Streiten lernen – Konflikte zwischen Kindern achtsam begleiten

Streitereien und Konflikte zwischen Kindern gehören zum Alltag von pädagogischen Fachkräften und stellen zugleich eine der größten Herausforderungen dar. Sie sind so vielfältig wie die Menschen, die in Kindertageseinrichtungen aufeinandertreffen. Ich freue mich, für dieses hoch interessante und wichtige Thema meine Kollegin Sabrina Dittmann gewonnen zu haben. Ich wünsche dir viele erhellende Momente.  Deine Anja

Streit zwischen Kindern – Eine alltägliche Herausforderung

Konflikte zwischen Kindern kommen laut daher und leise. Sie führen zu hilfesuchenden Blicken, Beschwerden und manchmal zu Tränen. Sie werden mit grimmigen Blicken ausgetragen, finden als verbaler Schlagabtausch statt oder gehen mit körperlichen Übergriffen einher.

Konflikte ereignen sich zwischen zwei Kindern, versetzen eine ganze Gruppe in Aufruhr oder spielen sich im Inneren eines Kindes ab, ohne dass es bemerkt wird. Manche Konflikte sind absehbar, andere kommen plötzlich und scheinbar grundlos zum Ausbruch.

Für Konflikte gibt es die unterschiedlichsten Motive und Anlässe. Es gibt Streit um eingestürzte Bauwerke, um den besten Platz im Morgenkreis, um den roten Bagger. Kinder streiten darum, wie ein Spiel gespielt wird, wer bestimmen darf, wer sich zuerst beim Essen bedient. Wer ist wessen Freundin, wer hat wen beschimpft, wer ist zum Geburtstag eingeladen und wer nicht? Das alles sind Fragen, die in Konfliktsituationen immer wieder auftauchen. Und es gibt noch viele mehr.

Hand auf’s Herz: Wie geht es dir, wenn du das liest? Bekommst du Schnappatmung oder kannst du schmunzeln? Denkst du „Oh nein, muss das wirklich sein?“ oder sagst du dir eher „Okay, wie machen wir das jetzt?“

Deine Haltung zu Konflikten – Schlüssel zu einer gelungenen Konfliktbegleitung

Nimm dir einen Moment Zeit, um deinen Gefühlen und Gedanken nachzuspüren. Sie sind ein Ausdruck deiner persönlichen Einstellung zu Konflikten und stehen in engem Zusammenhang mit deiner Wahrnehmung sowie deinem pädagogischen Handeln bei der Konfliktbegleitung. Wahrnehmung, Haltung, Gefühle, Gedanken, Handeln – alle beeinflussen sich gegenseitig.

Wenn du Konflikte als Chance oder Lernfeld siehst, empfindest du eher Interesse und Neugier. Beliebte Gefühle wie Freude oder Zufriedenheit bekommen einen größeren Raum. Wer Konflikte überwiegend als Störfaktor oder Beeinträchtigung betrachtet, empfindet in Konfliktsituationen eher Anspannung, Skepsis oder Unsicherheit. Unbeliebte Gefühle wie Wut oder Angst treten in den Vordergrund.

Bei einer grundsätzlich positiven Einstellung ist deine Wahrnehmung geschärft. Du nimmst Konfliktsignale frühzeitig wahr. Dein Blick öffnet sich für Möglichkeiten der Klärung und der Lösung. Dadurch wächst auch deine Bereitschaft, dich auf Konflikte einzulassen. Du gehst eher aktiv, offen und kreativ an die Konflikt­lösung heran. Du erlebst dich als kompetent, dein Selbstwertgefühl wächst und stabili­siert sich.

Wer Konflikte eher negativ bewertet, nimmt Konflikt­signale dagegen erst spät wahr oder übersieht sie sogar. Bei offensichtlichen Konflikten ist die Wahr­nehmung auf Hindernisse und Gegensätze gerichtet. Aus dieser Gefühlslage und Sichtweise heraus werden Konflikte eher vermieden oder unterbunden. In der Kommunikation mit Kindern können Sätze wie „Streitet euch doch nicht.“ oder „Klärt das mal unter euch.“ ein Indiz für diese Haltung sein. Durch das Vermeiden fehlt die Gelegenheit, gute Lösungen zu finden und sich als erfolgreich zu erleben.

In einer Art Kreislauf verstärken sich jeweils die Folgen von Bewerten, Fühlen, Wahr­nehmen und Handeln. Bei einem negativen Kreislauf entsteht zunehmend ein Sieg-oder-Niederlage-Denken. In einem positiven Kreislauf wächst die Überzeugung, dass Konflikte und Schwierigkeiten gemeistert werden können und eine Gelegenheit zum gemeinsamen Lernen und Wachsen sind.

Wenn du Kinder in Konfliktsituationen hilfreich begleiten und sie gleichzeitig dabei unterstützen möchtest, Konflikte zunehmend selbständig zu lösen, ist es eine grundsätzlich wohlwollende Haltung zu Konflikten von großer Bedeutung. Setze dich deshalb mit deiner Haltung zu Konflikten und mit deinem persönlichen Konfliktstil auseinander. Zusätzlich kann der Blick auf deine Konfliktbiographie helfen, deine Werte und Verhaltensweisen besser zu verstehen.

Reflexionsfragen zu deinem Konfliktverhalten

  • Wie steht es um deine Haltung zu Konflikten? Kannst du Konflikten etwas Positives abgewinnen?
  • Fühlst du dich in der Lage, eigene Konflikte zu klären? Wie verhältst du dich in Konfliktsituationen?
  • Unterbindest du Streit zwischen Kindern nach Möglichkeit? Was sind die Gründe dafür? Unterbindest du Streit, wenn bestimmte Kinder daran beteiligt sind?
  • Traust du Kindern grundsätzlich zu, eigene Schritte zur Konfliktlösung zu unternehmen? Wie ermutigst du sie? Wie unterstützt du sie?
  • Gelingt es dir, deinen Erfahrungsvorsprung und deine eigenen Bewertungen in der Schwebe zu halten?

