In jedem Anfang liegt ein Zauber… Materialien für die Eingewöhnung in Kita und Kindertagespflege

Das neue Jahr hat gerade erst angefangen und nun ist es sehr deutlich, dass der erneute Lockdown noch bis mindestens Ende Januar gehen wird. Irgendwie ist gerade kein Ende in Sicht und trotzdem sollten wir den Blick nach vorne richten. Auch wenn gerade nicht klar ist, wie es konkret weitergeht, fest steht, dass früher oder später neue Kinder und Eltern in den Gruppen aufgenommen werden. Aufnahme und Eingewöhnung ist ein immer wiederkehrendes Thema in Kita und Kindertagespflege. Die Eingewöhnung ist die Basis für alles weitere: zum einen mit Blick auf die Entwicklung des Kindes und zum anderen mit Blick auf die Bildungs- und Erziehungspartnerschaft. Eine Eingewöhnung ist in der Regel nicht nach zwei bis drei Wochen abgeschlossen, je nach Kind dauert sie auch gerne 12 Wochen und länger. Meines Erachtens ist es sehr wichtig und wertvoll, sich immer wieder mit der Gestaltung einer sanften und bedürfnisorientierten Eingewöhnung im gesamten Team zu beschäftigen.

Viele Einrichtungen befinden sich aktuell in den Anmelde- und Aufnahmeverfahren für den Sommer. Genau der richtige Zeitpunkt, um das eigene Eingewöhnungskonzept einmal gut zu überdenken und eventuell zu überprüfen. Dazu habe ich bereits im letzten Jahr die 5 Tipps zur Eingewöhnung entwickelt. Hierbei handelt es sich um einen mehrteiligen E-Mail Kurs, mit dessen Hilfe Du über eine Woche hinweg Deine Eingewöhnung reflektieren und überprüfen kannst.

Ergänzende Blogartikel

Ergänzend dazu habe ich im letzten Jahr bereits viele Blogbeiträge rund um die Eingewöhnung veröffentlicht. Zur besseren Übersicht findest Du hier eine Aufstellung der verschiedenen Beiträge:

Für alle, die sich im Speziellen für die Eingewöhnung in der Peer-Group interessieren, ist ganz aktuell mein YouTube KitaTalk mit Sabrina Djogo, die seit vielen Jahren als Tagespflegekraft arbeitet, erschienen.

Termine für Online-Seminare

Im nächsten Blog-Beitrag befasse ich mich etwas ausfühlicher mit der „Eingewöhnung in der Peer-Group“. Wenn du an einem Seminar zu diesem Thema interessiert bist, gibt es an folgenden Terminen Live-Online Seminare:

Beliebte Podcasts

Sehr hörenswerte Podcasts von anderen Expertinnen zu dem Thema Eingewöhnung findest Du unter:

Buchtipps

Vor ein paar Jahren habe ich ein Buch zum Thema: Eingewöhnung von KiTa Kindern veröffentlicht. Hier bekommst Du einen ersten Ein- und Überblick in die Eingewöhnung in der Kita. Es ist für Fachkräfte und Eltern geschrieben, die einen kleinen Ratgeber zu diesem Thema suchen.

Das Krüger & Thiel Institut hat eine kleine Broschüre mit dem Titel: Sanfte Eingewöhnung für mein Kind veröffentlicht. Die Broschüre bestehen aus liebevoll zusammengestellten Fotos mit Szenen aus dem Eingewöhnungsalltag einer KiTa. Hier wird den Kindern eine Stimme gegeben und somit ihre Sichtweise auf die Eingewöhnung verdeutlicht. Die Erwachsenen bekommen Handlungsanregungen für die Gestaltung und Begleitung des Eingewöhnungsprozesses. Sehr hilfreich und empfehlenswert für die Zusammenarbeit mit Eltern.

Für Kinder in der Eingewöhnung hat das Krüger&Thiel Institut ein ganz reizendes kleines Bilderbuch: Mira, Tuffi und die Gefühle veröffentlicht. Hier begleitet der kleine Stoffelefant Tuffi die kleine Mira in ihrern ersten Kindergartentagen und beschreibt ihre Gefühle. Sehr schön, für die Gruppe oder als kleines Willkommensgeschenk für die neuen Kinder.

Für Teams, die sich von Grund auf mit Bindung und Beziehungsaufbau beschäftigen möchten, kann ich die Arbeitsmaterialien „Bindung entsteht – Bindung stärkt – Bindung trägt“ von Gundula Göbel empfehlen. Zu dem Paket gehören viele Broschüren in einfacher Sprache, die gut an Eltern weitergegeben werden können. Highlights sind die Schaubilder des Bindungsbaums und der Trosttankstelle.

Andere Materialien

Und zu jeder guten Eingewöhnung gehört natürlich auch die Portfolioarbeit. In diesem Rahmen hat Sandra Warsewicz von der Werkstatt der Guten Gedanken sehr schöne Vorlagen entwickelt. s lohnt sich da mal durch ihre Seite zu stöbern.

Soweit dieses Mal, ein paar Tipps und Empfehlungen rund um die Eingewöhnung. Bleib gesund und pass gut auf Dich auf. Das Gute ist, irgendwann geht auch diese Zeit vorbei und dann bist Du gut auf die Zeit „danach“ vorbereitet.

Deine Anja

Kraft schöpfen in der Krise

Es liegen verrückte und herausfordernde Monate hinter Dir und weiterhin bestimmt die Pandemie Dein und unser aller Leben.

