Seit letzem Jahr geister das Wort „Krippenlüge“ durch die Medienlandschaft und löst eine Debatte aus, die mich seit Jahrzehnten begleitet: zunächst als Kita-Leitung, seit über 20 Jahren als Weiterbildnerin und jetzt mal wieder ganz aktuell. Schauen wir mal genauer hin. Auslöser ist dieses Mal ein Buch mit dem gleichlautenden Tite. Ein Buch deren Autorinnen einerseits auf reale Missstände in der frühkindlichen Betreuung aufmerksam machen und denen zugleich wichtig ist, aufzuzeigen, wie Qualität in Krippen und Kitas aussehen kann. Dieses Anliegen ist wichtig und notwendig. Dennoch entfaltet bereits der o.g. Titel eine enorme Wirkung und führt zu Diskussionen, die widerum wenig der Steigerung von Qualität dienlich sind.
Was hier in bester Absicht geschrieben wurde, öffnet zugleich eine alte und längst überholte argumentative Tür. Sobald von einer „Lüge“ gesprochen wird, verlassen wir den Raum der differenzierten Qualitätsdebatte und betreten eine moralisch aufgeladene Grundsatzdiskussion über frühe Betreuung an sich. Das ist m. E. diffamierend und populistisch zugleich.
Die Wiederkehr alter Narrative
Die Diskussion an sich ist nicht neu. Bereits während meiner Zeit als Leitung einer Kindertageseinrichtung, die Kinder unter drei Jahren betreut hat, kämpfte ich gegen Windmühlen. Die Einstellung Kinder unter drei haben nichts in der außerfamiliären Betreuung verloren, hielt sich hartnäckig. Mit der Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab drei Jahren – und später auch für unter Dreijährige – wurde es nicht einfacher. Es meldeten sich kritische Stimmen. Besonders prägend war Dr. Rainer Böhm, Kinderarzt und ehemaliger Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums Bethel. Er vertrat öffentlich die These, Kinder unter drei gehörten zur Mutter, institutionelle Betreuung schade per se ihrer Entwicklung.
Gestützt auf selektiv ausgewählte Studien wurden daraus scheinbar eindeutige Schlussfolgerungen gezogen. Differenzierungen – etwa zwischen schlechter und guter Qualität, zwischen institutionellen Rahmenbedingungen und professioneller Beziehungsarbeit – blieben häufig aus. Die Wirkung war enorm: Eltern wurden verunsichert, Fachkräfte delegitimiert, Kitas pauschal problematisiert.
Die unsichtbaren Folgen für Familien
Besonders betroffen waren – und sind – Mütter. Die Botschaft war klar, wenn auch selten offen ausgesprochen: Wer sein Kind früh in Betreuung gibt, handelt gegen dessen Wohl. Das schlechte Gewissen wurde zum ständigen Begleiter. Dabei wurde komplett ausgeblendet, wie vielfältig familiäre Lebensrealitäten heute sind. Erwerbstätigkeit ist für viele keine Option, sondern Notwendigkeit. Alleinerziehende, Familien in belastenden Lebenslagen, Eltern mit prekären Arbeitsbedingungen – sie alle sind auf verlässliche Betreuung angewiesen. Ich selbst habe mit den unterschiedlichsten Familien zusammen gearbeit in dieser Zeit und viel erlebt und dazu gelernt. Eine moralische Abwertung dieser Realität hilft niemandem, am wenigsten den Kindern.
Wenn Kritik alte Rollenbilder bedient
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Denn diese Debatten greifen tief verwurzelte Rollenbilder auf: die Mutter zu Hause, das kleine Kind ausschließlich in der Familie, institutionelle Betreuung als notwendiges Übel. Diese Narrative wirken manchmal sogar unbewusst in uns selbst. Fachkräfte müssen sich daher bewusst machen: Wo erwische ich mich bei dem Gedanken, dass ein Kind „eigentlich noch nicht in die Krippe gehört“? Diese Haltung beeinflusst die Qualität der Beziehung, die Kinder erleben.
Kitas zwischen Anspruch und Abwertung
Wir als Kitas mit Betreuungsangeboten für unter Dreijährige standen gemeinsam mit den Familien im Gegenwind dieser Debatte. Einerseits wuchs der gesellschaftliche Bedarf, andererseits wurde unsere Arbeit grundsätzlich infrage gestellt. Statt Anerkennung für hochkomplexe Beziehungsarbeit erlebten viele Fachkräfte Rechtfertigungsdruck, Misstrauen und strukturelle Überlastung. Das schürrte bei vielen meiner Kolleg:innen Selbstzweifel.
Dabei wissen wir aus Entwicklungspsychologie und Bindungsforschung längst: Nicht der Ort entscheidet über das Wohl des Kindes, sondern die Qualität der Beziehungen. Kinder können auch außerhalb der Herkunftsfamilie sichere Bindungen aufbauen – wenn Fachkräfte Zeit, Fachwissen, Kontinuität und unterstützende Rahmenbedingungen haben.