Reflexionsfragen zu deiner Konfliktbiografie

  • Wie wurde in deiner Herkunftsfamilie mit Konflikten umgegangen? Durfte gestritten werden? Wurden gemeinsame Lösungen gefunden?
  • Welche Strategien der Konfliktbewältigung hast du erlebt?
  • Haben Erwachsene dir zugehört, wenn du von deinen Streitigkeiten erzählt hast? Wurden deine Gefühle und Gedanken, deine Sichtweisen ernst genommen?
  • Haben Erwachsene ihren Erfahrungsvorsprung und ihre eigenen Bewertungen in der Schwebe gehalten? Haben sie dir ihr Wissen ohne Besserwisserei zur Verfügung gestellt?
  • Haben Erwachsene dich ermutigt, dich auf Konflikte einzulassen und haben sie dich unterstützt, wenn du dir in Konfliktsituationen nicht allein zu helfen wusstest?

Streiten lernen – welche Fähigkeiten braucht es?

Das Klären und Lösen von Konflikten ist eine sehr komplexe Aufgabe und erfordert eine Reihe von sozial-emotionalen und kognitiven Fähigkeiten:

  • eigene Bedürfnisse, Gefühle, Interessen und Grenzen wahrnehmen und mimisch, gestisch oder mit Hilfe von Worten ausdrücken
  • die Folgen des eigenen Handelns absehen und bei der Handlungsplanung berücksichtigen
  • Mimik, Gestik und Worte von anderen wahrnehmen und die damit verbundenen Bedürfnisse, Gefühle, Interessen und Grenzen erkennen und berücksichtigen
  • Gefühle regulieren, Bedürfniserfüllung aufschieben und Impulse kontrollieren
  • sich in die Lage anderer versetzen

Schon sehr junge Kinder verfolgen die eigenen Interessen sehr zielgerichtet und drücken ihre Gefühle mimisch und gestisch aus. Über viele der oben genannten Fähigkeiten verfügen sie jedoch noch nicht, da diese sich erst mit der Reifung der Großhirnrinde entwickeln. Aus diesem Grund kommt es bei Kindern unter drei Jahren häufig zu handgreiflichen Auseinandersetzungen. Sie benötigen eine vorausschauende, verlässliche und umfängliche Konfliktassistenz von Erwachsenen, auch zu ihrem Schutz.

Mit fortschreitender Entwicklung der Kinder, insbesondere ab einem Alter von etwa drei Jahren, bietet jede Konfliktsituation die Gelegenheit, diese Fähigkeiten zu erproben, zu erweitern und dazuzulernen. Wenn du hier vorschnell eingreifst und Konflikte für die Kinder löst, nimmst du ihnen diese Gelegenheit. Außerdem setzt du dich selbst mächtig unter Druck. Findest du keine gerechte Lösung, werden Konflikte nicht wirklich beigelegt und flammen immer wieder auf.

Als pädagogische Fachkraft bist du also gefordert, eine gute Balance zu finden. Du darfst begleiten und schützen, wenn Kinder nicht allein zurechtkommen. Du darfst zutrauen und ermutigen, wenn Kinder selbst aktiv werden können und wollen.

Zutrauen und Ermutigung – Kompetenzen der Kinder sehen

In gewaltfreien und gleichberechtigten Konfrontationen ist dein Zutrauen gefragt. Beobachte aufmerksam, begib dich gegebenenfalls in Hörweite, halte dich aber mit Vorschlägen und deiner persönlichen Meinung zurück.

Fachkraft Matti wird auf Emil und Ben aufmerksam. Beide liefern sich ein lautstarkes Wortgefecht. „Du bist schon drei Runden gefahren. Jetzt will ich das Auto haben.“ – „Das stimmt überhaupt nicht! Ich habe es gerade erst bekommen!“ – „Aber vorhin hat dir Suse das Auto gegeben.“ – „Ja, aber dann war ich auf dem Klo!“ So geht es immer hin und her, beide haben vor Erregung gerötete Gesichter. Matti begibt sich Stück für Stück in ihre Nähe und hört sich den Streit eine Weile an.

Solange die Beteiligten Worte für ihre Positionen finden und ihre Gefühle durch Lautstärke ausdrücken, besteht die Chance, dass sie zu einer Lösung finden. Bleib in der Nähe. Allein dadurch bietest du Kindern Sicherheit und kannst im Bedarfsfall rechtzeitig unterstützen.

Sehr häufig kommt es vor, dass sich Kinder an Fachkräfte wenden und sich über andere Kinder beschweren. Manchmal zeigen sie auf diese Weise, dass sie Begleitung benötigen. Manchmal reicht es schon aber schon, zuzuhören und kleine Impulse zu geben. Du kannst sie nach den bisherigen Lösungsschritten fragen oder zu einzelnen Handlungsschritten ermutigen.

Elif kommt zu Erzieher Piet gelaufen: „Merle nimmt immer unsere Decke weg.“ Piet spiegelt Elifs Gefühle und fragt nach: „Oh, das stört dich wohl, du scheinst sehr verärgert. Weiß denn Merle, dass du das nicht möchtest? Hast du es ihr gesagt?“ Elif überlegt kurz und läuft dann beschwingt davon.

Nach einiger Zeit kehrt Elif zurück: „Merle nimmt immer wieder die Decke. Sie hört nicht, was ich sage.“ Piet spiegelt und fragt erneut: „Das ist ja wirklich ärgerlich. Wie kann ich dir denn jetzt helfen?“ – „Du musst ihr das sagen.“ – „Du möchtest gern, dass ich ihr das sage?“ – „Ja!“ Piet schlägt vor: „Elif, was hältst du davon, wenn ich das mal beobachte. Wir können dann auch gemeinsam mit Merle reden. Bist du einverstanden?“

Wenn du den weiteren Verlauf des Konflikts verfolgst, fühlen sich Kindern ermutigt. Außerdem kannst du konkrete Unterstützung anbieten und Vorschläge machen. Offene Fragen oder das Einholen des Einverständnisses signalisieren den Kindern dein Vertrauen in ihre Fähigkeiten fordern sie zugleich heraus, aktiv am Prozess mitzuwirken.

Auf Kollisionskurs – Einschreiten und Ko-Regulieren in Konflikten

In manchen Situationen reichen Ermutigung und Zutrauen allein nicht mehr aus. Stattdessen ist deine Hilfe gefragt. Kinder haben ein gutes Gespür dafür, wann sie Hilfe benötigen und zeigen das auf unterschiedliche Weise. Achte deshalb in kritischen Situationen auf die Signale des Kindes. Schaut es sich suchend nach dir um? Ruft es nach dir? Beschwert es sich? Weint es vielleicht? Zieht es sich zurück? Das alles kann bedeuten: „Ich weiß nicht weiter. Bitte hilf mir.“   

Wenn du unsicher bist, ob Hilfe benötigt wird oder du vermutest, dass eine Situation eskalieren könnte, bleib auf jeden Fall in der Nähe. Du kannst die Kinder auch fragen, ob sie Hilfe benötigen.    

