Die Bedeutung der Peer Group bei der Wieder- Eingewöhnung

Im Rahmen einer Supervision kam bei einigen Pädagogischen Fachkräften die Frage auf, wie es wohl werden wird, wenn der Lockdown nach so vielen Wochen wieder endet und die Kinder, die über einen so langen Zeitraum zu Hause betreut wurden, wieder in die Kindertagesbetreuung zurückkehren. Bei einigen war die Eingewöhnung gerade erst abgeschlossen und die Frage wird auch seitens der Eltern laut, ob eine neue Eingewöhnung nötig werden könnte.

Bereits im vergangenen Jahr standen diese Sorgen im Raum und da waren es in vielen Einrichtungen noch mehr Kinder, die zu Hause betreut worden sind. In dieser Zeit habe ich meinen ersten Blogbeitrag zur (Wieder-) Eingewöhnung der Kinder veröffentlicht. Im Nachhinein betrachtet, haben die Kinder im letzten Jahr die Rückkehr in ihre Gruppen sehr gut bewältigt und viele Befürchtungen sind gar nicht erst eingetroffen. Die meisten Kinder haben sich einfach nur gefreut, wieder in Krippe, Kita und Kindertagespflege zurückkehren zu können. Sie haben freudig ihre Freunde und Freundinnen in den Arm genommen und ihre Spieltätigkeit wieder aufgenommen. Es bleibt zu hoffen, dass dies auch dieses Mal so ähnlich sein wird und mittlerweile vertrau ich auch darauf, dass es so kommen kann.

Meine Zuversicht begründet sich aus den Erkenntnissen der Peer Group Forschung von Carolin Howes. Bereits in meinem Beitrag “Eingewöhnung in der Peer Group” habe ich auf diese Forschungen zu den Peer Group Beziehungen bei Kindern von 0-3 Jahren hingewiesen. Dort wurde herausgefunden, dass Kinder bereits gegen Ende ihres ersten Lebensjahres mit anderen Gleichaltrigen sozial interagieren. Sie können ab diesem Alter gemeinsam emotionale Themen im gemeinsamen Spiel bearbeiten. So hat Howes auch herausgefunden, dass die Trennung von den Eltern den Kindern leichter fällt, wenn sie diese mit anderen Kindern bewältigen, die in der gleichen Situation sind.

Die Bedeutung der Peers

Im Allgemeinen versteht man nach Corsaro (1985) und von Salsch (2000) unter einer Peer Group mehrere Kinder (auch Jugendliche und Erwachsene),

  • die ungefähr gleichaltrig sind bzw. auf einem ähnlichen kognitiven, emotionalen und soziomoralischen Entwicklungsstand stehen
  • die gleiche Entwicklungsaufgaben und normative Lebensereignisse zu bewältigen haben
  • die untereinander bezüglich ihrer Macht und ihres sozialen Status gleichberechtigt und ebenbürtig sind.

Die Peer-Group bietet Kindern in Krippe, Kita und Kindertagespflege:

  • einen Orte des sozialen Lernens
    • durch das Gefüge sozialer Interessensgruppen
    • indem sie auf ihre Art untereinander Bedürfnisse kommunizieren, was in dieser Form mit Erwachsenen nicht möglich ist
    • indem sie an der Alltagswirklichkeit Anderer teilhaben
  • einen Schutzraum im Umgang mit Gefühlen
    • wo sie Regeln und Umgangsformen erproben können
    • in dem sozialer Austausch stattfindet
    • wo sie Dialoge führen, Kompromisse finden und Konflikte austragen können
  • Möglichkeiten zum Lernen durch Nachahmung
    • aufgrund ständiger Interaktion und Ko-Konstruktion im Miteinander
    • durch Socializing/ Geselligkeit (Ahnert 2011) auf Augenhöhe.

Bedeutung für den Wieder – Einstieg

Diese Erkenntnisse rund um den Stellenwert und die Bedeutsamkeit der PeerGroup hat einen stabilisierenden Faktor für die Rückkehr der Kinder in die Kindertagesbetreuung. Sie treffen auf die Freunde und Freundinnen, die schmerzlich vermisst wurden und sie sind nicht alleine mit der Situation der Trennung, sondern es gibt noch andere Kinder, denen es genauso geht. So kann beispielsweise ein Kind, dass sich mit der Trennung schwerer tut, sich das Verhalten und die emotionale Ebene bei einem anderen Kind, dem es weniger schwer fällt abgucken. Dies gibt den Kindern ein Stück Halt und Sicherheit.

