„Jetzt grinst der mich auch noch frech an…“ – Was wirklich dahinter steckt!

Kommt Dir das bekannt vor? Ein Kind schubst, haut oder beißt ein anderes Kind und grinst Dich dann breit an, wenn Du dazwischen gehst. Oder ein anderes Kind übertritt eine Regel, schaut zu Dir und grinst Dich auch noch an. Vermutlich kannst Du noch viele solcher Situationen aus Deinem Alltag aufzählen, in den Kinder mit Lächeln, breitem Grinsen oder gar lautem Lachen reagieren, ein Verhalten das für Dich in diesem Moment unangemessen ist. Hand aufs Herz: Du hast Dich bestimmt auch schon mal in einem solchen Moment sehr über dieses Lächeln, Grinsen oder Lachen geärgert und Dich von dem Kind provoziert gefühlt.

Lächeln als Verlegenheitsgeste

Während meiner Praxis als pädagogische Fachkraft habe ich mit Kindern im Alter von 0-14 Jahren gearbeit und dabei ist mir immer wieder aufgefallen, dass bei den meisten Kindern etwas ganz anderes hinter diesem vermeintlich „frechem Grinsen“ steht.
Vor einigen Jahren Habe ich dann erstmalig in einem Lehr-Video „Babys Signale“ von der Deutschen Liga fürs Kind habe ich dann erstmalig die Bestätigung gefunden, dass es ein „Verlegenheitslächeln“ bei Kindern gibt. Ein Lächeln, das Kinder zeigen, wenn sie verlegen oder verunsichert sind.
Das Video findest Du hier. Bei der näheren Beschäftigung mit diesem Verlegenheitslächeln habe ich dann viele verschiedene Auslöser für dieses Lächeln gefunden z.B. Verlegenheit, Scham, Verunsicherung, Erschrecken.

Schnell entdeckte ich auch Parallelen zu Verhaltensweisen von Erwachsenen. Wenn wir einmal genauer nachdenken, lächeln auch wir oftmals in Situationen, die uns peinlich oder unangenehm sind. Ich selbst kenne es durchaus auch, dass in mir Lachen aufsteigt, wenn ich mich in Situationen, in denen ein anderer sich verletzt oder stürzt, fürchterlich erschrecke. Aus Sorge, dass das mir als Schadenfreude ausgelegt werden könnte, versuche ich dieses Lachen zu unterdrücken, was mir aber nicht immer gelingt. Dieses Lachen ist in dem Augenblick dann wie eine Übersprungshandlung. Vielleicht kennst Du ja solche Situationen bei Dir selbst. Spür doch mal nach, wann hast Du das letzte Mal in einer Situation selbst den Kopf schief gelegt und Dein Gegenüber angelächelt, weil Dir gerade etwas unangenehm oder peinlich war. Oder wann Du das letzte Mal laut aufgelacht hast, wo Du eigentlich sehr erschrocken warst.

Neurowissenschaftliche Erklärung

Bei näherer Betrachtung handelt es sich hierbei um eine der klassischen Verlegenheits- bzw. Beschwichtigungsgesten. Darunter zählen: sich klein machen, sich leicht wegdrehen, den Kopf schief halten, den Blick senken und eben das Lächeln bzw. Lachen in seinen verschiedenen Facetten.
Das gehört zum ganz normalen Verhaltensrepertoire von uns Menschen.

Auf einer Fachtagung über „Neurowissenschaften und Coaching“ bekam ich dann  bei dem Vortrag von Dr. Martin Meyer die neurowissenschaftliche Erklärung für dieses Verhalten. Dieses Lächeln wird demzufolge auch als „subdominantes Lächeln“ bezeichnet und führt uns zurück zu unserer evolutionären Entwicklung.

Schauen wir uns doch einfach mal unsere nächsten „Verwandten“ genauer an, um den Entwicklungsverlauf und die Überbleibsel besser zu verstehen. Wenn Halbaffen beispielsweise ihrem Gegenüber die Zähne zeigen, handelt es sich hier nicht, wir zunächst vielleicht vermuten, um eine Drohgebärde, sondern um eine ausgeprägte Beschwichtigung. Indem ein Halbaffe seine Zähne deutlich zeigt, signalisiert er, dass er diese nicht benutzen will. Denn wer breit grinst, kann seine Zähne gerade nicht zum Beißen verwenden. Auch bei den menschenähnlicheren Primaten, wie den Lemuren oder den Rhesusaffen, ist das Zeigen der Zähne eine ausgeprägte Demutsgeste. Und bei Pavianen gibt es sogar ein Beschwichtigungsritual – sie verbeugen sich, strecken dem Widersacher ihren Po entgegen, schmatzen laut und grinsen breit. Das soll dem dem anderen Signalisieren: „Ich entschuldige mich!“

Genau diese Beschwichtigungsgesten und -rituale sind bei uns Menschen rudimentär erhalten geblieben und bei Kindern oftmals noch ausgeprägter zu beobachten. Laut Dr. Meyer ist das hier beschriebene Lächeln verstärkt in hierarchischen Beziehungen und Abhängigkeiten , z.B. bei einem Kind in der Interaktion mit einem Erwachsener, zu beobachten. Demzufolge können wir uns mit wissenschaftlicher Unterstützung davon verabschieden, dass das Kind uns mit diesem Verhalten provozieren möchte.

Provokation ergibt für ein Kind keinen Sinn

Hilfreich ist auch, sich immer wieder zu verdeutlichen, dass ein bewusstes Provozieren erst dann möglich ist, wenn das Kind über ausreichend Empathie verfügt. Um jemanden absichtlich zu provozieren , muss das Kind sich in die Gedanken- und Gefühlswelt eines anderen einfühlen können. Dieser Perspektivwechsel ist entwicklungsgemäß erst mit etwa vier bis sechs Jahren der Fall (Theory of mind). Deswegen gilt für Kinder zwischen einem und vier Jahren also fast immer, dass es sich bei ihrem (vermeintlich) frechen Grinsen in de Regel um eine Beschwichtigungsgeste handelt.

Das Lachen eines Kindes in Konfliktsituationen macht uns oftmals wütend, weil wir es nicht als Beschwichtigung empfinden, sondern als Provokation. Das Grinsen wird  vom Erwachsenen dann übersetzt mit: „Red doch soviel wie Du willst! Ich höre Dir sowieso nicht zu! Es ist mir völlig egal was Du sagst!“
Das stimmt in den meisten Fällen aber nicht, denn die eigentliche Botschaft des Kindes lautet: „Ich weiß, dass ich das nicht hätte tun dürfen. Es tut mir leid, sei bitte nicht mehr ärgerlich“.