Du bist schon drei Runden gefahren. Jetzt will ich das Auto haben.“ – „Das stimmt überhaupt nicht! Ich habe es gerade erst bekommen!“ – „Aber vorhin hat dir Suse das Auto gegeben.“ – „Ja, aber dann war ich auf dem Klo!“ So geht es immer hin und her, Emil und Ben haben vor Erregung gerötete Gesichter. Fachkraft Matti hört sich den Streit eine Weile an und sagt dann: „Ich habe euren Streit schon von Weitem gehört. Kommt ihr zurecht?“.

Es kann sein, dass Emil und Ben ihr Wortgefecht über Eck fortsetzen und auf diese Weise die Hilfe der Fachkraft einfordern. Dann reichen meist kleine Impulse, die das weitere Gespräch begleiten und moderieren. Wenn Kinder mit sehr unterschiedlichem Temperament oder Entwicklungsstand (Sprache, Impulskontrolle oder Perspektivübernahme) aufeinandertreffen, ist mehr Vermittlung nötig.

Besonders aufmerksam solltest du sein, wenn sehr junge Kinder in einen Konflikt geraten. Viele Eskalationen und Verletzungen lassen sich durch vorausschauende Begleitung vermeiden.

Rudi steht am Waschbecken und lässt sich genüsslich das Wasser über die Hände laufen. Adi kommt dazu, um ebenfalls an den Wasserhahn zu gelangen und drängt Rudi dabei immer mehr zur Seite. Rudi gerät ins Wanken, seine Augen sind schreckgeweitet. Tagesvater Lutz hält Adi sanft an der Schulter zurück und sagt: „Adi, warte. Rudi braucht noch einen Moment. Du möchtest auch an den Wasserhahn, gleich bist du dran.“

Deine Unterstützung ist unbedingt erforderlich, wenn Kinder zuschlagen, einander Spielzeug entreißen oder die Gefahr besteht, dass jemand auf andere Weise verletzt wird. Das gilt auch für verletzende Worte und Ausgrenzungen aller Art. Handgreiflichkeiten stoppst du, indem du hingehst und dich schützend zwischen die Kinder stellst. Manchmal ist es nötig, dass du ein Kind festhältst. Sprich das Kind mit Namen an und sage ihm, was es tun soll.

Sarah buddelt ganz vertieft mit einer roten Schippe im Sand. Max hat nun genau diese Schippe für sich entdeckt. Er will Sarah die Schippe aus der Hand ziehen und ruft: „Meine!“. Sarah gibt nicht nach, beide ziehen hin und her, die ersten Tränen steigen auf. Fachkraft Robin kommt dazu und berührt Max am Arm: „Max, lass‘ los.

Eben noch haben Jo und Frida scheinbar friedlich Bausteine zu einem Turm gestapelt. Im nächsten Moment brennt die Luft. Frida zieht Jo an den Haaren, Jo holt mit dem Arm aus. Erzieherin Petra spricht ruhig, aber bestimmt: „Jo! Stopp! Frida, lass los! Auseinander!“ und schiebt die Kinder auseinander.

Dabei ist es ist wichtig, ruhig und besonnen zu agieren. Zeige den Kindern durch deine Stimme und Haltung, dass du sie unterstützen möchtest und einen Ausweg aus dem Konflikt zeigen kannst. Im nächsten Schritt brauchen die Kinder Unterstützung bei der Emotionsregulation. Gib ihnen die Gelegenheit, sich zu beruhigen. Biete zum Trost deine Hand oder eine Umarmung an, vielleicht möchten sie sich auch einen Moment zurückziehen.

Wenn die Kinder sich beruhigt haben und ansprechbar sind, dann kann über den Konflikt gesprochen werden. Bei jüngeren Kindern bedeutet das vor allem, die Gefühle, Bedürfnisse und Interessen beider Kinder zu versprachlichen und Lösungsmöglichkeiten anzubieten.

Fachkraft Robin kommt zum Sandkasten und berührt Max am Arm: „Max, lass‘ los!“ – „Ich sehe, du ärgerst dich, weil Sarah die Schippe nicht hergibt.“ – „Und Sarah, du bist ganz erschrocken, weil Max die Schippe nehmen will.“ – „Ihr braucht beide gerade eine Schippe.“ – „Max, schau mal, hier ist noch eine Schippe.“, sagt Robin und zeigt auf eine weitere Schippe.

Je älter die Kinder werden, desto öfter geht es darum, das Gespräch durch Fragen anzuregen, das gegenseitige Verstehen zu unterstützen und den Konfliktlösungsprozess zu moderieren. Orientierung bieten dabei die Phasen, die im Rahmen einer Mediation durchlaufen werden.

Einen Eisberg zum Schmelzen bringen – Mediation in Konflikten

Voraussetzung für ein hilfreiches Gespräch ist, dass du allen Kindern offen begegnest. Es geht nicht darum, Schuldige zu identifizieren oder jemanden zu verurteilen, sondern gemeinsam zu einer Einigung zu kommen. Wenn du selbst verärgert bist oder eines der Kinder noch ängstlich oder wütend ist, dann gib euch Zeit zur Beruhigung oder bitte eine:n Kolleg:in um Unterstützung.

Das Gespräch beginnt damit, die unterschiedlichen Sichtweisen der Kinder anzuhören und gemeinsam herauszufinden, worum geht es eigentlich geht. In der Mediation spricht man von der Konfliktdarstellung und der Konflikterhellung. Deine Aufgabe ist es, durch offene Fragen das Erzählen anzuregen, aktiv zuzuhören und die Aussagen der Kinder zusammenzufassen. Beschuldigende Äußerungen der Kinder kannst du durch Nachfragen und Umformulierungen entschärfen. So hilfst du den Kindern auch dabei, die Interessen und Perspektiven des anderen nachzuvollziehen.