Es ist viel passiert, was vor 1 Jahr noch undenkbar gewesen wäre: Schließung der Kitas und Tagespflege, Pädagogische Fachkräfte zwischen Homeoffice und Notbetreuung, pädagogischer Alltag auf Abstand und von Hygieneregeln dominiert, Betretungsverbote für Eltern, Kommunikation per Videokonferenzen u.v.m. Und wie so häufig liegen auch hier Herausforderungen und Chancen nah beieinander. Viele Pädagogische Fachkräfte Teams haben in den vergangenen Monaten viel gemeinsam geschafft und geleistet.

Das Kita-Team als Ameisenvolk

Spontan muss ich hierbei an ein Ameisenvolk denken. Viele Teams sind gut mit einem Ameisenvolk vergleichbar. 

Ameisen haben im Wald eine wichtige Aufgabe und ohne sie würde das Ökosystem zusammen brechen.  Sie sind gut organisiert und jede Ameise weiß ganz genau, was sie zu tun hat. Dabei ist sie in der Lage, ein Vielfaches ihres eigenen Gewichtes zu stemmen. Ameisen arbeiten im Team, um eine Aufgabe zu bewältigen. Darüberhinaus verbessern Ameisen durch ihr Tun, das Lebensumfeld und schaffen eine Umgebung, in der Pflanzen besser wachsen und gedeihen können. Sie beherbergen Ameisen andere Käfer und Insekten in ihrem Ameisenbau und versorgen diese.

Die Wichtigkeit der Kinderbetreuung

Aber bevor ich diesen Vergleich überstrapaziere, ist in den vergangenen Monatenauf jeden Fall sehr deutlich geworden, wie wichtig Kita und Kindertagespflege für Kinder, Eltern und Gesellschaft aus den unterschiedlichsten Gründen sind. In diesem Kontext ist von Dir und Deinen Kolleg*innen viel abverlangt worden. Immerwieder kamen veränderte Situationen und Anforderungen auf Dich zu und nicht immer wurde danach gefragt, wie es Dir gerade geht oder ob Du das alles mit Deiner eigenen Situation vereinbaren kannst. Die eigenen Bedürfnisse, Ängste und Sorgen musstest Du manches Mal zurückstellen. Für Kinder und Eltern galt und gilt es mit viel Kraft und Zuversicht, Sicherheit und Halt zu geben. Trotz eigener Sorgen und Ängste bist Du ein wichtiger Leuchttum und gibst Orientierung. Du beobachtest die Kinder, setzt Dich für ihre Bedürfnisse ein und versuchst Ihnen eine möglichst schöne Zeit zu bereiten. Du hälst trotz Abstand Kontakt zu den Eltern. 

In meinem aktuellen YouTube KitaTalk „Kraft für die Krise“ mit Sandra Warsewicz von der „Werkstatt für gute Gedanken“, sagt sie etwas sehr Wichtiges und Einprägsames. Sie macht darauf aufmersam, dass das wertvollste Werkzeug, mit dem Du als Pädagogische Fachkraft arbeitest, Du selbst bist. Und gerade weil das so ist, besteht schnell die Gefahr, dass Du Dich selbst in dieser Arbeit abnutzt.

Was Du gerade dafür brauchst, ist eine große Portion Resilienz und Selbstfürsorge.

Was ist Resilienz?

Resilienz beinhaltet zunächst einmal die Stärke mit Krisensituationen kompetent umzugehen.  Das Wort kommt ursprünglich aus dem lateinischen und heißt soviel wie „abprallen“. Auch in der Physik wird von Resilienz gesprochen, dort beschreibt Resilienz eine elastische Substanz, die selbst nach starker Deformation von selbst wieder in den ursprünglichen Zustand zurückkehrt.  In der Psychologie und Pädagogik versteht man unter Resilienz eine seelische Widerstandskraft.

In dieser Pandemie musst Du gerade eine Menge von Dir abprallen lassen und trotz ständiger Einwirkungen und Anforderungen von außen weitermachen. 

Manchen von uns ist diese seelische Widerstandskraft von Anfang an in die Wiege gelegt worden. Andere müssen sie erst entwickeln. Grundsätzlich kann man Resilienz in jedem Alter auf- und ausbauen. Resiliente Menschen gelten als fröhlich, ausgeglichen, kreativ und anpassungsfähig. Sie verfügen über eine innere Zuversicht, einen starken Charakter und ein tragendes soziales Netz.

Die 7 Säulen der Resilienz

Es werden 7 Säulen benannt, aus denen sich die menschliche Widerstandskraft zusammensetzt.  Je mehr von diesen einzelnen Säulen Dir zur Verfügung stehen und um so stärker die einzelnen Säulen ausgeprägt sind, umso unbeschadeter wirst Du durch diese andauernde Krise gehen und gleichzeitig den Kindern und Eltern Sicherheit, Kraft und Zuversicht in stürmischen Zeiten geben können.

Optimismus

Als optimistischer Mensch lässt Du Dich sich selbst in schwierigen Lebenslagen nicht unterkriegen.  Du handelst nach dem Prinzip: „Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.“ (Oscar Wild)

Um Optimismus aktiv in Dir zu erzeugen, schau auf das positive um Dich herum und was Dir auch in diesen schwierigen Zeiten gerade gut gelingt. Mach Pläne für die Zeit nach der Pandemie und freu Dich auf das, was wieder kommen und möglich sein wird.

Vergiss den Humor nicht. Es gibt wundervolle Bücher mit lustigen Kinderzitaten, die förmlich dazu einladen, mal wieder herzhaft und unbeschwert zu lachen. Schenk Dir jeden morgen ein bewusstes Lächeln im Spiegel. Zur Erinnerung kannst Du Dir ein Post It mit der Frage: „Heute schon gelacht?“ an den Spiegel kleben. Vertiefend zum Thema: „Mit Humor geht alles leichter“ habe ich bereits im 1. Lockdown einen Blogbeitrag veröffentlicht.