Versuch doch einfach das nächste Mal, wenn ein Kind Dich vermeintlich frech angrinst, mit „Oh, ich sehe, es tut Dir leid“ oder „Oh, ich merke, Es ist Dir unangenehm“ oder „Du weißt gerade gar nicht, was Du tun sollst“ zu reagieren. Ich bin schon gespannt, was Du dann berichten kannst, wie das Kind darauf reagiert hat. Du kannst mir gerne per Mail darüber berichten.

Im Laufe der Zeit habe ich zum Thema zusätzlich aufgesammelt, dass die vorsätzliche Provokation eigentlich gar nicht im Verhaltensrepertoire von Kindern vorgesehen ist. Evolutionsbiologisch und bindungstheoretisch gesehen ergibt es gar keinen Sinn, dass sich Kinder gegen Erwachsene, von denen sie abhängig sind, grundlos auflehnen. Für ein Kind ist es wenig sinnvoll, durch unangemessenes Verhalten diejenigen zu verärgern, die für ihr Überleben und Wohlergehen sorgen. Es liegt demzufolge überhaupt nicht in der Natur des Kindes, sich unkooperativ zu verhalten und Konflikte grundlos zu provozieren. Jesper Juul vertritt sogar die Meinung, dass Kinder eher zuviel mit den Erwachsenen kooperieren, manchmal auch mehr als es dem Kind selbst gut tut.

Das Prinzip des guten Grundes

Eine Kollegin hat einmal geäußert: „Alles, was mich länger als 15 Sekunden ärgert, hat mehr mit mir selbst zu tun, als mit meinem Gegenüber:“ Es lohnt durchaus, sich selbst zu reflektieren, was das Kind gerade in Dir triggert und womit Du in Kontakt kommst.

Und sollte ein Kind in Deiner Gruppe also das nächste Mal grinsen oder lachen, um tatsächlich zu provozieren, dann solltest Du gut überlegen, warum es das gerade tut. Möglicherweise ist sein Zuwendungs-und Aufmerksamkeitstank leer. Oder es ist gerade einfach mit der Situation überfordert und es findet keinen anderen Weg, dieses Bedürfnis auszudrücken. Manchmal sind Kinder dann in diesen Ausdrucksweisen gefangen und wissen keine andere Handlungsalternative, als weiter zu machen.
Versuch am besten die dahinterstehenden Bedürfnisse zu ergründen und diese für das Kind zu benennen. Ich nutze dazu gerne das „Prinzip des guten Grundes“, um diese tieferliegenden Bedürfnisse zu ergründen. Dazu habe ich bereits einen anderen Blogbeitrag geschrieben, in dem es im Kern zwar um die guten Gründe von Eltern geht.  Der Ansatz ist jedoch genauso gut auf Kinder übertragbar.

So und jetzt freue ich mich über Dein Feedback und Deine Erfahrungen mit vermeintlich frechem Grinsen und provozierendem Verhalten. Schreib mir gerne hierzu etwas in die Kommentare. Vielleicht hast Du ja nach gute Tipps und Tricks, was Dir hilft, nicht in diese Provokationsfalle zu tappen und auf das Bedürfnis des Kindes eingehen zu können.

Deine Anja

 

Tipps zur Vertiefung des Themas:

Podcast: Feas Naive Welt

Buch: Kathrin Hohmann – Gemeinsam durch die Wut – Edition Claus, 2020

Worte und Wege finden in Krisen und Katastrophen

Zur Zeit sind wir gebeutelt von Krisen und Katastrophen. Die Pandemie rückt gerade ein wenig in den Hintergrund, obwohl es schon wieder erste warnende Stimmen vor einer weiteren Welle gibt. Trotzdem kommt es zu keiner echten Entspannung, da durch die Überschwemmungen in mehreren Regionen Deutschlands viele Familien ihre Lebensgrundlage von einem Augenblick auf den nächsten zerstört wurde.

Das transgenerationale Erbe

Wir haben schreckliche Bilder gesehen, die wir sonst nur mit Katastrophen in anderen Ländern verbinden. Unsere Kanzlerin sprach von einem Ausmaß, für das uns in der deutschen Sprache die Worte fehlen.
Und da ist es wieder: unser transgenerationales Erbe. Damit ist gemeint, dass wir als Kriegsenkel gelernt haben, über solch schlimme Ereignisse, nicht zu sprechen, sondern lieber zu schweigen. Sogar einer so klugen, gebildeten Frau wie Angela Merkel fehlen die Worte.
Um so wichtiger ist es, dass wir gerade jetzt das Schweigen brechen und beginnen über unser Erleben zu sprechen und unseren Gefühlen Ausdruck zu verleihen.
Die Kinder brauchen jetzt erwachsene Vorbilder, die ihnen Halt und Worte geben.

Psychosoziale Notfallversorgung

Ich denke zum einen an die Kinder, die die Hochwasserkatastrophe und ihre Auswirkungen hautnah erleben. Zum anderen gibt es viele Kinder, die die Bilder im Fernsehen und in der Zeitung gesehen haben und die Gespräche der Erwachsenen mitbekommen.

Für die Kinder, die die Katastrophe miterleben, bedarf es einer psychosozialen Notfallversorgung durch zugewandte Erwachsene.
Dazu gehört:

  • ein Sicherheitsgefühl zu vermitteln: die Kinder brauchen zumindest in Teilen die Wiederherstellung des ihnen vertrauten Tagesablaufs. Wenn dies nicht möglich ist, sollten sie viel Nähe durch die Eltern und durch andere wichtige Bezugspersonen wie z.B. Tagespflegepersonen, Päd.Fachkräfte und Lehrer*in en erfahren.
  • Kinder mit einzubeziehen: Kinder möchten dabei sein und nicht ausgeschlossen werden. Sie möchten sich an den Aufräumarbeiten beteiligen. Sollte es vorüber nötig werden, die Kinder bei näherstehenden Verwandten oder Freunden unterzubringen, sollte dies nachvollziehbar mit den Kindern kommuniziert werden.
  • Einblick in die Gedanken und Gefühle der Erwachsenen: Die Kinder spüren sehr deutlich die Sorgen und Ängste der Erwachsenen. Wenn wir als Erwachsene einen offenen Umgang damit pflegen, kommen wir aus dem erlernten Schweigen heraus. Die Kinder dürfen die Erfahrung machen, das es gut tut, über das Erleben zu reden und leidvolle Erfahrungen teilen zu dürfen. Das trägt zur psychischen Entlastung bei.
  • das Geschene nicht zu bagatellisieren: Oftmals geschieht dies aus dem Bedürfnis heraus, Kinder schützen zu wollen. Viele Erwachsene meinen, das Kinder noch zu klein sind, das zu verstehen oder zu verkraften. Mit starken und ehrlichen Erwachsenen an der Seite, wachsen Kinder in diesen Situationen und gewinnen eine Menge Widerstandskraft (Resilienz) für ihr weiteres Leben hinzu.
  • das Geschehene nicht zu überdramatisiert: Trotzdem sollte nichts geäußert werden, dass das Kind über Gebühr ängstigt.
  • Kinder aktiv beteiigen, wenn sie das wollen: Einige Kinder wollen sich aktiv an den Aufräumarbeiten beteiligen und sich nützlich machen. Auch hier gilt es eine gute Balance zu wahren: die Kinder einzubeziehen ohne sie körperlich oder psychisch zu überfordern.
  • Kinder Kindsein zu ermöglichen: Mit Freunden treffen, spielen und das tun, was gut tut. Es gibt gerade einzelne Angebote für Kinder in den Krisengebieten, wie z.B. ein Zirkus, der betroffene Kinder kostenlos in sein Ferienangebot aufnimmt. Hier dürfen die Kinder für ein paar Stunden Kind sein und ein bisschen Abwechslung genießen. Auch das ist als Ausgleich sehr wichtig.
  • das Erlebte thematisieren: Ganz zentral ist das schließlich die Möglichkeit über das Gesehene und Erlebte sprechen zu können und jemanden zu haben, der interessiert und zugewandt zuhört.

 

Die von mir dargestellten Punkte habe ich in Anlehnung an die Psychosoziale Notfallversorgung von Harald Karutz formuliert. Vieles hiervon lässt sich auch gut auf andere Krisen und Katastrophen übertragen.

Wieder einmal kommt mir der Grundsatz von Janusz Korczak in den Kopf: „Jedes Kind hat das Recht auf den heutigen Tag.
Die Betroffenen Kinder haben demzufolge ein Recht darauf, an diesem Hier und Jetzt der Katastrophe einbezogen und beteiligt zu werden, damit sie eine Chance haben das Ganze zu verstehen. Soweit ersteinmal zu den Kindern, die unmittelbar betroffen sind.

Auch Zusehen aus der Ferne braucht Begleitung

Auf der anderen Seite gibt es viele Kinder, die diese Katastrophe im Fernsehen gesehen und Erwachsene darüber reden gehört haben.
Auch diese Kinder brauchen den Raum und zugewandte Erwachsene, um für ihre Gefühle und Eindrücke Worte zu finden.
Und wir müssen nicht immer erst warten, bis ein Kind von sich aus beginnt, darüber zu reden oder dem Ganzen in seinem Spiel Ausdruck zu verleihen.

Es besteht genauso die Möglichkeit, gemeinsam in einer Gesprächsrunde einmal nachzufragen, was die Kinder von den Überschwemmungen mitbekommen haben. Frag sie nach ihren Gedanken und Gefühlen dazu. Sprich über das vermeintlich Unaussprechliche ohne zu dramatisieren.
Wichtig ist hierbei, den Grundsatz der Freiwilligkeit zu beachten. Das bedeutet, dass jedes Kind über seine Gefühle sprechen kann aber nicht muss.
Solltest Du feststellen, dass die Sorgen und Ängste tiefer sitzen, möchte ich Dich an Mareike Paics Gastbeitrag über „Phil, den Sorgenschmelzer und seine Kummerkumpel“ erinnern. Ergänzend zum Thema Gefühle hat Mareike einen weiteren wertvollen Beitrag über den Einsatz der „Gefühlsuhr“ geschrieben.

Wichtig ist auf jeden Fall ressourcen- und lösungsfokussiert auf das Geschehen zu schauen. Es ist wirklich sehr bemerkenswert, wieviele freiwillige Helfer sich bereits gefunden haben und vor Ort tatkräftig mit anpacken. Diese kleinen und großen Heldengeschichten wie Corinna Scherwath (Autotrin des Buches: Liebe lässt Gehirne wachsen) sie nennt, stärken den lösungsfokussierten Blick. Vielleicht möchten ein paar Kinder auch etwas Gutes tun und es entsteht eine kleine Spendenaktion. Ganz aktuell gibt es bedauerlicherweise auch Kindertagespflegestellen und Kindergärten, die ganz von vorne anfangen müssen. Vielleicht können hier Kontakte hergestellt und irgendetwas zum Wiederaufbau beigesteuert werden.

Eine Zukunft ohne Schweigen

Ich hoffe, dass wir es irgendwann schaffen, unser Erbe des transgenerational bedingten Schweigens hinter uns zu lassen. Ich möchte dazu beitragen, dass die nachfolgenden Generationen Worte finden, um ihre Gefühle und Bedürfnisse ausdrücken zu können. Und das ohne sich dafür rechtfertigen oder entschuldigen zu müssen.

Es werden noch viele Krisen und Katastrophen folgen, die heranwachsenden Kinder brauchen andere Kompetenzen, um damit umzugehen und die Erlebnisse zu verarbeiten. Dafür braucht es jetzt Erwachsene, die Kindern in Gleichwürdigkeit begegnen und die die in all ihren Facetten und Gefühlsebenen ernst nehmen.

Soweit meine Gedanken und Anregungen zum aktuellen Geschehen. Ich wünsche Dir viel Kraft und Energie, falls Du dies als Betroffene*r lesen solltest. Auf jeden Fall wünsche ich Dir als Betroffene*r oder Begleitende*r den Mut, das Schweigen zu brechen und mit den Kindern in einen offenen, klärenden und bestärkenden Dialog zu kommen.

Deine Anja

P.S.
Eine weitere wertvolle Handreichung zur Unterstützung von Kindern in Krisen hat Gundula Göbel zusammengestellt. Hier kommst Du direkt zum kostenlosen Download.