Ihr habt euch ja gerade mächtig gestritten. Was ist denn eigentlich passiert?“
„Ich habe gesehen, dass du Jo an den Haaren gezogen hast. Wie ist es denn dazu gekommen?“   

„Julius, du hast gesagt, Max hat dich angegriffen. Was meinst du denn damit?“
„Ach, du bist über sein Bein gestolpert? Und du hast gedacht, er hätte dir absichtlich ein Bein gestellt?“

Du wolltest den Platz für dich haben und Cem hat das nicht verstanden? Da wusstest du dir nicht anders zu helfen und hast ihn weggestoßen?“

Du wolltest eine Decke zum Kuscheln haben? Habe ich das richtig verstanden? Deswegen hast du sie immer wieder genommen. Kann es sein, dass du müde bist?“
„Hast du das gehört, Elif? Merle brauchte etwas zum Kuscheln.“

Wenn geklärt ist, was alle Beteiligten wollten – manchmal reichen dazu wenige Sätze – kannst du zur Lösungssuche überleiten. Manchmal kommen die Kinder von sich aus auf Ideen. Je nach Situation kann eine der folgenden Fragen hilfreich sein:

Und nun? Wie geht es jetzt weiter?“
„Was könnt ihr denn nun machen, damit ihr beide zufrieden seid?“
„Habt du auch eine Idee? Was würde dir helfen?“

Ich habe auch noch eine Idee. Möchtet ihr die hören?“
„Was haltet ihr davon, wenn …?“

Fasse auch hier wieder in deinen Worten zusammen und frage dann die Kinder, welche der Lösungen für sie passt bzw. ob sie mit einem Vorschlag einverstanden sind.

Jo hat vorgeschlagen, dass sie den Turm wieder aufbaut. Würde dir das gefallen?“
„Jo, Frida möchte lieber etwas anderes spielen und hätte gern, dass du die Bausteine einräumst. Bist du einverstanden?“

Bleibe anschließend noch in der Nähe. Manchmal brauchen Kinder Unterstützung bei der Umsetzung, vielleicht bedarf es noch einer Änderung oder einer Spielbegleitung. Nicht immer sind alle mit einer Lösung glücklich. Das ist auch in Ordnung. Dann besteht die Aufgabe darin, die betreffenden Kinder noch zu begleiten.

Du wolltest so gerne mit Johanna spielen und Johanna mag jetzt lieber allein sein. Das ist traurig für dich. Hhm. Ich kann eine Weile mit dir traurig sein. Wie wäre das?“

Erfolge feiern

Streiten kann man lernen. Es ist ein Lernprozess für alle Beteiligten. Manchmal strengt es dich nur wenig an, manchmal raubt es allen die letzte Energie. Sei freundlich mit dir und mit den Kindern. Vielleicht magst du für dich selbst oder gemeinsam mit den Kindern überlegen: Was ist uns heute gut gelungen? Wie haben wir den Konflikt gelöst? Wer hat wie dazu beigetragen? Kleine Erfolge zu wertschätzen, direkt nach dem Konflikt oder am Ende eines Tages, kann für alle ein beglückender Moment und zugleich Mutmacher sein.

Für die Konflikte, die dir demnächst begegnen, wünsche ich dir Neugier, Zuversicht und die nötige Portion Gelassenheit.

Herzliche Grüße

Sabrina

Wenn Du mehr über Sabrina erfahren oder sie zu einer Teamfortbildung zu Dir in die Einrichtung einladen möchtest, besuche sie gern auf ihrer Website unter www.sabrina-dittmann.de oder auf ihrer Facebookseite unter https://www.facebook.com/dialogsabrinadittmann

Auch in den KitaTalks war Sabrina bereits zu Gast mit dem wichtigen und interessanten Thema: Kratzen, Beißen, Hauen

Auch Zusehen braucht Begleitung – mit Kindern über den Krieg sprechen

Ein weiteres Mal schreibe ich spontan aus einem aktuellen Anlass heraus diesen Blogartikel.

Eine Krise folgt der nächsten

Noch stecken wir mitten in der Pandemie, die Bilder der Hochwasserkatastrophe sind noch im Kopf, auf La Palma hat ein Vulkanausbruch Existenzen zerstört und jetzt ist Krieg in der Ukraine.

Mittendrin in dieser Bilder- und Nachrichtenflut stehen unsere Kinder. Für sie ist der Krieg weit weg und doch so unglaublich nah.

Das transgenerationale Erbe überwinden

Und wieder einmal möchte ich dich daran erinnern, unser transgenerationales Erbe nicht weiter auf die Kinder zu übertragen. Damit meine ich die Bürde, dass wir als Kriegsenkel und -urenkel gelernt haben, über solch schlimme Ereignisse, nicht zu sprechen. „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“ – das wurde vielen von uns mit in die Wiege gelegt. Um so wichtiger ist es, dass wir gerade jetzt das Schweigen brechen und beginnen über unser Erleben zu sprechen und unseren Gefühlen Ausdruck zu verleihen.

Die Kinder brauchen jetzt erwachsene Vorbilder, die ihnen Halt und Worte geben. Darüber habe ich im vergangenen Jahr einen KitaTalk mit Corinna Scherwath veröffentlicht: „Warum Reden doch manchmal Gold ist“. Da hatten wir noch keine Ahnung, dass wir tatsächlich wieder einen Krieg auf europäischen Boden bekommen werden.

Auch wenn es richtig und wichtig ist, die Kinder vor der nun entstehenden Medienflut zu schützen, gibt es viele Kinder, die Bilder von diesen Krieg durch Medien sehen und Erwachsene darüber reden hören. Diese Kinder brauchen den Raum und zugewandte Erwachsene, um für ihre Gefühle und Eindrücke Worte zu finden.

Kinder auf das Gesehene und Gehörte ansprechen

Und wir müssen nicht immer erst warten, bis ein Kind von sich aus beginnt, darüber zu reden oder dem Ganzen in seinem Spiel Ausdruck zu verleihen. Es besteht genauso die Möglichkeit, gemeinsam in einer Gesprächsrunde einmal nachzufragen, was die Kinder von den Kriegshandlungen mitbekommen haben. Frag sie nach ihren Gedanken und Gefühlen dazu. Sprich über das vermeintlich Unaussprechliche ohne zu dramatisieren. Wie immer ist hierbei, den Grundsatz der Freiwilligkeit zu beachten. Das bedeutet, dass jedes Kind über seine Gefühle sprechen kann aber nicht muss.

Kathrin Mikan hat einen sehr wertvollen Beitrag auf ihrer Internetseite mit dem Titel: Wie spreche ich mit Kindern über den Krieg? veröffentlicht. Sie gibt viele gute Anregungen. Dort findest du auch Informationen zu ihren Gefühlehelden, die dich gerade jetzt wunderbar in deiner Arbeit mit den Kindern unterstützen. Weitere kindgerecht aufbereitete Informationen bietet aktuell auch kika – der Kinderkanal von ZDF.

