„Kuschel muss mit“ – Übergangssobjekte in der Eingewöhnung

Folgende Situation kennst Du  bestimmt aus Deiner Praxis: ein neues Kind kommt jeden Tag mit seinem kleinen Teddy „Kuschel“ in die Kita. Kuschel hat den Auftrag, solange das Mädchen in der Kita ist, gut auf sie aufzupassen. Und so begleitet Kuschel sie in den ersten Tagen und Wochen der Trennung durch den Kita- Alltag. Kuschel ist zunächst überall mit dabei. Erst nach und nach kann Kuschel von einem Regal zuschauen und später wird er nur noch in ganz besonderen Situationen dazu geholt z.b. wenn das Mädchen sehr traurig oder müde ist. Beim Schlafen hat Kuschel seinen festen Platz im Bett des Mädchens.

Was diesem Mädchen ihr Teddy Kuschel ist, ist für andere Kinder der Schnuller, eine Puppe, das Schmusetuch, ein spezielles Spielzeug oder ein anderer besonderer Gegenstand. Alle hier aufgezählten Dinge haben eins gemeinsam: sie dienen den Kindern als sog. Übergangsobjekte und geben Halt in schwierigen Situationen.

Wofür sind Übergangsobjekte wichtig?

Als Übergangsobjekte wählen Kinder Gegenstände, die eine besondere Bedeutung für sie haben. Donald W. Winicott (engl. Kinderarzt und Psychoanalytiker) hat herausgefunden, dass diese Objekte in der frühen Mutter-Kind-Beziehung als Symbol für die Einheit von Mutter und Kind stehen. Demzufolge werden Übergangsobjekte etwa ab den 6. Lebensmonat für Kleinkinder bedeutsam. Ein Übergangsobjekt tritt in Abwesenheit der Eltern an Stelle der oralen und emotionalen Befriedigung, die das Kind sonst von ihnen erhält. So wird ein Übergangsobjekt zum vorübergehenden Ersatz für die abwesenden Bezugspersonen und bietet dem Kind Schutz, Sicherheit, Halt und Geborgenheit. Das Objekt hilft ihm, die Abwesenheit seiner Bezugspersonen besser zu meistern.

Gerade zu Beginn der Eingewöhnungszeit tragen viele Kinder ihre Übergangsobjekte wie Begleiter den ganzen Tag mit sich herum, andere greifen nur in schwierigen Situationen darauf zurück. Mit zunehmendem Alter verlieren einzelne Übergangsobjekte i. d. R. an Bedeutung.

Aber mal Hand aufs Herz. Hast Du vielleicht auch heute noch irgendeinen Glücksbringer oder Gegenstand in Deiner Mantel- oder Hosentasche? Hilft es Dir, ein besonderes Kleidungsstück zu tragen, wenn Du vor neuen Situationen stehst? Oder beruhigt Dich ein bestimmter Geruch, der Dich an Deine Kindheit erinnert? Dann kannst Du die Kinder gut verstehen, wie wichtig und wertvoll ihre Lieblings“objekte“ für sie sind.

Wissenswertes über Übergangsobjekte in der Kita

Die Entscheidung für ein Übergangsobjekt ist eine sehr persönliche und individuelle Wahl eines Kindes. Es entscheidet sich für einen bestimmten Gegenstand entsprechend seiner Vorlieben und Bedürfnisse. Für das emotionale Wohlbefinden des Kindes ist es daher wichtig, dass Du und andere Erwachsene diese Entscheidung bedingungslos akzeptieren. Das ist in der Praxis nicht immer ganz einfach, da die gewählten Übergangsobjekte z.B. das harte, kantige Spielzeugauto oder das nicht mehr besonders ansehnliche, abgewetzte Kuscheltier nicht zwangsläufig Deinen Erwachsenenvorstellungen und ästhetischen Ansprüchen entspricht.

In der pädagogischen Praxis bedarf es feinfühliger Pädagogischer Fachkräfte, die um die Bedeutung von Übergangsobjekten für Kinder wissen und diese Objekte in der täglichen Arbeit als wesentliche Brücke zu den jeweiligen Bindungspersonen des Kindes begreifen und zulassen können. Übergangsobjekte haben einen unschätzbaren emotionalen Wert für ein Kind. Daher sollten wir Erwachsene – Pädagogische Fachkräfte, Eltern und andere Bezugspersonen – diese einem Kind niemals wegnehmen bzw. verwehren. Ein solches Tun kann ein Kind in eine emotionale Krise versetzen und gewachsene Bindungen gefährden. Aus Erfahrung weißt du sicherlich, dass sich mit der Zeit die Gelegenheit bietet, gemeinsam mit dem Kind im Dialog zu überlegen, ob das Übergangsobjekt zwischendurch von einem Regal aus zuschauen oder sogar in der Garderobe bzw. im Bett auf das Kind warten kann. In jedem Fall sollte dem Kind sein Übergangsobjekt jederzeit und je nach Bedürfnis frei zugänglich sein. Es liegt im Ermessen des Kindes, ob und wann es sein Übergangsobjekt braucht. Erinnerst Du Dich eventuell daran, ob es in Deiner eigenen Kindheit geliebte Teddys, Puppen, Schmusedecken oder Spielzeuge gab, die eine wichtige emotionale Funktion und Bedeutung für Dich hatten? Bei mir war es ein alter recht harter Teddy namens „Fritz“. Fritz hat mich viele Jahre durch meine Höhen und Tiefen begleitet und war stets ein sehr geduldiger Zuhörer und ein fantastischer Tröster. Und bei Dir? Deine Reflexion hierüber ist ein wichtiger Ausgangspunkt, um das Bedürfnis des Kindes besser nachvollziehen zu können. Manchmal ist es hilfreich, auch mit den Eltern über diese Fragestellung in den Dialog zu kommen, denn erfahrungsgemäß stehen nicht alle Eltern hinter der Wahl und Entscheidung ihrer Kinder für ein bestimmtes Übergangsobjekt.