Akzeptanz

Als resilienter Mensch siehst Du den Dingen ins Auge und akzeptierst die Situation, so wie sie ist. Dadurch bist Du in der Lage, die anstehenden Probleme in Angriff zu nehmen. 

Lösungsorientierung

Als resiliente Persönlichkeit lässt Du Dich auch in problematischen Situationen nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Du nimmst Probleme als Herausforderung an. Anstatt „warum trifft es gerade mich?“, fragst Du Dich, „was kann ich jetzt tun, um aus dieser Situation wieder herauszukommen?“. 

Raus aus der Opferrolle 

Als resilienter Mensch verabschiedest Du Dich von der Opferrolle. Du denkst darüber nach,  was Du selbst zur Situationsveränderung beitragen kannst. Du weißt, dass wenn Du Dich zu sehr selbst zu bedauerst, dies eher selbstverletzend wirkt und es den Weg nach vorne zu sehen verbaut.

Verantwortung übernehmen

Übernimm Verantwortung für Dich und Andere. Überlege, was Dir gut tut und wie Du dies Dir selbst erfüllen kannst. Such nicht nach Anerkennung im Außen, gib Dir selber Anerkennung aus Dir selbst heraus. Achte Dich selbst und sorge gut für dich, damit Du immer wieder Kraft schöpfen kannst. Denn nur wenn Du selbst gut für Dich sorgst, kannst Du gut für andere sorgen. Vertiefend findest Du hierzu einen weiteren Blogbeitrag aus dem Frühjahr: Balance zwischen Empathie und Selbstfürsorge. Dort kannst Du auch kostenfrei ein Selbstfürsorgekärtchen für Dich zur Erinnerung herunterladen.

„Wenn immer alle nur meckern, dann können wir so was wie Corona halt nicht mehr machen.“ – dieses Zitat fand ich vor kurzem auf einer Postkarte. Tja, wenn es immer so einfach wäre, aber im Moment können wir diesen Zustand nicht einfach abstellen. Trotzdem können wir alle ein Stück zur Verbesserung beitragen, indem wir verantwortlich uns an bestimmte Vorgaben halten. Ich bin davon überzeugt, wenn jede*r von uns sich einfach mal etwas zurück nimmt, dann bekommen wir diese Pandemie um so schneller in den Griff. Die Einschränkungen sind lästig und blöd, aber mal Hand aufs Herz: ich für mich möchte nicht für den Rest meines Lebens verantworten müssen, dass durch meinen Leichtsinn oder Egoismus andere Menschen zu Schaden gekommen sind.

Netzwerke aufbauen und pflegen

Gerade ist es wieder an der Zeit sich auf seine sozialen Netzwerke zurückzubesinnen. Sich anderen Menschen anzuvertrauen und engere Bindungen einzugehen kann das eigene Selbstwertgefühl massiv steigern und dazu beitragen Krisen gelassener zu überstehen. Wer Freunde und gute Kolleg*innen im Hintergrund hat, die wie ein Fels in der Brandung hinter einem stehen, erlangt innerer Stärke.

Nutz die Gelegenheit und schau, wer Dir eine wichtige und wertvolle Stütze in den letzten Monaten war. Bedanke Dich bei diesen Menschen, in dem Du Ihnen sagst: Schön, dass es Dich gibt. Danke, dass Du für mich da bist.

Wo ist Dir trotz Distanz gelungen Nähe zu pflegen? Bei mir ist da eine ganze Menge positiv passiert – gestern noch habe ich mich mit zwei sehr nahestehenden Freundinnen per Zoom zum gemeinsamen Glühweinabend getroffen. Mein Mann und ich haben viel Zeit auf gemeinsamen Spaziergängen verbracht. Durch meine ersten zaghaften Schritte ins World-Wide-Web mit Instagram und Facebook bin ich Teil ein neues, tollen Pädagogen- Netzwerks geworden. Menschen, die wie ich alle das gleiche Ziel verfolgen: Andere Menschen – jedweden Alters – achtsam und bedürfnisorientiert zu begleiten, damit diese ihre ganz individuellen Ressourcen und Potenziale entfalten können.

Zukunft planen

Schließlich geht jede Krise vorbei- früher oder später. Deswegen solltest Du schon jetzt damit beginnen, Deine Zukunft planen.

Ein neues Jahr steht vor der Tür und ich blicke mit Zuversicht in die Zukunft. 2021 steht unter dem Stern vieler neuer Ideen und Projekte und Du wirst auch weiterhin in diesem Blog von mir hören. Privat freue ich mich darauf, wenn die Theater wieder verlässlich geöffnet haben und ich dem vielfältigen Kulturvergnügen wieder fröhnen kann. Desweiteren hoffe ich auf einen wundervollen Urlaub auf Madeira. Und mein Mann plant gerade eine große Fernreise für die Zeit, wenn das reisen wieder gehen wird. Es gibt viele kleine und große Pläne auf die ich mich schon jetzt freue, weil ich weiß, dass es eine Zeit geben wird, wann das alles wieder möglich ist.

Deswegen schreib Dir eine Liste, was Du auf jeden Fall machen möchtest, wenn die Pandemie wieder im Griff ist. Worauf freust Du Dich am meisten? Vielleicht hast Du ja Lust, mir darüber in den Kommentaren zu berichten.