Außerdem hat der AV1- Pädagogikfilmverlag einen sehr wertvollen Film zum Thema „Kinder und Krieg“ mit dem Kinder- und Jugentherapeuten Prof. Dr. Ulrich Müller und der pädagogischen Leitung Melanie Bringmann zum Download bereit gestellt. Dort bekommst du viele Anregungen für die Praxis. Ein Film der sich wunderbar zur eigenen Vorbereitung im Team eignet. Und das Tollste daran ist, dass der Erlös des Filmes 1:1 Kindern in der ukraine zu Gute kommt.

Gefühlen und Sorgen Raum geben

Solltest Du feststellen, dass die Sorgen und Ängste tiefer sitzen, möchte ich Dich wiedereinmal an Mareike Paics Gastbeitrag über „Phil, den Sorgenschmelzer und seine Kummerkumpel“ erinnern. Ergänzend zum Thema Gefühle hat Mareike einen weiteren wertvollen Beitrag über den Einsatz der „Gefühlsuhr“ geschrieben.

Gundula Göbels Trosttankstelle ist auch eine wertvolle Anregung, die Kinder in ihrer Resilienz zu stärken. Sie sagt: Trost bedeutet für Kinder in schwierigen Situationen Zuversicht und Ermutigung zu erfahren.

Ein Ressourcen- und lösungsfokussierter Blick

Wichtig ist auf jeden Fall auch dieses Mal wieder ressourcen- und lösungsfokussiert auf das Geschehen zu schauen. Die Demonstrationen gegen den Krieg zeigen, dass viele Menschen sich zusammentun, weil sie gegen diesen Krieg sind. Das gibt die Möglichkeit auch über Hoffnung, Verbundenheit und Zusammenhalt zu sprechen. Die kleinen und großen Heldengeschichten nicht aus den Augen zu verlieren, stärken den lösungsfokussierten Blick. Vielleicht möchten die Kinder auch etwas Gutes für die Menschen in den Kriegsgebieten tun und sich an Spendenaktionen für humanitäre Hilfen beteiligen.

Meine Vision

Meine Vision Ich möchte dazu beitragen, dass wir es irgendwann schaffen, unser Erbe des transgenerational bedingten Schweigens hinter uns zu lassen. Ich wünsche mir, dass die nachfolgenden Generationen Worte finden, um ihre Gefühle und Bedürfnisse ausdrücken zu können. Und das ohne sich dafür rechtfertigen oder entschuldigen zu müssen. Es werden noch viele Krisen und Katastrophen und vielleicht auch Kriege folgen. Die heranwachsenden Kinder brauchen andere, erweiterte Kompetenzen, um damit umzugehen und die Erlebnisse zu verarbeiten. Dafür braucht es jetzt Erwachsene, die Kindern in Gleichwürdigkeit begegnen und die die in all ihren Facetten und Gefühlsebenen ernst nehmen. Soweit meine Gedanken und Anregungen zum aktuellen Geschehen.
Meine Gedanken sind gerade bei den vielen Familien mit ihren Kindern, die diesen Krieg in der Ukraine und in Russland erleiden müssen.
Deine Anja
P.S. Für die Arbeit mit Kindern mit Fluchterfahrung habe ich einen weiteren Talk mit Corinna Scherwath aufgenommen: Die Kita als sicherer Ort für Kinder mit und ohne Fluchterfahrung

Kraftquellen im Alltag finden

Jede*r von uns fühlt sich manchmal unausgeglichen, antriebslos, abgespannt, nervös und gestresst.  Im Alltag erledigen wir ständig irgendwas, hetzen von Termin zu Termin. Und dann herrscht gerade in den meisten Einrichtungen auch noch der Personalmangel, was noch mehr Druck und Stress auslöst. Und die Pandemie tut gerade mal wieder ihr Übriges dazu. Ständig kommen von allen Seiten nur noch Anforderungen. Dabei vergessen wir oft uns selbst und die Notwendigkeit, uns liebevoll um uns selbst zu kümmern. Schon häufiger habe ich hier in dem Blog über Selbstfürsorge geschrieben: Aus einer leeren Tasse kann man nicht trinken, Kraft schöpfen für die Krise  und Balance zwischen Empathie und Selbstfürsorge.

Dieses Mal soll es im Kern um das Wiederentdecken der eigenen Kraftquellen gehen. Wenn du wieder in Kontakt mit deinen persönlichen Kraftquellen kommst und sie bewusst nutzt, erlebst du auf einmal mehr Schwung, Energie und Lust für das, was du tust.

Erfüllt oder ausgefüllt?

Die letzten 2 Jahre mit all ihren besonderen Herausforderungen waren und sind anstrengend. Da fällt es manchmal sehr schwer den eigenen ausgefüllten Alltag auch als Erfüllung zu erleben. In meiner Coaching und Beratungspraxis begegne ich immer wieder Menschen, die aufgrund einer Vielzahl an Tätigkeiten  gar nicht richtig merken, dass ihnen trotzdem etwas Wesentliches fehlt. Sie spüren dann eine gewisse Unzufriedenheit, können aber gar nicht richtig benennen, woran es liegt. Ohne es bewusst zu haben, brauchen diese Menschen einfach mehr „Nahrung“ als die üblichen, zweckgebundenen Handlungen. Ihnen fehlen die Kraftquellen im Alltag und sie vernachlässigen oftmals ihre Selbstfürsorge. Wesentlich Aspekte, die dann  auf der Prioritätenliste des Alltags oftmals weit nach hinten rutschen. Das gilt für Leitungskräfte genauso wie für viele Fachkräfte in Krippe, Kita und Kindertagespflege.

Wenn dir das bekannt vorkommt, dann solltest du folgende Schritte beherzigen.

Erstelle eine Liste mit möglichen Kraftquellen

Viele Momente bzw. Tätigkeiten, aus denen wir im Alltag einfach nur Freude schöpfen, sehen oftmals gar nicht so bedeutsam aus und sind leicht zu übersehen. Viele andere haben wir fast vergessen. Es ist daher sehr hilfreich, sich seine Kraftquellen wieder bewusst zu machen und sie mal aufzuschreiben.