Was Bindungsforschung wirklich sagt
Ein zentraler Bezugspunkt für diese Debatte bietet m.E. das Buch „Wieviel Mutter braucht das Kind?“ der renommierten Entwicklungs- und Bindungsforscherin Lieselotte Ahnert. Ihre Forschung wird in öffentlichen Diskussionen häufig verkürzt oder einseitig zitiert – dabei liefert sie gerade keine einfachen Antworten im Sinne eines Entweder-oder. Ahnert macht deutlich: Bindung ist grundlegend für die gesunde Entwicklung von Kindern, insbesondere in den ersten Lebensjahren. Die Beziehung zu den Eltern – häufig zur Mutter, zunehmend aber auch zu Vätern und anderen Bezugspersonen – bildet die emotionale Basis, von der aus Kinder ihre Umwelt erkunden. Entscheidend ist jedoch nicht die dauerhafte physische Anwesenheit einer einzelnen Person, sondern die Qualität der Beziehung: Feinfühligkeit, Verlässlichkeit und emotionale Erreichbarkeit. Zugleich widerspricht Ahnert ausdrücklich der Vorstellung, Bindung sei ausschließlich an die Mutter gebunden. Kinder sind entwicklungspsychologisch in der Lage, mehrere sichere Bindungen aufzubauen – innerhalb der Familie ebenso wie zu außerfamiliären Bezugspersonen. Historisch und kulturvergleichend zeigt sie, dass Fürsorge schon immer geteilt war. Das Ideal der allein zuständigen Mutter ist weniger biologisches Gesetz als gesellschaftliches Konstrukt.
In Bezug auf Krippenbetreuung vertritt Ahnert eine differenzierte Position: Außerfamiliäre Betreuung gefährdet die Eltern-Kind-Bindung und die Entwicklung der Kinder nicht grundsätzlich. Risiken entstehen dort, wo die Qualität der Rahmenbedingungen nicht stimmt – etwa bei zu großen Gruppen, instabilen Bezugssystemen, fehlender Eingewöhnung oder überlasteten Fachkräften. Auch Trennungsstress ordnet Ahnert fachlich ein: Stressreaktionen bei jungen Kindern führen nicht automatisch zu Schädigung des Kindes, sie sind Ausdruck eines Bewältigungs- und Anpassungsprozesses. Entscheidend ist, wie dieser Prozess begleitet wird – u.a. durch feinfühlige Eltern, verlässliche Fachkräfte und tragfähige Beziehungen.
Damit liefert Ahnert eine wissenschaftlich fundierte Grundlage für eine sachliche Debatte: Nicht die Frage „Krippe oder Familie?“ ist entscheidend, sondern die Qualität der Beziehungen und Bedingungen, unter denen Kinder aufwachsen.
Was wir eigentlich schon lange wissen
Bereits 2008 erschien übrigens im Beltz Verlag das Buch „Krippen: Wie frühe Betreuung gelingt – Fundierter Rat zu einem umstrittenen Thema“. Schon der Untertitel macht deutlich: Die Debatte um frühe Betreuung war bereits damals emotional aufgeladen – und wurde zugleich fachlich gut bearbeitet.
Das Buch bündelt entwicklungspsychologische, bindungstheoretische und pädagogische Erkenntnisse und kommt zu einem klaren Ergebnis: Frühe außerfamiliäre Betreuung ist weder per se schädlich noch automatisch förderlich. Entscheidend ist die Qualität der Bedingungen. Zentral hervorgehoben werden genau jene Faktoren, die auch heute noch den Kern guter Krippenarbeit ausmachen:
stabile Bezugssysteme und verlässliche Beziehungen,
ausreichend Zeit für Eingewöhnung und Übergänge,
kleine Gruppen und günstige Fachkraft-Kind-Relationen,
gut qualifizierte Fachkräfte mit bindungsbezogenem Wissen,
sowie eine enge, wertschätzende Zusammenarbeit mit Familien.
Das Buch macht deutlich, dass Kinder in Krippen Bindungssicherheit entwickeln können, wenn Fachkräfte emotional verfügbar sind und institutionelle Abläufe sich am kindlichen Bedürfnis nach Schutz, Orientierung und Beziehung ausrichten. Rückblickend wirkt das Buch fast ernüchternd aktuell. Denn vieles von dem, was dort vor über 15 Jahren beschrieben wurde, gilt unverändert. Nicht, weil die Forschung stehen geblieben wäre, sondern weil die politischen und strukturellen Konsequenzen bis heute nur unzureichend gezogen wurden.
Und wieder von vorn
Heute, viele Jahre später, erleben wir erneut dieselbe Dynamik. Wieder geistert das Schlagwort von der „Krippenlüge“ durch Medien und Feuilletons, wieder werden Eltern verunsichert, wieder geraten Fachkräfte unter Druck. Denn nicht selten, bleiben die Lesenden an der Schlagzeile hängen. Es bleibt ein fader Beigeschmack. Suggeriert das Wort „Lüge“ wieder einmal, dass hier etwas vorgegaukelt wurde. Was nicht gesehen wird, sind die Krippen, Kitas und Kindertagespflegestellen, die eine hervorragende und bedürfnisorientierte Arbeit leisten.
Für mich bleibt daher immer wieder die entscheidende Frage bleibt: Warum reden wir so beharrlich darüber, ob Krippe grundsätzlich gut oder schlecht ist. Warum kommen wir nicht endlich ins Handeln und konzentrieren uns darum, wie Krippe aussehen kann und muss? Warum orientieren wir uns nicht endlich an den Krippen, Kitas und Kindertagespflegestellen, die zeigen, dass es kindgerecht und beziehungsorientiert geht?