Ein interessantes Online-Seminar zum Thema „Alles wieder gut?!- Pädagogik in (post-)pandemischer Zeit“ bietet aktuell Corinna Scherwath an.

Die Chancen der Eingewöhnung in der PeerGroup für die C-Kinder und ihre Familien

In vielen Krippen, Kitas und Kindertagespflegestellen starten gerade die ersten Eingewöhnungen und spätestens nach den Sommerferien kommen wieder viele neue Kinder. Eine gute Gelegenheit, um diese Zeit des Ankommens und des Miteinander-Vertraut-Werdens genauer unter die Lupe zu nehmen.

Veränderte Ausgangsbedingungen

In den zurückliegenden Jahren kamen oftmals Kinder in die Kinderbetreuung, die bereits Trennungserfahrungen und Kontakterfahrungen mitbrachten. Diese Kinder hatten bereits diverse Krabbel,- Spiel- und Turngruppen besucht. Die Eltern waren regelmäßig mit anderen Eltern über Schwangerschaftsgymnastik, Rückbildungskurse, Wassergewöhnung und Babymassagen im Kontakt. Einige Kinder wurden bereits von Tagespflegekräften, Babysittern oder Großeltern betreut. All dies hat in den vergangenen 1 1/2 Jahren durch die Pandemie nur eingeschränkt bis gar nicht stattgefunden.

Von vielen Seiten bekomme ich mit, dass die aktuellen Eingewöhnungen aufgrund dieser fehlenden Vorerfahrungen mehr Zeit brauchen. Für einige Kinder ist der Übergang in die Kindertagesbetreuung das erste Trennungserlebnis von den Eltern und der erste Kontakt zu anderen Kindern. Und darauf reagieren die einzelnen Kinder ganz unterschiedlich. Auch einzelne Eltern äußern im Vorfeld zunehmend Bedenken, ob ihr Kind den Herausforderungen gewachsen ist.
Auf diesem Hintergrund habe ich in meinem letzten KitaTalk mit Stefanie von Brück über die „Auswirkungen der Pandemie auf die Eingewöhnung“ gesprochen. Stefanie von Brück und ich  sind uns einig, dass die bevorstehenden Eingewöhnungen mit besonderer Feinfühligkeit zu begleiten sind. Vielleicht hattest Du ja bereits Zeit einmal in den Talk reinzuschauen und unser Gespräch hat Dich inspiriert, über die Bedürfnisse der Kinder und Eltern, die jetzt kommen, nachzudenken.

Bedeutung der PeerGroup

Parallel habe ich das Buch von Corinna Scherwath „Liebe lässt Gehirne wachsen“, das sich im Kern mit den Sicheren Beziehungen der Kinder zu den erwachsenen Bindungs- und Bezugpersonen beschäftigt, begonnen zu lesen. Besonders gut gefällt mir das Kapitel, das sie den besonderen Beziehungen der Kinder untereinander widmet. Sie stellt heraus, dass die jeweilige Kindergruppe für jedes Kind „die erste eigene Lebenswelt“ bildet, „in der es Beziehungen auf Augenhöhe gestaltet.“ (Scherwath, 2021, S.80). Die Kindertagesbetreuung ist ein Setting, in dem sich viele Menschen begegnen, nicht nur Pädagogische Fachkräfte mit Kindern und Eltern.
In erster Linie ist sie ein Ort, an dem Kinder anderen Kindern (Peers) begegnen und mit denen sie spielen und lernen.

In meinem Seminar zur „Eingewöhnung in der PeerGroup“ verdeutliche ich immer wieder, welche Bedeutung die PeerGroup für die Kinder und ihre Entwicklung hat.
Die PeerGroup ist für die Kinder ein Ort des sozialen Miteinanders, eröffnet Raum für den Umgang mit Gefühlen und bietet viele Möglichkeiten zur Nachahmung.
Eine Studie von Carolin Howes zeigt ergänzend, dass Kinder bereits in den ersten 18 Monaten beginnen sich an einer PeerGroup zu orientieren und sich in Trennungssituationen gegenseitig positiv stützen.

Chancen der PeerGroup Eingewöhnung in der aktuellen Situation

Durch aktuellen Gegebenheiten stellte sich mir die Frage, ob es überhaupt gut und sinnvoll ist, die Eingewöhnung in der PeerGroup mit Kindern und Familien durchzuführen, die bislang nur wenig bis gar keine Kontakte mit anderen Kindern und Familien hatten. Nach reiflicher Überlegung bin ich zu dem Schluss gekommen, dass gerade diese Eingewöhnung große Chancen birgt.

Da diese Eingewöhnung zunächst einmal ein Spielgruppenähnliches Setting eröffnet, treffen hier Kinder und Eltern in einer ähnlichen Lebenssituation aufeinander. Die Kinder können im Beisein der Eltern miteinander ins Spiel kommen und die Eltern lernen sich untereinander kennen. Die pädagogische Fachkräfte können Kinder und Eltern im geschützten Rahmen begegnen, die Kinder im Miteinander beobachten, erste Spielkontakte der Kinder untereinander anregen und die Beziehung zu der Kindergruppe und dem einzelnen Kind sanft aufbauen.

Da die Eingewöhnung zunächst in einem separaten Raum mit maximal 3-5 Kindern stattfindet, werden die Kinder nicht sofort mit der gesamten Großgruppe konfrontiert. Sie dürfen erst ein paar Kinder kennenlernen und sich diesen annähern. Dadurch bleibt die neue Situation zunächst überschaubar und berechenbarer.
Auch die Ablösung von den Eltern geschieht in diesem kleinen, überschaubaren Rahmen.

Erst wenn die Kindergruppe sich miteinander stabilisiert hat, kommen verstärkt die anderen Kinder aus der Gruppe dazu bzw. die Kinder gehen fließend im eigenen Tempo in den offenen Bereich über. Bei dieser Erweiterung geben die entstandenen Beziehungen weiteren Halt und Orientierung. Die pädagogischen Fachkräfte können sich dann gezielt um einzelne Kinder kümmern, die eine individuellere Begleitung bei diesem Schritt brauchen.

In der Eingewöhnung in der PeerGroup bilden auch die Eltern eine Gruppe von Gleichgesinnten (Peers). Alle sind in der Situation, ihr Kind erstmalig in eine Kinderbetreuung zu bringen und sich schrittweise abzulösen und loszulassen. Gemeinsam diese Situation zu bewältigen, kann hilfreich und unterstützend sein. Oftmals tut es gut, zu spüren, nicht alleine zu sein.