Nimm dir ca. 20 Minuten ungestörte Zeit. Schreibe dann alles auf, was dir so richtig gut tut und Kraft gibt. Berücksichtige wirklich ALLES.

  • Begegnungen und Unternehmungen mit anderen Menschen oder etwas, das du alleine machst
  • etwas Umfangreiches sein oder etwas ganz Kurzes
  • ein genussvolles Sinneserlebnis (z.B. einen Sonnenuntergang betrachten)
  • ein bewusstes Abweichen von Gewohnheiten (z.B. hin und wieder mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren statt mit dem Bus).

Für jeden Menschen kann es etwas ganz anderes sein. Jede*r von uns schöpft auf andere Weise innere Kraft.

Liste deine Kraftquellen so detailliert wie möglich auf. Ich entspanne beispielsweise so richtig beim Wandern. Das Besondere ist aber hier nicht nur das Wandern, sondern:

  • das gemeinsam mit meinem Mann zu tun
  • die Geräusche des Waldes und der Natur zu hören
  • meinen Körper bewusst zu fordern
  • die Aussicht zu genießen

Und wenn es „das Musik hören“, das „Essen“ oder „das Lesen“ ist, dann frage dich, was alles zu diesem Vergnügen für dich dazugehört. Was auch immer es ist, was in dir ein Wohlgefühl, Prickeln, Wachwerden oder Lebendigkeit herbeiführt, schreibe es auf deine Liste mit deinen Kraftquellen.

Behalte deine Kraftquellen im Blick

Hänge nun deine Liste an einer Stelle auf, an der du mehrmals am Tag vorbei kommst. So wirst du regelmäßig an deine Kraftquellen erinnert und räumst ihnen mehr Platz in deinem Leben ein.

Für dich selbst zu sorgen ist mindestens genauso wichtig, wie die ganzen anstehenden Pflichten zu erfüllen.

Nutze deine Kraftquellen als Genussmomente im Alltag

Wähle zwei, drei kleinere Kraftquellen an, die du ab sofort täglich umsetzen kannst. Markiere dann noch eine größere Kraftquelle, der du dich in den nächsten 6 Wochen gezielt immer wieder widmen möchtest.

In der nächsten Zeit werden dich deine alten Denkgewohnheiten, z.B.: „Ich habe aber keine Zeit“ immer wieder einholen. Lass das nicht zu. Es geht nicht um eine lästige Pflichten, sondern um dich!

Wenn du also – wie ich beispielsweise gerne wanderst, aber zu einer großen Tour im Moment wirklich das Zeitfenster fehlt, dann widme dich eben erst einmal einem der kraftspendenden Details! Ich gehe dann abends noch eine kleine Runde mit meinem Mann durch die Siedlung oder genieße den Blick in den weiten Himmel, wo gerade die Vögel vorbeifliegen.

Bleib also an deiner Kraftquellen dran! Jeder noch so kleine erster Schritt macht den Unterschied. Jeden Tag kurz aber intensiv  aus einer Kraftquellen zu schöpfen, ist ein kleiner Aufwand. Dieser Aufwand lohnt sich, denn du wirst schon bald merken, wieviel besser es dir damit geht.

Auf Instagram und Facebook findest du ein ABC der Kraftquellen, dass ich gemeinsam mit meinen Follower*innen dort zusammengetragen habe. Außerdem habe ich im Rahmen der KitaTalks auf Youtube ein Gespräch mit Rebekka Asbach zum Thema: „Stress lass nach“ geführt. Dort bekommst du noch einige wertvolle Tipps zum achtsamen Umgang mit dir selbst.

Ich freue mich, wenn du hier in den Kommentaren, über deine Kraftquellen und Erfahrungen berichtest.

Bleib achtsam mit dir selbst

Deine Anja

P.S.  Wenn du dich noch weiter mit dem Thema „Selbstfürsorge“ beschäftigen möchtest, kann ich dir: Das kleine Buch der Selbstfürsorge von Robin L. Gobin wärmstens empfehlen. (erschienen im Jungfermann Verlag)

 

„Orange the world…“- Umgang mit häuslicher Gewalt als Fachkraft

Heute am Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, möchte ich den Fokus der Aufmerksamkeit auf das Thema „häusliche Gewalt“ richten. Bereits im September ist ein KitaTalk mit Jenny Schmetzer dazu auf YouTube erschienen. Jenny ist eine von drei Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen war. Ihre Tochter, damals 4 Jahre alt, halt alles mitbekommen. Obwohl das Kind durchaus in der Kita davon erzähle, blieben die pädagogischen Fachkräfte untätig. Vermutlich fühlten sich die Kolleg*innen ohnmächtig bzw. wussten nicht wie sie das am besten angehen. In dem eindrücklichen Gespräch mit Jenny Schmetzer im Rahmen der KitaTalks berichtet sie von der erlebten häuslichen Hölle, der Hilflosigkeit der Fachkräfte, wie sie aus dem Teufelskreis ausgestiegen ist und welche Hilfe sie sich gewünscht hätte.

Die ersten Hinweise und Anzeichen

„Ach, das ist doch nix, ich hab mich nur gestoßen“, mit solchen oder ähnlichen Sätzen beginnt es dann häufig. Das sind für Dich als Fachkraft oftmals die ersten Anzeichen, wenn eine Mutter, im Einzelfall ein Vater, mit einem blauen Auge (schamhaft bedeckt von einer Sonnenbrille) oder einer blutigen Lippe vor Dir steht. Nachdem das bereits häufiger vorgekommen ist, wächst in Dir langsam ein Verdacht.

Konfrontation mit der eigenen Angst

Oftmals entsteht der erste Widerstand, sich diesem Thema anzunehmen, dadurch, dass es sich um Frauen handelt und wir selbst Frauen sind. Allein die Vorstellung geschlagen und erniedrigt zu werden, macht etwas mit uns. Angst, Wut, Hilflosigkeit steigen in uns auf. Manchmal werden auch eigene Erinnerungen und Erlebnisse wach, die sich lähmend auswirken können.

Alte Urteile und Vorurteile

Ich selbst bin in einer Generation aufgewachsen, in der häusliche Gewalt Frauen gegenüber lange Jahre toleriert wurde. Es kursierten Sprüche wie „Das wird sie schon verdient haben.“ und ähnliches. Es ist eine Blamage, wie lange es überhaupt gedauert hat, Vergewaltigung in der Ehe strafrechtlich zu verfolgen.
Für Männer, denen häusliche Gewalt widerfährt, ist es um ein Vielfaches schwerer, da sie dann als „Weicheier“ und „Schwächlinge“ abgestempelt und verhöhnt werden.