Für deine Arbeit gilt ganz Ähnliches. Am besten legst Du Dir mit Deinen Kolleg*innen schon heute eine „Schatzkiste“ an, wo all das hinein kommt, dass Euch in der pädagogischen Arbeit wichtig ist und was Ihr wieder re-aktivieren wollt, sobald es wieder möglich ist.

Jede Krise stärkt 

Nicht alles ist schlecht an so einer Krise. Das Leben verläuft nicht immer so wie wir uns das vorstellen. Und gerade diese Pandemie hat unser aller Leben ganz schön durcheinander geworfen. 

Trotzdem ist nicht alles schlecht, was wir in den letzten Monaten erlebt und erfahren haben. Begib Dich auf Schatzsuche und schau, was Du Gutes mit aus dieser Zeit nimmst.

Grundsätzlich hat Jede*r von uns Einfluss darauf, wie er*sie diese Krise erlebt und im Nachhinein bewertet. Mit der entsprechenden Haltung haben wir alle die Chance, gestärkt aus dieser Krise hervorzugehen.

Erfolge und eben auch Misserfolge begleiten uns unser ein Leben lang. Und auch wenn nicht immer alle 7 Säulen gleichermaßen gegeben sind, Du hast die Chance Tag für Tag ein bisschen mehr dazu zu gewinnen und aufzubauen.

In diesem Sinne wünsche ich Dir von ganzem Herzen eine besinnliche und erholsame Weihnachtszeit und komm möglichst gesund ins Neue Jahr.

Deine Anja

P.S. Hier kannst Du den KitaTalk mit Sandra Warsewicz in voller Länge anschauen:

In Gedenken an Remo Largo“

Seit vielen Jahren ist eines meiner größten Anliegen, Kinder mit ihren besonderen Bedürfnissen, Ressourcen und Kompetenzen wahrzunehmen und zu verstehen. Dies war mein Antrieb als junge pädagogische Fachkraft in der Kita und das ist bis heute die Basis meiner Arbeit als Weiterbildnerin, Coach und Supervisorin. In den zurückliegenden Jahren haben verschiedenste Menschen aus Theorie und Praxis tiefe Spuren in mir hinterlassen und meine Grundhaltung geprägt. So auch Remo Largo, der am 11.11.2020 zu meinem tiefsten Bedauern im Alter von 76 Jahren verstorben ist.

Wer war Remo Largo?

Remo Largo war ein Kinderarzt und Buchautor aus der Schweiz. Er wuchs in Winterthur auf und ging dort zur Schule. Besonders einschneidend waren seine ersten sechs Schuljahre bei einem überforderten und gewalttätigen Pädagogen, bei dem er, laut eigener Aussage, nahezu nichts gelernt habe. Später studierte er in Zürich und Los Angeles Medizin und Entwicklungspädiatrie. Ab 1978 übernahm er die Abteilung Wachstum und Entwicklung an der Universitäts-Kinderklinik Zürich. Die von ihm durchgeführten Zürcher Longitudinalstudien gehören zu den umfassendsten Studien in der Entwicklungsforschung weltweit und prägen bis heute unser Wissen über die kindliche Entwicklung.

Inwieweit hat Remo Largo unsere Pädagogik nachhaltig geprägt?

Remo Largo beschrieb als einer der ersten wissenschaftlich fundiert die Unterschiedlichkeit der Entwicklung von Kind zu Kind. Er räumte den „Meilensteinen der Entwicklung“ auf, die besagen, dass Kinder immer zu bestimmten Zeitpunkten bestimmte Entwicklungsmarken erreichen: Sitzen mit 6 Monaten, Krabbeln mit 9 Monaten und Laufen mit 12 Monaten – von wegen. Auf der Basis einer auf viele Jahre angelegten Beobachtungsstudie (den Zürcher Longitudinalstudien) wies er nach, dass der Zeitraum, in dem diese Kompetenzen je nach Kind erworben werden, viel breiter angelegt ist. So lernen die meisten Kinder irgendwo zwischen 10 und 20 Monaten das Laufen und irgendwann zwischen 13 und 31 Monaten die ersten Worte. 

Gras wächst auch nicht schneller, wenn man dran zieht

Gemäß Remo Largos liebsten Zitats: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht.“, dürften wir eigentlich unseren Kindern viel mehr Zeit für Ihre Entwicklung geben und müssten uns nicht ständig in den Entwicklungsgesprächen auf mögliche Störungen und Entwicklungsverzögerungen fokussieren. Ergänzend hierzu betonte Remo Largo die Individualität eines jeden Kindes. Jedes Kind ist einzigartig mit seinen ganz besonderen Stärken und Fähigkeiten. Dieser Einzigartigkeit wird man nicht mit 0-8-15-Erwartungen oder 0-8-15 Institutionen gerecht. 

Die Schule der Tiere

Besonders beeindruckend ist ein Cartoon und die damit verbundene Geschichte über die Schule der Tiere. In dieser Schule sind die verschiedenen Tiere vereint, die alle nach dem gleichen Curriculum unterrichtet werden. „So war zum Beispiel die Ente ausgezeichnet im Schwimmen, ja sie übertraf darin ihren Lehrer. Im Fliegen konnte sie gerade eben bestehen, aber im Laufen war sie schlecht. Darum erhielt sie intensiven Förder- und Nachhilfeunterricht, weshalb sie die meisten Unterrichtsstunden im Schwimmen ausfallen lassen musste. Nun aber sind die Füße der Ente für das Laufen nicht geschaffen, und alsbald rissen die Schwimmhäute zwischen den Zehen ein, so dass auch das Schwimmen nur mehr schlecht als recht klappte.“ Und auch die anderen Tiere müssen vieles tun, was sie eigentlich gar nicht können, wodurch ihre eigentlichen Fähigkeiten verkümmern. Kommt Dir das bekannt vor? 😉