Ich bin überzeugt davon, dass diese Form der Eingewöhnung viele Chancen bietet, damit Kinder und Eltern ihrem jeweiligen Tempo entsprechend in der Kindertagesbetreuung ankommen können.

Es lohnt auf jeden Fall, sich mit diesem Modell einmal intensiver zu beschäftigen.

Deine Anja

 

Weiterführender Blogbeitrag

Die Eingewöhnung in der Peer-Group

Live-Online-Seminar

Freitag, 25.06.2021 von (16.30) 17.00 – 20.00 Uhr  „Eingewöhnung in der Peer-Group“ bei www.ruekhalt-berlin.de

Weiterführende Podcasts/ KitaTalks

YouTube KitaTalk mit Sabrina Djogo: Eingewöhnung in der PeerGroup

Feas Naive Welt: Eingewöhnung in der PeerGroup

Buchtipp:

Scherwarth, Corinna: Liebe lässt Gehirne wachsen, Verlag an der Ruhr, 2021

 

Die Kita als sicherer Ort für Kinder

Schon zu Beginn der Pandemie wurde befürchtet, dass die Gewalt gegenüber Kindern unter den gegebenen Bedingungen zunehmen wird. Nach 1 1/2 Jahren werden die Folgen zunehmend sichtbar und die Zahlen sind erschreckend: 152 Kinder wurden im vergangenen Jahr -vorsätzlich oder fahrlässig getötet. 4.918 wurden misshandelt, und mehr als 16.000 wurden Opfer von sexueller Gewalt. Extrem zugenommen haben laut Kriminalstatistik auch die Fälle von Kinderpornografie. Demnach ist die Zahl im Vergleich zum Vorjahr um 53 Prozent auf 18.761 Fälle gestiegen.
https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/tagesgespraech/tg-siebenundzwanzigster-mai-106.html

Heute möchte ich daher die Gelegenheit ergreifen und auf Missstände aufmerksam machen, die nicht nur den häuslichen Bereich betreffen. Seit 2000 ist die Gewalt an Kindern in jeglicher Form gesetzlich verboten.Dieses Verbot umfasst körperliche Bestrafungen, seelische Misshandlungen, sonstige entwürdigende Maßnahmen und sexualisierte Gewalt gleichermaßen. Auch wenn Gewalt gegenüber Kindern in weiten Teilen der Gesellschaft abgelehnt wird, kommt es immer wieder zu Übergriffen Kindern gegenüber. Insbesondere Krippen, Kitas und Kindertagespflege leisten hier einen wichtigen Beitrag, um den Kinderschutz für jüngere Kinder zu gewährleisten.

Um so erschreckender ist es, dass viele Übergriffe auch durch pädagogische Fachkräfte in Krippe, Kita und Kindertagespflege stattfinden. Kinder werden beschämt, bloßgestellt, abgewertet, ignoriert, ausgeschimpft, grob angefasst und vieles mehr. Dabei sollte gerade die professionelle Kindertagesbetreuung ein sicherer Ort für Kinder oder wie meine Kollegin Kerstin Müller-Belau treffend sagt: „ein Naturschutzgebiet für Kinder“ sein.

Die Haltung macht den Unterschied

Jede Fachkraft kann bestätigen, dass das Zusammenleben mit Kindern nicht immer ganz einfach ist und so manche kleinere und größere Herausforderungen birgt. Ich denke, dass jede*r von uns dabei im pädagogischen Alltag schon einmal an seine*ihre Grenzen gekommen ist und sich nicht immer angemessen verhalten hat. Auch ich kenne das noch aus meiner Tätigkeit als Fachkraft. Trotzdem ist für mich die grundsätzliche Haltung dem Kind gegenüber wesentlich. Das heißt im Klartext: Gebe ich dem Kind oder den widrigen Rahmenbedingungen die Schuld und Verantwortung, dafür, dass ich nicht anders reagieren konnte? Oder reflektiere ich mein Verhalten dahin gehend, dass der Grund für mein Verhalten oftmals in mir selbst zu suchen und zu finden ist? Interpretiere ich das Tun des Kindes als Absicht und Provokation? Oder verstehe ich, dass das Kind in dieser Situation gemäß seiner besten Möglichkeiten und Ressourcen gehandelt hat? Habe ich trotz erschwerter Bedingungen, mir zuviel vorgenommen und bin dadurch unter Stress geraten? Habe ich versäumt mir rechtzeitig Unterstützung bei meinen Kolleg*innen zu holen?

Kinderschutz und Kindeswohl im Alltag

Der Schutz von Kindern ist eine zentrale Aufgabe, die unter anderem im Bundeskinderschutzgesetz (2012) gesetzlich verankert ist. Es sind die Voraussetzungen in den Einrichtungen dafür zu schaffen, damit das Kindeswohl gesichert ist und Kinder wie Eltern sich darauf verlassen können, dass die Kindertagesbetreuung ein sicherer Ort ist.

Bei Kinderschutz und Kindeswohl denken die meisten zunächst an an sexuelle oder gewaltvolle körperliche Übergriffe gegenüber Kindern. Die vielen kleinen und versteckten Grenzüberschreitungen im Alltagshandeln, die für Kinder genauso verletztend wirken,  werden oftmals übersehen oder heruntergespielt.

Verschiedene Formen der Grenzüberschreitungen

Im Folgenden definiere ich ersteinmal drei Formen der Grenzüberschreitung, um zu verdeutlichen, welche Dimensionen grenzüberschreitenden Verhaltens von Fachkräften im pädagogischen Alltag vorkommen können.

Unter Grenzüberschreitungen sind alle Handlungen oder Äußerungen zu verstehen, die eine Grenze beim Gegenüber überschreiten. Diese äußern sich zum einen als unreflektiertes Handeln, im Sinne einer akzeptierten Kultur oder zum anderen als Annahme eines erprobten Erziehungs- und Beziehungskonzeptes.

1. Unbeabsichtigte Grenzverletzungen

Hierbei handelt es sich um eine Grenzverletzung, die ohne Absicht geschieht. Die Verhaltensweise überschreitet die persönliche Grenze des Gegenübers, ohne dass sich die handelnde Person dessen bewusst ist.