Vorbeugend bestünde die Möglichkeit, die Kindern in Anlehnung an die Eingewöhnung in der PeerGroup, die Möglichkeit zu geben, z.B. mit ca 3 Kindern in Begleitung der Eltern die ersten 2-3 Tage die Krippe, Kita oder Kindertagespflege für 1-2 Stunden zu besuchen, um einen sanften und kindorientierten Übergang zu ermöglichen. In dieser Spielgruppenähnlichen Situation kannst Du dann beobachten, welche Kinder den Übergang erneut gut meistern und welches Kind vielleicht auch eine intensivere Begleitung durch die Eltern bedarf. Wichtig ist, dass in Rücksprache mit den Trägern für diese Wieder-Eingewöhnung das Betretungsverbot für die Eltern (unter Einhaltung der AHAL-Regeln) vorübergehend aufgehoben wird.

Ergänzende Informationen

Mehr über die Eingewöhnung in der PeerGroup findest Du:

Weitere stabilisierende Faktoren

Weitere stabilisierende Faktor bei der Wieder- Eingewöhnung bieten zum einen auch Geschwisterbeziehungen, wenn Geschwister in dergleichen Gruppe betreut oder im Rahmen einer offenen Arbeit (aktuell eher nur eingeschränkt möglich) viele Berührungspunkte haben. Zum anderen bist Du als pädagogische Fachkraft den Kindern bekannt und vertraut und somit ein wichtiger sicherer Hafen. Wenn Du darüber hinaus auch in den letzten Wochen auf unterschiedlichsten Wegen den Kontakt zu den Kindern gehalten hast, ist auch hier die Beziehung nicht komplett abgebrochen.

Unterstützend kann zudem die Trosttankstelle sein, eine Anregung von Gundula Göbel, bei Dir die Eltern dazu angeregt werden, ihre Kinder morgens vor der Verabschiedung nochmal ganz kräftig mit viel körperlicher Nähe und stärkenden Worten “aufzutanken”, damit sie gestärkt den Übergang von Familie zu Krippe, Kita und Kindertagespflege bewältigen können.

Sobald deutlich wird, wann alle Kinder wieder in den Regelbetrieb zurückkehren, kannst Du mit den Kindern, die bereits in der Gruppe sind, gemeinsam überlegen, was ihr tun könnt, um den anderen den Wiedereinstieg zu erleichtern. Ich bin überzeugt davon, dass die älteren Kinder bestimmt tolle Ideen haben. Gleichzeitig bereitest Du diese Kinder darauf vor, dass auch auf sie wieder eine Veränderung zu kommt.

Um Dich gut auf die Rückkehr der Kinder vorzubereiten, hat Lea Wedewardt meines Erachtens bereits im vergangenen Jahr sehr hilfreiche Fragen formuliert, die auch dieses Mal alle Beteiligten und deren Bedürfnisse in den Fokus rücken, um die Rückkehr der Kinder möglichst bedürfnisorientiert zu gestalten.

Ich wünsche Dir, den Kindern und den Eltern eine baldige Rückkehr in eine „Normalität“. Es wird Zeit, dass die Kinder wieder mit Kindern zusammenkommen und von und miteinander lernen können.

Bis dies wieder soweit ist, wünsche ich Dir, dass Du gesund bleibst

Deine Anja

 

P.S. Die Zusammenarbeit mit den Eltern nimmt auch beim Wieder-Einstieg der Kinder eine zentrale Rolle ein. Hierzu habe ich in den letzten Monaten zwei KitaTalks mit

veröffentlicht.

Mein letzter Blogbeitrag “Bildungs-und Erziehungspartnerschaft auf dem Prüfstand” beschreibt das Dilemma, in dem Du Dich in dieser Zusammenarbeit befindest, da es gerade keine verbindlichen Regeln für die Betreuung der Kinder gibt und Appelle häufig wenig zielführend sind.

Ein sicherer Platz für Kuschel & Co – die Ich Box

Wie bereits angekündigt, stellt Euch diesmal Mareike Paic von den Sternstunden Seminaren ergänzend zu meinen Blogbeitrag: “Kuschel muss mit” ihre Ich-Box als besondere Möglichkeit, den Übergangsobjekten der Kinder einen besonderen Platz zu geben vor. Ich wünsche Euch tolle Impulse und Anregungen für Eure Praxis.

Eure Anja

Vom „ICH-BUCH“ zur „ICH BOX“ – Eine bewährte Methode wird erweitert

ein Gastbeitrag von Mareike Paic

In vielen Krippen und Kindertagesstätten wird bereits mit den sog. Ich-Büchern gearbeitet. Dabei handelt es sich um ein kleines, persönliches Fotoalbum, das von der Familie des Kindes im Vorfeld gestaltet und am 1. Kindergartentag mitgebracht wird.