Wenn Reformen Qualität gefährden
Besonders problematisch wird diese Debatte im Kontext des aktuellen Referentenentwurfs zur bevorstehenden KiBiz-Reform hier in NRW. In anderen Bundesländern sind es nicht weniger problematisch aus. Statt die bekannten strukturellen Defizite konsequent anzugehen, droht hier eine weitere Aushöhlung der Qualität in Krippe, Kita und Kindertagespflege. Anstatt eine verlässliche Basis für Beziehungsarbeit zu schaffen – durch bessere Fachkraft-Kind-Schlüssel, ausreichend Zeit für Eingewöhnung, Reflexion sowie Vor- und Nachbereitung – werden erneut Stellschrauben in Richtung Flexibilisierung und Kostendämpfung gedreht. Was politisch als pragmatische Lösung erscheint, bedeutet im pädagogischen Alltag oft: weniger Zeit für Beziehung, höhere Belastung für Fachkräfte und damit weniger Sicherheit für Kinder. Gerade für die jüngsten Kinder ist jedoch fachlich unstrittig: Bildung beginnt mit Beziehung. Wird diese Grundlage geschwächt, verliert frühe Bildung ihren Kern.
Qualität ist kein Zufall
Qualität in der frühen Bildung entsteht nicht durch Appelle, sondern durch Professionalität und reflektierte Haltung. Sie braucht Fachkräfte, die Signale lesen, Bindung und Exploration zusammendenken und sich selbst kritisch hinterfragen.
Haltung und Reflexion gehören zusammen: Wer die eigenen inneren Bilder kennt, kann sie prüfen, verändern und so Kindern, Eltern und Kolleg:innen wirkliche Sicherheit bieten. Kinder in guten Händen Kinder müssen in guten Händen aufwachsen. Diese Hände können Eltern gehören. Und sie können Fachkräften gehören. Beides schließt sich nicht aus.
Damit Krippe und Kita tatsächlich sichere Orte werden, braucht es Mut – Mut, Strukturen, Prozesse und Haltung konsequent auf die kindlichen Bedürfnisse auszurichten.
Was wir wissen – und was daraus folgt
Wenn wir die Erkenntnisse aus Bindungsforschung, Ahnerts Arbeiten, dem Beltz-Buch von 2008 und der aktuellen Debatte zusammenführen, zeigt sich ein klares Bild:
Bindung ist zentral – aber nicht exklusiv. Kinder brauchen verlässliche Beziehungen – in der Familie und außerhalb. Qualität entscheidet über Erfolg oder Risiko. Schlechte Rahmenbedingungen, nicht die Krippe, gefährden Kinder.
Debatten über „Krippenlügen“ verschieben den Fokus. Sie verunsichern Eltern, setzen Fachkräfte unter Druck und bedienen alte Rollenbilder.
Die Reflexion der eigenen Haltung ist entscheidend. Fachkräfte müssen sich selbst hinterfragen, um unbewusste Vorurteile und tradierte Überzeugungen zu erkennen. Politik und Strukturen sind entscheidend. Bildung beginnt mit Beziehung – und die braucht strukturelle Sicherheit.
Mein Fazit
Wir wissen, wie frühe Betreuung gelingen kann, was Kinder brauchen, um Bindung, Sicherheit und Entwicklungsimpulse zu erfahren. Und wir wissen, welche Bedingungen Fachkräfte brauchen, um diese Qualität zu ermöglichen.
Die zentrale Aufgabe besteht nun darin, nicht immer wieder dieselben Grundsatzdiskussionen zu führen, sondern:
die bekannten fachlichen Leitplanken konsequent umzusetzen,
die eigene Haltung kritisch zu reflektieren,
und strukturelle Bedingungen zu schaffen, die Beziehung und Bildung in den Mittelpunkt stellen.
Es geht nicht um ein Entweder-oder zwischen Familie und Kindertagesbetreuung. Es geht darum, dass Kinder in guten Händen aufwachsen – überall, wo sie sind.
Erst dann endet die Endlosschleife der Debatten, und die Arbeit in Krippe, Kita und Kindertagespflege kann endlich das sein, was sie sein sollte: ein verlässlicher, sicherer und förderlicher Ort für alle Kinder.
Der Dunning-Kruger-Effekt und seine Bedeutung im Umgang mit pädagogischem Populismus
In bildungspolitischen Debatten, auf Elternabenden oder in sozialen Netzwerken tauchen sie immer wieder auf: einfache Lösungen für komplexe pädagogische Fragen. Sätze wie „Früher hat das doch auch funktioniert“, „Kinder brauchen nur klare Regeln und Grenzen“ oder „Inklusion kann doch gar nicht klappen“ prägen viele Diskussionen. Was auf den ersten Blick wie gesunder Menschenverstand klingt, entpuppt sich oft als Ausdruck eines größeren Problems: pädagogischer Populismus. Und dieser wiederum lässt sich durch ein bekanntes psychologisches Phänomen besser verstehen – den Dunning-Kruger-Effekt.
Was ist der Dunning-Kruger-Effekt?