Dazu gehören beispielsweise

  • das Streicheln über den Kopf,
  • das auf den Schoß nehmen
  • die unbeabsichtigt laute Ansprache
  • o.ä.

Ob eine Handlung oder Äußerung als Grenzüberschreitung empfunden wird, ist abhängig vom subjektiven Empfinden des einzelnen Kindes.

Solche Grenzverletzungen können unterschiedliche Ursachen haben:

  • fachlichen bzw. persönlichen Unzulänglichkeiten
  • fehlende Sensibilität der betreffenden Fachkraft
  • Mangel an eindeutigen Normen und Regeln
  • einer „Kultur der Grenzverletzungen“

Mit einer „Kultur der Grenzverletzungen“ ist gemeint, dass Grenzüberschreitungen Einzelner nicht als solche wahrgenommen und auf unterschiedlichen Ebenen von allen mitgetragen werden.

Unbeabsichtigte Grenzverletzungen kommen immer wieder vor und lassen sich im pädagogischen Alltag nicht gänzlich vermeiden. Jeder Mensch hat unterschiedliche Grenzen und empfindet eine Handlung oder Aussage als mehr oder weniger angemessen. Deshalb ist es so wichtig gemeinsam im Team darüber zu sprechen, einzelne Handlungen zu reflektieren und Wege zu entwickeln, sich gegenseitig darauf aufmerksam zu machen.

In meinem KitaTalk mit Hergen Sasse: Keine Angst vor Tabus- wie wir im Team eine gute Feedback-Kultur entwickeln, haben wir darüber gesprochen, wie ein solcher Weg aussehen kann.

Hier habe ich Dir noch ein paar Verhaltensweisen zusammen gestellt, die Dich zum Nachdenken anregen wollen. Wann sind Dir das letzte Mal Grenzverletzungen im Alltag passiert?

a) körperlich

  • Kind auf den Schoß trotz Gegenwehr ziehen
  • Kind über den Kopf streichen
  • Kind ohne Ankündigung den Mund abputzen
  • Kind ohne Ankündigung die Nase abwischen
  • Kind ohne Ankündigung auf einem Stuhl an den Tisch schieben
  • Kind ungefragt anziehen (z.B. „damit es schneller raus kann“, „da die Hose nass ist“)
  • Kind muss beim Essen probieren

b) verbal

  • im Beisein des Kindes über das Kind sprechen
  • im Beisein von Kindern über ein Kind abwertend sprechen
  • abwertende Bemerkungen (z.B. „unser kleiner Schokokuss“, „stell dich nicht so an“)
  • Vermittlung von tradierten Geschlechterrollen (z.B. „Was hast du denn da an? Das sind doch Mädchen/Jungensachen.“, „bist du heute aber schön angezogen“ ausschließlich zu Mädchen sagen)
  • Sarkasmus oder Ironie benutzen (solche Aussagen können verunsichern, da sie von Kindern nicht verstanden werden)

c) nonverbal

  • Kind streng/böse/abfällig anschauen
  • Kind ignorieren
  • Kind „stehenlassen“ (z.B. sich etwas anderem zuwenden, wenn das Kind zum wiederholten Male etwas erzählt)

Über die fatale Wirkung von Worten und non-verbalen Gewaltformen möchte ich Dir das Buch „Seelenprügel“ von Anke Ballmann erschienen im Kösel-Verlag ans Herz legen. Auch hier geht es der Autorin nicht darum, anzuprangern, sondern sie möchte zum Diskurs anregen und zum Handeln einladen. Ergänzend gibt es einen KitaTalk mit Anke Ballmann: Auch Worte können weh tun!

2. Übergriffe

Wenn wir von Übergriffen sprechen, handelt es sich hierbei im Unterschied zu unbeabsichtigten Grenzverletzungen um keine zufälligen oder unabsichtlichen Handlungen bzw. Äußerungen. Die übergriffige Fachkraft missachtet bewusst die Grenzen des Kindes, missachtet dabei gesellschaftliche Normen und Regeln oder fachliche Standards.

Diese Dimension der beabsichtigten Grenzüberschreitung ist Ausdruck eines unzureichenden Respekts gegenüber des Kindes. Dazu gehören das bewusste Ängstigen oder Bloßstellen eines Kindes und das Hinwegsetzen über die Signale des Kindes.

Weitere Beispiele für Übergriffe als Reflexionshilfe:

a) körperlich

  • Kind solange sitzen lassen, bis es aufgegessen hat
  • Separieren des Kindes (z.B. auf eine Strafbank)

b) verbal

  • Kind mit lauter Stimme oder barschem Ton ansprechen
  • Kind mit Befehlston ansprechen
  • Vorführen des Fehlverhaltens (z.B. den anderen Kinder vom Fehlverhalten erzählen, damit sie das Kind beschimpfen oder auslachen sollen)

c) nonverbal

  • Kind auf eigene Taten reduzieren (z.B. schon voraussagen, welches Verhalten das Kind zeigen wird)
  • Vorführen eines Kindes vor anderen (z.B. wenn es sich mit nasser Hose den anderen Kindern zeigen muss)
  • Kind mit voller Windel abholen lassen
  • Pflegesituation in einem unzureichend geschützten Bereich

3. Strafrechtlich relevante Formen von Gewalt

Und zu guter Letzt möchte ich die „strafrechtlich relevante Formen der Gewalt benennen z.B. Körperverletzung, sexuelle Nötigung oder Missbrauch. Diese Formen sind Straftaten und im Rahmen des Strafgesetzbuches(StGB) normiert.“ (Schubert-Suffrian/Regner 2014)

Und auch hier ein weitere Beispiele aus der Praxis:

  • Kind, das die Fachkraft gebissen hat, zurückbeißen
  • Kind schlagen
  • Kind treten
  • Kind am Arm ziehen (z.B. Kind hinter sich her zerren)
  • Kind schütteln
  • Kind einsperren/aussperren
  • Kind zum Essen zwingen (z.B. Essen gegen den Willen des Kindes in den Mund schieben)
  • Kind zum Schlafen zwingen (z.B. Kind durch Körperkontakt am Aufstehen hindern)

 

Ursachen und Gründe für unbeabsichtigte Grenzverletzungen

Die Grenzen zwischen Menschen werden sehr unterschiedlich und individuell wahrgenommen. Jenseits juristisch definierter Grenzen im Umgang mit Kindern und Erwachsenen erleben Fachkräfte ihre eigenen Grenzen und die der anderen sehr unterschiedlich. Was der* die Eine als unerhörten Eingriff in die persönliche Autonomie wahrnimmt, ist für den*die Andere*n ein zu vernachlässigendes Ereignis. Ausschlaggebend hierfür sind die eigene Biografie, die individuelle Deutungen von Werten und Normen, der Umgang mit Macht in der pädagogischen Arbeit, die Reflexionfähigkeit/ – bereitschaft der eigenen beruflichen Rolle, die pädagogische Haltung sowie die pädagogische Professionalität einer Fachkraft.