Bilder sagen mehr als Worte

Beim ersten Kennenlernbesuch des Kindes erhalten die Eltern einen Blankohefter oder Ordner mit bis zu 8-10 Seiten, die dann von der Familie bis zum ersten Kita-Tag mit Bildern von wichtigen Personen und Dingen aus dem Lebensumfeld des Kindes bestückt werden.
Das können Bilder von Bezugspersonen, Haustieren, Lieblingsorten, Rückzugsorten und ähnliches sein. Hilfreich für die Pädagogischen Fachkräfte ist eine kurze Beschriftung der Fotos mit Namen oder Bezeichnungen. In vielen Familien gibt es individuelle, familieninterne Begriffe und Bezeichnungen, so wird die Lieblingsspeise „Joghurt“ beispielsweise zum „Nano“ und wir erfahren, dass Ludwig nicht der Lieblingsonkel, sondern die Familienkatze ist, die wiederum vom Kind Lulu gerufen wird.

Wichtige Rituale – z.B. bevorzugte Einschlafpositionen und -helfer wie z.B. Bilderbuch, Schnuller oder Fläschchen können auf diesen Bildern ebenfalls dokumentiert werden. So verstehen wir als pädagogischen Fachkräfte das Kind und seine Bedürfnisse ohne viele Worte.

Das Ich-Buch wird oftmals zum wichtigen Halt für das Kind, wenn die Bindungspersonen nicht anwesend sind – besonders in der Eingewöhnungszeit. Dieses Büchlein gibt dem Kind dann Trost und Sicherheit.

Da die Ich-Bücher in der Regel über die gesamte Krippen- bzw. Kindergartenzeit in der Gruppe verbleiben werden sie zum wertvollen Tröster und Wegbegleiter auch über die Eingewöhnungszeit hinaus.

Wohin mit dem Schnuffeltuch?

Nach ein paar Jahren voller emotionaler „Ich-Buch-Momente“ beobachtete ich immer wieder, dass wertvolle Übergangsobjekte wie der Teddy oder auch das Schnuffeltuch oft keinen festen, geschützten Ort in der Gruppe hatten. Dies führte oftmals zu tränenreichen Suchaktionen. Ich suchte daraufhin nach einer Möglichkeit, den Lieblingsstücken des Kindes mehr Wertschätzung zukommen zu lassen. Bei einem Austauschtreffen erzählte mir eine Kollegin von persönlichen Schatztruhen, die sie für jedes Kind eingerichtet hatte. Diese Idee griff ich umgehend auf und entwickelte sie weiter.

Eine persönliche Schatzkiste: Die Ich-Box

Anstatt eines Ordners bekommen unsere Familien seitdem einen kleinen, leeren Karton mit nach Hause. Hierfür eignen sich Kinderschuhkartons, stabile Umverpackungen z.B. aus Drogerien und Parfümerien oder natürlich auch gekaufte Schmuckkartons – je nach Bezugsquelle und Etat.

Beim ersten Kennenlernbesuch kann sich ein Kind je nach Alter seinen Namen und eine Verzierung aus Buchstaben, Stickern und Klebebändern zusammenstellen und auf die Kiste kleben. Die Familien gestalten und füllen diese Schachtel zuhause als Vorbereitung auf die Eingewöhnung und das Kind bringt diese dann am ersten Tag mit in seine neue Gruppe. Neben den Fotos, die auch in einem Ich-Buch sind, finden in dieser persönlichen Schatzkiste auch ein kleiner Teddy, das Lieblingsauto, ein Schnuffeltuch oder ähnliches einen festen Ort. So wird diese Schatzkiste eine stärkende und tröstende Kiste der Erinnerungen für das Kind. Einige Kinder bringen dann auch ein Tuch mit dem Parfum der Mama oder den Bären mit dem Geruch von Papa mit in die Krippe oder den Kindergarten. Damit kann dann eigentlich nichts mehr schief gehen, oder?

Solche Seelentröster sind gut in einer solchen Kiste aufgehoben. Jede Kiste hat ihren festen Platz im Gruppenraum, wo das Kind jederzeit darauf zurückgreifen kann. Und selbstverständlich ziehen die persönlichen Schatzkisten mit dem Kind um, wenn es z.B. hausintern von der Krippe in den Kindergarten wechselt.

Schätze (wert-)schätzen

Das Kind entscheidet, wann seine Kiste geöffnet wird. Und wer mit hineinschauen möchte, muss erst einmal das Besitzerkind fragen. Auch über den Inhalt bestimmt das Kind.

Wichtig ist mir, das die Idee der Schatzkisten nicht mit dem Gedanken eines Eigentumsfaches vermischt werden. Der Inhalt dieser Box darf zwar wachsen und einzelne Stücke ausgewechselt oder erneuert werden. Sie sollte aber eine Schatztruhe mit kostbaren Einzelstücken bleiben. Für die Kunstwerke und Fundstücke des Tages steht daher weiterhin das Eigentumsfach zur Verfügung.

Persönliche Rituale der Kindheit

Vor einigen Jahren hatte ein Junge aus meiner Gruppe mit seiner Mama ein inniges Ritual, das mir sehr in Erinnerung geblieben ist. Die Mama hatte immer einen Lippenstift dabei. Wenn sie den Kindergarten verließ bekam ihr Sohn mit frisch geschminkten Lippen einen Kuss – mal auf die Stirn, mal auf die Wange. Unser Begrüßungsritual bestand dann daraus, das ich den Kuss finden und bestaunen sollte. Es war toll zu beobachten, wie der Junge mehrfach am Vormittag schnell mal zum Spiegel flitzte, um zu schauen, ob noch eine Spur von Mama zu sehen war. Für ihn war dies eine wichtige Brücke, um seinen Trennungsschmerz zu überwinden.

Eine Dose Kussbonbons“

Nun kannst Du Dir bestimmt meine Begeisterung vorstellen, als ich das Buch „Eine Dose Kussbonbons“ entdeckte. Ein kleiner Eseljunge geht zum allerersten Mal auf Klassenfahrt. Bei aller Vorfreude macht ihn der Gedanke ohne Mama und Papa fahren zu müssen, traurig und unsicher. Mama Esel hat daraufhin eine geniale Idee: Sie „stempelt“ mit Eselpapa kleine Zettel mit ihren Küssen und packt einen ganzen Vorrat davon in eine bunte Bonbondose.
Schon im Bus kann so ein kleiner „Kuss zum Mitnehmen“ den kleinen Esel trösten.

Diese Idee musste von da an mit in die Ich-Box! Als Ausgangspunkt erzähle ich den Eltern diese kleine Geschichte bereits beim Kennenlernen. Da die Geschichte recht kurz ist, lässt sie sich gut in den Kennenlernnachmittag einbauen und die Eltern können dann Kussbonbons zu Hause vorbereiten. Auch die Wartezeit während der ersten Trennungsversuche können damit verkürzt werden, wenn Eltern dazu eineladen werden Kuss-Bonbon-Gläser für ihr Kind zu gestalten und zu füllen.

So können die „Bonbons“ später vom Kind individuell und stärkend vernascht werden. Die Kinder lieben es, wenn ich Ihnen dabei die Geschichte vom kleinen Esel vorlese.

Ich wünsche Dir und den Kindern ganz viele innige „Ich-Momente“ während der Eingewöhnung und einen guten Start mit den neuen Kindern und Eltern

Deine

Mareike Paic (Sternstunden-Seminare)

Buch-Tipp:

Eine Dose Kussbonbons von Michel Gay , erschienen bei Beltz& Gelberg ISBN 978-3-407-76102-6

Mehr von Mareike Paic und den Sternstunden – Seminaren:

Kontaktdaten: www.sternstunden-seminare.de

Als Sprachbildungskraft liegt Mareike schon seit vielen Jahen die Begleitung der Sprachentwicklung am Herzen. Hierzu hat sie im Rahmen der Stenstunden – Seminare eine DVD aufgenommen: “Überall steckt Sprache drin”. Die Beschreibung und Bezugsquelle findet Ihr hier im Download.

Wenn Ihr mehr von Mareike und mir hören wollt, schaut in unser Gespräch auf YouTube zum Thema: “Sprachbildung trotz(t) Corona” rein.

“Kuschel muss mit” – Übergangssobjekte in der Eingewöhnung

Folgende Situation kennst Du  bestimmt aus Deiner Praxis: ein neues Kind kommt jeden Tag mit seinem kleinen Teddy „Kuschel“ in die Kita. Kuschel hat den Auftrag, solange das Mädchen in der Kita ist, gut auf sie aufzupassen. Und so begleitet Kuschel sie in den ersten Tagen und Wochen der Trennung durch den Kita- Alltag. Kuschel ist zunächst überall mit dabei. Erst nach und nach kann Kuschel von einem Regal zuschauen und später wird er nur noch in ganz besonderen Situationen dazu geholt z.b. wenn das Mädchen sehr traurig oder müde ist. Beim Schlafen hat Kuschel seinen festen Platz im Bett des Mädchens.

