmal Zeit, alles näher kennenzulernen und sich mit der Umgebung vertraut zu machen, in der sie ihr Kind zurück lassen.

Jeder Abschied ist auch ein Stück Trauerarbeit

Für das bessere Verständnis dieser Prozesse empfehle ich Dir, Dich mit Modellen wie die „Räume der Veränderung“ von M. Pohl und die „Veränderungskurve“ nach Kübler-Ross zu beschäftigen. Zum einem ist die Trennung in der Eingewöhnung für viele Eltern wie ein Trauerprozess (s. Veränderungskurve), zu dem das tiefe Tal der Tränen unumgänglich dazugehört. Zum anderen durchlaufen Eltern in den meisten Fällen bestimmte Phasen, um schließlich in der Neuorientierung (s. Räume der Veränderung) anzukommen, dass ihr Familienkind nun auch ein Tagespflege-, Krippen- oder Kindergartenkind ist. Zu diesen Phasen gehört auch, an den eigenen Entscheidungen zu zweifeln, in Ablehnung zu gehen und manchmal einfach nicht zu wissen, wie es geht.

Du kannst Eltern in diesen Situationen am besten weiterhelfen, wenn Du ihnen mit viel Verständnis und Einfühlungsvermögen begegnest und mit ihnen gemeinsam Wege entwickelst, wie die Ablösung schließlich gelingen kann und sie mit einem guten Gefühl gehen können. Keiner dieser Eltern möchte Dich bewusst ärgern oder Deine Kompetenzen in Frage stellen. Ihr Verhalten ist in der Regel in ihren eigenen Befindlichkeiten begründet. Ähnlich wie die Kinder eine Begleitung und Unterstützung brauchen, um den Übergang von der Familie in die Kindertagesbetreuung zu schaffen, brauchen einige Eltern ähnlich Begleitung und Unterstützung für diesen Übergang. Während meiner Zeit als Pädagogische Fachkraft habe ich manch weinende Mutter an die Tür oder zum Auto begleitet, noch ein paar beruhigende Worte gesprochen und sie gebeten anzurufen, sobald sie zu Hause ist. Meistens konnte ich dann berichten, dass es ihren Kind gut geht und es mit den anderen Kindern spielt. Dies haben wir möglichst mit Bildern aus unserem Alltag mit dem Kind untermauert, die wir dann zeigen konnten.

So wie der Eingewöhnungsprozess für die Kinder ein wesentlicher Grundstein für die weiteren Bildungsprozesse ist, ist der gelungene Beziehungsaufbau zu den Eltern in den ersten Tagen eine wichtige Basis für die Erziehungs- und Bildungspartnerschaft.

Ich wünsche Dir einen gelingenden Start mit Eltern und Kindern

Deine Anja

Buchtipp:

Cantzler, Anja: Die kleinen Hefte / Eingewöhnung von Kita-Kindern: Die schnelle Hilfe!. Ratgeber

ISBN-10 : 3834651656 ISBN-13 : 978-3834651655 Herausgeber : Cornelsen bei Verlag an der Ruhr GmbH (1. Februar 2018)

Auch als Hörbuch bei cc live erhältlich:

ISBN 978-3-95616-368-5