Schwere Zeiten für Übergangsobjekte

Aktuell sind für die begleitenden und brückenbauenden Übergangsobjekte schwere Zeiten angebrochen. Deine pädagogische Praxis ist trotz der Rückkehr zum Regelbetrieb weiterhin durch Hygienevorschriften geprägt. In einigen Kitas und Tagespflegestellen sollen daher die Kinder möglichst wenige Gegenstände zwischen Elternhaus und Kita hin und her tragen, um eine Infektionsübertragung zu vermeiden. Bei Übergangsobjekten ist hier auf jeden Fall eine Ausnahme zu machen, da sie den Kindern eindeutig die Trennung von den Eltern erleichtern. Diese hilfreiche Unterstützung darf auf keinen Fall den Hygienevorschriften zum Opfer fallen. An anderer Stelle wiederum wird empfohlen, die Objekte mindestens zweimal die Woche zu reinigen und zu desinfezieren. Mit einem Schnuller wird dies automatisch gemacht und das geliebte Spielzeugauto zu desinfezieren ist sicherlich möglich. Problematischer ist diese Empfehlung bei Kuscheltieren oder Schmusetüchern, deren spezifischer Geruch an zu Hause erinnert. Meines Erachtens bietet ein fester Platz für das Übergangsobjekt eventuell in Form einer sog. „Ich-Box“ Abhilfe für dieses Dilemma. Durch die feste Zuordnung, wohin und zu wem das Übergangsobjekt gehört, wird das Weiterreichen der Objekte unter den Kindern minimiert. Was sich genau hinter der Ich-Box verbirgt, verrät Dir Mareike Paic im nächsten Blog-Beitrag. Ich freue mich, Mareike ein weiteres Mal für einen Gastbeitrag gewonnen zu haben, Das erstemal hat sie hier ihre Gefühlsuhren vorgestellt.

Beim Reinigen und Desinfizieren eines Übergangsobjektes kannst Du das Kind auch spielerisch miteinbeziehen. Die Kinder erleben zur Zeit, das Händewaschen und die Desinfektion zum Alltag gehören. Im Rollenspiel kannst Du oder die Eltern mit den Kindern gemeinsam die Kuscheltiere, Schmusetücher und andere Spielzeuge reinigen. So erlebt das Kind mit, was mit seinem Lieblings-„objekt“ passiert und bekommt eine nachvollziehbare Erklärung dazu.

Abschließend möchte ich Dich einladen, Dich gemeinsam mit Deinem Team auf den Weg zu machen, um mit den Eltern gute Lösungen zu entwickeln, damit den Kindern trotz widriger Umstände das Mitbringen von Übergangsobjekten möglich ist.

Ich wünsche Dir einen guten Start mit den Kindern und den vielen verschiedenen Kuscheltieren, Schnullern, Schmusetüchern etc.

Deine Anja

Hier kommst Du direkt zu dem bereits veröffentlichten Gastbeitrag von Mareike Paic über die „Gefühlsuhren“.

Zurück in die Zukunft – Die Rückkehr in den Regelbetrieb

Nach dem völligen Lockdown mit Notbetreuung und eingeschränktem Regelbetrieb ist in vielen Bundesländern die Rückkehr zum Regelbetrieb bereits gelebte Realität, das bisherige Infektionsgeschehen machte diesen Schritt möglich. Trotzdem bleibt das ganze recht fragil, da die Zahlen sich jederzeit wieder verändern können. Ich selbst habe hier im Kreis Gütersloh miterlebt, wie schnell die Kindertagesbetreuung vorübergehend wieder geschlossen wurde. Örtlich wird der Verlauf des individuellen Infektionsgeschehens entscheidend sein, was wie umsetzbar ist.

Rückkehr zur Normalität?

Die Rückkehr zur Normalität ist ein großer Wunsch bei vielen von uns. Für die Kinder ist das Zusammensein mit anderen Kindern elementar für die Entwicklung. Die Eltern brauchen nach den vielen Monaten von HomeKindergardening, Social Distancing und Homeoffice dringend Entlastung. Und viele von Euch haben im Lockdown die Kinder vermisst und wünschen sich die Rückkehr, zu dem was vorher war.

In NRW ist dies zum 17.08. geplant. Den Kitas und Tagespflegestellen bleiben demnach 1-2 Wochen im Anschluss an die individuellen Urlaubs- und Schließzeiten, um in Kooperation mit den Trägern zu entscheiden, wie vor Ort der Regelbetrieb konkret aussehen kann.

Also was heißt Rückkehr in den Regelbetrieb nun konkret? In erster Linie, dass wieder alle Kinder für die vereinbarten Betreuungszeiten in die Kita kommen dürfen. Die Abstandsregeln sind im Kontakt mit Eltern und KollegInnen einzuhalten und das Hygienekonzept im Allgemeinen zu gewährleisten. Das führt zwangsläufig zu einem Mehraufwand, der in NRW durch die zusätzliche Einstellung nichtpädagogischer Hilfskräfte bis Ende des Jahres aufgefangen werden soll.

Herausforderungen und Lösungswege

Die Maskenpflicht besteht weiterhin, sobald Erwachsene zusammen kommen. Das beeinträchtigt die non-verbale Kommunikation während der Bring- und Abholsituationen und der anstehenden Eingewöhnungszeit der neuen Kinder. In diesem Zusammenhang wird der ausprägte Blickkontakt eine große Bedeutung spielen. Ich beschäftige mich gerade damit, was wir mit den Augen alles zum Ausdruck bringen können. Das Gestikulieren mit den Händen und dem ganzen Körper sind ergänzende Elemente in unserer Kommunikation mit Masken, so dass Kinder trotz dieser Einschränkungen im Gesichtsfeld der Erwachsenen eine Bestärkung und Orientierung für den Übergang erfahren. Es ist wichtig und wertvoll, wenn Du die Eltern im Vorfeld dafür sensibilisierst und sie dazu einlädst, ihr Kind mit klaren und aufmunternden Worten zu begleiten.

Die Rückkehr zu den gewohnten Konzepten wird explizit in der Vorlage des Landes als Möglichkeit benannt. Damit verbunden ist die Aufhebung der Gruppenbindung, die in den letzten Wochen und Monaten vorgeschrieben war. Wie diese Rückkehr zu den gewohnten Konzepten in der Praxis umsetzbar ist, wird sich zeigen, da gleichzeitig ausgesprochen ist, dass bei erhöhten Infektionszahlen jederzeit der eingeschränkte Regelbetrieb wieder greift. Ich vermute, dass einige Träger und Einrichtungen sich daher dazu entscheiden werden, z.B. das Konzept der Offenen Arbeit mit Funktionsräumen vorerst noch länger auszusetzen, um ein Hin und Her für Kinder, Eltern und KollegInnen zu vermeiden. Die bestehenden Hygienevorschriften würden bei ständigen Raum- und Materialwechsel der Kinder zusätzliche Putz- und Desinfektionsarbeit mit sich bringen.

Ein weiteres Konzept, dass in den letzten Wochen und Monaten eher eingeschränkt umgesetzt werden konnte, ist die Partizipation. Wie gestaltet sich beispielsweise Partizipation, wenn Kinder sich nicht selbst beim Essen bedienen dürfen und die Getränke nicht frei zur Verfügung stehen? Welche Entscheidungs- und Wahlmöglichkeiten bleiben den Kindern im Alltag konkret?

Weitere Themen, die die aktuelle Praxis zentral mitbestimmen, sind:

  • der Einsatz der KollegInnen, die als Risikopersonen gelten. Hier finde ich es gerade irritierend, wie unterschiedlich die verschiedenen Träger damit umgehen. Ich erlebe gerade verschiedene Varianten. Vom uneingeschränkten Einsatz in der Arbeit mit dem Kind bis zum Suchen nach alternativen Einsatzmöglichkeiten im Hintergrund, ist viel vertreten. Bedauerlicherweise werden oftmals die Sorgen und Ängste der MitarbeiterInnen übergangen oder abgetan. Einige KollegInnen werden vor die Wahl gestellt, sich krankschreiben zu lassen (was langfristig zu finanziellen Einschränkungen führt) oder zu kündigen (was meines Erachtens menschlich nicht geht). Hier wünsche ich mir einen menschlichen Umgang miteinander und verbindliche ggfs. auch finanzielle Unterstützung durch das Land.
  • die Verordnung zu den „Schnupfennasen“, die zum Kindergartenalltag dazu gehören. Auch hier bedarf es einen klaren Standings und Rückendeckung durch Leitung bzw. Träger, dass die bestehende Regelung des Landes verbindlich umgesetzt werden kann. Eltern werden Lücken nutzen, wenn diese sich für sie auftun. Das ist etwas, dass ich sehr gut verstehen und nachvollziehen kann, stehen viele Eltern gerade selbst unter massiven Druck. Erinnere Dich in diesem Zusammenhang an meinen Blog-Beitrag zum: „Prinzip des Guten Grundes“. Diese Grundhaltung kann zum besseren Verstehen der Eltern beitragen. Zum grundsätzlichen Umgang mit Infektionen hat übrigens Baden- Württemberg eine gute visualisierte Übersicht entwickelt, die Du vielleicht auch ähnlich für Deine Arbeit übernehmen kannst. Den ScreenShot findest Du weiter unten als Download. Eine solche Übersicht verdeutlicht den Eltern nocheinmal das generelle Vorgehen im Infektionsfall. Das Ganze ersetzt natürlich auf keinen Fall den direkten und persönlichen Dialog mit den Eltern, um alle Seiten und Sichtweisen miteinbeziehen zu können.

Auf jeden Fall ist auch weiterhin eine große Flexibilität und viel Fingerspitzengefühl von Dir und Deinem Team in den nächsten Wochen und Monaten gefragt. Konzentrier Dich mit Deinem Team weiterhin auf das was geht und möglich ist, wie ich bereits in meinem Beitrag: „Gemeinsam den Wiederbeginn wagen“ ausgeführt habe. Denk immer wieder an Deine Selbstfürsorge. Dazu habe ich mit Anja Klostermann ein Kärtchen entwickelt, dass Du Dir ausdrucken und zur Erinnerung aufhängen kannst. Dieses findest Du in meinem Beitrag: „Balance zwischen Empathie und Selbstfürsorge“.

Ich möchte mit Dir über Deine Praxis in den Austausch kommen und freue mich über Deine Rückmeldung in den Kommetaren. Erzähl mir davon, wie der Regelbetrieb in Deinem Team vor Ort umgesetzt wird. Berichte mir über die Schwierigkeiten, die Dir im Alltag begegnen. Teile auch Erfolgserlebnisse und Best-Practise Beispiele, von denen wir alle profitieren können. Am 19.08. biete ich hierzu ein virtuelles Kaffeetrinken für Leitungskräfte über Zoom an.

Ich werde Dich auch weiterhin mit diesem Blog und mit vielen anderen Angeboten begleiten und unterstützen. Wie Du im Anhang sehen kannst, war ich in der Sommerpause sehr rührig. 😉 Um Dir ein Stück Normaltät zu bieten, erfährst Du in den nächsten Blog-Beiträgen etwas über die Wichtigkeit von Übergangsobjekten in der Eingewöhnungszeit und Du lernst die Ich-Box von Mareike Paic von den Sternstunden-Seminaren kennen.

Ich freue mich auf einen angeregten Austausch in den nächsten Wochen und Monaten

Deine Anja

Verschiedene Angebote im Überblick:
  • am 19.08.2020 von 16.00 – 18.00 Uhr findet für Leitungskräfte via Zoom ein virtuelles Kaffeetrinken statt — hier möchte ich mich gerne mit Dir und anderen Leitungen über das aktuelle Geschehen austauschen und Lösungen entwickeln. Gleichzeitig stelle ich hier mein neues Angebot: „Online-Gruppencoaching für Leitungskräfte vor“, dass dann konkret im September (22.09.2020) startet. –> nähere Infos und Anmeldung 
  • am 1.09. biete ich mit Anja Klostermann ein Online- Seminar für Leitungskräfte zum Thema: „Neues ensteht – Teamprozesse in Zeiten „nach“ Corona erkennen und begleiten“ an –> nähere Infos und Anmeldung
  • am 15.07. ist mein erstes YouTube Gespräch zum Thema: „Teamarbeit in Zeiten von Corona“ erschienen –> direkt zum Video
  • das nächste Gespräch zum Thema: „Sprachbildung trotz(t) Corona“ geht am 07.08. online
  • ich bin jetzt auch auf Facebook und Instagram zu finden und ihr könnt mir dort folgen
  • Alle TeilnehmerInnen der Fortbildungsreihen zur „Fachkraft Frühpädagogik/Unter drei dabei und der Qualifizierung für Ergänzungskräfte“ aus Haus Neuland, Verl, Dinslaken und Herford sind herzlichst zu meiner Facebook Gruppe eingeladen
  • Kita-Leitungskräfte mit Interesse an dem Thema: „Coaching als Schlüsselkompetenz“ sind herzlich willkommen in einer extra eingerichteten Facebook GruppeNatürlich komme ich auch weiterhin als Weiterbildnerin, Coach und Supervisorin zu Euch in die Kitas und ich biete viele Seminare in verschiedenen Weiterbildungshäusern wie z.b Haus Neuland an.
Download: Umgang mit Infektionen bei Kindern
Verlinkte Beiträge:

Das Prinzip des „Guten Grundes“

Gemeinsam den Wiederbeginn wagen

Balance zwischen Empathie und Selbstfürstfürsorge

Die Eingewöhnung – Verschiedene Modelle, ein Ziel

In dem heutigen Beitrag bekommt Ihr von mir einen kurzen Überblick über die verschiedenen Eingewöhnungsmodelle. Diese Übersicht ist hilfreich, wenn Ihr mit Eurem Team entweder auf der Suche nach einem für Euch geeignetem Konzept für die Eingewöhnung seid oder Ihr Euer bestehendes Konzept im Vergleich zu anderen überprüfen möchtet. Im Anschluss an diesen Beitrag findet Ihr als Ergänzung „5 Tipps zur Gestaltung einer erfolgreichen Eingewöhnung“, die Ihr bei mir anfordern könnt. Diese 5 Tipps unterstützen Euch bei der Erarbeitung und Überprüfung Eures Eingewöhnungskonzeptes.

Ein Blick in die Vergangenheit

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich als Referentin mit dem Thema Bindung und Eingewöhnung. In meinem Berufspraktikum vor gut 30 Jahren war es durchaus üblich, dass die Kinder den Übergang von Familie zu Kita ohne Begleitung der Eltern bewältigen mussten. Das war für alle Beteiligten sehr anstrengend. Ich empfand es schon damals als wenig kindgerecht und spürte, wie viele Kinder unter dieser abrupten Trennung litten. Obwohl das Berliner Eingewöhnungskonzept bereits vereinzelt in Krippen praktiziert wurde, etabliert sich die elternbegleitete Eingewöhnung erst mit dem Ausbau der Betreuung für die Kinder im Alter von 0 – 3 Jahren. Heute gilt die Elternbegleitung als wesentliches Qualitätsmerkmal für die Gestaltung von Eingewöhnung.

Verschiedene Modelle entstehen

Mittlerweilen wurden 5 verschiedene Modelle aus den verschiedensten wissenschaftlichen und praxisorientierten Ansätzen heraus entwickelt.

Berliner Eingewöhnungsmodell:

  • Ausgangspunkt: die Bindungstheorie
  • Ablauf: strukturiert und verbindlich mit aufeinander aufbauenden Phasen – Kennenlernphase, erster Trennungsversuch nach drei Tagen, Stabilisierungsphase
  • zentraler Aspekt: Beziehungsaufbau von Kind und Pädagogischer Fachkraft
  • Bild vom Kind: das Kind hat ein zentrales Bindungsbedürfnis, es braucht die Begleitung verlässlicher Bindungs- und Bezugspersonen

Münchner Eingewöhnungsmodell:

  • Ausgangspunkt: Erkenntnisse der Transitionsforschung
  • Ablauf: Schnupperwoche mit den Eltern, in der es die verschiedenen Bezugspersonen kennen lernen kann und erste Trennung nach frühestens 6 Tagen
  • Bild vom Kind: das kompetente Kind ist fähig, Übergänge zu bewältigen, wenn es hierbei durch die ihm vertrauten Personen Unterstützung bekommt, es ist in der Lage Beziehungen zu mehreren Personen aufbauen

Eingewöhnungsmodell nach Kuno Beller

  • Ausgangspunkt: psychologische Sichtweise auf den Umgang mit Veränderungen
  • zentraler Aspekt: die durch Eltern und Pädagogischer Fachkraft begleitete langsam stattfindende Veränderung erlaubt es dem Kind, sich aktiv mit der neuen Situation auseinanderzusetzen
  • Bild vom Kind: ein Kind braucht Zeit, seinen negativen Gefühlen und seinem Schmerz Ausdruck zu verleihen, die zu diesem Trennungs- und Trauerprozess dazu gehören

Sanfte Eingewöhnung nach Reggio

  • Ausgangspunkt: das kompetente Kind mit vielen Ressourcen und Fähigkeiten
  • Ablauf: den Übergang meistert das Kind in seinem eigenen Tempo mit Begleitung einfühlsamer und wertschätzender Erwachsener
  • zentrale Aspekte: der Raum wird als „dritter Erzieher“ genutzt, der dem Kind Geborgenheit und Anregung bietet, Vertrauen und Zeit
  • Bild vom Kind: selbsttätiges und kompetentes Kind, das Akteur seiner eigenen Entwicklung ist

Eingewöhnung in der Peer-Group

  • Ausgangspunkt: Erkenntnisse der Peer-Group Forschung
  • Ablauf: die Eingewöhnung findet gleichzeitig mit drei bis fünf Kindern, ihren Eltern und zwei Pädagogischen Fachkräften statt, Trennung von den Eltern erfolgt individuell und nach Absprache
  • zentrale Aspekte: die Einbeziehung von Raumgestaltung und Spielmaterial
  • Bild vom Kind: das Kind als soziales Wesen, das das Miteinander mit Gleichaltrigen zu seiner Entwicklung braucht
Die Gemeinsamkeiten

Alle Modelle haben im wesentlichen drei Gemeinsamkeiten, die eine gute Eingewöhnung ausmachen: die Kinder werden durch ihre Eltern begleitet, es gibt pädagogische Fachkräfte als Ansprechpartner*innen und der Abschied wird bewusst gestaltet. Ein wesentliches Ziel aller Modelle besteht darin, dass das Kind durch die Eingewöhnung eine größtmögliche Sicherheit bekommt und dadurch angstfrei mit den anderen Kindern spielen und lernen kann.

Jedes Modell für sich hat seine Chancen und auch Grenzen. Erfahrungsgemäß arbeiten die meisten von Euch entweder mit dem Berliner- oder mit dem Münchner Modell. Anstatt ein Modell unreflektiert zu übernehmen, schaut lieber auf das, was Ihr mit der Eingewöhnung erreichen wollt und wie Ihr diese im Einzelnen umsetzt. Daher empfehle ich, dass Ihr auch in Eurer Konzeption konkret beschreibt, wie Ihr die Eingewöhnung gestaltet.

Ich wünsche Euch einen guten Start mit den neuen Kindern und Familien!

Eure Anja

Hier noch ein paar ergänzende Anregungen zum Thema „Eingewöhnung“:

Am 23.01.2021 findet ein Webinar zum Thema Eingewöhnung in der Peer-Group in Kooperation mit Haus Neuland statt. Hier lernt Ihr ein alternatives Eingewöhnungsmodell kennen, das insbesondere die sozialen Beziehungen und die Interaktionen der Kinder in den Mittelpunkt stellt.

Kennt Ihr schon mein Buch: Eingewöhnung von Kita-Kindern, Cornelsen Verlag. Dort habe ich mich mit vielen Themen rund um die Eingewöhnung beschäftigt, die im Besonderen für die Zusammenarbeit mit den Eltern wertvoll und hilfreich sind. Das Buch ist im Buchhandel erhältlich.
Im Blog von Tanja Köster findest Du einen Podcast mit einem Interview mit mir zum Thema: Eingewöhnung in der Peer-Group

„Tschüss, Arrividercie und Goodbye“ Abschied von den Schulanfängern

Schon bald kommen die angehenden Schulkinder in die Schule und das, nachdem viele von ihnen nach dem Lockdown gerade erst wieder in die Kitas und die Kindertagespflege zurück gekehrt sind. Je nach Bundesland werden die angehenden Schulkinder nur 3 bis max. 8 Wochen ihre Gruppen besuchen.

Dies stellt Euch vor besondere Herausforderungen. In diesem begrenzten Zeitraum sind das Wiederankommen, die Vorbereitung auf den anstehenden Übgang zur Schule und die baldige Verabschiedung zu gestalten.

Dem Wiederankommen und der Gestaltung des Übergangs habe ich bereits in den vergangenen Wochen zwei Blogbeiträge* gewidmet. Diesmal geht es um die Verabschiedung.

Jahr für Jahr verlassen die angehenden Schulkinder den Kindergarten und die Kindertagespflege im Sommer. Das ist ein ganz normales wiederkehrendes Ereignis. Viele Kitas und Kindertagespflegestellen haben über die Zeit hinweg Abschiedsrituale und liebgewonnene Traditionen entwickelt. Einige dieser Rituale und Traditionen, wie z.B. Übernachtungsfeste mit den Kindern und Abschiedsgottesdienste mit allen Familien, sind aufgrund der aktuellen Rahmenbedingungen dieses Jahr nicht oder nur teilweise umsetzbar.

Nun steht Ihr vor der Aufgabe, herauszufinden, was trotz der Abstands- und Hygieneregelungen möglich ist. Dabei sind folgende Fragestellungen hilfreich:

  • Was habt Ihr im Einzelnen mit den Kindern und Eltern bisher zur Verabschiedung gemacht?
  • Was kann von diesen Ritualen und Traditionen unter Berücksichtigung der Abstands- und Hygieneregeln wie bisher übernommen und umgestzt werden? (z.B. Abschiedsbriefe, Abschiedsgeschenke, Abschiedskreis mit den Kindern etc.)
  • Auf welche Rituale und Traditionen müsst Ihr unter diesen Umständen verzichten? (z.B. gemeinsame Abschlussrunde mit allen Eltern in der Gruppe)
  • Welche Alternativen findet Ihr stattdessen?

Bei genauerer Betrachtung werden Euch viele Alternativen einfallen, die den Abschied zu einem unvergesslichen Erlebnis für die Kinder machen. Hier ein paar Ideen und Anregungen, wie Ihr den Abschied gestalten könnt:

  • Gestaltung eines gemeinsamen Frühstücks mit den angehenden Schulkindern
  • Durchführung eines Abschiedskreises, in dem jedes Kind erzählt, woran es sich gerne erinnert und worauf es sich in der Schule freut
  • feierliches Überreichen der Abschiedsgeschenke und Portfolios, mit einer tosenden „Rakete“ und Applaus für jedes Kind
  • Feiern eines Abschiedsgottesdienstes mit den Familien unter freiem Himmel
  • Einladung zu einem Grillnachmittag im Außengelände oder Picknick im Park mit den Familien unter Beachtung der Abstandsregeln
  • Gemeinsames Spazierengehen der pädagogischen Fachkräften mit den einzelnen Kindern und ihren Familien, um sich in diesem Gespräch ganz persönlich zu verabschieden
  • Gestalten einer Zeitkapsel* gekoppelt mit der Vereinbarung, sich in einem Jahr wiederzusehen und die Zeitkapsel gemeinsam feierlich zu öffnen
  • Packen eines Koffers oder Trollyes mit allen persönlichen Gegenständen des Kindes, mit dem das Kind am letzten Tag feierlich aus der Kita „auszieht“
  • „Sprung ins Leben“: Aufbau eines Bewegungs- und Kletterparcours, den die Kinder unter Applaus der Fachkräfte und Eltern bewältigen und mit einem letzten Sprung über die Schwelle der Kita-Tür in den Armen ihrer Eltern landen

Ich bin überzeugt davon, dass Ihr gemeinsam mit den Kindern gute Wege finden werdet, diesen Abschied angemessen und stimmungsvoll zu gestalten. Für die Kinder ist es so oder so ihr ganz besonderer und persönlicher Abschied von der Kita und Kindertagespflege. Es liegt in Euren Händen, wie sich die Kinder daran erinnern werden. Wenn Ihr ihnen das Gefühl gebt, dass sie aufgrund der Rahmenbedingungen etwas verpassen und ihnen vieles nicht möglich ist, werden sie das Verlustgefühl viel stärker wahrnehmen. Denkt an das Prinzip, dass wenn Ihr etwas zum Problem macht, dies auch zum Problem wird. Haltet Euch in der Vorbereitung nicht zu sehr damit auf, was gerade nicht geht. Überlegt, was möglich ist und den Kindern Spaß macht. Für die Kinder ist es wichtig, dass Ihr ihnen einen schönen Abschied bereitet, an den sie sich gerne erinnern.

Erfreut Euch gemeinsan mit den Kindern an diesen ganz besonderen Abschied.

Viel Spaß dabei!

Eure Anja

* Hier ein paar Links zu den Blogbeiträgen, auf die ich mich in diesem Beitrag bezogen habe:

Übergänge gestalten – (Wieder-) Ankommen in der Kita

Übergänge gestalten – Von der Kita in die Schule

Die Zeitkapsel – Botschaft an die Zukunft

„Wie lange dauert traurig sein?“- Interview über Abschied, Tod und Trauer (2)

Heute folgt, wie angekündigt, der 2. Teil des Interviews mit Vanessa Pivit, Trauerbegleiterin und Erzieherin. Der Schwerpunkt liegt diesmal darauf, wie Ihr als Pädagogische Fachkräfte Kinder und Familien in Trauerprozessen begleiten und unterstützen könnt.

Das Interview

A.C.: Liebe Vanessa, nachdem wir uns zunächst mit dem beschäftigt haben, wie Kinder trauern, stellt sich heute die Frage: Wie pädagogische Fachkräfte die Kinder und Familien in Trauerprozessen begleiten und unterstützen können?

V.P: Vieles ist möglich. Die Teams sollten sich im Vorfeld eine Haltung und einen Leitfaden erarbeiten: Wie gehen wir generell mit Trauer um und wo sind unsere Grenzen als Mitarbeiter und als Team? Wer kann uns unterstützen, wenn wir nicht mehr weiter wissen? Mittlerweile bieten unterschiedliche Organisationen Fortbildungen für pädagogische Fachkräfte an. Darüberhinaus gibt es Trauerbegleiter, die Einrichtungen und Familien vor Ort unterstützen.

Ein Trauerfall wirft eine Familie häufig aus ihrer gewohnten Tagesstruktur. Eltern müssen schnell Vieles entscheiden und regeln. Es bleibt oftmals wenig Zeit für die Kinder und deren Befindlichkeiten. In diesen Situationen könnten pädagogische Fachkräfte Familien entlasten, indem sie beispielsweise die Betreuungszeit vorübergehend ausweiten. Eltern hätten so den Rücken frei, um sich um die notwendigen Formalitäten zu kümmern und die Kinder würden in einer vertrauten Umgebung aufgefangen. Für das trauernde Kind ist es wichtig, dass es so angenommen wird, wie es jetzt gerade in diesem Augenblick ist. Das Kind darf sich so verhalten, wie es das braucht und es der Rahmen hergibt. Darin besteht der größte Schatz, den man ihm in dieser Situation schenken kann. Fachkräfte sollten auf jeden Fall mit den verschiedenen Trauerphasen (s. Link im Anschluss) vertraut sein, um die verschiedenen Gefühlsschwankungen, die mit dem Trauerprozesse verbunden sind, besser verstehen und begleiten zu können. Das Kind braucht in dieser Zeit eine vertraute Bezugsperson. Wie im ersten Teil bereits erwähnt, sollte mit dem Kind nur über den Verlust geredet werden, wenn das Kind das Bedürfnis äußert. Es darf ihm nichts übergestülpt werden, wozu es in diesem Moment noch nicht bereit ist. Das Kind gibt den Weg vor und wir schenken ihm Vertrauen. Das Kind braucht die Gewissheit, dass die Pädagogische Fachkraft immer da ist, sein Verhalten aushält und ihm hilft, mit der Situation umzugehen.

Eine weitere Möglichkeit wäre, dass eine Fachkraft das Kind während der Beisetzung begleitet. Für viele Eltern wäre das eine hilfreiche Entlastung. Sie wüssten dann, dass ihr Kind gut aufgehoben ist und könnten sich der anschließenden Beerdigung uneingeschränkt widmen. Bedauerlicherweise fehlen in der Praxisnhierzu oftmals die zeitlichen Ressourcen.

Des Weiteren kann über einen Verlust oder Tod auch im Gruppenverband gesprochen werden, vorausgesetzt, dass die Eltern des betroffenen Kindes damit einverstanden sind. Mir ist wichtig zu erwähnen, dass wir als Pädagogische Fachkräfte in allen Belangen der Schweigepflicht unterliegen. Wenn mir ein Kindergartenkind etwas erzählt, dass nicht für andere Ohren bestimmt ist, ziehe ich mich möglichst in einen geschützten Raum mit dem Kind zurück, damit es dort frei und ungestört sprechen kann.

A.C.: Wie und wodurch bestärkst Du Eltern, ihre Kinder mit in den Trauerprozess mit einzubeziehen?

V.P.: Das verdeutliche ich am besten an einem Beispiel aus meiner Praxis. Ich hatte neulich ein Entwicklungsgespräch mit einer Mutter. Sie wusste nichts von meiner Ausbildung als Trauerbegleiterin. Sie fragte, ob wir vielleicht wüssten, wann, wie und ob überhaupt sie mit ihren Kindern, 3 & 5 Jahre alt, über die Krankheit des Opas und den bevorstehenden Tod sprechen könne und solle. Ich spürte an ihrer Unsicherheit, dass das nicht in 5 Minuten zu beantworten war. Ich erzählte ihr von meiner Arbeit als Trauerbegleiterin und bot ihr eine erneute Verabredung an, um in Ruhe darüber sprechen zu können. Ich merkte, wie dieses Angebot sie bereits etwas beruhigte. Wir trafen uns ein paar Tage später und ich ließ sie erst einmal erzählen, um mir auch ein Bild von der Situation zu machen. Da ich die Kinder bereits kannte, erleichterte es mir, die Mutter entsprechend zu beraten. Im Gespräch wurde ihre Verunsicherung sehr deutlich. Sie äußerte, ihre Kinder schützen zu wollen. Glücklicherweise konnte ich sie in ihrem bisherigen Handeln bestärken. Es stellte sich heraus, dass die Familie sich schon auf einem guten Weg der Trauerarbeit befand. Der Mutter war dies bislang nur nicht bewusst. Mit zunehmender Erleichterung kam ein immer stärkeres Strahlen in ihr Gesicht. Es wuchs die Erkenntnis in ihr, dass sie bislang „alles richtig“ gemacht hatte. Der Weg dieser Familie bestand darin, dass die Mutter den Kindern erklärte, wie es dem Opa geht und die Fragen der Kinder beantwortete. Sie durften den Opa besuchen, wenn sie es wünschten. Bei näherer Betrachtung braucht sie mich eigentlich nicht. Unser Gespräch diente zu Ihrer Bestärkung, die ihr die bisherige Verunsicherung nahm. Ergänzend habe ich ihr zur Unterstützung meinen Trauerkoffer angeboten. Darin befinden sich u.a. Fachbücher für Erwachsene, Bilderbücher für Kinder, Bilderrahmen zum Gestalten, Kerzen, Keilrahmen und Malzubehör. (Anm.: Der Trauerkoffer wird in einem eigenen Beitrag am kommenden Donnerstag konkreter vorgestellt)

In meiner Praxis als Erzieherin und Trauerbegleiterin bekomme ich von Eltern immer wieder die Rückmeldung, dass wenn sie sich trauen, mit ihren Kindern offen über Sterben, Tod und Trauer zu sprechen, dass das eine Bereicherung für die ganze Familie ist. Mein Ziel besteht darin, dass Kinder die Gelegenheit bekommen, gerade dann, wenn es ihnen nicht gut geht bzw. sie verunsichert sind, mit ihren Fragen und Empfindungen gehört und gesehen werden. Sie haben ein Recht darauf. Das Leben hat immer mehrere Seiten und Blickwinkel – auch die Schattenseiten gilt es in den Blick zu nehmen.

A.C.: Wann stößt Du in dieser Arbeit an Grenzen?

V.P.: Ich stoße immer dann an Grenzen, wenn ich Menschen begegne, die sich auf der beruflichen Ebene diesem Thema verschließen und somit den Kindern, die ihnen anvertraut sind, das Recht nehmen, sich mit ihrer Trauer und den damit verbundenen Gefühlen offen auseinandersetzen zu dürfen. Ich wünsche mir, dass der Umgang mit Gefühlen und Empfindungen wie Trauer, Angst und Wut genauso wichtig genommen wird wie andere Bildungsbereiche. Was bringt einem Kind, eine gute Stifthaltung für die Schule zu haben andererseits nicht seine Gefühle bei einem „Nein“ einordnen zu können, weil sie in dieser von uns begleiteten wichtigen Entwicklungszeit ihre Gefühle nicht ausleben dürfen.

A.C.: Was möchtest Du den KollegInnen in den Kitas abschließend mit auf den Weg geben?

V.P.: Gebt auch dem Bereich Trauer einen angemessenen Platz in der Kitaarbeit. Trauer setzt nicht erst beim Tod ein. Wir erleben tagtäglich so viele Trauerprozesse, die wahrzunehmen und zu begleiten sind. Die Trennung morgens von der Mutter, die man doch nochmal küssen möchte, der vergessene Teddy, der uns gerade trösten könnte…. Wir brauchen behutsame KollegInnen, die das Kind gerade hier in seinem Sein annehmen und die Traurigkeit aushalten kann. Und nicht die, die sagen, ach, ist doch nicht so schlimm, die Mama kommt später, der Teddy ist später für dich da. „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“, der Klassiker aus meiner Kindheit. Aber Kinder brauchen in genau diesem Augenblick, dass sie jemand in den Arm nimmt und wertschätzt. Ich würde mir wünschen, dass in der Schnelllebigkeit der bisherigen Zeit wieder mehr Raum und Zeit für Gefühle, Wärme, Nächstenliebe gegeben wird. Gerade die Arbeit im U3 Bereich braucht einen besonders feinfühligen Umgang zum Beispiel in der Eingewöhnung. Es ist m.E. für das Kind wenig ratsam eine zügige Trennung zu vollziehen, um Eltern möglichst schnell die Rückkehr in die Arbeit zu ermöglichen. Es geht darum schrittweise Vertrauen aufzubauen, damit das Kind sich bei uns wohlfühlen kann. Das funktioniert nur Hand in Hand mit den Eltern. Dabei geht es auch um Aushalten und Geduld, bis das Kind bereit ist. Für mich ist das vergleichbar mit einem Trauerprozess – Mama/Papa geht und ich bleibe in der Kita. Und so begegnen uns viele kleine Abschiede in der Kitazeit, die es gut zu begleiten gilt. Abschließend komme ich noch einmal zurück auf das Thema Tod: Das Sprechen darüber ist oftmals gar nicht so schwer. Es gilt erst einmal einen Anfang zu wagen. Wenn wir den Kindern Vertrauen und Gehör schenken, kommt vieles ganz von alleine.

Puh!. Das Thema Trauer ist so umfangreich und spannend, dass dieses Interview dafür bei weitem nicht ausreicht. Ich hoffe, ich konnte ein paar von den Leser*innen motivieren, sich mit auf den Weg zu machen und sich mehr mit Tod und Trauer beschäftigen. Letztlich ist eine Tatsache unumstößlich, vor dem eigenen Tod können wir nicht weglaufen. (Ende 2. Teil)

Mit verändertem Blick in die Praxis

Wenn wir auf das Geschehen der letzten Wochen zurückschauen, möchte ich mich Vanessas Plädoyer für einen feinfühligen Umgang mit den Kindern anschließen. Viele Kinder waren jetzt längere Zeit nicht in der Kita und müssen sich erneut von den Eltern verabschieden. Einige werden darüber sehr traurig sein. Die Vorgaben zum Infektionsschutz erschweren die Abschiedsprozesse. Es müssen neue stützende Rituale gefunden werden. Umso wichtiger ist es, die Trauer und das Traurigsein der Kinder (und ggfs. der Eltern) ernst zu nehmen und für alle Beteiligten möglichst gute Brücken zu bauen.

Darüber hinaus kommen die Kinder in eine veränderte Situation zurück. Auch hier heißt es für viele Kinder Abschied nehmen von Gewohntem und Liebgewonnenen. Manche Kinder müssen auch hier erst neue Handlungsstrategien entwickeln, um diese Veränderungen annehmen zu können. Und es ist sehr traurig, wenn das Kind nicht mit dem Freund aus der anderen Gruppe spielen darf.

Zu guter Letzt solltet Ihr Euch darauf einstellen, dass einige Kinder tatsächlich Verluste in der zurück liegenden Zeit erlebt haben. Das muss nicht zwangsläufig durch Corona verursacht sein. Aber aufgrund der Be- und Einschränkungen des Besuchsrechts in Pflegeheimen und Krankenhäusern und den Auflagen für Beerdigungen haben wir mit veränderten Trauermöglichkeiten zu tun. Die Kinder erleben das hautnah mit und brauchen gerade jetzt sehr aufmerksame und achtsame Erwachsene, die Ihnen Raum zu der individuellen Verarbeitung ihrer Gefühle geben. Ihr legt damit einen wichtigen Grundstein für die sozial-emotionale Entwicklung der Kinder und stärkt sie in ihrer Resilienz.

Abschließend für heute gilt mein besonderer Dank Vanessa Pivit, die sich letzte Woche spontan bereit erklärt hat, mit mir dieses Interview zu führen. Am kommenden Donnerstag wird sie ihren Trauerkoffer noch etwas genauer vorstellen. Eine tolle Anregung für die Praxis, wie ich finde.

Alles Liebe und Gute

Eure Anja

Weiterführender Link zu Vertiefung:

www.wikipedia.org/wiki/Trauer

Kontaktdaten Vanessa Pivit – Trauerbegleiterin:

trauerbegleitung-pivit@t-online.de / Tel.: 0160 – 947 43 683

https://www.trauerbegleitung-pivit.de/

Link zu einem Webinar- Replay:

Ergänzend ein Webinar-Replay von Bianca Hofmann (Praxis-Kita): Zum Thema „Abschied von Liebgewonnenem und Gewohntem“ Dauer: ca 60 Minuten – Danke liebe Bianca, dass ich den Link hier zur Verfügung stellen kann. In diesem Webinar gelingt meines Erachtens ein wundervoller Transfer von dem Thema Tod und Trauer zu den Befindlichkeiten der Kinder in den aktuellen Zeiten von Corona.

https://www.edudip.com/de/webinar-aufzeichnung/246b476a-2a03-412e-ac58-af7bac65b6f8 .