Was diesem Mädchen ihr Teddy Kuschel ist, ist für andere Kinder der Schnuller, eine Puppe, das Schmusetuch, ein spezielles Spielzeug oder ein anderer besonderer Gegenstand. Alle hier aufgezählten Dinge haben eins gemeinsam: sie dienen den Kindern als sog. Übergangsobjekte und geben Halt in schwierigen Situationen.

Wofür sind Übergangsobjekte wichtig?

Als Übergangsobjekte wählen Kinder Gegenstände, die eine besondere Bedeutung für sie haben. Donald W. Winicott (engl. Kinderarzt und Psychoanalytiker) hat herausgefunden, dass diese Objekte in der frühen Mutter-Kind-Beziehung als Symbol für die Einheit von Mutter und Kind stehen. Demzufolge werden Übergangsobjekte etwa ab den 6. Lebensmonat für Kleinkinder bedeutsam. Ein Übergangsobjekt tritt in Abwesenheit der Eltern an Stelle der oralen und emotionalen Befriedigung, die das Kind sonst von ihnen erhält. So wird ein Übergangsobjekt zum vorübergehenden Ersatz für die abwesenden Bezugspersonen und bietet dem Kind Schutz, Sicherheit, Halt und Geborgenheit. Das Objekt hilft ihm, die Abwesenheit seiner Bezugspersonen besser zu meistern.

Gerade zu Beginn der Eingewöhnungszeit tragen viele Kinder ihre Übergangsobjekte wie Begleiter den ganzen Tag mit sich herum, andere greifen nur in schwierigen Situationen darauf zurück. Mit zunehmendem Alter verlieren einzelne Übergangsobjekte i. d. R. an Bedeutung.

Aber mal Hand aufs Herz. Hast Du vielleicht auch heute noch irgendeinen Glücksbringer oder Gegenstand in Deiner Mantel- oder Hosentasche? Hilft es Dir, ein besonderes Kleidungsstück zu tragen, wenn Du vor neuen Situationen stehst? Oder beruhigt Dich ein bestimmter Geruch, der Dich an Deine Kindheit erinnert? Dann kannst Du die Kinder gut verstehen, wie wichtig und wertvoll ihre Lieblings“objekte“ für sie sind.

Wissenswertes über Übergangsobjekte in der Kita

Die Entscheidung für ein Übergangsobjekt ist eine sehr persönliche und individuelle Wahl eines Kindes. Es entscheidet sich für einen bestimmten Gegenstand entsprechend seiner Vorlieben und Bedürfnisse. Für das emotionale Wohlbefinden des Kindes ist es daher wichtig, dass Du und andere Erwachsene diese Entscheidung bedingungslos akzeptieren. Das ist in der Praxis nicht immer ganz einfach, da die gewählten Übergangsobjekte z.B. das harte, kantige Spielzeugauto oder das nicht mehr besonders ansehnliche, abgewetzte Kuscheltier nicht zwangsläufig Deinen Erwachsenenvorstellungen und ästhetischen Ansprüchen entspricht.

In der pädagogischen Praxis bedarf es feinfühliger Pädagogischer Fachkräfte, die um die Bedeutung von Übergangsobjekten für Kinder wissen und diese Objekte in der täglichen Arbeit als wesentliche Brücke zu den jeweiligen Bindungspersonen des Kindes begreifen und zulassen können. Übergangsobjekte haben einen unschätzbaren emotionalen Wert für ein Kind. Daher sollten wir Erwachsene – Pädagogische Fachkräfte, Eltern und andere Bezugspersonen – diese einem Kind niemals wegnehmen bzw. verwehren. Ein solches Tun kann ein Kind in eine emotionale Krise versetzen und gewachsene Bindungen gefährden. Aus Erfahrung weißt du sicherlich, dass sich mit der Zeit die Gelegenheit bietet, gemeinsam mit dem Kind im Dialog zu überlegen, ob das Übergangsobjekt zwischendurch von einem Regal aus zuschauen oder sogar in der Garderobe bzw. im Bett auf das Kind warten kann. In jedem Fall sollte dem Kind sein Übergangsobjekt jederzeit und je nach Bedürfnis frei zugänglich sein. Es liegt im Ermessen des Kindes, ob und wann es sein Übergangsobjekt braucht. Erinnerst Du Dich eventuell daran, ob es in Deiner eigenen Kindheit geliebte Teddys, Puppen, Schmusedecken oder Spielzeuge gab, die eine wichtige emotionale Funktion und Bedeutung für Dich hatten? Bei mir war es ein alter recht harter Teddy namens „Fritz“. Fritz hat mich viele Jahre durch meine Höhen und Tiefen begleitet und war stets ein sehr geduldiger Zuhörer und ein fantastischer Tröster. Und bei Dir? Deine Reflexion hierüber ist ein wichtiger Ausgangspunkt, um das Bedürfnis des Kindes besser nachvollziehen zu können. Manchmal ist es hilfreich, auch mit den Eltern über diese Fragestellung in den Dialog zu kommen, denn erfahrungsgemäß stehen nicht alle Eltern hinter der Wahl und Entscheidung ihrer Kinder für ein bestimmtes Übergangsobjekt.

Schwere Zeiten für Übergangsobjekte

Aktuell sind für die begleitenden und brückenbauenden Übergangsobjekte schwere Zeiten angebrochen. Deine pädagogische Praxis ist trotz der Rückkehr zum Regelbetrieb weiterhin durch Hygienevorschriften geprägt. In einigen Kitas und Tagespflegestellen sollen daher die Kinder möglichst wenige Gegenstände zwischen Elternhaus und Kita hin und her tragen, um eine Infektionsübertragung zu vermeiden. Bei Übergangsobjekten ist hier auf jeden Fall eine Ausnahme zu machen, da sie den Kindern eindeutig die Trennung von den Eltern erleichtern. Diese hilfreiche Unterstützung darf auf keinen Fall den Hygienevorschriften zum Opfer fallen. An anderer Stelle wiederum wird empfohlen, die Objekte mindestens zweimal die Woche zu reinigen und zu desinfezieren. Mit einem Schnuller wird dies automatisch gemacht und das geliebte Spielzeugauto zu desinfezieren ist sicherlich möglich. Problematischer ist diese Empfehlung bei Kuscheltieren oder Schmusetüchern, deren spezifischer Geruch an zu Hause erinnert. Meines Erachtens bietet ein fester Platz für das Übergangsobjekt eventuell in Form einer sog. “Ich-Box” Abhilfe für dieses Dilemma. Durch die feste Zuordnung, wohin und zu wem das Übergangsobjekt gehört, wird das Weiterreichen der Objekte unter den Kindern minimiert. Was sich genau hinter der Ich-Box verbirgt, verrät Dir Mareike Paic im nächsten Blog-Beitrag. Ich freue mich, Mareike ein weiteres Mal für einen Gastbeitrag gewonnen zu haben, Das erstemal hat sie hier ihre Gefühlsuhren vorgestellt.

Beim Reinigen und Desinfizieren eines Übergangsobjektes kannst Du das Kind auch spielerisch miteinbeziehen. Die Kinder erleben zur Zeit, das Händewaschen und die Desinfektion zum Alltag gehören. Im Rollenspiel kannst Du oder die Eltern mit den Kindern gemeinsam die Kuscheltiere, Schmusetücher und andere Spielzeuge reinigen. So erlebt das Kind mit, was mit seinem Lieblings-„objekt“ passiert und bekommt eine nachvollziehbare Erklärung dazu.

Abschließend möchte ich Dich einladen, Dich gemeinsam mit Deinem Team auf den Weg zu machen, um mit den Eltern gute Lösungen zu entwickeln, damit den Kindern trotz widriger Umstände das Mitbringen von Übergangsobjekten möglich ist.

Ich wünsche Dir einen guten Start mit den Kindern und den vielen verschiedenen Kuscheltieren, Schnullern, Schmusetüchern etc.

Deine Anja

Hier kommst Du direkt zu dem bereits veröffentlichten Gastbeitrag von Mareike Paic über die “Gefühlsuhren”.

“Tschüss, Arrividercie und Goodbye” Abschied von den Schulanfängern

Schon bald kommen die angehenden Schulkinder in die Schule und das, nachdem viele von ihnen nach dem Lockdown gerade erst wieder in die Kitas und die Kindertagespflege zurück gekehrt sind. Je nach Bundesland werden die angehenden Schulkinder nur 3 bis max. 8 Wochen ihre Gruppen besuchen.

Dies stellt Euch vor besondere Herausforderungen. In diesem begrenzten Zeitraum sind das Wiederankommen, die Vorbereitung auf den anstehenden Übgang zur Schule und die baldige Verabschiedung zu gestalten.

Dem Wiederankommen und der Gestaltung des Übergangs habe ich bereits in den vergangenen Wochen zwei Blogbeiträge* gewidmet. Diesmal geht es um die Verabschiedung.

Jahr für Jahr verlassen die angehenden Schulkinder den Kindergarten und die Kindertagespflege im Sommer. Das ist ein ganz normales wiederkehrendes Ereignis. Viele Kitas und Kindertagespflegestellen haben über die Zeit hinweg Abschiedsrituale und liebgewonnene Traditionen entwickelt. Einige dieser Rituale und Traditionen, wie z.B. Übernachtungsfeste mit den Kindern und Abschiedsgottesdienste mit allen Familien, sind aufgrund der aktuellen Rahmenbedingungen dieses Jahr nicht oder nur teilweise umsetzbar.

Nun steht Ihr vor der Aufgabe, herauszufinden, was trotz der Abstands- und Hygieneregelungen möglich ist. Dabei sind folgende Fragestellungen hilfreich:

  • Was habt Ihr im Einzelnen mit den Kindern und Eltern bisher zur Verabschiedung gemacht?
  • Was kann von diesen Ritualen und Traditionen unter Berücksichtigung der Abstands- und Hygieneregeln wie bisher übernommen und umgestzt werden? (z.B. Abschiedsbriefe, Abschiedsgeschenke, Abschiedskreis mit den Kindern etc.)
  • Auf welche Rituale und Traditionen müsst Ihr unter diesen Umständen verzichten? (z.B. gemeinsame Abschlussrunde mit allen Eltern in der Gruppe)
  • Welche Alternativen findet Ihr stattdessen?

Bei genauerer Betrachtung werden Euch viele Alternativen einfallen, die den Abschied zu einem unvergesslichen Erlebnis für die Kinder machen. Hier ein paar Ideen und Anregungen, wie Ihr den Abschied gestalten könnt:

  • Gestaltung eines gemeinsamen Frühstücks mit den angehenden Schulkindern
  • Durchführung eines Abschiedskreises, in dem jedes Kind erzählt, woran es sich gerne erinnert und worauf es sich in der Schule freut
  • feierliches Überreichen der Abschiedsgeschenke und Portfolios, mit einer tosenden “Rakete” und Applaus für jedes Kind
  • Feiern eines Abschiedsgottesdienstes mit den Familien unter freiem Himmel
  • Einladung zu einem Grillnachmittag im Außengelände oder Picknick im Park mit den Familien unter Beachtung der Abstandsregeln
  • Gemeinsames Spazierengehen der pädagogischen Fachkräften mit den einzelnen Kindern und ihren Familien, um sich in diesem Gespräch ganz persönlich zu verabschieden
  • Gestalten einer Zeitkapsel* gekoppelt mit der Vereinbarung, sich in einem Jahr wiederzusehen und die Zeitkapsel gemeinsam feierlich zu öffnen
  • Packen eines Koffers oder Trollyes mit allen persönlichen Gegenständen des Kindes, mit dem das Kind am letzten Tag feierlich aus der Kita “auszieht”
  • “Sprung ins Leben”: Aufbau eines Bewegungs- und Kletterparcours, den die Kinder unter Applaus der Fachkräfte und Eltern bewältigen und mit einem letzten Sprung über die Schwelle der Kita-Tür in den Armen ihrer Eltern landen

Ich bin überzeugt davon, dass Ihr gemeinsam mit den Kindern gute Wege finden werdet, diesen Abschied angemessen und stimmungsvoll zu gestalten. Für die Kinder ist es so oder so ihr ganz besonderer und persönlicher Abschied von der Kita und Kindertagespflege. Es liegt in Euren Händen, wie sich die Kinder daran erinnern werden. Wenn Ihr ihnen das Gefühl gebt, dass sie aufgrund der Rahmenbedingungen etwas verpassen und ihnen vieles nicht möglich ist, werden sie das Verlustgefühl viel stärker wahrnehmen. Denkt an das Prinzip, dass wenn Ihr etwas zum Problem macht, dies auch zum Problem wird. Haltet Euch in der Vorbereitung nicht zu sehr damit auf, was gerade nicht geht. Überlegt, was möglich ist und den Kindern Spaß macht. Für die Kinder ist es wichtig, dass Ihr ihnen einen schönen Abschied bereitet, an den sie sich gerne erinnern.

Erfreut Euch gemeinsan mit den Kindern an diesen ganz besonderen Abschied.

Viel Spaß dabei!

Eure Anja

* Hier ein paar Links zu den Blogbeiträgen, auf die ich mich in diesem Beitrag bezogen habe:

Übergänge gestalten – (Wieder-) Ankommen in der Kita

Übergänge gestalten – Von der Kita in die Schule

Die Zeitkapsel – Botschaft an die Zukunft

Übergänge gestalten – Von der Kita in die Schule

Der Übergang von der Kita zur Schule zählt zu den wichtigsten und bedeutsamsten im Leben eines Menschen. Normalerweise dreht sich für die angehenden Schulkinder seit Ende der Osterferien alles um den bevorstehenden Schuleintritt. In Euren Kitas laufen spezielle Schulkindprojekte und die ersten Kontakte mit den Schulen sind terminiert. Die Vorfreude der Kinder steigt und stolz werden die Tournister vorgeführt.