Die Fakten

Warum sollte eine Frau oder ein Mann selbst schuld sein, wenn es zu gewaltvollen und sexualisierten Übergriffen an ihm*ihr kommt? Was die die Länge eines Rocks damit zu tun?

Fakt ist, dass weltweit jede 3. Frau gewalttätige Übergriffe mindestens einmal erlebt hat und ein Großteil findet im häuslichen Umfeld statt. Häusliche Gewalt zieht sich durch durch alle Schichten und Altersstufen. Niemand ist davor gefeit, häusliche Gewalt zu erfahren. Und die Betrofffenen trifft keine Schuld!

Umgang mit häuslicher Gewalt gehört ins Kinderschutzkonzept

Aber zurück zum Ausgangspunkt: Was kannst Du als Fachkraft tun, wenn Du mit häuslicher Gewalt in Deinem Arbeitskontext in Kontakt kommst?

Ich habe ein paar Jahre in Kitas gearbeitet, in denen Kinder und Frauen von häuslicher Gewalt betroffen waren. Paragraph 8a gab es noch nicht, Frauenhäuser entstanden gerade erst… die Zusammenarbeit mit dem ASD (=allgemeinen Sozialdienst) empfand ich oftmals als unbefriedigend.
Ich hatte lediglich die Handgabe, dem alkoholisiertem Vater zu verweigern, sein Kind mitzunehmen.
Ich habe Erzählungen im Ohr, dass eine Mutter oft von ihrem gewalttätigen Ex-Mann an der eigenen Haustür bedroht wurde, die Polizei ihn jedes Mal wieder dort abholte und ermahnte, es aber nie zu einer Lösung für die Frau kam.

Für den Fall der Gefährdung des Kindeswohls gibt es in der Regel ein Kinderschutzkonzept, dass ein gewisses Vorgehen vorsieht. Geht es nun im Kern um die Gewalt, die gegen die Mütter gerichtet ist und die Kinder dies meist dann miterleben müssen, solltet Ihr im Team dieses Szenario explizit mit ins Kinderschutzkonzept aufnehmen und Strategien zu besprechen, was die Fachkräfte tun können, um den Betroffenen eine Brücke zu bauen.

Eine orange Fransenquaste als Hilferuf

Eine Möglichkeit bestünde darin, einen Korb mit orangen Fransenquasten (s.Foto) bereitzustellen. Betroffene (Frauen und Männer!) könnten dann eine Quaste nehmen und einer Fachkraft geben, um damit wortlos darum zu bitten, die Polizei zu informieren. Zum Reden oder gar selbst die Polizei zu informieren, fehlt den Betroffenen oft die Kraft und der Mut!
Damit das Ganze funktionieren kann, gehört ein solches Prozedere mit ins Konzept und es sollte offen vom ersten Elternabend an darüber gesprochen werden, dass es solche Hilfsangebote in der Einrichtung gibt.

Ich wünsche Dir MUT, Mut zum HANDELN, falls Du mit häuslicher Gewalt in Deinem Arbeitskontext konfrontiert wirst.

Deine Anja

YouTube KitaTalk : „Häusliche Gewalt – was Fachkräfte tun können“ mit Jenny Schmetzer

Vorlesen als Ritual in der Ausruh- und Schlafenszeit

Foto: Jochen Wildt

 

In diesem Monat habe ich für Dich die Kinderbuchautorin Nadine Marchi für einen Gastbeitrag gewinnen können.

Studien der Stiftung Lesen belegen: Vorlesen ist wichtig und wertvoll und unterstützt die Entwicklung von Kindern auf unterschiedlichste Weise.
Diesen Studien zufolge lernt ein Kind durch die Geschichten, sich in andere hineinzuversetzen und entwickelt Empathie. Außerdem besteht ein Zusammenhang zwischen dem Vorlesen, der Lesefreude und dem Leseverhalten. Das wirkt sich oftmals positiv auf das Lernen aus. Kindern, denen viel vorgelesen wurde, fällt das Lesen, Texte verstehen und Schreiben lernen in der Regel leichter.
Gleichzeitig helfen Geschichten, sich früh mit verschiedenen Themen auseinanderzusetzten. Während des Vorlesens können Kinder Fragen stellen und viele Lebensthemen wie z.B. Trennung, Verlust, Freundschaft, Familienzuwachs, Schulbeginn o.ä. besprochen werden.
Das eröffnet ihnen Möglichkeiten, Lösungen auch für schwierige Situationen zu entwickeln und gestärkt durchs Leben zu gehen.
Und Vorlesen stärkt die Bindung und Beziehung, das kann ein wunderbares Rituall für die Schlafens- und Ausruhzeit z.B. in der Kita sein. Und genau darüber berichtet Nadine Marchi aus ihrer Erfahrung als Erzieherin und Kinderbuchautorin.

Ich wünsche Dir viel Spaß beim Lesen.

Deine Anja

Das Vorlesen als Ritual in der Ausruh- und Schlafenszeit

Die Eingewöhnungsphase der neuen Kinder ist abgeschlossen oder hier und da noch im vollen Gang. Mit der Eingewöhnung der neuen Kinder, durfte überlegt werden, wie die Mittagszeit, Essen- und Schlafenszeit abläuft. Welche Kollegin übernimmt, welche Aufgaben, welche Kinder schlafen, welche wollen sich nur ausruhen.

Wie es zu dem Beitrag kam

Selbst mir stellten sich die Fragen. Ich bin Nadine Marchi, Erzieherin und Kinderbuchautorin. Anja Cantzler fragte mich, ob ich einen Gastbeitrag zum Thema Vorlesen und Lesen in der Kita schreiben mag. Jetz sitze ich hier im Wohnmobil, bin selber gerade aus dem Alkoven geklettert und bemerke, wie gerne ich in solch einer „Höhle“ schlafe. Es geht hier aber nicht um mich und meinem Urlaub, sondern um die Kinder, obwohl hier parallelen zu entdecken sind.

Erinnerungen werden wach

Hast du nicht auch früher gerne Höhlen gebaut und Dich mit Büchern umgeben, sie durchgeblättert und dich in die magische Welt der Bücher verloren? Vielleicht saßen sogar deine Eltern dabei und haben vorgelesen.

Hast du in der Mittagszeit deinen Kindern

in der Kita in einer Höhle vorgelesen?

Ich bin ehrlich und sage nein. Ich kann mich noch an 1996 erinnern. Als Auszubildene saß ich auf einem bequemen Stuhl und im Halbkreis hatte ich 14 Holzbetten um mich herum in der Turnhalle aufgestellt. Neben mir lag ein Buch der kleine Wassermann. Die blickdichten Vorhänge waren zugezogen. Meine Aufgabe war es vorzulesen und wenn alle ruhig sind oder schlafen einfach 20 Minuten warten. In der Zeit hatte ich meine Strickliesel und wartete ab.

Damals las ich schon gerne mit verstellter Stimme vor, mal laut, mal leise und baute den Spannungsbogen auf. Heute weiß ich, dass es viel zu aufwühlend für die Kinder um zur Ruhe zu kommen in der Mittagszeit, aber damals wusste ich es nicht besser.

Mein heutiges Mittagsritual in der Kita

Heute lese ich immer noch gerne vor, aber für de Mittagszeit und das Vorlesen in dieser Zeit lebe ich andere Rituale mit den Kindern. Ich unterscheide zwischen den Jüngsten unter drei Jahre und den Kindern ab vier Jahre. Je nach Alter biete ich unterschiedliche Geschichten und Umsetzungen an. Aber sie haben immer die gleiche Struktur.

  • Musikalisches Zeichen und Einleitungsreim
  • Geschichte mit Entspannung und Atemübungen
  • Musikalisches Zeichen mit Reim zum Ausklang

 

Eins, zwei, drei das Spielen ist jetzt vorbei, ein jeder setz oder legt sich hin und lauscht der Glocke

„Klingeling“ (mit der Glocke läuten). Wir atmen ein und atmen aus (ein- und ausatmen)

Die Geschichte nimmt jetzt ihren Lauf.

Gerne zeige ich dann Bildkarten in DinA2 auf der eine einfache Handlung zu sehen ist. Sie sollen auffordern Bilder im Kopf entstehen zu lassen, aber nicht nach vorne gehen und zeigen wollen. Hervorragend umzusetzen mit einem Kamishibai (eine sog. Kniebühne). Dieses durfte ich durch Caren Leonhard besser kennenlernen. Seitdem gestalte ich und reime ich selber Kamishibaikarten.

Wiederholungen sind wichtig

Dabei achte ich darauf, dass wir eine Geschichte innerhalb einer Woche immer wederholen. Kinder lieben Wiederholungen beim Lesen.

Erinnerst du dich noch als du früher fast die Geschichten mitsprechen konntest?

Genauso baue ich meine Vorleserunden auf. Die Geschichte ist nicht länger als 10 – 15 Minuten. Mit den Ritualen der Einleitung und dem Ausklang kann es dann sogar auf 20 Minuten kommen.

Fließende Übergänge vom Lesen ins Ausruhen und Schlafen

Meinen Ausklang gestalte ich immer so:

Eins, zwei, drei die Geschichte ist jetzt vorbei. Wer mag schließt jetzt die Augen zu und kommt ganz still zur Ruh.

Wir atmen ein und atmen aus, es wird ganz still im ganzen Haus.

Oftmals schlafen hierbei schon Kinder ein. Für die etwas Älteren in der Gruppe, die nicht einschlafen möchten, gestalte ich das ganze gerne mit passenden Figuren zur Geschichte. Somit biete ich im Nachgang immer noch einen Anreiz die gehörte Geschichte nachzuspielen.

Bücher fühlbar machen

Vorlesen heißt für mich nicht nur den Text herunterzulesen. Er darf lebendig werden und erzählt werden und insbesondere gefühlt werden.

Geschichten und Bilderbücher fördern:

  • die Empathie
  • die Kreativität
  • Selbstbewusstsein und Sprachkompetenz
  • Das Wissen
  • Das Gefühl der Geborgenheit und Vertrauen
  • Die Fantasie
  • Das Interesse an der Umwelt

Vorlesen stärkt die Beziehung

Ich sehe den Punkt der Geborgenheit und des Vertrauens als eines der Wichtigen beim Thema Vorlesen. Meine Vision, dass viele Kinder mit Geschichten im Alltag aufwachsen und Familien damit emotionale Bindung zu ihren Kindern aufbauen, liegt mir sehr am Herzen. Eine Geschichte ist ein Gefühl und ich glaube das jede Familie ihre eigene Fantasiegeschichte hat und sie damit Kindheitserinnerungen schaffen können, an die sich Kinder noch in 30 Jahren erinnern können.

Vorlesen in den Alltag integrieren

In meiner langjährigen Erfahrung als Erzieherin, weiß ich, dass Vorlesen immer schwieriger wird im Alltag miteinzubeziehen. Die Prioritäten sind verschoben worden und man glaubt nicht die Ruhe dafür zu haben. Richtig man glaubt nur. Wie wäre es wieder den Fokus im Erzieheralltag ein wenig mehr auf das Geschichten erzählen und Bücher vorlesen zu verlegen. Ich bin dabei.

Eine mögliche Aktion wäre das Buch des Monats. Gemeinsam mit den Kindern wird aus drei Büchern eins gewählt und den Familien ansprechend präsentiert. Dabei steht offensiv „Buch des Monats“. Für Eltern ein Anlass ein Buch in die Hand zunehmen in der Kita oder sich danach zu erkundigen, wenn ihr Kind es schon zum „Buch des Monats“ gewählt hat. Die Kinder entdecken es im Alltag und für Sie ein schöner Anlass mit den Eltern über Bücher und Vorlesen ins Gespräch zu kommen.

Ich wünsche einen schönen fantasievollen Tag und viel Spaß beim Geschichten vorlesen.

Herzliche Grüße Nadine

Wenn Du mehr über Nadine und ihre Bücher erfahren möchtest, oder sie vielleicht auch zu einer Geschichtenwerkstatt zu Dir in die Einrichtung einladen möchtest: www.nadinemarchi-autorin.de

Für den Kita Bereich kann ich Euch ihr Buch: „Tortü und der Traumkoffer“ empfehlen

 

Wenn du mehr über das Thema Schlafen in der Kita und Zuhause erfahren möchtest, dazu habe ich in der Reihe der Kleinen Hefte ein Buch veröffentlicht: Schlafgewohnheiten von KitaKindern, Cornelsen