Der Dunning-Kruger-Effekt beschreibt eine Verzerrung der Wahrnehmung, bei der Menschen mit weniger Kompetenz oder begrenzterem Wissen dazu neigen, ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten zu überschätzen. Gleichzeitig neigen Personen mit einem umfangreicheren Expert:innenwissen dazu, ihre Kenntnisse eher zu unterschätzen. Das rührt oftmals daher, dass diese Personen sich der Komplexität eines Themas bewusst sind. Sie wissen, dass sie nicht alles wissen können.
Dieses Missverhältnis zwischen tatsächlicher und wahrgenommener Kompetenz lässt sich in vier Phasen beschreiben:
Die vier Phasen des Dunning-Kruger-Effekts:
Gipfel der Selbstüberschätzung („Mount Stupid“): Die Person zeichnet sich durch wenig Wissen und viel Selbstbewusstsein aus. Sie glaubt, die Lösung bereits zu kennen – und äußert sich entsprechend lautstark und überzeugt.
Tal der Verzweiflung: In dieser Phase tauchen zunehmend Zweifel tauchen auf, weil Widersprüche oder komplexe Zusammenhänge erkennbar werden. Das Selbstvertrauen bezüglich des tatsächlichen Wissens sinkt rapide.
Pfad der Erleuchtung: Mit wachsendem Wissen wächst auch die Demut. Die Person erkennt, dass es nicht nur den einen Weg bzw. die eine Lösung gibt.
Plateau der Nachhaltigkeit/ Kompetenz: Die Person hat sich eine echte und umfassende Expertise angeeignet. Sie ist geprägt von einem realistischen Selbstbild, der gründlichen Differenzierungsfähigkeit und fachlicher Tiefe.
Pädagogischer Populismus trifft Dunning-Kruger
In vielen Bildungsdebatten zeigt sich dieser Dunning-Kruger-Effekt zunehmend und wird aus den unterschiedlichsten Richtungen gespeist und bedient: Im pädagogischen Alltag zeigt sich dies bei Menschen mit wenig pädagogischem Fachwissen oder ohne Einblick in aktuelle wissenschaftliche Diskurse, die trotzdem besonders überzeugt auftreten und auf ihren Standpunkten beharren. Dies geschieht oftmals, weil ihnen die Tiefe und Vielschichtigkeit der pädagogischer Prozesse schlichtweg nicht bekannt bzw. nicht bewusst ist.
Beispiele:
Ein Elternteil findet es völlig in Ordnung, mit einem Kind auch mal laut zu schimpfen, weil „das ihm selbst ja auch nicht geschadet hat.“.
Politiker*innen fordern „mehr Grenzen und Regeln, weniger Kuschelpädagogik“, ohne empirische Belege.
Medien greifen einzelne Extremfälle auf und stilisieren sie zu allgemeinen Wahrheiten.
In all diesen Fällen wird pädagogische Komplexität durch vermeintlich klare, einfache Aussagen ersetzt – oft verbunden mit Emotionen, Moral und nostalgischen Rückblicken.
Und warum fällt es Fachkräften schwer, dagegenzuhalten?
Es ist oftmals so schwer etwas dagegegn zu halten, weil gute Pädagogik selten einfache Antworten hat. Wer sich mit Bildung, Lernen, Entwicklung, Differenzierung und Inklusion beschäftigt, weiß, dass pädagogische Entscheidungen fast immer Kontexte, Perspektiven und Widersprüche berücksichtigen müssen. Diese vorsichtige, differenzierte Haltung wirkt im öffentlichen Diskurs jedoch oft zögerlich und unklar – und wird leicht übertönt.
Als Fachkraft sagen wir dann Dinge wie:
„Das kommt auf den Einzelfall an.“
„Dazu gibt es keine eindeutige Antwort.“
„Wir müssen verschiedene Perspektiven betrachten.“
Solche Sätze sind fachlich korrekt – aber in einer lauten Debattenkultur schwer zu vermitteln.
Was hilft gegen pädagogischen Populismus?
Bildung und Aufklärung: Mut, die eigene Fachlichkeit öffentlich sichtbarer und hörbarer zu machen. Es geht darum, die evidenzbasierten Argumente möglichst verständlich und nachvollziehbar zu kommunizieren, ohne überheblich zu wirken.
Medienkompetenz stärken: Es gilt Meinung von Fachwissen zu unterscheiden und gerade in komplexen Fachfragen nachfragen, wenn das Gegenüber es sich allzu einfach macht.
Mut zur Differenzierung: Auch in schwierigen Diskussionen gilt es Haltung zeigen. Die Kunst besteht darin zuzuhören, Gemeinsamkeiten herauszustellen – ohne sich auf populistische Vereinfachungen einzulassen.
Empathie mitdenken: Der Dunning-Kruger-Effekt ist kein Beweis für Dummheit, sondern ein Hinweis auf unbewusste Kompetenzlücken. Diese lassen sich ansprechen – respektvoll, aber bestimmt.
Fazit:
Pädagogischer Populismus lebt von einfachen Antworten auf schwierige Fragen. Der Dunning-Kruger-Effekt hilft, diese Dynamiken besser zu verstehen – und zeigt: Lautstärke ersetzt keine Kompetenz. Gerade im Bildungsbereich brauchen wir mehr Raum für fachlichen Tiefgang, weniger für Stammtischrhetorik. Denn wer wirklich etwas von Pädagogik versteht, weiß: Bildung ist selten einfach – und immer wichtig!