Doch dieses Jahr ist alles anders. Notbetreuung und Homeschooling bestimmen den Alltag der Kitas und Grundschulen. Die Lehrer*innen sind aktuell damit beschäftigt, ihre Schüler*innen adäquat zu Hause zu begleiten und zu unterrichten. Vermutlich denken viele von ihnen noch nicht an das neue Schuljahr und die Kinder, die kommen. Anders gestaltet sich die Situation bei Euch. Viele von Euch überlegen bereits jetzt, wie der Übergang für die angehenden Schulkinder zu gestalten ist, die in den nächsten Wochen wieder in die Kita zurückkehren und wie es für die Kinder aussehen kann, die aus den unterschiedlichsten Gründen bis zum Sommer nicht mehr in die Kita kommen werden.

Viele Ideen und Alternativen

Im letzten Zoom-Erfahrungsaustausch mit Fachkräften aus der Kita haben wir uns mit dem Übergang von Kita in die Schule beschäftigt. Dabei haben wir folgende Ideen zusammengetragen, um der veränderten Situation zu begegnen:

  • die Schulkinder als Gruppe in einem Raum betreuen, um das Interesse der Kinder an der Schule gebündelt und spielerisch durch Rollenspiel, Bücher, Gesprächskreise o.ä. aufgreifen zu können
  • die zu Hause betreuten Kinder an den Angeboten der Kitagruppe über Videokonferenzen, kleinen Filmen vom Alltag und an der Vorbereitung auf die Schule beteiligen
  • die angehenden Schulkinder, die in der Kita betreut werden und die, die noch zu Hause sind, in gemeinsamen Aktionen zusammen bringen, z.B. durch eine Ausstellung von einlaminierten selbstgemalten Bildern oder Fotos der Tournister am Zaun der Kita
  • Kindern, Eltern und Kolleg*innen, die nicht in die Kita kommen können oder dürfen, zu einem Besuch am Zaun einladen
  • mit den Eltern per Telefon, Videokonferenz oder bei einem Spaziergang zu zweit die Entwicklungsgespräche durchführen
  • in der Schule nachfragen, wie die Überlegungen bzgl. der Aufnahme der Erstklässler aussehen, um ggfs. erste Kooperationsschritte vorbereiten zu können
  • mit den Kindern Steckbriefe anfertigen, die den zukünftigen Klassenlehrer*innen geschickt werden
  • den Lehrer*innnen anbieten, eine gemeinsame Videokonferenz mit Eltern und Kindern durchzuführen
  • die Lehrer*innen bitten, einen kurzen Film über sich und die Schule zu drehen
  • den Leher*innen vorschlagen, sich mit Hilfe eines Steckbriefs und/ oder Fotos vorzustellen
  • die Lehrer*innen einladen, sich am Zaun der Kita den angehenden Schulkindern persönlich vorzustellen
  • mit den Kindern auf den Homepages der Schulen recherchieren, was sie dort erwartet, wie die Schule aussieht und wer da arbeitet
  • die Eltern bitten, den Schulweg mit den Kindern zu üben und sich die Schule schon einmal von außen anzuschauen
  • mit den Kindern Ihre Sachen in einen Koffer packen, in kleiner Runde Abschied feiern und einen kleinen Glücksbringer als Erinnerung verschenken
  • die Kolleg*innen aus dem HomeOffice verabschieden sich per Videokonferenz oder persönlich am Zaun von den Kindern
  • etc.
Es zählt das, was geht

Wie Ihr seht gibt es einige Alternativen, um die letzten Wochen vor Schuleintritt zu gestalten. Haltet Euch nicht zu sehr damit auf, was Ihr gerne mit den Kindern gemacht hättet, sondern schaut was jetzt geht. Wichtig für die Kinder ist erst einmal, dass Ihr für Sie da seid und Ihre Fragen beantwortet. Sie brauchen so kurz vor dem Übergang möglichst viel Halt, Sicherheit und Orientierung. Stärkt das Gemeinschaftsgefühl in der Gruppe, damit die Kinder sich gegenseitig gut in ihrer gemeinsamen Schulzeit stützen können.

Ich freue mich auf weitere Anregungen und Ideen von euch entweder im Zoom Erfahrungsaustausch oder hier in den Kommentaren.

Eure Anja

Tipp für ein Online- Seminar zum Thema:

https://www.lvh-hardehausen.de/programm/g03hhbe057