Um Grenzen von Kindern und Erwachsenen wahrnehmen zu können, ist eine Wahrnehmung und Reflexion der eigenen Grenzen notwendig.

Hilfreiche Reflexionsfragen für diesen Prozess:

  • Wann gehe ich über meine eigenen Grenzen? Warum gehe ich über diese Grenzen?
  • Wenn ich ein Kind tröste, geht der Wunsch nach Trost von dem Kind aus?
  • Handle ich widersprüchlich zur vereinbarten pädagogischen Haltung? (z.B. wir führen ein Projekt zum „Nein sagen“ durch und im Alltag umarme ich Kinder ungefragt zum Abschied)

Wege um Grenzüberschreitungen zu vermindern

Im Team sollten klare Verhaltensregeln gelten. Ein sog. Verhaltenskodex schreibt Regeln fest, hinsichtlich eines professionellen Umgangs mit Nähe und Distanz, angemessenen Verhaltensweisen im Umgang mit den Kindern und gibt gleichzeitig Handlungssicherheit und Orientierung.
Dadurch wird eine Kultur der Achtsamkeit ermöglicht, Übertretungen und Fehler können offen angesprochen und reflektiert werden.

Impulse um über diesen Verhaltenskodex miteinander ins Gespräch zu kommen:

  • Welche Gründe führen zu Grenzüberschreitungen (strukturelle oder persönliche)?
  • In welchen Situationen kommt es zu Grenzüberschreitungen?
  • Ist mein Körperkontakt sensibel und lediglich für die Dauer der vom Kind erwünschten Versorgung (z.B. Pflege, Trost)
  • Sind meine Sprache und Wortwahl respektvoll?
  • Spreche ich Kinder mit Kose- oder Spitznamen an?
  • Gehen wir achtsam mit Fotos und Medien um?

Weitere Gesprächimpulse findest Du in dem Materialpaket von Jörg Maywald und Anke Ballmann: Kinderschutz! Gewaltfreie Pädagogik in der Kita (Don Bosco Verlag)

Jedes Team kann mit folgenden Maßnahmen und Strukturen Grenzüberschreitungen minimieren:

  • Entwicklung sicherer Handlungsleitlinien
  • Einführung kollegiale Beobachtung/kollegiale Beratung
  • Erarbeitung eines einrichtungsbezogenen Kinderschutzkonzept (inkl. Verhaltenskodex)
  • kontinuierliche Reflexion des pädagogischen Handelns (z.B. Teamsitzung, Supervision)
  • Schaffen eines fehlerbejahenden Klimas (z.B. wie reagieren die anderen Fachkräfte darauf, wenn ich über ein eigenes Fehlverhalten spreche?)
  • sensibles Vorgehen (z.B. wie ist der Wickel- und Schlafbereich gestaltet? Sind die Türen offen oder geschlossen in der Einrichtung?)
  • Gestaltung des Dienstplans zur Vorbeugung der Überforderung der Fachkräfte

Umgang mit Grenzüberschreitungen

Grenzüberschreitungen kommen bedauerlicherweise immerwieder im pädagogischen Alltag vor. Der Umgang mit den unbeabsichtigten Grenzverletzungen und beabsichtigten Grenzüberschreitungen, also übergriffigen Verhaltens gegenüber einem Kind, muss geregelt sein. Jede Krippe, Kita und Tagespflege benötigt innerhalb des Verhaltenskodex eine Verpflichtung, Grenzüberschreitungen anzusprechen. Es darf nicht von Freundschaft oder Loyalität abhängen, ob Fehlverhalten bemerkt und gemeldet wird.
Jede Grenzüberschreitung sollte möglichst konstruktiv und gewinnbringend für alle behandelt werden. Hierzu bedarf es sowohl der notwendigen Konsequenzen im Sinne einer Ahndung des Verhaltens als auch eines fehlerbejahenden Systems.
Dabei nehmen Leitung und Träger eine wesentliche Schlüsselposition ein. Grundsätzlich wird im Rahmen der Konzeptionsentwicklung und -überarbeitung, der Einarbeitung neuer Mitarbeitenden über Macht, Gewalt und Zwang von Fachkräften gegenüber Kindern kommuniziert. Eine Selbstverpflichtung aller Mitarbeitenden sollte verbindlich verschriftlicht werden. Mehr hierzu findest Du in meinem KitaTalk mit Dietmar Sahrhage: Wegschauen war gestern.

Bei einigen Trägern sind folgende Handlungsmöglichkeiten und Konsequenzen mittlerweilen üblich:

  • Fachkräfte werden auf ihr Verhalten Kindern gegenüber angesprochen
  • Fachkräfte sprechen ihre eigene Grenzüberschreitung gegenüber der Leitung an
  • Fachkräfte sprechen eine Grenzüberschreitung von Kolleginnen und Kollegen gegenüber der Leitung an
  • Mitarbeitende sprechen eine Grenzüberschreitung von Leitung oder stellvertretenden Leitung gegenüber dem Träger an
  • Raum und Zeit für kollegiale Beratung
  • regelmäßige Fallbesprechungen
  • Einbeziehen der Fachberatung
  • Supervision zur Aufarbeitung
  • verpflichtende Fortbildung
  • Arbeitsrechtliche Maßnahmen: Dienstanweisung, Freistellung, Ermahnung, Abmahnung, Kündigung

Ermutigung zum Schluss

Mit diesem Blogbeitrag möchte ich Dich ermutigen, Deine Handlungsmuster und Sprache im Umgang mit den Kinder zu reflektieren. Es geht mir nicht um Schuldzuweisungen. Vielmehr geht es mir darum, sich in einem Klima der Offenheit im Team über die Wahrnehmung der eigenen Grenzen und der der Kinderauszutauschen und das eigene Handeln zu ref lektieren. Die Kinder mit all ihren Bedürfnissen stehen für mich immer im Mittelpunkt. Die Erfahrung, dass die kindlichen Grenzen von anderen akzeptiert werden, ist eine wichtige Erfahrung für Kinder. Es ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu einer starken Persönlichkeit.