Seit einigen Jahren biete ich das Seminar „Jedes Kind i(s)st anders“ für verschiedene Bildungsträger in Präsenz und auch online an – das Seminar bietet neben grundlegendem Fachwissen auch viel Raum für Austausch, Reflexion und Aha-Momente rund um das kindliche Essverhalten. Auch wenn sich viele pädagogische und elterliche Haltungen im Laufe der Jahre verändert haben, hält sich das ein oder andere alte Muster immer noch hartnäckig: Kinder zum Essen zu zwingen – sei es direkt („Jetzt iss doch wenigstens den Brokkoli!“) oder subtil („Nur wer alles probiert hat, bekommt Nachtisch.“).
Doch warum ist dieser Zwang noch so tief verankert in unserem Denken und Handeln – und warum ist es an der Zeit, das endgültig zu hinterfragen?
Die Wurzeln sitzen tief
Viele Erwachsene kennen es noch zu gut aus ihrer eigenen Kindheit: der leergegessene Teller als Zeichen von Anstand, das Probieren als Pflicht oder die Angst als „wählerisch“ zu gelten, wenn man etwas nicht mag. Diese Erfahrungen prägen – oftmals unbewusst – unser heutiges Verhalten gegenüber Kindern. Essen wird dann nicht mehr als Bedürfnisregulation verstanden, sondern wird zur Erziehungsmaßnahme. Wer sich nicht an die vorgegebene Spielregeln hält, gilt als „schwierig“ oder „verwöhnt“.
Was dabei vergessen wird: Kinder sind eigenständige Persönlichkeiten mit individuellen Geschmäckern, sensorischen Empfindungen und Erfahrungen – ganz genau wie jeder erwachsene Mensch auch. Was aus unserer Sicht auf die Situation eher harmlos oder „normal“ wirkt, kann für das Kind in diesem Moment übergriffig, beschämend oder sogar angsteinflößend sein.
Zwang ist Gewalt – immer
In den Seminaren wird nicht selten deutlich: Viele Teilnehmende haben ein ungutes Gefühl bei „Probier-Regeln“ oder dem Druck am Esstisch. Trotzdem fällt es ihnen nicht immer leicht, alte Muster abzulegen oder sich gegen die Überzeugung anderer Kolleg:innen durchzusetzen.
Wichtig ist dabei immer das Wissen: Essen unter Druck ist keine Hilfe, sondern ein Übergriff auf die Autonomie des Kindes. Ein Kind zum Essen zu drängen, ihm Schuldgefühle zu machen oder es für seine Ablehnung zu bestrafen, ist nicht zulässig – es ist eine Form von psychischer Gewalt. Und Gewalt ist nicht verhandelbar.
Das ist keine Übertreibung, sondern eine klare Haltung, die wir als Gesellschaft einnehmen müssen. Wenn wir Kindern Respekt, Mitbestimmung und Selbstwirksamkeit zugestehen wollen, dann fängt das beim Essen an – einem der intimsten und sensibelsten Bereiche des Lebens.
Und hier ist die Fürsorgepflicht und unser Schutzauftrag dem Kind gegenüber höher zu bewerten als die Loyalität den irgendwelchen Kolleg:innen gegenüber. Wir sind gesetztlich dazu verpflichtet, das Kind vor Gewalt und Überggriffigkeiten zu schützen. Das Kind ist auf diesen unseren Schutz angewiesen. Alleine kann es sich nicht gegen einen mächtigen Erwachsenen schützen. Unterlassen wir diese Unterstützung handeln wir uns letztlich gesetzwidrig.
Was stattdessen hilft
In Seminaren erarbeiten wir gemeinsam Alternativen: Wie kann man Vertrauen in das Kind entwickeln, wenn es bestimmte Speisen verweigert? Wie kann man Essenssituationen entspannen statt eskalieren lassen? Und wie lernen wir Erwachsenen, Kontrolle abzugeben?
Die wichtigste Erkenntnis: Kinder brauchen keinen Zwang, sondern Vorbilder, sichere Räume und das Recht, Nein zu sagen.
Zeit für einen Paradigmenwechsel
„Jedes Kind i(s)st anders“ ist mehr als ein nettes Wortspiel. Es ist ein Aufruf zum Umdenken. Die Achtung vor kindlicher Integrität darf nicht am Esstisch aufhören. Nur wenn wir lernen, Kontrolle durch Vertrauen zu ersetzen, können Kinder ein gesundes Verhältnis zu Essen – und zu sich selbst – entwickeln.
Und dafür braucht es Seminare, Gespräche, Mut zur Reflexion – und klare Haltungen.
Denn Esszwang ist keine Option!
Anja Cantzler
Hier gehts zur Vertiefung zum Podcast mit Monika Thiel und Katrin Krüger
In der pädagogischen Arbeit begegnen Fachkräfte häufig Kindern, die durch ihr Verhalten an die Grenzen des Erwachsenen stoßen. Dabei kann es immer wieder zu intensiven Momenten kommen, in denen das Verhalten des Kindes nicht nur für das Kind selbst, sondern auch für die Fachkraft emotional belastend und schwer zu handhaben ist. Genau hier setzt die Interaktionsanalyse an – ein reflektiver Ansatz, der nicht nur das Verhalten des Kindes, sondern auch das eigene Handeln der Fachkraft in den Fokus nimmt.
Die Bedeutung des eigenen Verhaltens
Eine zentrale Überzeugung dieser Interaktionsanalyse lautet: „Wenn ich möchte, dass das Kind sein Verhalten ändert, muss ich zuerst prüfen, ob ich mein Verhalten gegenüber dem Kind verändern sollte.“ Diese Herangehensweise zielt darauf ab, das Verhalten der Fachkraft als Teil der Dynamik zu verstehen. Denn das Verhalten des Kindes und das der Fachkraft stehen in einer ständigen Wechselwirkung.
Kinder, die herausforderndes Verhalten zeigen, reagieren oft besonders empfindsam auf bestimmte Verhaltensweisen von Erwachsenen. Dies bedeutet, dass jede Reaktion der Fachkraft in diesen Situationen eine direkte oder indirekte Gegenreaktion beim Kind auslösen kann. Wenn also ein Kind durch sein Verhalten immer wieder an die Belastungsgrenze der Fachkraft stößt, ist es hilfreich, nicht nur das Verhalten des Kindes zu analysieren, sondern auch das eigene Handeln.
Schrittweise Reflexion
Die (traumapädagogische) Interaktionsanalyse (n. Schmid) so wie ich Sie in meiner traumapädagogischen Weiterbildung kennenlernen durfte, beginnt in der Regel mit der detaillierten Beschreibung einer konkreten Situation: Wo hat sich die Situation abgespielt? Was hat das Kind gemacht? Wie hat die Fachkraft reagiert? Welche Gefühle wurden ausgelöst? Dabei wird nacheinander das Verhalten aus beiden Perspektiven betrachtet – der des Kindes und der der Fachkraft.
Hierbei stellt sich die Frage: Was trage ich als Fachkraft dazu bei, dass das Kind auf eine bestimmte Weise reagiert? Indem man diesen Blickwinkel einnimmt, wird die Fachkraft nicht nur zu einer:m passiven Beobachter:in, sondern auch zu einem aktiven Teil der Situation. Diese Perspektive schafft Raum für Veränderungen im eigenen Verhalten, die wiederum die Dynamik zwischen Fachkraft und Kind positiv beeinflussen können.
Lösungsfokussierte Herangehensweise
Nach der Analyse der Situation geht es um Lösungen – bedürfnissorientiert und konstruktiv. Der Fokus liegt darauf, alternative Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln, die sowohl die Bedürfnisse des Kindes als auch die der Fachkraft berücksichtigen. Besonders bei Kindern, die durch sie belastende Erlebnisse geprägt sind, ist es entscheidend, dass ihre emotionalen und beziehungsorientierten Bedürfnisse im Zentrum stehen.
Fragen, die in dieser Phase der Reflexion helfen können, sind zum Beispiel:
Was ist der „gute Grund“ für das Verhalten des Kindes? Häufig verbirgt sich hinter dem herausfordernden Verhalten eines Kindes ein emotionales Bedürfnis, das in der Vergangenheit vielleicht nicht ausreichend erfüllt wurde. Hier geht es darum, dieses Bedürfnis zu erkennen und ihm auf alternative Weise gerecht zu werden.
Wie kann ich als Fachkraft meine Reaktionen so anpassen, dass das Kind neue Handlungsoptionen erlernt? Anstatt impulsiv oder automatisch auf das Verhalten des Kindes zu reagieren, lohnt es sich, innezuhalten und zu überlegen, welche Handlung dem Kind helfen könnte, sich sicherer und verstanden zu fühlen.
Wie kann das Bindungs- und Beziehungsbedürfnis des Kindes in der Situation erfüllt werden? In der pädagogischen Arbeit spielt die Beziehungsebene eine zentrale Rolle. Kinder benötigen Sicherheit und Stabilität in der passenden Balance zu Autonomie und Mitbestimmung. Eine Fachkraft, die diese Bedürfnisse erkennt und entsprechend handelt, kann präventiv dazu beitragen, Eskalationen zu vermeiden.
Die Fachkraft im Fokus
Neben der Analyse des kindlichen Verhaltens darf jedoch der Blick auf das eigene Befinden der Fachkraft nicht zu kurz kommen. Die Zusammenarbeit mit Kinderen, deren Verhalten herausfordernd ist, ist oft für Fachkraft emotional herausfordernd. Fachkräfte sind nicht nur professionelle Begleiter, sondern auch Menschen mit eigenen emotionalen Reaktionen, Bedürfnissen und Grenzen. Daher ist es wichtig, im Rahmen der Reflexion auch sich selbst zu fragen:
Welche Gefühle wurden in mir ausgelöst?
Wie kann ich besser mit diesen Emotionen umgehen, um auch in der nächsten Situation gelassen und professionell zu handeln?
Welche Unterstützung benötige ich, um mich gestärkt zu fühlen?
Diese Selbstreflexion trägt maßgeblich dazu bei, dass Fachkräfte langfristig handlungsfähig bleiben und den Kindern die notwendige Stabilität bieten können.
Fazit: Veränderung beginnt bei uns
Die Interaktionsanalyse ist für mich zu einer wertvollen Methode in meinen Seminaren geworden, um herausfordernde Situationen nicht nur besser zu verstehen, sondern auch lösungsorientiert darauf zu reagieren. Dabei geht es vor allem darum, als Fachkraft den eigenen Anteil an der Dynamik zu erkennen und Handlungsalternativen zu entwickeln, die sowohl dem Kind als auch einem selbst helfen.
Indem wir unser eigenes Verhalten reflektieren und gezielt anpassen, schaffen wir die Grundlage für positive Verhaltensänderungen beim Kind. So können wir dazu beitragen, dass belastende Situationen nicht zu Eskalationen führen, sondern zu einem besseren gegenseitigen Verständnis und einer stabileren Beziehungsebene.
Veränderung beginnt bei uns – und genau das ist der zentrale Schlüssel für eine Beziehungs- und verstehensorientierte Pädagogik.
Mehr dazu findet ihr auch in meinen Buch: Schätze finden statt Fehler suchen, das 2023 im Herder Verlag erschienen ist.
„Deutschland verspielt die Zukunft seiner Kinder…“- dieses Zitat stammt von dem Buchrückentext, der auf Ilse Wehrmanns neustem Buch „Der Kita-Kollaps“ zu finden ist.
Ilse Wehrmann beschreibt in diesem Buch die aktuelle Lage der Kindertageseinrichtungen – ungeschönt und bitter. Gut recherchiert, analysiert sie die aktuelle Misere, deckt die politischen Versäumnisse der letzten 20 Jahre auf und versucht Lösungswege aufzuzeigen.
Ein Rückblick
Ich bin nun seit 30 Jahren im Beruf und mir geht es ähnlich wie Ilse Wehmann. Ich verstehe nicht warum wir sehenden Auges in diese heutige Situation gerannt sind. Oft werden die katastrophalen Umstände mit der Pandemie begründet. Aber das ist nur ein ganz kleiner Teil der Wahrheit. Denn bereits vor 20 Jahren machte Professor Wassilios Fthenakis mit anderen Expert*innen darauf aufmerksam, dass dringend gehandelt werden müsse. Was dort geraten wurde, liest sich heute wie eine Blaupause. (Wehrmann, 2023, S.172-173)
Und trotz andauernder warnender Stimmen wurde nicht gehandelt, zumindest nicht mit Blick für eine langfristige und tragfähige Bildungspolitik. Eine Bildungspolitik, die allen Kindern und Familien zugute kommt, die Familien entlastet und unterstützt und die Fachkräften einen vernünftigen Arbeitsrahmen bietet.
Ein Ausblick
Aber solange die Politiker nur auf kurzfristige Erfolge erpicht sind, um möglichst hoch auf der Karriereleiter steigen zu können, wird da nichts draus. Kinder haben in unserer Gesellschaft keine Lobby. Mit dieser Sicht verspielt Deutschland langfristig nicht nur die Zukunft seiner Kinder… langfristig auch die eigene. Deutschland hat keine Rohstoffe, die es exportieren könnte, unser einziges Pfund ist Wissen. Tja, und das geht gerade den Bach runter.
Was wir jetzt brauchen sind beherzte Politiker*innen auf Bundesebene, die bereit sind unabhängig von ihrer eigenen Karriere, sich für die Entwicklung des Bildungssystems und für unsere Kinder stark zu machen. Es geht um die Umorganisation der Zuständigkeiten von Bund, Land und Kommune. Es braucht Bildungsgipfel, bei denen alle Länder, Kitafachkraftverbände, Elternvertretungen, Wohlfahrtsverbände vertreten sind und an langfristigen Lösungen interessiert sind. Das braucht Geld und die Beherztheit manche Prozesse zu verschlanken. Ideen gibt es genug.
Und aktuell?
Natürlich braucht es auch Übergangslösungen für die aktuelle Situation. Denn es macht mir sehr nachdenklich, was mir in den letzten Wochen und Monaten in meiner Coaching und Beratungstätigkeit gehäuft begegnet: Fach- und Leitungskräfte, die sich mit der Arbeit nicht mehr identifizieren können, weil sie kaum Zeit für das einzelne Kind mehr haben und zuviel andere Aufgaben (admistrativ, dokumentarisch, hauswirtschaftlich) noch abdecken sollen, mal ganz unabhängig davon, ob die Kolleg*innen überhaupt da sind oder alle Stellen besetzt sind. Vorbereitungs- und Besprechungszeiten fallen oftmals ganz weg. Fach- und Leitungskräfte sind zunehmend erschöpft und ausgebrannt. Für viele scheint das Ausscheiden aus dem Beruf und die Suche nach anderen Arbeits- und Betätigungsfeldern die einzige Lösung.
Vorsicht vor toxischer Positivität
Anderen wiederum wird vorgegaukelt, sie müssten nur ihr mindset ändern, dann wäre alles halb so schlimm. Frei nach dem Motto: Du musst dir die Welt nur schön denken, dann ist sie auch schön.
Auch ich versuche mit meinen Coachees ersteinmal herauszufinden, was sie an ihrer Tätigkeit schätzen und ob es etwas gibt, aus dem sie Kraft schöpfen können. Selbstfürsorge ist dabei immer wieder ein sehr wichtige Thema.
Ich bin aber keine Freundin davon, die Verantwortung für ihr Wohlbefinden nur den Fachkräften zu zuschieben. Nicht selten haben die Fachkräfte dann das Gefühl, etwas falsch zu machen und nicht richtig zu sein. Sie suchen den Fehler bei sich.
Es braucht Unterstützung von den Verantwortlichen
„Du kannst die anderen nicht ändern, nur dich selbst.“ – „Wenn du die Situation nicht ändern kannst, dann ändere deine Haltung dazu.“ – An diesen Aussagen ist etwas dran. Haltung und Einstellung spielen eine große Rolle, um schwierige Situationen zu meistern. Trotzdem dürfen sie dich nicht dazu verleiten, dass du alles nur hinnimmst, aushälst und ständig gegen Windmühlen arbeitest. Manchmal ist es ´besser zu gehen, wenn es keine weitere Unterstützung von außen gibt.
Daher schätze ich gerade jeden Träger, der versucht hier Abhilfen zu schaffen: z.B. durch Überprüfung ob wirklich jede Dokumentation notwendig ist, wo durch Verwaltungskräfte Entlastung geschaffen werden kann und durch veränderte Betreuungszeiten der Einsatz der vorhandenen Fachkräfte verlässlicher stattfinden kann. Letzteres kann auch Eltern mehr Sicherheit geben. Manchmal ist eine verlässliche 35 Stunden-Betreuung an 4 1/2 Tagen besser, als eine 45 Stunden Betreuung, die jeden Tag auf der Kippe steht.
Ein Hoffnungsschimmer
Zum Glück gibt es Initiativen von Trägern, die ihren Leitungskräften zum Beispiel Verwaltungskräfte zur Seite stellen und Home-Office Zeiten ermöglichen.
Und es gibt Leuchttürme in der Kita-Landschaft. Das sind, die sich trotz aller Schwierigkeiten auf den Weg gemacht haben, um Kindern, Eltern und sich selbst ein gutes Arbeitsumfeld zu schaffen. Nicht selten sind hier die bedürfnisorientierte Pädagogik, Werkstattpädagogik, Reggiopädagogik ud Offene Arbeit die großen Gamechanger. Ein nennenswertes Beispiel bietet hier die Kita Heide-Süd in Halle (Saale). Diese Kita arbeitet bedürfnisorientiert und sie wurden dieses Jahr mit dem Deutschen Kita-Preis ausgezeichnet. Ich hatte das Vergnügen, mit der Leitung und zwei ihrer Mitarbeiterinnen in einem Kita Talk sprechen zu können. Es wäre mein Wunsch, wenn solche Einrichtungen nicht nur Leuchttürme bleiben, sondern unsere zukünftige Kita-Landschaft gestalten.
Das Buch von Ilse Wehrmann hat viel in mir aufgewühlt. Ich bin nachdenklich, verärgert, frustriert und gleichzeitig motiviert weiter zu machen. Ich werde weiter am Ball bleiben, den Finger weiter mit in die Wunde legen, Fachkräfte begleiten und unterstützen, Familien beraten und für die Rechte der Kinder mich weiterhin einsetzen.
In meinem vorherigen Blogartikel ging es um Kinder von krebserkrankten Eltern. Manche Kinder reagieren in solchen Situationen mit starken Wutausbrüchen und in dem Zusammenhang habe ich auf eine Methode aus meinem Buch: „Schätze finden statt Fehler suchen“ hingewiesen, die ich hier einmal etwas näher beschreiben möchte.
Diese sog. Wut-Notfallbox kann selbstverständlich auch bei Wutausbrüchen jeglicher Art im pädagogischen Alltag zum Einsatz kommen, um die Kinder darin zu unterstützen ihre Wut zu kanalisieren und ihnen nach und nach Möglichkeiten zur Selbstregulation anbieten zu können.
Dafür wird eine solche Wut-Notffall-Box gemeinsam mit dem Kind zusammengestellt.
Dort können zum Beispiel:
ein Kissen, in dass das Kind laut schreien oder rein boxen kann
Knete, die nach Lust und Laune bearbeitet werden kann
ein Knautschball, zum Kneten
ein Igelball zum Massieren
Papier zum Zerreißen und zerknüllen
Luftpolsterfolie zum Luftbläschen zerdrücken
eine Brötchentüte zum aufblasen und zerplatzen lassen
ein Foto von draußen oder einem anderen Lieblings-Ruheort, mit dem das Kind der Fachkraft oder die Fachkraft dem Kind ohne Worte signalisieren kann, dass es jetzt gerne nach draußen gehen darf und kann, wenn es das gerade braucht
fest deponiert sein.
Zunächst wird die Fachkraft dem Kind die vereinbarte Möglichkeit zur Verfügung stellen. Erfahrungsgemäß wählen und nutzen die Kinder nach und nach selbst die für sie geeignete Selbstregulationsmöglichkeit.
Was bietest du den Kindern in deinem pädagogischen Alltag an, damit sie Wege finden, ihrer Wut Raum zu geben, ohne andere oder sich selbst zu verletzen?
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