Jedes Kind ist einzigartig

Remo Largo vertrat die Überzeugung, dass jedes Kind wegen seiner Einzigartigkeit seiner Stärken und Kompetenzen nur in einer Umwelt gedeihen kann, die seinen unverwechselbaren Anlagen und Fähigkeiten auch gerecht wird. Ist dies nicht gegeben, verkümmert das Kind in seiner Entwicklung. Es entwickelt in seinem Selbstbildnis, dass es dumm ist und nichts kann. Deswegen ist es so wichtig, das einzelne Kind in den Blick zu nehmen und wahrzunehmen, wo es gerade in seiner Entwicklung steht. Erst dann wird es uns gelingen, ihm eine passende Umgebung zu bieten und  es in seiner ganz besonderen Individualität zu fördern. Nutzt Du Wahrnehmende Beobachtung, um Dein pädagogisches Handeln dann von diesen Beobachtungen ausgehend, auszurichten und zu gestalten?

Was uns bleibt…

Obwohl seine Stimme nun verstummt ist, bleiben uns seine zahlreichen Publikationen wie „Babyjahre“ und „Kinderjahre“, die wissenschaftlich fundiert und trotzdem gut verständlich geschrieben sind. Mit diesen Werken bleibt er für uns lebendig und wird hoffentlich noch viele weitere Generationen von Pädagogischen Fachkräften prägen, damit sie Kinder in ihrer Einzigartigkeit wahrnehmen und verstehen.

Für mich hat Remo Largo einen wesentlichen Grundstein für die  Bedürfnisorientierte Pädagogik gelegt. Dieses Vermächtnis möchte ich gemeinsam mit Dir und vielen anderen pädagogischen Fachkräften weiterentwickeln. Damit zukünftig viele Kinder die Gelegenheit bekommen, frei nach meinem Motto: „Schatzsuche statt Fehlerfahndung“ ihre individuellen Ressourcen und Fähigkeiten zu entfalten.

Ich beende diesen Beitrag heute in tiefer Traurigkeit um den Verlust. Ich verspüre große Dankbarkeit für seinen Nachlass und gleichzeitig wachsende Zuversicht noch viel in seinem Sinne bewirken zu können. Er hat ein großes Denkmal in meinem Herzen und in dem vieler Anderer gesetzt.

Anja Cantzler

P.S. Hier findest du die Geschichte: „Die Schule der Tiere“ in voller Länge

(Daraus wurde auch die hier verwendete Textpassage entnommen)

Und jedem Abschied folgt ein Neubeginn…

Mit diesem Gastbeitrag meine Kollegin Anja Klostermann werde ich die Themenreihe zur Teamarbeit in Zeiten von Pandemie und Krise vorerst abschließen. Die vorausgegangenen Beiträge „Teams in der Krise“ und „Warum glaubst Du mir nicht“ beschäftigten sich mit Lösungsmöglichkeiten in scheierigen Situationen. Manchmal lässt sich jedoch keine Lösung mehr finden und dann steht eine Entscheidung an, ein Team zu verlassen. Und genau mit diesem Kernthema beschäftigt sich der Gastbeitrag von Anja Klostermann. Der Titel: Und jedem Abschied folgt ein Neubeginn… macht Mut, diesen Schritt zu gehen, wenn es nach allem abwägen, keinen Sinn mehr ergibt zu bleiben. Ich wünsche Dir hilfreiche Erkenntnisse und ggfs. einen zielführenden Entscheidungsprozess.

Deine Anja Cantzler

Und jedem Abschied folgt ein Neubeginn

Ein Gastbeitrag von Anja Klostermann (Dipl. Pädagogin, Coach (DGfC), Supervisorin (DGSv))

Besonders diese Corona Zeit verlangt uns vieles ab. In der Teamarbeit fungiert sie als Lupe, als Spiegel oder auch Vergrößerungsglas der Zusammenarbeit. Gutes gelingt, Ressourcen des Teams kommen zum Tragen und der Zusammenhalt wird verstärkt. Ideen und Kreativität sprudeln und lassen immer neue Möglichkeiten der Umsetzung der Arbeit unter diesen doch so unbekannten und unsicheren Bedingungen entstehen. Auf der anderen Seite erscheinen Verdecktes oder auch schon bekannte Schwierigkeiten an der Oberfläche und führen verstärkt zu Missverständnissen, Missmut oder auch Unmut in der Bewältigung aller Aufgaben, mit Auswirkungen auf die Zusammenarbeit und letztlich auch auf die Arbeit mit den Kindern und Eltern.

Gehen oder Bleiben?

Vielleicht tauchen dann bei der ein oder dem anderen hier und da Fragen auf wie: Bin ich hier noch gewollt? Möchte ich mich der Situation weiterhin aussetzen? Habe ich andere Möglichkeiten? Was kann ich tun, um wieder mehr Freude an der Arbeit zu haben?

In einer der letzten Supervisionen wurde ich gefragt: Wann muss ich mein Team verlassen? Ich würde für mich die Antwort folgendermaßen formulieren: Spätestens dann, wenn ich mich nicht mehr wohl fühle, mir Freude und Motivation an der Arbeit fehlen, Anerkennung und Wertschätzung verloren gegangen sind und ich keine Möglichkeiten mehr sehe, mich dafür einzusetzen, dass ich für mich oder auch gemeinsam mit Team und der Leitung für diesen Arbeitsplatz eine Lösung sehe.

Vielschichtige Bewegründe

Die Beweggründe ein Team zu verlassen, können sehr vielschichtig und vielfältig sein. Relativ eindeutig ist die Entscheidung, die sich durch eine Veränderung der privaten Lebenswelt oder des Umfelds ergibt, wie z.B. Umzug, berufliche Weiterentwicklung, Übernahme einer Leitungsstelle oder die Gründung einer Familie.

Neben diesen Beispielen gibt es aber auch andere Überlegungen oder Situationen, ein Team verlassen zu wollen. Ich beschreibe hier einmal eine kleine Auswahl

  • Unzufriedenheit mit dem Träger – Leitbild und Konzeption entsprechen nicht meinen Vorstellungen und meiner Haltung, so dass ich ständig in einem Spannungsfeld zwischen eigenem Anspruch und unsinnig empfundenen Vorgaben stecke.
  • Zugehörigkeit zum Team – Wie muss ein Team beschaffen sein, damit ich mich darin wohlfühle und freudvoll, motiviert arbeiten kann? Ein Abwägen dessen, was ich in meinem Team von dem vorfinde, was ich brauche und dem was ich nicht ertragen kann, zeigt mir den Weg zum Bleiben oder Gehen.
  • Altersmischung im Team – Angehörige der sogenannten X-, Y- und Z- Generationen haben unterschiedliche Sozialisationserfahrungen, die nicht immer kompatibel sind. Fällt es mir schwer Verhaltensweisen oder den Umgang mit z.B. Verantwortungsübernahme für das Gelingen der Arbeit nicht nachvollziehen zu können oder ich empfinde es gar als übergriffig, und kann das Verhalten meiner Kolleg*innen überhaupt nicht verstehen, ist es dringend angeraten, mich damit auseinanderzusetzen. Sollte eine Annäherung nicht gelingen, ist über einen Wechsel nachzudenken.
  • Ungelöste Konflikte – Es ist nicht gelungen, Konflikte in meinem Team offen zu klären. Auch die Unterstützung durch meine Leitung oder mit den Kolleg*innen hat keine Lösung ermöglicht. Besonders Konflikte, die auf der persönlichen Ebene entstehen und nicht aufgearbeitet werden, schwelen weiter und können eine funktionierende Teamarbeit immerzu blockieren. Die Atmosphäre im Team ist gekennzeichnet von Unzufriedenheit, Unsicherheit oder gar Neid oder Missgunst. Konflikte auf der persönlichen Ebene können mit Verletzungen, Kränkungen, Beschuldigungen, Beschämung oder Bloßstellen einhergehen. Demütigungen sind ebenfalls möglich. Werden bewusst Angriffe gegen eine/n Kolleg*in ausgeführt, ist besondere Aufmerksamkeit geboten. Fühle ich mich z.B. bloßgestellt, beschämt oder meiner Privatsphäre beraubt, ist der eigene Schutz an die erste Stelle zu stellen und das Verlassen des Teams geboten.
  • Veränderungen, die gesellschaftlich bedingt sind – die Zusammensetzung der Kita-Gruppen haben sich verändert. Themen wie z.B. Gewalt- und Fluchterfahrungen, Eltern mit psychischen Erkrankungen, Sprachbarrieren oder unterschiedliche kulturelle Hintergründe gehören inzwischen zum Alltag. Die Zusammenarbeit mit den Eltern oder die Arbeit mit den Kindern wird als herausfordernder als früher erlebt. Spüre ich, dass die Themen mich zu stark fordern, gilt es eine gute Lösung zu finden.
  • Alarmzeichen des Körpers – In einigen Fällen erschweren körperliche Einschränkungen, die tägliche Arbeit oder machen manche Aufgaben gar unmöglich. Das führt zu persönlichem Stresserleben, zu Überforderungen und kann im Burn-out münden. Die eigenen Grenzen werden infrage gestellt, überschritten oder gar tief verletzt. Chronische Beschwerden wie Schlafstörungen, Rückenschmerzen oder dauerhafte Erschöpfung sind Alarmzeichen des Körpers und sollten ernst genommen werden. Spüre ich schon am Morgen, dass das Aufstehen mir schwerfällt und mein Körper mir deutlich zeigt, so geht es nicht weiter, dann ist an diesem Punkt dringend geraten, sich mit beruflichen Perspektiven auseinanderzusetzen.
  • Fehlende Anerkennung und Wertschätzung – Anerkennung und Wertschätzung sind wesentliche menschliche Grundbedürfnisse. Auch der Wunsch nach Weiterentwicklung und Selbstverwirklichung gehört dazu. Ein Team verlassen zu wollen, kann daraus entstehen, dass diese Grundbedürfnisse befriedigt werden wollen. Wächst meine eigene Unzufriedenheit mit der täglichen Arbeit in der Kita, dann sollte ich prüfen, ob ein Wechsel des Teams die Situation verbessern würde.

Bleibe ich und investiere Energie und Kraft in die Veränderung der Zusammenarbeit? Oder ist es an der Zeit, das Team mit Würde und einer guten Verabschiedung zu verlassen, um neue Wege zu gehen? Die Antwort auf die Frage steht und fällt mit der Auseinandersetzung mit der eigenen Person.

Wenn es an der Zeit ist, zu gehen…

Spielst du vielleicht gerade mit dem Gedanken, dein Team zu verlassen, dann schau genau hin, was deine eigenen Bedürfnisse sind und wie es um dein eigenes Wohlbefinden steht. Eine solche Analyse bildet die Grundlage, um deine Entscheidung treffen zu können. Ist die Entscheidung gefallen, folgt der Verabschiedungsprozess möglichst so, dass alle Beteiligten unbeschadet neue Wege gehen können.

Und dann steht deinem Neubeginn nichts mehr im Wege….

Deine Anja Klostermann

Bist Du neugierig geworden und möchtest mehr über Anja Klostermann erfahren, dann besuch am besten ihre Website: www.anja-klostermann.de

Darüber hinaus war Anja Klostermann zu Gast bei mir in den YouTube Kita Talks. Schau doch einfach mal rein: Teamarbeit in Zeiten von Corona

P.S. Hast Du noch weitere Themen, die Dich im Moment im Team und in der Zusammenarbeit im Team beschäftigen, dann freue ich mich über Deine Anregung in den Kommentaren oder schreib mir einfach eine Email an: anjacantzler@t-online.de

Sollte durch diese Blogbeiträge bei Dir ein Beratungsbedarf entstanden sein. Anja Klostermann oder ich stehen Dir auf Anfrage gerne auch Online als Coaches und Supervisorinnen zur Verfügung. komm einfach auf uns zu und wir klären dann alles Weitere. In einem telefonischen Erstkontakt können wir die Modalitäten und Konditionen besprechen.

„Warum glaubst Du mir nicht?“ – Umgang mit Misstrauen und falschen Unterstellungen im Team

Vor ein paar Tagen las ich auf Facebook folgende Situationsbeschreibung: „Ich war im letzten Monat sehr stark erkrankt. Da die Symptome wie bei Covid waren, habe ich mich an meinen Hausarzt gewendet und mein Kind und ich wurden getestet. Anschließend musste ich mit meiner kompletten Familie in Qurantäne. Wir durften nicht raus und warteten auf das Ergebnis. Nach 3 Tagen war das immer noch nicht da. Mein Team wurde zunehmend hibbelig, die Ferien standen vor der Tür. Das war auch der Grund, warum mein Ergebnis so lange auf sich warten ließ. Die Labore waren hoffnungslos überlastet, dass erfuhr ich aber erst später. Ich wartete ganze 6 Tage. Jeden Tag kam ein Anruf der Leitung, ich solle Druck machen, Labore anrufen, nachfragen… geht übrigens gar nicht, könnte ja jeder sein, der da nachfragt. Dann kam am Tag 8 das Ergebnis, was glücklicherweise negativ ausfiel. Meine Krankheitssymptome waren aber weiterhin stark vorhanden, warum ich eine weitere Woche vom Arzt krank geschrieben wurde. Als ich dann in die Arbeit nach 2 Wochen in die Arbeit zurückkam, traf ich auf eine unerwartete Ablehnung im Team. Meine Gruppenkollegin sprach kein Wort mit mir und andere Teamkolleg*innen mieden mich. Über die Leitung erfuhr ich dann, dass mir keiner glaubte, dass ich das Testergebnis nicht nach 36 Std bekommen konnte. Mir wurde unterstellt, das Ganze verzögert zu haben. Bis heute begegnet mir das Team mit Ablehnung und Ausgrenzung. Ich fühle mich nicht mehr angenommen. Für mich ist das schwer nachvollziehbar, weil wir uns vorher gut im Team verstanden und gut zusammen gearbeitet haben.“

Schwierigkeiten potenzieren sich

Ich befürchte, dass diese Schilderung in der Praxis zur Zeit kein Einzelfall ist. Durch die Herausforderungen der letzten Monate arbeiten viele Pädägogische Fachkräfte am Limit ihrer Möglichkeiten und Kräfte. Zur Zeit kommen der ganz „normale“ Fachkräftemangel, zusätzliche Ausfälle von Kolleg*innen aufgrund von Risikoerkrankungen, präventives Fehlen der Mitarbeiter*innen bei Erkältungssymptomen, höhere Arbeitsbelastung aufgrund zusätzlicher Hygienevorschriften, verändertes konzeptionelles Arbeiten etc. erschwerend zusammen.

Und noch etwas kommt erschwerend dazu: anders als sonst ist von dieser Pandemie jede*r von uns betroffen – beruflich und privat.

In einer solchen Belastungs- und Krisensituation kann es nun zu zwei völlig entgegen gesetzten Phänomenen in einem Team kommen. Entweder solidarisieren sich die einzelnen Teammitglieder stärker und rücken näher zusammen. Dann herrscht eine empathische, unterstützende und stärkende Gemeinschaft. Oder jede*r versucht ersteinmal gut für sich selbst und seine eigene Familie zu sorgen. Es stehen die eigenen Wünsche und Bedürfnisse im Vordergrund. Daraus kann sich dann ein Gegeneinander entwickeln und jedes Tun und Handeln des Anderen wird kritisch beäugt und abgeurteilt.

Hinzu kommt, dass diese Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen und Herausforderungen nun schon über Monate hinweg andauern. Durch die Länge des Ausnahmezustandes schwinden bei einzelnen von uns die Kapazitäten und Ressourcen, zusätzliche Belastungen mit zu tragen und aufzufangen.

Zurück zur Ausgangssituation

Was aber ist in dem Eingangs benannten Beispiel passiert? Eine Kollegin erkrankt an Covidähnlichen Symptomen und unterzieht sich einem Test, dessen Ergebnis auf sich warten lässt. Am Ende wird ihr unterstellt, das Ergebnis nicht beschleunigt zu haben. Bei ihrer Rückkehr wird sie ausgegrenzt und sie fühlt sich falschen Unterstellungen ausgesetzt.

Wenn ich mich in die betroffene Kollegin hineinversetze und überlege, welche Botschaften bei ihr ankommen und welche Gefühle in ihr ausgelöst werden, könnte das wie folgt aussehen:

  • die Anderen glauben und vertrauen mir nicht
  • mir wird signalisiert, dass ich kein gutes Teammitglied bin
  • mir wird unterstellt, dass ich mich nicht genug eingesetzt habe
  • ich fühle mich ungerecht behandelt
  • ich bin traurig und enttäuscht
  • ich bin verunsichert, dass die vorherige gute Zusammenarbeit nicht mehr zählt

Wenn ich mit einem Perspektivwechsel aus Sicht der Teamkolleg*innen der Kolleg*Innen, die Situation betrachte, kommen mir folgende Gedanken:

  • ich bin wütend, dass das solange dauert
  • ich möchte in Urlaub fahren, was vielleicht dann nicht mehr geht
  • mich überfordert die Ungewissheit
  • ich bin hilflos, weil ich selbst nicht aktiv werden kann
  • ich möchte das Ganze beschleunigen
  • ich brauche ein Ventil für meine Wut und Unzufriedenheit

Diese ganzen Gefühle werden nun auf die Kolleg*in übertragen, die sie in diese Situation gebracht hat. Sie ist damit Auslöser für diese ganzen Unannehmlichkeiten und gegen eine Person kann ich wirksamer agieren als gegen diese unfassbare Pandemie. Das hat sich in der oben beschriebenen Situation so potenziert, dass auch mit Rückkehr der erkrankten Kolleg*in kein aufeinander Zugehen möglich ist.

Lösungsweg aus dem Dilemma

Wie lässt sich eine solche Situation am Besten wieder auflösen? – Zunächst einmal sollte die betroffene Kolleg*in ein Gespräch mit der Leitung und der Gruppenkolleg*in suchen. Mit Hilfe der Gewaltfreien Kommunikation kann dann gemeinsam nach einer Lösung gesucht werden.

Ein solches Gespräch könnte wie folgt aufgebaut werden:

1.Schritt: Wertfreie Beobachtung

Was ist tatsächlich passiert? – Beschreibe die Situation möglichst wertfrei aus Deiner Sicht.

In unserer Ausgangssituation stellt sich die Sachlage in etwa wie folgt dar: Die Kollegin lässt sich auf Covid testen und das Testergebnis kommt nach 8 Tage. Die Teamkolleg*innen warten auf das Ergebnis. Nachdem die betroffene Kollegin nach 14 Tagen wieder ins Team kommt, wird nicht mehr mit ihr gesprochen.

2. Schritt: Wahrnehmung von Gefühlen:

Welche Gefühle sind hier mit im Spiel? – Frag Dich, welche Gefühle die Situation bei dir auslöst. Das ist ein wichtiger Schritt, weil wir unsere Gefühle gerne beiseiteschieben und schnell ein Urteil zur Hand haben. Gleichzeitig kannst Dich auch Deinem Gegenüber öffnen und seine Gefühle wahrnehmen. Ein „echtes“ Gefühl erkennen Du daran, dass Du sagen kannst „Ich bin…“

Die betroffene Kollegin kann sagen: Ich bin traurig und enttäuscht, dass Ihr nicht mehr mit mir sprecht, seitdem ich wieder zurückgekommen bin. Ich verstehe, dass meine Kollegin in der Situation hilflos und wütend, weil sie sich der Situation ausgeliefert fühlte.

3. Schritt: Bedürfnisse erkennen

Was braucht die Kollegin, die nun ausgegrenzt wird? Welches Bedürfnis wurde nicht gestillt? – Hinter jedem Gefühl von uns steckt ein Bedürfnis. Wichtig für die Klärung und Lösungsfindung ist es, diese Bedürfnisse zu erkennen und zu benennen.

In unserem Fall geht es auf jeden Fall auch um das Bedürfnis der Zugehörigkeit. So sollte die betroffene Mitarbeiterin in diesem Fall formulieren: „Ich möchte wieder Dazugehören.

4. Schritt: Bitten zur Bedürfnis-Erfüllung formulieren

Die vorangegangenen Schritte helfen Dir, zu erkennen, was Dich in den einzelnen Situationen belastet. Das hilft Dir, Dich und Dein Gegenüber besser zu verstehen. Anstatt Dich in Urteilen zu verlieren oder Dich im Stillen zu ärgern, hilft Dir die Gewaltfreie Kommunikation in die Handlung zu kommen und aktiv zu werden. Im Gespräch äußerst Du Deine Bitte.

In meinem Beispiel könnte die Kolleg*in sagen: „Ich merke, dass es mich unsicher und traurig macht, dass Du nicht mehr mit mir sprichst, seitdem das Ergebnis meines Covid Tests ohne mein Verschulden so lange hat auf sich warten lassen. Ich möchte wieder so mit Dir zusammenarbeiten wie wir das zuvor getan haben. Siehst Du eine Möglichkeit das Ganze zu vergessen und mit mir einen Neubeginn zu machen?“

Love it, change it or leave it

In manchen Fällen ist die Situation jedoch so verfahren, dass dann nur noch Supervision oder Mediation weiterhelfen können. Dann solltest Du auf jeden Fall die Leitung mit ins Boot holen. Steckst Du selbst als Leitung in einem ähnlichen Konflikt, ist es auf jeden Fall sinnvoll, Dir Unterstützung von außen zu holen, wenn sich die Situation nicht durch ein Gespräch klären lässt.

Nach dem Prinzip „change it or leave it“, solltest Du gut für Dich abwägen, was für Dich zu tun ist. Wenn etwas auch mit der entsprechenden Hilfe von außen nicht veränderbar ist, dann gilt es die entsprechende Konsequenz daraus zu ziehen.

Ich wünsche Dir und Deinem Team einen achtsamen Umgang miteinander, so dass es zu solchen Situationen und Konsequenzen gar nicht erst kommen muss.

Deine Anja