Mein Motto: Hinschauen – Informieren – Engagieren. Genau dazu möchte ich Dich einladen. Eine gewaltfreie Kindheit beginnt zunächst einmal bei Dir selbst und bei Deiner Bereitschaft, Dich selbst zu reflektieren. Nur so werden Krippe, Kita und Kindertagespflege zu einen (Natur-) Schutzgebiet für Kinder.

Anja

Tag der Kinderbetreuung – Einfach mal Danke sagen

Seit 2012 findet immer an dem Montag nach Muttertag der Tag der Kinderbetreuung statt. Dieses Jahr fällt dieser Tag auf den 10. Mai und ich möchte den heutigen Tag dazu nutzen, Dir und Deinen Kolleg*innen einfach einmal Danke für die wichtige und wertvolle Arbeit zu sagen, die Du* Ihr tagein und tagaus leistet.

Ein Jahr voller Herausforderungen

Im März des letzten Jahres begann der 1. Lockdown und wir befanden uns alle von heute auf morgen im Schockzustand. Du und Deine Kolleg*innen mussten auf einmal ganz neu denken und Eure Arbeit komplett umstellen. In vielen Kinderbetreuungsstellen waren zunächst nur sehr wenige Kinder zu betreuen und viele pädagogische Fachkräfte wurden ins Home Office geschickt. Endlich war einmal Zeit, viel Liegengebliebenes aufzuarbeiten. Gleichzeitig wurde versucht, irgendwie den Kontakt zu Kindern, Eltern und Kolleg*innen aufrecht zu erhalten. Es entstanden viele gute Ideen und Projekte – und wieder einmal zeigten Pädagogische Fachkräfte ihre Felexibilität und Kreativität, sich den Herausforderungen zu stellen.

Zurück in die Zukunft

So überschrieb ich im letzen Sommer einen Blogbeitrag als die Kinderbetreuung vor gut einem Jahr dann in den eingeschränkten Regelbetrieb zurückkehren durfte. Wir alle wähnten uns bereits in einer gewissen Sicherheit, dass diese Pandemie nun bald ein Ende nehmen würde. Natürlich gab es viel zu berücksichtigen und zu bedenken, aber das Gröbste schien überstanden zu sein. Auch in dieser Phase haben die Mitarbeitenden in Krippe, Kita und Kindertagespfelege versucht das Beste aus der Situation zu machen. Du hast mit Deinen Kolleg*innen die Kinder wiedereingewöhnt, Schulkinder verabschiedet und neue Kinder in Empfang genommen. Parallel hast Du Dich um Deine eigenen privaten und familiären Belange gekümmert. In dieser Aufzählung klingt das gerade erstaunlich „normal“, aber in der Realität war da mal gar nichts normal. Betreuung in strikt getrennten Gruppen, Betretungsverbot für die Eltern, keine Dienstbesprechungen, Einhalten von verschärften Hygienevorschriften, vielerorts Masken tragen …

Dann ein erneuter Rückschritt

Seit Ende letzten Jahres befinden wir uns erneut in der sognenannten Notbetreuung, die vielerorts bei näherer Betrachtung ein Regelbetrieb mit verkürzten Betreuungszeiten ist. Anstatt klarer Vorgaben, welches Kind die „Notbetreuung“ nutzen kann, erfolgt ein Appell an die Eltern, der nach Gutdünken auslegbar ist. Viele pädagogische Fachkräfte fühlen sich schon seit längerem nicht mehr ernst und wahr genommen. Sie stehen mit an vorderster Front und bekommen den Unmut der Eltern geballt und ungefiltert ab. Die pädagogischen Fachkräfte und Eltern befinden sich seit Monaten im Ausnahmezustand und dadurch gerät die Erziehungs- und Bildungspartnerschaft oftmals auf den Prüfstand. Auch hierzu habe ich bereits mehrere Beiträge in diesem Blog bzw. in meinen KitaTalks auf YouTube veröffentlicht.

Einfach mal Danke sagen

Unter diesen Umständen ist es wirklich nicht leicht, immer wieder gut für sich selbst zu sorgen, um dann Tag für Tag mit neuer Kraft für Kinder und Eltern da zu sein. Und deswegen möchte ich an dieser Stelle einfach mal Danke sagen.

Ich danke allen pädagogischen Fachkräften, die

  • Tag für Tag für die Kinder da sind und ihre Gesundheit riskieren
  • die Kinder ohne 1,50m Abstand in den Arm nehmen
  • ohne Plexiglasscheibe Tränen trocknen und Nasen putzen
  • auf die Gefühle, Sorgen und Ängste der Kinder eingehen
  • und eigene Sorgen und Ängste zurückstellen
  • ein offenes Ohr für die Nöte der Eltern haben
  • die ihre eigenen Kinder von anderen zu Hause betreuen lassen, um zur Arbeit zu kommen
  • Dokumentationen im HomeOffice schreiben, während die eigenen Kinder HomeSchooling haben

Ich danke im Speziellen allen Leitungskräften, die

  • den Überblick in diesen ständig sich verändernden gesetzlichen Bestimmungen behalten
  • die Einhaltung der Hygienevorschriften gewährleisten
  • ein offenes Ohr für Ängste und Sorgen haben, obwohl es ihnen oftmals ähnlich geht
  • den Dienstplan bei allen Schwierigkeiten von Personalschlüssel und Infektionsrisiko organisieren
  • oftmals am Wochenende die Pläne der Regierungen umsetzen mussten
  • trotz erschwerter Bedingungen versuchen, die Teams zusammen zu halten

Licht am Ende des Tunnels

Ich hoffe und wünsche von ganzem Herzen, dass wir jetzt wirklich bald das Licht am Ende des Tunnels erreichen. Dann gibt es immernoch viel zu tun und ich bin sehr gespannt, wie die Arbeit in der Kindertagesbetreuung zukünftig aussehen wird. Ich bin jedoch sehr zuversichtlich, dass es auch im kommenden Jahr wieder Vieles geben wird, für das ich Dir und Deinen Kolleg*innen danken kann.

Deine Anja

 

Hier noch einmal zur Erinnerung die im Text angesprochenen Blogartikel:

 

Und KitaTalks auf YouTube: